DVE 1961: Der Bembel des Todes

Lale Andersen, DE 1961
Die Elegante

Ins noble Kurhaus der im Frankfurter Speckgürtel liegenden Bonzengemeinde Bad Homburg vor der Höhe (Stadt-Werbeslogan: “Tradition und Champagnerluft”) lud der Hessische Rundfunk zur Vorentscheidung 1961. In diesem Jahr übernahm der hr-Unterhaltungschef Hans-Otto Grünefeldt das deutsche Grand-Prix-Zepter. Und der Mann wollte „anspruchsvolle Chansons“, bloß nichts Modernes und um Gottes Willen keine Hits! So klangen die dreizehn Beiträge der diesjährigen Auswahl dann auch, und zwar durch die Bank: dröge und einschläfernd bis zum Gehtnichtmehr. Das Spritzigste an dem ganzen Abend war (vermutlich, die Aufzeichnung hat der hr schändlicherweise verlegt) noch die Moderation durch die Bembellegende Heinz Schenk, der in seiner TV-Äpplerkaschemme Zum Blauen Bock das Millionenpublikum gerne mal mit selbst verfassten Moritaten über die Endlichkeit des Seins behelligte. Und dem die Nerven in der Live-Show auch dann nicht durchgingen, als sich die Stimmenauszählung deutlich länger hinzog als geplant (Schenk: „Wir hatten kein Programm mehr!“) und er minutenlang plaudernd überbrücken musste. Oder babbelnd, wie der Hesse sagt.

Heinz will uns ein Gedicht aufsagen!

Die Nuttenlied-Legende Lale Andersen (→ Vorentscheid 1958, †1972), berühmt geworden durch den im Zweiten Weltkrieg vom Soldatensender Belgrad zur Hebung der Truppenmoral täglich gespielten Prostitutionsschlager ‚Lili Marleen‘, setzte sich mit der mehr gesprochenen gebrummten als gesungenen Drohung ‚Einmal sehen wir uns wieder‘ gegen Konkurrenten wie Fred Bertelmann (→ Vorentscheid 1958, 1964) durch, der mit seinem ‚Ticke, Ticke, Tack‘ wohl auch deswegen unterging, weil er den erklärenden Zusatz „und wenn sie runterfällt, ist die Uhr kaputt“ vergaß. Lales Sieg dürfte vermutlich dem Umstand zu verdanken sein, dass sie vier Wochen vor der Bad Homburger Schlagerparade noch die deutschen Verkaufscharts anführte. Und zwar mit dem Hafenhurenschlager ‚Ein Schiff wird kommen‘, aus heutiger Sicht lesbar ebenfalls als Klagelied aller Besitzer defekter japanischer Gebrauchtwagen, die händeringend auf ein Ersatzteil warten.

Niemals geht man so ganz: die Lale

Was uns zum nächsten bekannten Teilnehmer führt: erste Showluft schnupperte in Bad Homburg der damalige Gebrauchtwagenverkäufer und Gelegenheitssänger Dieter Thomas Heck. Er blieb mit ‘Was tut man nicht alles aus Liebe’ zwar glücklos, dafür aber stieg er acht Jahre später als Moderator der ZDF-Hitparade zu einer der einflussreichsten Personen des deutschen Schlagergeschäfts auf. Auch späteren Versuchen Hecks, mit gesprochenen Gruselschlagern wie dem rundweg großartigen ‚Es ist Mitternacht, John‘ die Seiten zu wechseln, blieb der kommerzielle Erfolg leider versagt. Im Gegensatz zu Lale, die es immerhin bis auf Rang 30 der Verkaufscharts schaffte. Und so vereint dieser denkwürdige Abend mit Schenk, Heck und Andersen drei der großen Prä-Hip-Hop-Sprechgesangkünstler unseres Landes, die – jeder auf seine Weise – ihren Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte schreiben sollten.

„Ein Hitchcocktail in Musik“ – der Dieter, der Thomas, der Heck!

Deutsche Vorentscheidung 1961

Schlagerparade. Samstag, 25. Februar 1961, aus dem Kurhaus in Bad Homburg vor der Höhe. 13 Teilnehmer, Moderation: Heinz Schenk.

#InterpretTitelPlatzCharts
01Dieter Thomas HeckWas tut man nicht alles aus Liebe--
02Friedel HenschColombino--
03Franck ForsterEs war ein reizender Abend03-
04Christa WilliamsPedro--
05Fred BertelmannTicke, Ticke, Tack02-
06Heinz SagnerJeder Tag voll Sonnenschein--
07Renée FrankeNapolitano--
08Rolf SimsonWer das Spiel kennt03-
09Ernst LotharDich hat das Schicksal für mich bestimmt--
10Lale AndersenEinmal sehen wir uns wieder 0130
11Bobby FrancoLangsamer Walzer--
12Peggy BrownDu bist meine Welt--
13Detlef EngelNach Mitternacht--

Oder was denkst Du?