ESC 1965: Die Hitze der Jungs

Logo des Eurovision Song Contest 1965
Die Pop-Revolution

Tragisch der Fall der Eröffnungssängerin dieses Concourses, der Niederländerin Conny van den Bos. Nicht nur, dass es hier für das anklagende ‘T is genoeg’ (Recht so, Mädel! Lass‘ Dir nichts bieten!) für einen besseren als den elften Platz nicht reichte. Als die gute Conny beim Meilenstein-Contest von 1998 die niederländischen Voten durchgab, konnte sie nicht an sich halten, auf ihre damalige eigene Teilnahme am Grand Prix hinzuweisen. Was die Komoderatorin des Abends, Ulrika Jonsson, mit der zwar zutreffenden und sicher nicht so gemeinten, dennoch etwas fies klingenden Bemerkung retournierte: „Das muss aber schon lange her sein!“. Autsch! 2002 fiel die Sängerin mit dem längsten Hals seit Barbie dem Krebs zum Opfer: Neapel sehen und sterben…

Mars attacks! (NL)

Bereits 1961 hatte die Spanierin Conchita Bautista in einem außergewöhnlich drögen Umfeld für sehr viel Pep gesorgt. So auch diesmal: zu ihrem feurigen, korrekt ‚¡Qué bueno!‘ benannten Beitrag, einer der wenigen, der einen nicht sofort in Tiefschlaf versetzte, legte sie als einzige Sängerin des Abends eine fabelhafte Show mit exaltierten Armbewegungen und anzüglichen Blicken hin – gewissermaßen die Mutter von Azúcar Moreno (→ ES 1990) gebend. Der für das erstmals teilnehmende Irland startende Butch Moore machte seinem Vornamen keine Ehre: er gehe zum “Weinen in den Regen”, damit sie die Tränen nicht sehe, sang er. Dabei weinen butche Kerle doch gar nicht, erst recht nicht wegen einer Frau! Geboren wurde der Ire, der in den Sechzigern dort zu bekanntesten Sängern gehörte, freilich als James Augustin Moore. Wie David Blake Knox in seinem 2015 erschienenen Buch ‚Ireland and the Eurovision‘ schreibt, sei Butchs Eurovisionssong untypisch für sein übliches, eher aus Country & Western bestehendes Repertoire: die TV-Station der streng katholischen Insel legte, wie auch hr-Mann Hans-Otto Grünefeldt, grössten Wert darauf, dass das Land mit „würdigem“ Material vertreten werde. Und so bestimmten die in der ersten Dekade des Contests bereits so prägenden festlichen Balladen in den frühen Jahren der irischen Teilnahme das Bild, übrigens mit durchweg guten Ergebnissen.

Markenzeichen bellender Gesang: Conchita Bautista (ES)

Unsere Ulla, vom auf einen frühen Feierabend schielenden RAI-Orchester im Schweinsgalopp durch ihren anrührenden Erbauungsschlager gehetzt, suchte lange Zeit vergeblich nach ihrer Stimme und fand sie erst nach anderthalb Minuten. Unbeantwortet blieb so die Frage: ‚Paradies, wo bist Du?‘. In Neapel jedenfalls nicht! Dementsprechend unglücklich sah sie aus, was sich durch ihren Migräne-Handgriff beim Songfinale noch verstärkte. Ahnte sie da schon, dass auch sie nichts mit nach Hause bringen konnte? Frau Wiesner bildete gemeinsam mit der schon erwähnten Conchita, der Belgierin Lize Marke und dem für Finnland antretenden Crooner Viktor Klimenko das diesjährige Kleeblatt der → Punktelosen. Hätte der Sender YLE im Vorentscheid besser mal auf die zehn regionalen Jurys gehört! Die bevorzugten nämlich Marjatta Leppänen und ihre folkige Abendweise Iltaisin, doch eine sendereigene „Profi“-Jury ignorierte das und bestimmte den zweitplatzierten Klimenko zum Vertreter. Der sich selbst als „singender Kosak“ und „Russlands Geschenk an die Finnen und die Welt“ bezeichnende Sänger, der erst 1973 die suomische Staatsbürgerschaft erhielt, ritt im Text seiner Trennungsschnulze darauf herum, dass die Sonne im Westen untergeht, was er mit dem Ende der Liebe allegorisierte. Das empfanden die prowestlichen Juroren wohl als Affront. Heute macht Klimenko, wie auch Frau Wiesner, christliche Gospelmusik.

12 Punkte alleine schon für den Bart! (FI)

Udo Jürgens (→ AT 1964, 1966) schien der Vorjahreserfolg bereits so zu Kopf gestiegen zu sein, dass er seinen abgelegten Groupies nicht mal mehr persönlich den Laufpass gab, sondern Hiobsboten beschäftigte: mit ‚Sag ihr, ich lass sie grüßen‘ verbesserte er sich bei seiner zweiten Teilnahme dennoch um zwei Plätze. Für Norwegen sang Kirsti Sparboe (→ NO 1967, 1969, Vorentscheid DE 1970), die später in Deutschland mit dem ulkigen ‚Ein Student aus Uppsala‘ einen Hit landete. Hier reichte es jedoch nur für ein schmales Pünktchen. War es den Jurys vom ‚Karusell‘ fahren schwindlig geworden? Etwas besser schnitt da schon der 2011 verstorbene, fleischmützentragende Schwede mit dem lustigen Namen Ingvar Wixell ab, obwohl – oder gerade weil – der Inhaber des Bundesverdienstkreuzes, der 30 Jahre an der Berliner Oper sang, seine Operettenarie (!) vom ‚Absent Friend‘ auf Englisch schmetterte. Es steht zu vermuten, dass der RAI der Regelverstoß nicht auffiel, weil für einen typischen Italiener wohl jede andere Sprache außer Italienisch gleich unverständlich klingt. Englisch, Schwedisch, Suaheli: wo soll da der Unterschied sein? Außerdem orientierte sich das Gastgeberland selbst an angelsächsischen Vorbildern und schickte einen jungen Elvis-Imitatoren namens Bobby Solo, der vergeblich versuchte, sich mit einer nur notdürftig kaschierten Coverversion von ‚Are you lonesome tonight?‘ in die Herzen der Jurorinnen zu schmachten: dazu fehlte ihm die gewisse Lockerheit in der Hüfte.

How silly can you get? (IT) 

Als wahre Meister des Herzschmerzes erwiesen sich jedoch, bereits vierzig Jahre vor ‚Lane moje‘, die Jugoslawen: vor lauter Ergriffenheit über die Dramatik seiner Sehnsuchtsballade über seine unerfüllte Liebe zu unserer Rennfahrer-Ikone Michael Schumacher (er sang doch wohl „Schumi, Schumi amore“?) hatte der Kroate Vice Vukov (→ YU 1963) einen deutlich wahrnehmbaren Kloß im Hals. Der in den Sechzigern zu den bekanntesten Musikern Jugoslawiens zählende Vukov ging nach der Unabhängigkeit Kroatiens in die Politik und zog 2003 als Abgeordneter der Sozialdemokraten ins Parlament ein. Dort fand er den Tod: 2005 stürzte er, wie Wikipedia weiß, im Sabor eine Treppe hinunter und erlitt so starke Kopfverletzungen, dass er nach drei Jahren im Koma verstarb. Die Schweiz greift ob ihres unterhaltungsgewerblichen Notstands (man denke nur an eidgenössische Aushängeschilder wie Paola [→ CH 1969, 1980, Vorentscheid DE 1979, 1982] oder DJ Bobo [→ CH 2007]) bekanntlich gerne zum Import, was sich erst 1989 mit einer singenden Frankokanadierin und ihrem von einem Türken geschriebenen Song als richtige Strategie erweisen sollte. Die Vertreterin von 1965, Yovanna, eingekauft in Griechenland, sang zwar sehr eindrucksvoll, verdrehte dabei jedoch dermaßen affektiert die Augen, dass ihre Hamsterbäckchen zusätzlich gar nicht mehr ins Gewicht fielen. Sehr lustige Performance!

Gleich weint einer! (YU)

Äußerst augenfällig, gerade im Vergleich mit den heutigen Bühnenspektakeln mit hektischster Kameraführung, erscheint die optische Dominanz des klobigen Doppel-Mikrofons vor den gleichmäßig grell ausgeleuchteten Sängern (hatte sich die RAI bei der NATO ein paar Raketensuchscheinwerfer ausgeliehen?), die sich nicht bewegen durften und die man überwiegend vom Hals an aufwärts zeigte. So auch France Gall: der in Frankreich bereits erfolgreiche Popstar gewann den Contest als Aushilfssängerin für Luxemburg haushoch mit dem von Serge Gainsbourg (‚Je t’aime – moi non plus‘) geschriebenen, mehrdeutigen Popsong ‚Poupée de Cire, Poupée de Son‘. In dem ging es um erwachende Jungmädchenfantasien, hitzige Jungs, Wachs- und Sprechpuppen (als Code für Jungfrauen bzw. solche, die bei *räusper* entsprechender Gelegenheit laute Geräusche von sich geben), im Subtext etwas verschlüsselt aber auch um den Komponisten, der seine Sängerin als naive künstlerische ‚Wachspuppe‘ benutzt, um seine Ideen unter das Volk zu streuen. France trieb die köstliche Doppeldeutigkeit des Textes auf die Spitze, in dem sie ihn jugendlich unbekümmert, beinahe krähend, vortrug. Am Ende musste sie sich gar auf die Unterlippe beißen, um sich das Lachen zu verkneifen.

Wusste angeblich nicht, was sie da sang: die fabelhafte France (LU)

Der Titel wurde zum europaweiten Superhit (#2 in den deutschen Charts, #1 NO, #4 BE, #6 NL, #10 AT), für die junge France markierte ihr Auftritt den Beginn einer lang anhaltenden Karriere mit Erfolgstiteln wie ‚Abanda (Zwei Apfelsinen im Haar)‘, ‚Wassermann und Fisch‘ oder ‚Ella, elle l’a‘. Dennoch wollte sie später nichts mehr von ihrer Grand-Prix-Teilnahme wissen. Was neben der subtilen Verarsche durch Gainsbourg (der ihr mit dem Lollipop-Lutscherinnen-Lied ‚Les Sucettes‘ eine weitere, noch offensivere Frivolität schrieb) natürlich auch daran liegen könnte, dass man sie zwang, für den deutschen Markt eine grausam dämliche, phonetisch eingesungene Fassung ihres Siegertitels namens ‚Das war eine schöne Party‘ aufzunehmen. Unnötigerweise, denn auch bei uns gehörte die französische Originalfassung zu den zehn bestverkauften Singles des Jahres. Die knapp 15 Jahre währende künstlerische wie kommerzielle Hochphase des Grand Prix Eurovision hatte begonnen.

Technisch ein starker Rückschritt zu 1963, musikalisch aber deutlich besser: der Contest aus Neapel

Eurovision Song Contest 1965

Gran Premio Eurovisione della Canzone. Samstag, 20. März 1965, aus dem RAI-Konzertsaal in Neapel, Italien. 18 Teilnehmer, Moderation: Renata Mauro.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01NLConny van den Bos‘T is genoeg0511
02UKKathy KirbyI belong2602
03ESConchita Bautista¡Qué bueno, qué bueno!0015
04IEButch MooreI’m walking the Streets in the Rain1106
05DEUlla WiesnerParadies, wo bist Du?0015
06ATUdo JürgensSag ihr, ich lass’ sie grüßen1604
07NOKirsti SparboeKarusell0113
08BELize MarkeAls het weer Lente is0015
09MCMarjorie NoëlVa dire à l’Amour0709
10SEIngvar WixellAbsent Friend0610
11FRGuy MardelN’avoue jamais2203
12PTSimone de OliveiraSol de Inverno0113
13ITBobby SoloSe piangi, se ridi1505
14DKBirgit BrúelFor din Skyld1007
15LUFrance GallPoupée de Cire, Poupée de Son3201
16FIViktor KlimenkoAurinko laskee länteen0015
17YUVice VukovČežnja0212
18CHYovannaNon, à jamais sans toi0808

1 Gedanke zu “ESC 1965: Die Hitze der Jungs

  1. Kleine Korrektur Dieser angebliche ‚Skandal‘ um Ulrika und Conny entstand nur, weil im Applaus des Publikums unterging, dass es Madame van den Bos war, die ZUERST darauf hinwies, dass ihre Teilnahme beim ESC schon ein Weilchen her sei. Das Publikum bekam nur die Antwort von Ulrika Johnsson mit: ‚A long time ago, is it?‘ Was als Bestätigungsfrage gedacht war, wurde so zu einer Beleidigung ersten Ranges. Dumm gelaufen.

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