DVE 1988: Das ist nicht viel

Chris Garden, DE 1988
Die Familienbande

‚Ich wünsch Dir Liebe ohne Leiden‘ hieß ein wunderschöner Song aus dem Jahr 1984, den der große Udo Jürgens (AT 1964, 19651966) gemeinsam mit seiner Tochter Jenny sang, die sich in diesem Jahr daran versuchte (und überhob), die deutsche Vorentscheidung zu moderieren. „Ich wünsch mir Lieder ohne Leiden“: dieser sehnliche Gedanke überkam die Zuschauer/innen des televisionären Elends hingegen angesichts des unbeschreiblich miserablen Songtableaus dieser Veranstaltung. Bei der sich, wie gewohnt, völlig unbekannte Hoffnungslose und abgehalfterte Schlagerstars die Klinke in die Hand gaben.

Berührend schön: Udos Vater-Tochter-Lied von 1984

So beispielsweise der bereits wieder am Ende seiner Chart-Karriere stehende Tommy Steiner, der ‚Fischer von San Juan‘, der in den Neunzigern sein Auskommen als gerne mal unter dem Einfluss geistiger Getränke stehender Veranstalter von Schlagerdiscos mit sich selbst im Vorprogramm fand und hier ein von Hanne Haller (DVE 1979) und ihrer Lebensgefährtin Ramona Leiß verbrochenes Schlagerchen präsentierte. G.G. Anderson (‚Sommernacht in Rom‘) lotete in Begleitung mindestens eines Wildecker Herzbubens mit dem selbst verfassten, harmonikagetränkten ‚Hättest Du heut Zeit für mich‘ seine Chancen auf einen Quickie im Seniorenstift aus, während Bernhard Brink (DVE 1984, 1987, 1992, 2002) mit dem von Matthias Reim geschriebenen Titel ‚Komm ins Paradies‘ mal wieder im Pathos badete. Christian Franke (‚Ich wünsch Dir die Hölle auf Erden‘) durfte vermutlich nur wegen seines Nachnamens mitmachen, denn der Bayerische Rundfunk hatte die Veranstaltung erneut in die Nürnberger Frankenhalle abgeschoben, um sich das geheiligte Münchener Studio nicht mit diesem armseligen Schlagerdreck zu beschmutzen.

Ein Outfit wie eine Zwangsjacke: die famose Cindy Berger

Zu dem leider auch die von mir sonst hochverehrte Cindy (ohne Bert) Berger (DVE 1991) beitrug: ‚Und leben will ich auch‘ mag eine nachvollziehbare und berechtigte Forderung sein; ihrem Lied wünschte man jedoch den baldigen Gnadentod. Und so erfolglos all diese Schlageraltlasten mittlerweile in den Verkaufscharts waren, so erfolglos blieben sie auch bei dieser Veranstaltung. Denn vermutlich ließen sich nur noch hartgesottene Ralph-Siegel-Fans zur Teilnahme an der Infratest-Umfrage erweichen, mit welcher die deutschen Repräsentanten ermittelt wurden. Anders sind die Siegerinnen nicht zu erklären: das heute zu Recht vergessene Hanauer Mutter-und-Tochter-Duo Maxi & Chris Garden (DVE 1987, eigentlich Meike und Chris Gärtner) mit ihrem zu Recht vergessenen ‚Lied für einen Freund‘. Man vergleiche dieses steindumme Gesumms nur mal mit dem zur gleichen Thematik verfassten ‚Gute Nacht, Freunde‘ aus der 1972er Vorentscheidung – da kann einen schon die Wut überkommen, welch erbärmlichen Bockmist Siegel & Meinunger sich trauten, hier abzuliefern. Und die ARD sich traute, wegzusenden.

Maxi Garden live an der Heimorgel (beim ESC Fanclubtreffen 2010 in Köln).

Schief ging der Versuch von Ralph Siegel, die erst vierzehnjährige Tammy Swift zur nächsten Sandra Kim (BE 1986) aufzubauen. Zum einen konnte der annäherungsweise im aktuellen Italo-Disco-Sound gehaltene Wegwerfschlager ‚Tanzen gehn‘ im Vergleich zu ‚J’aime la Vie‘ natürlich nicht bestehen. Zum anderen schniefte offenbar Tammys Drummer das ganze Speed weg, mit dem die junge Sängerin, die den Titel dennoch mit adorablem Aplomb ablieferte, auf Siegerinnenformat gebracht werden sollte. Rang 7, Gemecker von Onkel Ralph, Flucht vor der Schande in die USA: für die kleine Hupfdohle nahm der Abend keinen erfreulichen Ausgang. Ungerechterweise, wie man sagen muss, denn unter dem ganzen entsetzlichen Müll, den uns die ARD hier auftischte, war ‚Tanzen gehn‘ noch das Lied mit dem geringsten Fremdschämpotential.

Tammy Swift: in dem Alter muss sie aber um 22 Uhr raus aus der Disco!

Schuld an der künstlerischen Misere trug natürlich das halsstarrige Festhalten des Bayerischen Rundfunks am mittlerweile vom stechenden Leichengeruch umflorten deutschen Schlager, der im echten Leben bereits im Hades der Volkstümlichen Hitparade schmorte: mit dem steinzeitlichen ‚Patrona Bavariae‘ hatte das direkt aus der Hölle geschickte Original Napalm Naabtal Duo in diesem Jahr einen der an einer Hand abzählbaren, deutsch gesungenen Chartstürmer, während international erfolgreiche deutsche Musikproduzenten auf englisch singen ließen, so wie Frank Farian (Milli Vanilli, dessen 1998 an einer Überdosis gestorbener Frontmann Rob Pilatus noch im Vorjahr als Teil der Combo Wind auf der Eurovisionsbühne gestanden hatte), Michael Cretu (Sandra), Dieter Bohlen (Blue System) oder Drafi Deutscher (Mixed Emotions).

Auch Matthias Reim beteiligte sich am musikalischen Verbrechen des Vorentscheids 1988

Doch beim Grand Prix galt weiterhin die überkommene Sprachenregel, und die einflussreiche ARD rührte keinen Finger, die EBU in diesem Punkt zum Umdenken zu bewegen. Hätte auch nur Ärger mit den deutschen Komponistenlobbys bedeutet. Außerdem sprach der damalige Kanzler, Helmut Kohl, bekanntlich auch kein Englisch, und als unionstreue Anstalt wollte es sich der BR wohl nicht mit ihm verscherzen. Lieber nahm man rapide sinkende Einschaltquoten in Kauf. So blieb die Vorentscheidung ein Müllplatz für Ausschussware mit längst abgelaufenem Verfallsdatum und eine Spielwiese für Chancenlose. Grand-Prix-Geschichte sollte übrigens noch ein Titel schreiben, der in der Radiovorauswahl für Nürnberg herausgeflogen war: ‚Das Beste‘ des österreichischen Duos Duett. Wenn auch eine etwas unrühmliche.

1988 ein Nummer-Eins-Hit in Deutschland: France Galls (LU 1965) Femmage an Ella Fitzgerald

Deutsche Vorentscheidung 1988

Ein Lied für Dublin. Samstag, 31. März 1988, aus der Frankenhalle in Nürnberg. 12 Teilnehmer, Moderation: Jenny Jürgens.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Thomas & ThomasTräumen kann man nie zuviel238812-
02Tommy SteinerInsel im Wind318506-
03Tammy SwiftTanzen gehn317207-
04Bernhard Brink + GildaKomm ins Paradies353803-
05MichaelaEin kleines Wunder317108-
06G.G. AndersonHättest Du heut Zeit für mich?35080459
07RendezvousDu bist ein Stern für mich282610-
08Ann ThomasRegenbogenland335105-
09HeartwareIch geb Dir mein Herz302109-
10Maxi & Chris GardenEin Lied für einen Freund44750129
11Christian FrankeIn Deiner Hand256911-
12Cindy BergerUnd leben will ich auch376902-

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