ESC 1974: Couldn’t escape if I wanted to

Logo des Eurovision Song Contest 1974
Das Jahr des Schwedenpop

Grün ist ja bekanntlich die Farbe der Hoffnung. Besonders optimistisch erschienen also die deutschen Vertreter Cindy & Bert (DVE 1972, 1973, 1978) zu diesem Grand Prix: Cindy in einem lindgrünen Maxikleid, Bert im popelgrünen Anzug mit giftgrün leuchtendem Sommerschal. Half aber nichts: die von einer ARD-Jury hinter verschlossenen Türen ausgewählte, schwächliche ‚Sommermelodie‘ verendete auf dem letzten Platz. Aufgrund der fehlenden öffentlichen Vorentscheidung und des daraus folgenden mangelnden Interesses am internationalen Wettbewerb sahen das nur 28 % der deutschen TV-Zuschauer. Was man insofern bedauern muss, da auf diese Art und Weise viele Deutsche den historischen Contest schlechthin verpassten.

Fraglos der bessere Abba-Eurovisionssong. Dennoch gut, dass er es nicht zum Contest schaffte: ‚Ring Ring‘ (Melodifestivalen 1973)

Einen Contest nämlich, der das Fundament zur Karriere der erfolgreichsten kontinentaleuropäischen Popgruppe aller Zeiten legte. Im Vorjahr noch mit dem fabelhaften ‚Ring Ring‘ bei der schwedischen Vorauswahl gescheitert, entschieden Abba den Wettbewerb im britischen Seebad Brighton mit einer clownesken Kostümierung und dem – trotz des von einer historischen militärischen Niederlage handelnden Songtextes – ganz auf Sieg getrimmten Glamrockknüller ‚Waterloo‘ für sich. Sie erschütterten damit die Grundfesten der europäischen Popwelt, nichts würde mehr so sein wie vorher. Noch heute ist ‚Waterloo‘ der bekannteste Grand-Prix-Titel, die Publikumswahl zum beliebtesten Eurovisionssong aller Zeiten im Rahmen der Fünfzig-Jahr-Feier Congratulations gewann er 2005 erwartungsgemäß aus dem Stand. Der Sieg der vier Schweden und ihre anschließende Weltkarriere markiert zweifelsohne den essentiellsten Moment der gesamten Grand-Prix-Geschichte. Leider bedeutet ein Höhepunkt aber auch, dass es danach bergab geht. Einen vergleichbaren Erfolg als Königsmacher des Pop konnte der Wettbewerb dann auch nie wieder hervorbringen.

Blondblauchen und Rosenrot und die Kostümorgie (SE)

Abba siegten übrigens in der Sprache des Pop, auf englisch. Die Musikindustrie Skandinaviens hatte, wie schon im Vorjahr, auf ein Aussetzen der Sprachenregel gedrungen, um die der TV-Show innewohnenden europaweiten Umsatzmöglichkeiten nicht länger verschenken zu müssen. Der Erfolg gab ihnen Recht: ‚Waterloo‘ war ein europaweiter Nummer-Eins-Hit und hielt sich ein halbes Jahr lang in den deutschen Charts. In der Contest-Version. Die niedliche deutsche Fassung betrachteten die Plattenkäufer angesichts von Textzeilen wie „Keiner nahm mich so im Sturm wie Du“ wohl eher als Comedy-Dreingabe. Auch in Großbritannien schafften es die Schweden an die Spitze, und selbst in den USA reichte es mit Rang 6 in den Billboard-Charts für eine Top-Ten-Platzierung. Nur zu Hause blieben sie mit der schwedischen Originalfassung auf Platz 3 hängen, was mich in der Annahme bestätigt, dass ‚Waterloo‘ bei Beibehaltung der Muttersprachenpflicht nicht im gleichen Umfang weltweit eingeschlagen hätte.

Happy Burial, Mr. President: die verhinderte Dani (FR)

Insgesamt hatten nicht weniger als sieben von 17 Ländern englische Titel im Wettstreit. Das bekanntermaßen anglophobe Frankreich sagte aber nicht deswegen in letzter Sekunde ab, sondern weil am Tage des Wettbewerbs die Beisetzung des kurz zuvor verstorbenen Präsidenten Pompidou stattfand und Staatstrauer herrschte. Italien strahlte die Sendung erst fünf Wochen später aus, weil ihr von Gigliola Cinquetti, der Gewinnerin des Contests von 1964 (und Komoderatorin von 1991), gesungener Beitrag ‚Si‘ als Zustimmung zur Abschaffung des alten Scheidungsrechts hätte empfunden werden können, über das am Folgetag in dem katholisch geprägten Land eine Volksabstimmung stattfand. So viel zur Behauptung, der Grand Prix sei unpolitisch! Die Cinquetti litt als Allererste unter den Folgen der neuen Abbamania: ihre superbe, so sanfte wie eindringliche Ballade hätte wohl in jedem anderen Jahr gewonnen. So reichte es nur für den zweiten Platz (sowie Rang 13 in den deutschen Verkaufscharts, #45 für die ebenfalls schöne deutsche Fassung ‚Ja‘.)

Inzwischen alt genug für die Liebe: Gigliola Cinquetti (IT)

Luxemburg bediente sich erneut des Importes. Die Deutsch-Britin Ireen Sheer (DE 1978, LU 1985, DVE 19762002) ersang mit dem schrecklichen ‚Bye bye, I love you‘ einen beachtlichen fünften Rang. Beachtlich vor allem, weil das Lied trotz englischer Leadzeile ausschließlich aus französischem Text bestand. Und Französisch beherrschte die Sheer sehr hörbar überhaupt nicht. Mit dem luxemburgischen Beitrag begann eine neue Ära: es war der erste von zahllosen Grand-Prix-Schlagern aus der Feder des Münchener Komponisten Ralph Siegel, der es in den folgenden drei Dezennien schaffte, wie kein Zweiter dem Song Contest seinen künstlerischen Stempel aufzudrücken. Britische Eurovisionsfans forderten sogar schon eine eigene Landesflagge für Siegel-Songs. Leider war damit auch die Abkoppelung vom regulären Hitparaden-Geschehen und der schleichende Abstieg der Show in die popkulturelle Bedeutungslosigkeit besiegelt.

Schlafzimmeroutfit, einschläferndes Lied: Olivia Newton-John (UK)

Für das Gastgeberland ging die in Australien aufgewachsene Britin Olivia Newton-John an den Start, die 1980 als Heldin des genialsten schlechten Filmes aller Zeiten, Xanadu, für immer in den Olymp des Camp einkehrte (und wer sang in diesem Jahr die putzige deutsche Fassung des von mir ungefähr einhundert Mal am Tag gehörten, titelgebenden Songs ‚Xanadu‘? Richtig: Ireen Sheer!). Valerie Avon, die Autorin ihres eigentlich als Uptemponummer gedachten Wettbewerbsbeitrags ‚Long live Love‘, hielt sie nicht für die richtige Interpretin: „Sie war zu verzärtelt für das Lied, hatte nicht die erforderliche Energie,“ so die Komponistin in einem Interview mit Gordon Roxburgh. Kein Wunder: Olivia hätte, wie sie selbst öffentlich erklärte, eine Ballade bevorzugt, und so sang sie dann auch. Dessenungeachtet und trotz (oder wegen?) ihres peinlichen babyblauen Nachthemds erreichte sie den vierten Platz. Geschichte sollte, trotz mageren Ergebnisses, der portugiesische Barde Paulo de Carvalho schreiben, wenn auch eine völlig andere als die von ‚Waterloo‘. Sein ansonsten wenig auffälliger Song ‚E depois do Adeus‘, musikalisch nichts als ein weiterer Tropfen im Ozean der portugiesischen Depressionslieder, gab nur wenige Monate nach dem Wettbewerb das Startsignal für die friedliche Nelkenrevolution in seinem Heimatland, die zum Sturz des damaligen Diktators Marcello Caetano führte.

Ebenfalls als Songvorschlag für Olivia Newton-John zum Song for Europe eingereicht, dort aber in der Vorrunde rausgeflogen: ‚Sugar Baby Love‘, ein europaweiter Nummer-Eins-Hit in 1974 

Politisch klang auch (wenn das mal keine Hammerüberleitung ist!) der Titel des belgischen Beitrags, ‚Fleur du Liberté‘. Und tatsächlich handelte es sich um einen Ökoschlager, der beklagte, dass „die Bäume heute die Feinde“ seien. Vermutlich litt der 2009 verstorbene Interpret Jacques Hustin unter einer schlimmen Birkenpollenallergie, was auch seinen Namen erklärt. Der musikalischen Ödnis des Liedermacherstücks und den wuchtigen blauen Hemdkragen des Sängers ist wohl sein Mittelfeldplatz geschuldet. Enttäuscht über seinen dritten Rang zeigte sich das holländische Duo Mouth & MacNeal, das mit Hits wie ‚How do you do‘ und ‚Hello-A‘ auch in Deutschland (und in den USA!) bereits große Charterfolge vorweisen konnte. ‚I see a Star‘ klang jedoch womöglich etwas zu drehorgelig-kirmeshaft, um gegen Abba einen Stich zu landen. Vielleicht lag es aber auch an der zuvor publik gemachten Drohung von Mouth, bei einem Sieg nackt durch Brighton zu rennen. Das wollte nun wirklich niemand sehen. Zwar reichte es zu einem Top-Ten-Hit in Großbritannien und Norwegen, dennoch trennte sich das Duo im Anschluss. Mouth (†2004) machte mit neuer Partnerin weiter, Maggie McNeal feierte solo Erfolge und vertrat die Niederlande 1980 erneut beim Contest.

Die arme Maggie hatte hinterher sicher blaue Flecken, so hart wie Mouth ihr ständig den Ellbogen ins Fleisch rammte! (NL)

Das erstmals teilnehmende Griechenland schickte die lebenserfahrene (und zu Hause gottgleich verehrte) Marinella, die unter vielen „La la la“s und zu besonders klischeehaftem Bouzoukigeklimper bekannte, nichts befriedige sie so sehr wie „Etwas Wein, etwas Meer und mein Liebhaber“. Vom Wein (und von den Früchten des Meeres) dürfte es dann doch etwas mehr gewesen sein, so, wie ihre schwarzweiße Bluse spannte! Die jugoslawische Rockband Korni berichtete von der Gnade der frühen Geburt zur Zeit des deutschen Balkanfeldzugs: ‚Generacia 42‘. Sie löste sich, nach sechsjährigem Bestehen und zahlreichen Umbesetzungen, nach dem Song Contest auf. Für Irland durfte nun endlich Tina Reynolds an den Start. Bereits im Vorjahr hatte sie auf einen Einsatz als Streikbrecherin gehofft, weil die Sängerin Maxi ihren Uptempotitel ‚Do I dream‘ lieber als Ballade intonieren und zudem ihre Performance mittenmang für ein stilles Gebet für den Frieden in Nordirland unterbrechen wollte. RTÉ flog Reynolds als Ersatz nach Luxemburg ein, woraufhin Maxi (die 1981 als Drittel des Trash-Trios Sheeba wiederkehrte) sich eines Besseren besann. Nun entschädigte der Sender Tina mit einer Exklusivbuchung. Allerdings blieb sie mit ihrem eigenen Lied ‚Cross your Heart‘ (deutsche Version: ‚Hand aufs Herz‘) farblos, trotz ihres glitzerrosafarbenen Kleidchen.

Atemlose Spannung: halten die Knöpfe noch drei Minuten durch? (GR)

Zu meiner Schande muss ich gestehen, bis zur Meldung seines krebsbedingten Ablebens im Jahre 2014 den spanischen Vertreter Peret übersehen zu haben. Unverzeihlich, lieferte doch der iberische Rumba-König hier mit dem lebensfrohen ‚Canta y sé feliz‘ einen munteren Sonne-und-Strand-Kracher ab, mit welchem der Sohn eines fahrenden Händlers leider erfolglos versuchte, an seinen 1971er Sommerhit ‚Borriquito‘ anzuknüpfen, den die mittlerweile in Scharen in das zu dieser Zeit noch immer diktatorisch regierte Urlaubsland einfallenden Pauschaltouristen zu einem europaweiten Megaseller befördert hatten: auch bei uns konnte der auf der Vokalübung „a-e-i-o-u“ aufbauende Ohrwurm zum Nummer-Eins-Hit avancieren. Der Song-Contest-Auftritt weist Peret als Träger der klassischen Siebzigerjahre-Monsterkoteletten aus, der vor allem durch den virtuosen Gebrauch seiner mitgebrachten Wanderklampfe und das an der Krawatte befestigte Mundmikro auffiel. Sein Mittelfeldergebnis erscheint in der Rückschau verwunderlich: lag es an der dicken Soundsoße, mit der das BBC-Orchester das in der Studioversion deutlich frischer und knackiger klingende Lied erstickte?

„Jagt die Ameisen aus dem Kuchen“: was hat der österreichische Kommentator da nur geraucht? (ES)

A propos BBC: die britische Anstalt fragte, nachdem sie nun schon zum vierten Mal als Ausrichter eingesprungen war, angesichts der bis dato von den ausrichtenden Sendern alleine zu tragenden Kosten an, ob es nicht unter Umständen Sinn machen könnte, diese künftig auf alle Teilnehmerländer umzulegen? Diesmal nämlich verhinderten finanzielle Gründe die erstmalige Teilnahme der Türkei: die hatte Interesse bekundet, jedoch erst im November 1973. Da hatte die BBC das 4.000 € (damals eine Menge Geld!) teure, beleuchtete Scoreboard aber bereits fertiggestellt, weswegen sie keine neuen Partizipanten mehr zuließ. Zwei Tage vor der Show fiel dem Sender dann auf, dass die besagte Anzeigetafel nicht weiter als bis 99 zählen konnte, weswegen man kurzfristig wieder zu einem alten Wertungsverfahren mit wenigen Punkten zurückkehren musste. Das wiederum erboste die ARD dermaßen, dass sie sich unter Androhung des Ausstiegs für ein neues Abstimmungsverfahren einsetzte. Mit Erfolg: 1975 führte die EBU das bis heute gültige, auf dem System der Borda-Wahl basierende Punktesystem mit den zum geflügelten Wort gewordenen „Douze Points“ ein. Cindy & Bert, die bei ihrer Rückkehr aus Brighton zunächst den Volkszorn fürchteten, erlebten keinen Karriereknick: über die Schwachbrüstigkeit der ‚Sommermelodie‘ herrschte außerhalb der hr-Jury bereits vor dem Contest allgemeine Einigkeit, das Ergebnis deckte sich insofern mit den Erwartungen.

Kultig: das Pausenprogramm des ESC 1974 warb für die neue BBC-Kinderserie „Wombles“

Eurovision Song Contest 1974

Eurovision Song Contest. Samstag, der 6. April 1974, aus dem Dome in Brighton, Großbritannien. 17 Teilnehmerländer. Moderation: Katie Boyle.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01FICarita HolmströmKeep me warm0413
02UKOlivia Newton-JohnLong live Love1404
03ESPeretCanta y sé feliz1010
04NOAnne-Karine StrømThe first Day of Love0315
05GRMarinellaKrassi, Thalassa e t'Agori mou0711
06ILPoogyNatati la khaiai1107
07YUKorniGeneracija 420612
08SEAbbaWaterloo2401
09LUIreen SheerBye bye, I love you1405
10MCRomuald FiguierCelui qui reste et celui qui s'en va1406
11BEJacques HustinFleur du Liberté1009
12NLMouth & MacNealI see a Star1503
13IETina ReynoldsCross your Heart1108
14DECindy & BertDie Sommermelodie0315
15CHPiera MartellMein Ruf nach Dir0315
16PTPaulo de CarvalhoE depois do Adeus0314
17ITGigliola CinquettiSi1802

3 Kommentare zu „ESC 1974: Couldn’t escape if I wanted to

  1. So ganz sicher bin ich mir nicht, ob Giglia Cinquetti ohne Abba-Teilnahme gewonnen hätte. Wann hat schon jemals jenseits der frühen 60er so eine seeeeehr zerbrechliche Ballade gewonnen? Die Siegertitel haben dann ja doch immer einen gewissen ‚Bums‘. Das merkte man ja auch daran, dass Molitva gewinnen konnten, während Lane moje und Lejla das Nachsehen hatten.

  2. ABBA-Legende War dieser Sieg denn wirklich der Start zur Weltkarriere? Bei anderen Journalisten ist immer wieder zu lesen, daß nachfolgende Singles floppten und die Musikbranche sich einen Dreck um eine schwedische Band scherte. Der ESC hatte schon damals nicht viel mit den sonstigen Medien gemein. Erst zwei Jahre später schrieben B+B einen Song für eine bekannte Sängerin, die ihn jedoch nicht aufnehmen wollte. Also nahm ABBA ihn selbst auf und es wurde ihr erster Welthit: Fernando. Est von nun an ging wirklich los. Natürlich kann diese Geschichte genauso ein Mythos sein, ich war zu jung, um es mitzuerleben.

  3. Zur ABBA-Legende gibt es, wie meistens, mehrere Wahrheiten. In diesem Fall drei: die britische, die amerikanische und die kontinentaleuropäische.

    England hält sich bekanntlich, nicht ganz zu Unrecht, für den popmusikalischen Nabel der Welt. Dort hat man den ESC schon immer nur geschaut, um sich über die nicht-britischen Beiträge zu beömmeln. Hier galten Abba zunächst als Eintagsfliege und die Nachfolgesingles zu ‚Waterloo‘ floppten in der Tat. Erst mit ‚Fernando‘ schafften sie es 1976 dort wieder. Das deckt sich mit dem, was Du gelesen hast – denn das stammt von einem britischen Journalisten.

    In den USA waren nur ‚Waterloo‘ (#6) und ‚Dancing Queen‘ (#1) Hits, ansonsten galten und gelten Abba als Eurotrash – die Amis sind seit jeher kulturell noch egozentrischer als die Briten.

    In Deutschland und im restlichen Europa waren ‚Honey Honey‘ (1974, # 2), ‚SOS‘ (1975, # 1) und ‚Mamma mia‘ (1975 # 1), aber absolute Tophits! Ich war damals acht, ich hab das selbst mitbekommen und lauthals mitgesungen, wenn diese Titel im Radio hoch und runter liefen! 😀 Und ohne den Sieg beim Grand Prix 1974 (und den europaweiten Nummer-Eins-Hit ‚Waterloo‘) hätten Abba außerhalb Schwedens (später kam noch Australien hinzu) niemals diese Aufmerksamkeit gehabt. Insofern war der ESC durchaus der Startpunkt zur Weltkarriere, auch wenn es da regional zwischendrin Durchhänger gab.

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