ESC 1979: Er zeugte sieben Kinder in einer Nacht

Logo des Eurovision Song Contest 1979
Das Jahr der deutschen Schande

Heftige Auseinandersetzungen entbrannten im Vorfeld dieses Jahrgangs um den deutschen Beitrag. Ausgerechnet nach Jerusalem mit einem Song zu fahren, der von einem gewalttätigen Imperatoren handelt und mit Textzeilen wie „Sie trugen Angst und Schrecken in jedes Land“ aufwartet, zeugte nicht eben von ausgeprägtem geschichtlichen Feingefühl. Es hagelte Proteste und Verbotsforderungen, man befürchtete eine Belastung der diplomatischen Beziehungen und die damalige Familienministerin Antje Huber (SPD) geißelte den Text gar als „dumm und geschmacklos“. Ach was!

Schönes Logo: das israelische Fernsehen gab sich bei der Gestaltung des ESC 1979 erkennbar Mühe

Doch allen Befürchtungen zum Trotz begriffen die Israelis ‚Dschinghis Khan‘ wohl so, wie es gemeint war: nicht als gewaltgeile Machtfantasie („Er zeugte sieben Kinder in einer Nacht / Und über seine Feinde hat er nur gelacht“), sondern als harmlos-albernen Kinderfasching, zum Mitsingen und -tanzen dank seiner Simplizität bestens geeignet. Sie versorgten den deutschen Beitrag, noch heute ein Favorit vieler notorischer Eurovisionsfans, sogar mit sechs Punkten, was zusammen mit diversen Höchstwertungen aus anderen Ländern insgesamt für einen beachtlichen vierten Platz reichte, und stopften damit den Kritikern den Mund. Wie auch der anschließende internationale Verkaufserfolg der Single, mit der für Ralph Siegel eine ausgesprochen ertragreiche Phase begann. Dennoch blamierte sich Deutschland bei diesem Contest bis auf die Knochen, zwar nicht durch die steppenden Räuberhorden von Dschinghis Khan, dafür aber dank unserer Jury.

Was für ein herrlicher Spaß: deutsche Barbaren in Israel! (DE)

Mit dem extrem eingängigen, lediglich aus Refrain und sage und schreibe vier (!) Rückungen bestehenden Weltfriedensschlager ‚Hallelujah‘ von Gali Atari – nicht zu verwechseln mit dem legendären Videospieleanbieter! – und ihrem dreiköpfigen Begleitchor Milk & Honey gewann Israel nämlich erneut den Wettbewerb und räumte aus fast allen Ländern Punkte ab. Ausgerechnet aus Deutschland aber kamen derer null, obwohl die Single, von welcher in verschiedenen Sprachfassungen weltweit insgesamt 4½ Millionen Exemplare abgesetzt werden konnten, auch bei uns ein Hit wurde (#11 DE). Ein Abgrund der Peinlichkeit – selbst die deutsche Presse schämte sich in der Nachberichterstattung einhellig für die unmögliche Entscheidung der elf Laienjuroren. Da mag auch Neid im Spiel gewesen sein: ich erinnere mich, dass mein Vater – damals verfolgte man den Grand Prix noch im trauten Familienkreis – hinter dem zweifachen Sieg Israels in Folge ein politisches Komplott vermutete. Das beinhaltete keinerlei antisemitische Färbung, sondern entsprang einem absonderlichen, aber weit verbreiteten Gerechtigkeitsempfinden, wonach „wir“ jetzt auch endlich mal „dran“ wären, im Gegensatz zu den Israelis, die ja ihren Sieg schon hatten!

Und es geht immer noch einen Halbton höher: Milch, Videospiel, &, Honig (IL)

Auch nicht dran war Österreich, das es mal wieder mit Anspruchsschlager versuchte. Das drückte sich unter anderem in der schlimmen Zickenfrisur der Chansonniere Christina Simon aus, die einen poetisch gemeinten, tatsächlich aber kruden Text von André Heller („Übt, Freunde, Eure Wachsamkeit / Dem Weinen und der Angst zu wehren“) deklamierte, während im Hintergrund das Orchester vergeblich versuchte, den Notenvorgaben Sinn zu entlocken. Da half auch die Anbiederung im Songtitel (‚Heute in Jerusalem‘) nicht mehr. Frau Simon teilte sich den letzten Platz mit Micha Marah, die nach der belgischen Vorentscheidung aus berechtigten Gründen, aber leider erfolglos, versuchte, ihren Beitrag ‚Hey Nanah‘ selbst disqualifizieren zu lassen. Soviel Einsicht ist von Italiens Matia, die sich ihren Vornamen in großen silbernen Glitzerbuchstaben auf die Bluse stickte, damit nicht einer ihrer Bazar-Jungs das Teil aus Versehen anzöge, nicht überliefert. Obwohl sie doch bei ‚Raggio di Luna‘ eine Menge schräger Töne erzeugte, die fast so fies in den Ohren schmerzten wie Christina Simons sinnfreies Genöle. Nach Angaben von Gordon Roxburgh handelte es sich hier um den ersten Grand-Prix-Song, bei dem die Musik komplett vom Halbplayback kam und das Orchester fürs Nichtstun bezahlt wurde.

Nix für empfindliche Ohren: die Katzengesänge von Antonella Raggiero (IT)

Weniger Spektakuläres für die Augen, dafür gefälligere Gesänge für die Ohren lieferten die den musikalischen Reigen eröffnende Portugiesin Manuela Bravo, die zu ihrem Fahrstuhl-Musik-Klassiker ‚Sobe sobe, balão sobe‘ engagiert in einem furchtbaren, zitronengelben Glockenkleidchen über die Bühne tänzelte, sowie die Finnin Katri Helena Kalaoja (FI 1993), die ihren herrlich dramatischen, mit harsch gestrichenen Discogeigen aufwartenden Schlager ‚Katson sineen taivaan‘ in einem eleganten, schulterfreien Kreuzträgerkleid vortrug. Aufgrund der Sprachbarriere reichte es nur für Rang 14: niemand außerhalb Finnlands verstand den poetisch-melancholischen Text, der von der lebenslangen, verzweifelten Suche des Menschen nach der Liebe berichtete. Kultig hingegen der dänische Beitrag. ‚Disco Tango‘ lieferte exakt, was der Titel versprach: eine schier unglaubliche Mixtur aus Tango-Motiven, Discogeigen und tanzbaren Beats. Dazu stellte der große, wie seine Kollegen Hanne Haller (DVE 1979) und Udo Jürgens (AT 1964, 1965, 1966) stets auf dem Klavierhocker festbetonierte Tommy Seebach (DK 1993) einen prächtigen Pornobalken und eine Frisur, die Helge Schneider inspiriert haben dürfte, zur Schau.

‚I will follow Starlight‘ hieß die etwas unpoetischere englische Fassung (FI)

Im Backgroundchor sang und tanzte eine enthusiastische Debbie Cameron, die ihn auch 1981 bei dem ähnlich kultigen ‚Krøller eller ej‘ begleiten durfte. Das mit feingestimmten kulturellen Antennen ausgestattete israelische Fernsehen nahm die in der Luft liegende Hinwendung zum Trash geschickt auf und präsentierte zwischen den Songs witzige Postkarten, in denen es zu einer Atari-Computermelodie die jeweiligen nationalen Sagenfiguren aufs Korn nahm: Max & Moritz für Deutschland, die kleine Meerjungfrau für Dänemark, und für Griechenland stellte man eine Szene auf der Akropolis nach: eine Vorlage, welche die wie ihr stimmstarker Begleitchor in eine Toga gehüllte Sängerin Elpida Karali (CY 1986) mit der grandiosen, hochdramatischen Ode an den Philosophen ‚Socrates‘ aufnahm und auf das Allerliebste bestätigte. A propos Drama: sechs Jahre nach ihrem Sieg in und für Luxemburg kehrte Anne-Marie David zurück – diesmal allerdings für ihr Heimatland Frankreich. Das düster-eindringliche ‚Je suis l’Enfant-Soleil‘ überzeugte durch ähnlich starke Qualitäten wie ihr damaliger Siegertitel ‚Tu te reconnaîtras‘. Doch obwohl sich Anne-Marie erneut tüchtig ins Zeug legte, reichte es diesmal nur für den dritten Platz.

Zwei auf flotter Fahrt: Tommy Seebach & Debbie Camron (DK)

Vielleicht lag ihr glühender Blick für ein „Sonnenkind“ doch einen kleinen Tick zu nahe am manischen Irrsinn. Völlige Fehlanzeige zudem in den Charts. Bei ihrer bereits dritten Grand-Prix-Teilnahme zumindest modisch ganz weit vorne durfte sich Sandra Reemer (hier unter dem Pseudonym Xandra) wähnen, deren durchsichtige Bluse mit bunten Dreiecksmotiven die Zuschauer schon mal auf die optischen Prüfungen der kommenden Achtzigerjahre vorbereitete. Sie hatte sich von den Gebrüdern Bolland & Bolland (‚In the Army now‘) aus Holland & Holland eine fröhliche Bubblegum-Popnummer schreiben lassen, die sie vermutlich erst nach der Ablehnung durch Haribo als Werbejingle für ihr gleichnamiges Konfekt zum Wettbewerb einreichte. Denn was der US-Staat ‚Colorado‘ mit dem Eurovision Song Contest zu tun haben soll, bleibt schleierhaft. Nett war’s trotzdem. Im Gegensatz zum faden britischen Beitrag ‚Mary Ann‘ der Gruppe Lace, einer stark verwässerten Kopie der sehr erfolgreichen Glamrocker Smokie, die zu diesem Zeitpunkt schon wieder ihren Zenit überschritten hatten.

Nur Burnus wäscht Ihre Toga so weiss: Elpida (GR)

Schlimm auch die Schweizer Grand-Prix-Veteranen Peter, Sue & Marc (CH 1971, 1976, 1981, DVE 1978), hier begleitet von Pfuri, Gorps & Kniri, die mit der kinderkirmeskompatiblen Ohrenfolter ‚Trödler & Co‘ bewiesen, dass Gießkannen eben doch keine geeigneten Instrumente zum Erzeugen angenehmer Töne sind. Ebenso verzichtbar die 1977 und 1982  als Solokünstlerin sowie 1981, 1983 und 1988 als Chorsängerin (und teilweise als Autorin) ihr Land vertretende Norwegerin Anita Skorgan, die zeitweilige Ehefrau von Jahn Teigen (NO 1978, 1982, 1983): vielen Dank für das Lied zu meinem Vornamen, aber ‚Oliver‘ war musikalisch leider ebenso öde wie nämlicher Name. Schweden scheiterte mit und an der Kommunikationstechnik: ‚Satellit‘, ihr Song zu Ehren der in Europa seit Kurzem gebräuchlichen Weltraumübertragungsstationen, konnte im Gegensatz zu Lenas gleichnamiger Weise von 2010 nicht punkten, da die Juroren angesichts des dreiminütigen Kampfes des Sängers Ted Gärdestad mit seinem widerspenstigen, ohne Unterlass munter vor sich hin pendelnden Mikrofon so mit dem Abwischen der Lachtränen beschäftigt waren, dass der rockig-flotte Popkracher komplett an ihren Ohren vorbeizog.

Auf zu einer Stippvisite bei Alexis Carrington Colby: Xandra (NL)

Weniger zu Lachen hatte Ted in seinem späteren Leben: nach einer langen, erfolgreichen Pop-Karriere erkrankte er in den Neunzigern an paranoider Schizophrenie und warf sich 1997 vor einen Zug, um sein Leiden zu beenden. Spanien setzte ganz auf den Kinderbonus und stellte der singenden Domina Betty Missiego vier unerträglich wohlerzogene Blagen (die Caramelos) zur Seite. Hätte auch beinahe funktioniert, wenn nicht die an letzter Stelle abstimmende spanische Jury den Israelis exakt jene zehn Punkte zugeschanzt hätte, die diese für den erneuten Sieg brauchten. Böse Zungen behaupten, diese Punktespende sei erfolgt, weil sonst das Land, in dem „die Sonne scheint bei Tag und Nacht“, den Contest im nächsten Jahr selbst hätte austragen müssen. Was der Staatssender TVE, anders als noch 1968, im Hinblick auf die Kosten unter allen Umständen vermeiden wollte. Zudem trugen die deutschen Pauschalurlauber auch so schon massenweise Angst und Schrecken in jenes Land, da brauchte man den Wettbewerb nicht zu weiterer Tourismuswerbung. Die Israelis hingegen konnten mit dem Doppelsieg beim Grand Prix ihre kulturelle Zugehörigkeit zu Europa eindrucksvoll unter Beweis stellen. Eine echte Win-Win-Situation!

Piep piep, kleiner Satellit: wenn Mikrofone flüchten (SE)

Ein Land übrigens glänzte in Jerusalem mit Abwesenheit: die Türkei. Zwar fand im Februar 1979 ein Vorentscheid statt, aus dem die italienischstämmige Sängerin Maria Rita Epik und ihre von einem gebürtigen Deutschen gegründete Begleitband 21. Peron mit dem Titel ‚Seviyorum‘ als knappe Gewinnerin hervorging. Doch dann übten diverse arabische Bruderländer Druck auf das türkische Fernsehen aus, sich nicht an dem Wettsingen zu beteiligen, das aus ihrer Sicht im Feindesland stattfand. Bereits 1977 hatte sich Tunesien, das ebenso wie die anderen Maghrebstaaten der EBU angehört, für den Eurovision Song Contest angemeldet, wegen der Teilnahme Israels aber wieder abgesagt. Sagenhafterweise brach das Land, das den Wettbewerb dennoch ausstrahlte, sogar die Liveübertragung ab, als sich der Sieg des angefeindeten jüdischen Staates abzeichnete. Tunesien unternahm keine weiteren Versuche mehr, und auch die Türkei gab dem Druck nach: Epik und ihre Gleise mussten in Istanbul bleiben.

Musikalisch gesehen kein großer Verlust: Maria Epik und das 21. Gleis

Eurovision Song Contest 1979

Eurovision Song Contest. Samstag, 31. März 1979 aus dem Binyanei-Ha'ooma-Kongresszentrum in Jerusalem, Israel. 19 Teilnehmerländer. Moderation: Yardena Arazi und Daniel Pe'er.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01PTManuela BravoSobe sobe, Balão sobe06409
02ITMatia BazarRaggio di Luna02715
03DKTommy SeebachDisco Tango07606
04IECathal DunneHappy Man08005
05FIKatri Helena KalaojaKatson sineen Taivaan03814
06MCLaurent VaguenerNotre Vie, c'est la Musique01216
07GRElpida KaraliSocrates06908
08CHPeter, Sue & Marc + Pfuri, Gorps & Knuri Trödler & Co.06010
09DEDschinghis KhanDschinghis Khan08604
10ILGali Atari + Milk & HoneyHallelujah12501
11FRAnne-Marie DavidJe suis l'Enfant-Soleil10603
12BEMicha MarahHey Nanah00519
13LUJeane MansonJ'ai déjà vu ça dans tes Yeux04413
14NLXandraColorado05112
15SETed GärdestadSatellit00817
16NOAnita SkorganOliver05711
17UKBlack LaceMary Ann07307
18ATChristina SimonHeute in Jerusalem00518
19ESBetty MissiegoSu Canción11602

3 Kommentare zu „ESC 1979: Er zeugte sieben Kinder in einer Nacht

  1. Oh Himmel (Teil 2) Ähm -nicht, dass ich die Deutschen in Schutz nehmen möchte, aber ich kann jeden verstehen, der diesem unsäglichen ‚Lied‘ namens ‚Hallelujah‘ (Politik hat auf der Bühne des ESC nichts verloren, aber Religion ist okay, ja?) keine Punkte geben will. Furchtbares Teil, nach ‚I Wanna‘ (2002) der wohl unwürdigste Sieger aller Zeiten. Allgemein ein schrecklicher ESC. Diesmal hatten wir nicht mal den Amüsement-Faktor eines Jahn Teigen. Dschingis Khan stachen aus diesem ESC heraus wie nichts, was auch zwanglos den vierten Platz erklärt.

  2. ganz großes Kompliment. Sehr treffende Kommentare, steckt sehr viel Arbeit drin. Ganz toll.

  3. Dschingis Khan Der eindeutige Sieger im Saal war Dschingis Khan. Das war Applaus für einen Siegertitel. Aber die Juroren wollten wohl keinen deutschen Titel ausgerechnet in Israel gewinnen lassen.

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