DVE 1976: Auf Dir Purzelbäume machen

Les Humphries Singers, DE 1976
Die Reingesiegelten

Zum zweiten Mal nach 1963 versuchte es der Hessische Rundfunk mit Demokratie bei der Vorentscheidung. Genervt vom ewigen Publikumsgemecker und dem unverdient katastrophalen Abschneiden Joy Flemings im Vorjahr beschloss man, die Verantwortung für das deutsche Scheitern auf die Allgemeinheit abzuschieben. Abstimmen durften die Zuschauer/innen per Postkarte, die seinerzeit noch niedliche 40 Pfennige (21 Cent) Porto kostete. Als Anreiz zum Mitmachen griff der hr ganz tief in die Gewinnspielkasse und verloste unter allen Einsendern sage und schreibe zwölf Farbfernsehgeräte (mit atemberaubender 36-cm-Bildröhre) und 120 Langspielplatten. Und das von unseren TV-Gebühren!

(Nicht nur) in Deutschland 1976 ein Nummer-Eins-Hit: ‚Fernando‘, vielleicht das schönste Lied von Abba (SE 1974)

Doch hierbei handelte es sich um Danaergeschenke, denn woraus sollte man hier ernsthaft auswählen? Die zwölf im Vollplaybackverfahren im Studio aufgezeichneten Vorentscheidungsbeiträge erwiesen sich als rundweg erbärmlich: dank des institutionellen Einflusses der sich kommerziell im rasenden Abwärtsstrudel befindlichen, altgedienten Garde der heimatlichen Komponisten auf die Vorauswahlgremien begann die unaufhaltsame Invasion der Schrottschlager, die im richtigen Leben niemand mehr kaufen wollte. Der Unterhaltungschef des hr, Hans-Otto Grünefeldt, hielt jedoch hartnäckig an dem Irrglauben vom Komponistenwettbewerb fest, und so vermochte sich der Vorentscheid nicht aus dem Würgegriff der Lobbyverbände befreien, in denen die Serienschlagerschreiber der Sechzigerjahre den Ton angaben. In der echten Popwelt feierten deutsche Discoproduzenten wie Frank Farian (der mit dem grandiosen Tränenzieher ‚Rocky‘ selbst die umsatzstärkste deutschsprachige Single des Jahres hinlegte) oder Sylvester Levay weltweite (!) Erfolge – aber auf Englisch, und Grünefeldt bestand, gemeinsam mit der Komponistenlobby, auf dem Heimatsprachenzwang.

Das hat der Mann nicht verdient: die erleuchtungsfreie Hommage der Love Generation (DVE 1975) an den Erfinder der Glühbirne

Nennenswert innerhalb der von Max Schautzer erstaunlich ölfrei und beinahe schon subtil humorvoll moderierten Vorentscheidung war allenfalls die Liedermacherin Ina Deter, die für ihren Beitrag ‚Wenn Du so bist wie Dein Lachen‘ ausführlich weibliche Kontaktanzeigen in linksalternativen Stadtmagazinen studiert hatte. Denn Humor ist bekanntlich für Frauen bei der Partnersuche ganz, ganz wichtig. Haben sie dann so einen Grinsekater gefunden, wollen sie, so Deter, sofort „Erdbeerbowle“ aus ihm machen und ihn „kitzeln an den Zeh’n“. Und da wundern sich die Müsli-Mädels, dass die Macker lieber mit dümmlichen Discomiezen in die Kiste steigen? Inas Buhlgesang war zwar musikalisch wie stimmlich ziemlich eindimensional, stellte in seiner poetischen Ernsthaftigkeit dennoch eine willkommene Alternative zu dem restlichen abgelieferten Flachsinn über alte Häuser, den Jahrmarkt der Eitelkeiten oder den Erfinder der Glühbirne dar.

Mit vielleicht zwei weiteren Ausnahmen: Maggie Mae (DVE 1975) hampelte zwar selbst im menschenleeren Studio albern vor sich hin wie eh und je. Und ihr ‚Applaus für ein total verrücktes Haus‘ erwies sich als ziemlich karnevalesk und spätestens nach dem zweiten Hören nervtötend, illustrierte aber die unter Linken vorherrschende, niedlich-naive Verklärung des heutigen Reizthemas des multikulturellen Zusammenlebens. Sang die Mae doch von einem Sozialbaublock, in dem neben ihr auch Türken, Griechen, Spanier und allerlei andere südländische Völker wohnen (für meinereinen eine erotisch ziemlich reizvolle Vorstellung) und den ganzen Tag Musik machen (eine nicht mehr ganz so reizvolle Vorstellung). Dass die Deutschen diesen Song seinerzeit auf den dritten Platz wählten, mutet in Kenntnis der heutzutage in unserer Gesellschaft vorherrschenden Xenophobie geradezu unglaublich an – und unglaublich sympathisch, auch wenn das Lied Scheiße war.

Gut, damals gab’s noch kein Ritalin: Maggie Mae. Und was zur Hölle ist bitte ein Marimbaphon?

Völlig aus dem Rahmen fällt der Beitrag von Tony Marshall. Schon allein bei der Nennung des Namens des Bierzelt-Buffos sollten eigentlich alle Warnlampen angehen. Aber dieser Schlager stellt eine Ausnahme in seinem übrigen Œuvre dar. Zwar konnte es Marshall nicht lassen, bei der Vorentscheidung in einem opulenten Rüschenhemd und Glanzfrack anzutreten (Jan Feddersen: „Ein Outfit, als bereite er eine Conference in einer Kurmuschel vor“). Dennoch: ‚Der Star‘ ist mein Guilty Pleasure. Ich gebe es nur widerstrebend zu, aber: ich finde ihn gut. Doch, gut! Marshall besingt hier in reflektierter Weise das Leben im Rampenlicht, ein Text mit – man wagt es kaum auszusprechen – Tiefgang. Und er singt (das kann er, im Gegensatz beispielsweise zur magersüchtigen Tina York, sogar gut: singen) wunderbar melodramatisch. Schade, dass er daraus keine Hitsingle machen konnte; das hätte ihm und uns vielleicht die ein oder andere ‚Schöne Maid‘ erspart.

Trägt heute noch das gleiche Haar: Tony Marshall

Das Ergebnis von Ein Lied für Den Haag konnte der Hessische Rundfunk natürlich nicht mehr in der laufenden, am nächsten Tag sicherheitshalber wiederholten Sendung präsentieren, weil man die Postkarten ja erst auszählen musste. Der Knüller: es gewann tatsächlich Tony Marshall mit rund 120.000 Einsendungen. Wegen einer angeblichen Vorveröffentlichung seines Titels wurde er aber nachträglich disqualifiziert. Wer die völlig unbekannte und erfolglose Tingeltangelsängerin fand, die das Lied nach eigener Aussage schon mal vor hundert Bierzeltbesuchern in der bayerischen Provinz gesungen haben will und warum Ralph Siegel der oder die unbekannte Spürnase das bei der ARD petzte, darüber möchte ich uns tiefer gehende Spekulationen an dieser Stelle ersparen.

Profiteure: die Les Humphries Singers

Fakt ist: als Zweite rückten die Les Humphries Singers nach, eine bis zu diesem Zeitpunkt kommerziell sehr erfolgreiche (‚Mama Loo‘, ‚Kansas City‘) Multikultiband mit ständig wechselnder Besetzung. Gegen ihre bisherigen gospelgeschwängerten Stücke fiel das von Ralph Siegel komponierte Kauderwelsch ‚Sing Sang Song‘ (sein erster in einer endlosen Reihe deutscher Grand-Prix-Beiträge) jedoch deutlich ab. Nach ihrer Bauchlandung mit einer desaströsen Performance in Den Haag gelang der Gruppe kein weiterer Hit mehr (der ‚Sing Sang Song‘ verendete auf Rang 45 der Charts), zumal das bei der Vorentscheidung bis zum Bauchnabel aufgeknöpfte Bandmitglied Jürgen Drews (DVE 1990) ausstieg und mit ‚Ein Korn im Feldbett‘ eine erfolgreiche Solokarriere startete. Die Kapelle löste sich auf, und der namensgebende Brite Les Humphries setzte sich wegen hierzulande bestehender Steuerschulden nach Hause ab, wo er 2007 verstarb.

1976 brachten ihn Rosen noch aus der Fassung: Jürgen Drews mit seinem Nummer-Eins-Hit

Deutsche Vorentscheidung 1976

Ein Lied für Den Haag. Samstag, 31. Januar 1976, aus dem Sendestudio des Hessischen Rundfunks. Zwölf Teilnehmer, Moderation: Max Schautzer (Aufzeichnung).
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Tina YorkDas alte Haus01756211-
02Love GenerationThomas Alva Edison05884604-
03Lena ValaitisDu machst Karriere04771406-
04Bruce LowDer Jahrmarkt unserer Eitelkeit04335208-
05Ina DeterWenn Du so bist wie Dein Lachen02790309-
06Nina & MikeKomm geh mit mir06194403-
07Maggie MaeApplaus für ein total verrücktes Haus07188202-
08Les Humphries SingersSing Sang Song0967050145
09Ireen SheerEinmal Wasser, einmal Wein04503207-
10Meeting PointEs ist ein Mensch05358605-
11Tony MarshallDer Star118250--
12Piera MartellEin neuer Tag02425210-

4 Gedanken zu “DVE 1976: Auf Dir Purzelbäume machen

  1. Echt eine Schande. Der Star ist im Vergleich zu Sing Sang Song wirklich millionenfach besser. 👿

  2. Und du hörst sie nimmer wieder Hihihi, ich find das ‚Applaus für ein total verrücktes Haus‘ doch ein ganz schön unverschämter Ohrwurm ist, obwohl ich normalerweise aus diesem Holz geschnitzte Bierzelt-Schlager wie die Pest hasse. Hätt nix dagegen gehabt, dass beim ESC zu sehen.

    Ähm, naja, lassen wir das. ‚Der Star‘ ist wirklich schön, da schwingt irgendwie so ne tieftraurige Note mit, total Schade, damit hätten wir garantiert auf dem ESC-Parkett eine gute Figur gemacht. ‚Sing Sang Song‘ nervt. Überhaupt: kennt man einen Song von den Les Humphries Singers, kennt man irgendwie alle, weil die immer nach dem selben Schmema aufgebaut sind (‚Ma-Ma-Ma-MaMaMe-Lou‘, ‚Kansas City-who-who-who-who-Kansas City‘, ‚Sing-Sang-Song-Sing-A-Sang-Song‘) – tja und live und mit der Eurovisions-6-Personen-Regel kann man nen Chor eben nicht so monströs aufpimpen wie im Aufnahmestudio.

  3. Der Titel „Jahrmarkt unserer Eitelkeit“ war ursprünglich für Bill Ramsey gedacht, der jedoch kurz vor der Vorentscheidung – wohl nachdem er die fertige Produktion erstmals hörte – noch schnell einen Rückzieher machte.

  4. Anfangs waren für 1976 drei Shows geplant: Zwei Halbfinals mit je 6 Titeln am 31.01. und 14.02. (mit „sofortiem Juryentscheid“) sowie einem Finale mit der Top-6 und Postkartenabstimmung am 18.02. Der Sieger wäre demnach am 28.02. im Programm „Auftakt zur ARD-Fernsehlotterie“ bekannt gegeben worden.

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