DVE 1999: Das ist nicht okay

Sürpriz, DE 1999
Die Reingesiegelten (2)

Auch im Jahre Eins nach Guildo Horn schlugen die emotionalen Wellen hoch bei der deutschen Vorentscheidung. Das hatte allerdings weniger mit polarisierenden Teilnehmern oder der (überwiegend mauen) musikalischen Güte der Beiträge zu tun, sondern mit einem fiesen Maulwurf und einer betrogenen Siegerin. Sowie dem schlechten Einfluss von Deutschlands größtem Schundblatt, mit dem der öffentlich-rechtliche NDR eine unheilvolle Allianz eingegangen war.

Nach der erfolgreichen Kampagne des Vorjahres um den Meister hatte die Bild nämlich Blut geleckt. Das Boulevardblatt führte einen eigenen „Schlagerwettbewerb“ durch, aus dem die achtzehnjährige Kichererbse Jeanette Biedermann hervorging. ‚Das tut unheimlich weh‘ hieß ihre Nummer: eigentlich eine Steilvorlage für billige Witze, aber der Technoschlager im Blümchenstil stellte sich als bester Beitrag des Abends heraus. Kein Wunder, war die Melodie doch von Jam & Spoons ‚Caleidoscope Skies‘ abgekupfert. Auch Jeanette zog es ob dieser Dreistigkeit die Schuhe aus: kaum auf der Bühne, entledigte sie sich ihrer hässlichen Klumppumps und absolvierte ihre drei Minuten barfuß. Und hauptsächlich in der Hocke. Tat ihr irgendwas unheimlich weh? (Sorry, ich konnte doch nicht daran vorbei gehen!) Die Bild-Unterstützung nutzte nichts: Rang vier.


Dem „Geiger“ links fehlt es wohl am nötigen Ernst!

Der einzige etablierte Künstler des Abends war Patrick Lindner. Der Musikantenstadl-Dauergast hatte gerade sein öffentliches Coming-Out hinter sich gebracht und versuchte sich an einem Imagewechsel, weg vom Volkstümlichen und hin zum Schlager. Dazu sollte seine Grand-Prix-Teilnahme beitragen, und so wandelte er mit dem beschwingt-nachdenklichen ‚Ein bisschen Sonne, ein bisschen Regen‘ zaghaft auf Nicoles Spuren. Schlechtes Timing: der Markt für klassischen deutschen Schlager implodierte just; die letzten Überlebenden wie Mary Roos (DE 1972, 1984, DVE 1970, 1975, 1982) sollten bald gezwungen sein, in die lästigen lustigen Musikantenscheunen auszuweichen, um überhaupt noch TV-Auftritte zu bekommen. Zudem schalteten gerade in diesem Jahr viele konservative Schlagerfans ohnehin nicht zu, da sie wegen Guildo Horn – in ihren Augen ein Frevler und Spötter – im Unfrieden mit dem Grand Prix lebten. Zum Dritten aber, und viel entscheidender: für den armen Patrick stand so viel auf dem Spiel, dass man ihm die Nervosität deutlich anmerkte. So stark zitterte er, dass man drei Minuten lang förmlich darauf wartete, wann ihm das Mikro aus den Händen spränge. Es gab einen desaströsen neunten Platz.


Und heut Abend hab ich Kopfweh: Megapeinlich

Erneut überließ der NDR den fünf größten Musikmultis die Auswahl der teilnehmenden Künstler. Und obwohl Jürgen Meier-Beer bei der EBU endlich durchsetzen konnte, dass ein jeder in der Sprache singen darf, die ihm am meisten behagt (also eben auch in englisch, der besseren Vermarktungschancen wegen), zeigten sich diese undankbar und schickten wiederum hauptsächlich hoffnungslose1)Zum Vergleich: die erfolgreichste deutsche Produktion des Jahres war das Cover ‚Mambo No. 5‘ von Lou Bega, die meistverkaufte deutschsprachige Single landete Xavier Naidoo mit ‚Sie hört mich nicht‘.Nachwuchstalente. Wie beispielsweise die zwei auf den Namen Megasüß hörenden Mädels, die ihre Plattenfirma offensichtlich als billiger Abklatsch im Marktsegment von Tic Tac Toe aufzubauen gedachte. ‚Ich habe meine Tage‘, informierten sie hip-hoppend ein angewidertes Publikum. Schön für Euch. Geht zu dm und kauft Euch ein paar Muschidübel. Und jetzt runter von der Bühne. Aber das Aufwischen nicht vergessen! Pah, wie ekelhaft. Da war ja Siegel noch erträglicher.


Gut gemeint ≠ gut gemacht: Sürpriz

Und wie auf’s Stichwort lugte der Grand-Prix-Opi auch schon im Einspieler zwischen seinen Feigenblatttürken von Sürpriz hervor. Ein Taxifahrer habe ihm die geniale Idee eingeflüstert: seit der Einführung des Televotings gingen die deutschen zwölf Punkte jedesmal an die Türkei (das Diaspora-Voting). Warum also nicht eine Gruppe Turkodeutscher zusammenstellen? Das erhöht die Chancen beim Vorentscheid, sichert zwölf Punkte aus der Türkei beim Wettbewerb und lässt sich auch noch imagefördernd als liberal-weltoffenes Multi-Kulti verkaufen. Auch wenn sich ‚Die Reise nach Jerusalem‘ doch nur wieder als der selbe alte ranzige Weltfriedensquark herausstellte wie immer. Das Kalkül ging beinahe auf: Platz zwei. Denn neben weiteren belanglosen Amateuren, halb Vergessenen (die letzten Reste von Wind [DE 1985, 1987, 1992, DVE 1998] hauchten hier scheppernd ihr laues Lüftchen aus) und einem charmant versponnenen, aber chancenlosen Schweizer Gastbeitrag (Michael von der Heides [CH 2010] lustiger Besuch in der ‚Bye Bye Bar‘) gab es da noch die Heimfavoritin, die blinde Bremerin Corinna May (DE 2002).


Gibt’s da auch Golden Shower, in der Bye Bye Bar? Michael von der Heide

Die saß festzementiert und blindentypisch leicht schaukelnd auf ihrem Hocker und intonierte mit lauter, hoher Stimme das verlogen-kitschige ‚Hör den Kindern einfach zu‘ (wer schon mal unausgeschlafen und schlecht gelaunt im morgendlichen Berufsverkehr in eine mit kreischenden, plappernden und tobenden Schülern voll besetzte Straßenbahn geraten ist, teilt diese wohlfeile Forderung nicht!), während der ihr direkt zur Seite gestellte Zivi Gitarrist Corinna per Gedankenübertragung die Einsätze vorgab. Das hatte etwas von betreutem Singen, rührte aber die Herzen der Zuschauer. Behinderten- plus Kinderbonus: es fehlten nur noch Tiere auf der Bühne (wobei, der Drummer)! Aber auch so ging das Kalkül auf: mit über 30% der Stimmen gewann sie haushoch. Doch die Tränen, die Corinna May noch vor laufenden Kameras vor Freude über ihren Sieg vergoß, sollten nicht die letzten bleiben.


Betreutes Singen: Corinna May

Denn kaum war die Siegerreprise verklungen, fingen die Maulwürfe an zu buddeln. Irgendeine missgünstige Petze fand heraus, dass Corinnas Produzent die englischsprachige Ursprungsfassung ihres Titels bereits 1997 auf eine Promo-CD hatte pressen lassen – in einer Auflage von sage und schreibe 500 Stück! Wenngleich man das schwerlich als kommerzielle Veröffentlichung bezeichnen kann: dem NDR reichte es, den Titel zu disqualifizieren, vermutlich aus Angst vor einer rachebeflügelten, tagelangen Schlagzeilenkampagne in der Bild. Und so profitierte Ralph Siegel nach 1976 das zweite Mal von der nachträglichen Streichung des Siegertitels und konnte doch noch seine Kapelle auf die Reise nach Jerusalem schicken. Zufälle gibt’s!

Deutsche Vorentscheidung 1999

Countdown Grand Prix. Samstag, 21. Februar 1999, aus der Stadthalle in Bremen. Elf Teilnehmer. Moderation: Axel Bulthaupt und Sandra Studer.
#InterpretTitel%PlatzCharts
01Jeanette BiedermannDas tut unheimlich weh12,303-
02Carol BeeLoverboy*07-
03Patrick LindnerEin bißchen Sonne, ein bißchen Regen*08-
04MegasüßIch hab meine Tage*06-
05SürprizReise nach Jerusalem19,501-
06ElvinHeaven*04-
07Corinna MayHör den Kindern einfach zu32,9-59
08NaimaItsy Bitsy Spider*10-
09Michael von der HeideBye Bye Bar*05-
10WindLost in Love*09-
11CathrinTogether we're strong16,302-

*Anmerkung zur Tabelle: der NDR gab nur die ersten drei Plätze samt Prozentergebnis bekannt. Der Rest ist Hörensagen. Der Siegertitel wurde disqualifiziert.

Fußnote(n)   [ + ]

1. Zum Vergleich: die erfolgreichste deutsche Produktion des Jahres war das Cover ‚Mambo No. 5‘ von Lou Bega, die meistverkaufte deutschsprachige Single landete Xavier Naidoo mit ‚Sie hört mich nicht‘.

1 thought on “DVE 1999: Das ist nicht okay

  1. Oh! Mein!! Gott!!!

    Küdüs E Seyahat / Reise Nach Jerusalem – Mein absoluter Hassbeitrag! EInzig und allein aus dem Grund weil das Ralph Siegels billiger Versuch war, sich bei der türkischen Gemeinde hier in Deutschland auf die schleimigste Art einzuschleimen. Wobei das zugegebenermaßen nicht dumm war: Wenn man es sich mit den Deutschen endgültig verscherzt hat, dann bleiben einem immer noch die Türken, von denen es hier nicht zu wenige gibt, wie auch Ralph Siegel erkannt hat.

    Gibt es da was postives? Ja! Wenigstens konnten sich Deutsche und Türken mal gemeinsam für ein musikalisch-kulturelles Desaster made by Siegel/Meinunger schämen.
    Ansonsten – Mit Corinna May wäre Deutschland zwar vielleicht nicht weiter gekommen, aber es wäre keine Blamage gewesen.

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