DVE 1990: Frei zu jaulen

Daniel Kovac, Chris Kempers, DE 1990
Die Welpenhaften

Frühjahr 1990: die Mauer war gefallen, Helmut Kohl arbeitete zielstrebig auf die rasche Wiedervereinigung (oder die zügige Einverleibung der DDR als ALG-II-finanzierter zusätzlicher Absatzmarkt für West-Produkte) hin. Zeit für einen Aufbruch also, von dem man aber bei der deutschen Eurovisionsvorentscheidung nichts spürte. Zwar gab sich der vom Bayerischen Rundfunk erneut als Moderator verpflichtete Hape Kerkeling alle erdenkliche Mühe, mit „witzischen“ Gags und einer brillanten Parodie auf das enttäuschende Vorjahresergebnis („Und dieses hier, dieser weiße Fleck, ist Österreich“) frischen Wind in die Show zu bringen. Doch erneut scheiterte der löbliche Versuch der ARD kläglich, durch das Anschreiben der zehn kommerziell erfolgreichsten deutschen Musikproduzent/innen des Vorjahres marktrelevante, aktuelle Popsongs in den Vorentscheid zu hieven.

Von der Songpatin zur Ehebrecherin? Patin Birgit Schrowange

Denn die Umworbenen gaben ihre Startplätze entweder an die üblichen Verdächtigen weiter oder schickten Nachwuchshoffnungen mit halbherzigen Schlagerchen. Nicht ein bekannter Name fand sich beim Lied für Zagreb, mal abgesehen von Jürgen Drews (DE 1976), der sich ohnehin für nichts zu schade ist, sowie dem Schlagersternchen Isabel Varell, seinerzeit mit Drafi Deutscher liiert, der ihr die vor ranzigem Schmalz nur so triefende, frisch aus den Sechzigerjahren importierte ‚Melodie d’Amour‘ auf den drallen Leib komponierte und hinterher wegen angeblicher TED-Manipulationen gegen die ARD klagte, weil sie – zu Recht – nur Sechste wurde. Aber auch privat brachte der Grand Prix Drafi kein Glück: der kurzzeitig mit der ebenfalls schauspielerisch tätigen Varell verheiratete Marmorstein-Sänger unterstellte seiner Ex im Rahmen der Scheidung öffentlich eine (freilich stets abgestrittene) lesbische Liason mit der RTL-Ansagerin Birgit Schrowange, die hier als Songpatin fungierte.

Deutschlands Antwort auf J-Los Hinterteil: die Varell

Drews zersang fahrig einen von Hanne Haller (DVE 1979) beigesteuerten, wirklich grottenschlechten Schlager über das ‚Alpenglühn‘, das in seinem Falle vermutlich eher dem Jagertee zuzuschreiben gewesen sein dürfte – als Zuhörer jedenfalls zeigte man sich geneigt, sich mit Hochprozentigem die Birne zuzulöten, um den Scheiß überhaupt ertragen zu können. Auch der deutsche Schlagerkaiser, der Roland (DVE 1980), wirkte hier nicht als Interpret, sondern als Komponist: sein temporeiches, in Zusammenarbeit mit Joachim Heider (‚Er gehört zu mir‘, DVE 1975) geschriebenes ‚Wetten dass‘ gehörte noch zu den am wenigsten schmerzbringenden Beiträgen des Abends. Leider aber betrauten die Beiden damit die in den Kategorien Stimme und Ausstrahlung geringfügig überfordert wirkende Nachwuchshoffnung Mara Laurien, die Hape Kerkeling mit den Worten „es gibt ja leider das kleine Problem, dass heute Abend nicht so viele bekannte Gesichter mitmachen“ anmoderierte. Charmant! Lustig: der „Produzentenfilm“ für das Team um den Werbefilm-Komponisten Mino Siciliano (‚Go for Gold‘) entstand im einem Restaurant direkt bei mir um die Ecke. Weniger lustig: das von Siciliano verfasste, nervtötende ‚Melissa‘, gesungen von Divo (wer?).

„Und ich will mich nie wieder schämen“ – aus dem Munde von Drews! Wie überaus köstlich!

Ansonsten bevölkerten Bands wie Starlight oder Malibu die Auswahl, die also das Scheitern bereits im Namen trugen. Mit solchen Perlen der Weisheit wie ‚Hollywood ist besser als Latein‘ hätte man sie fraglos bei jedem Sparkassen-Nachwuchsabend achtkantig rausgeworfen. Die ARD griff, geschlagen von purer Verzweiflung, zu. Unter den Blinden ist der Einäugige bekanntlich König, und so gewann gewissermaßen konkurrenzlos Ralph Siegel, der zwei völlige No-Names aussuchte, sein in der Titelzeile offensichtlich auf die frische Wiedervereinigungseuphorie zielendes, nichtsdestotrotz bitteschön bloß nicht politisch misszuverstehendes Liedchen ‚Frei zu leben‘ vorzutragen. Der Deutschslowene Daniel Kovac, der den Liedauftakt gleich mal gründlich versemmelte und im Übrigen kaum einen Ton richtig traf, hatte sich in den Achtzigern als Musikvideo-Ansager beim zwischenzeitlich eingestellten Münchener Privatsender musicbox (später: Tele 5) durch unsubstantiiertes Coolnessgehampel bereits sehr unangenehm profiliert. Seine so debil wie devot dreinblickende Partnerin Chris Kempers war und blieb ein unbeschriebenes Blatt.

Könnten Mauern zersingen: K+K beim Tönequälen

Neben den peinlichen Anwanzern K+K gab es tatsächlich noch einen Versuch, sich mit den aktuellen politischen Ereignissen zu befassen. Die Gruppe Kennzeichen D, optisch leicht als Beitrittsgebietler auszumachen (gut, die hatten ja 40 Jahre lang nichts, auch keinen Frisuren- oder Modegeschmack) sang ‚Wieder zusammen‘, kam jedoch nur auf den achten Platz. Manipulierte, wie manche vermuteten, hier der Bayerische Rundfunk den TED, um zu verhindern, dass ein Beitrag eines politisch unliebsamen Songschreibers weiterkommt? Schließlich gehört der Komponist und Texter des Liedes, Diether Dehm, zu den prominenten Linken und schrieb unter anderem den deutschen Text zum Agitationssong ‚Aufstehn‘ der bots. Dehm produzierte zudem den Kabarettisten und Kohl-Stimmen-Imitator Stephan Wald (‚Hungergala‘), der hier sowohl als Pate fungierte als auch ein paar Kanzler-Zitate beisteuerte. Das kam beim augenscheinlich eher konservativen Publikum im Deutschen Theater zu München nicht so gut an: Buhrufe aus dem Saal für die halbparodistische (und, ehrlich gesagt, musikalisch erbärmliche) Nummer. Wenn auch nicht ganz so laut wie später bei der Bekanntgabe der Siegel-Sieger.

1990 ein Top-Hit in Deutschland: ‚No more Bolero’s‘ (sic, mit Deppenapostroph) von Gerard Joling (NL 1988)

Deutsche Vorentscheidung 1990

Ein Lied für Zagreb. Samstag, 29. März 1990, aus dem Deutschen Theater in München. Zehn Teilnehmer, Moderation: Hape Kerkeling.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Isabell VarellMelodie d'Amour0383706-
02Chris Kempers + Daniel KovacFrei zu leben119550151
03Jürgen DrewsAlpenglühn0126709-
04Mara LaurienWetten, dass0260107-
05BanditAlles, was ich haben will0406405-
06DivoMelissa0600404-
07XanaduPaloma Blue0853402-
08Kennzeichen DWieder zusammen0245408-
09MalibuEine Nacht voll Zärtlickeit0118010-
10StarlightHollywood ist besser als Latein0672303-

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