DVE 1969: Hey, das ist Musik für mich!

Siw Malmkvist, DE 1969
Die Unbeschwerte

Als Lehrstunde des germanischen öffentlich-rechtlichen Unterhaltungselends kann ohne jede Frage die Vorentscheidung des Jahres 1969 dienen. Die Show lief vermutlich exakt so ab, wie sich das Deutschlands oberster Grand-Prix-Beamte, Hans-Otto Grünefeldt vom Hessischen Rundfunk, immer vorgestellt hatte. So verwendete er quälend lange Sendeminuten darauf, den Zuschauer/innen haarklein auseinanderzusetzen, dass dies hier ein → Komponistenwettbewerb sei, in welcher Form die Vorauswahl der neun an diesem Abend zu Gehör zu bringenden Schlichtschlager erfolgte, und dass die Auftrittsreihenfolge der drei Sänger/innen, die sich „freundlicherweise zur Verfügung gestellt“ hatten, den Mist wegzusingen, unter notarieller Aufsicht ausgelost wurde.

Der letzte TV-Auftritt Alexandras vor ihrem tragischen Tod fand nicht, wie zunächst geplant, beim deutschen Vorentscheid statt. Für die Aktuelle Schaubude stand sie stattdessen ziemlich zugedröhnt in der massiv vermüllten Ostsee.

Nach Angaben des Fanclubs Eurovision Club Germany sollte ursprünglich auch Alexandra (‚Mein Freund, der Baum‘) in Frankfurt dabei sein. Die Ausnahmesängerin mit der einzigartigen Stimme, die im Sommer desselben Jahres bei einem Autounfall den Tod fand, sagte jedoch aufgrund wichtigerer Termine ab. Oder wegen des grauenhaften Songmaterials? Selbst der so charmanten wie bedauernswerten Moderatorin Marie-Louise Steinbauer war es seitens des Senders strengstens untersagt, ihren Job auszuüben und tatsächlich zu moderieren. Irgendwelche gar noch spontanen Äußerungen hätten ja als Beeinflussung gelten können. So musste sie die Rolle eines Sprechroboters spielen und durfte lediglich ansagen: “Das war Lied Nummer 1 und jetzt kommt Lied Nummer 2”. Und auch das vermutlich erst, nachdem dieser Satz durch das hr-Justiziariat achtfach gegengeprüft und genehmigt wurde. Selbst bei der Bühnendekoration legte man ängstlich Wert darauf, bloß keinen der drei Protagonisten, die jeweils im Wechsel drei Liedlein vorzutragen hatten, in irgendeiner Form zu bevorzugen.

Hey, DAS ist Musik für mich: die polyglotte Peggy March

Doch wozu der ganze Aufwand? Denn selbstverständlich blieb der unmündige Zuschauer von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen. Stattdessen tagte ein Gremium von elf alten Männern in grauen Treviraanzügen und mit billigen Toupets, die nicht verdrießlicher das Grauen des alleslähmenden deutschen Verbandsunwesens hätten illustrieren können: je zwei Vertreter der Texter- und Komponistenlobbys sowie der „Arbeitsgemeinschaft Schallplatte“ (also der Industrie), die Unterhaltungschefs der ARD-Sendeanstalten und, aus welchem Grund auch immer, der Kapellmeister der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main, Rudi Franz. Letzterer verrichtete seine Jurorentätigkeit (wegen des Spesenschecks?) wenigstens mit einem sonnigen Lächeln, während die übrigen Herren mit staatstragend sauertöpfischer Miene und zusammengekniffenen Lippen (und vermutlich auch Pobacken) ihre albernen Papp-Wertungstäfelchen zogen und vor sich deponierten. In ihrer unfassbar spießigen Verklemmtheit wirkte die ganze Szenerie wie ein Sketch von Loriot. (Unfreiwillig) lustig wurde es jedoch nur einmal ganz kurz, als der Große Vorsitzende Grünefeldt die von einem der Lobbyisten abgegebene Vote für Peggy March (→ Vorentscheid 1975) wiederholte: “Herr Hée: Hey!”.

So steif wie die Juroren: auch sexy Rexy hat einen Stock im Arsch

Bei selbigem Titel, der es zusammen mit dem späteren Siegerlied ‘Primaballerina’ von Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vorentscheid SE 1961, Vorentscheid DE 1962) und Rex Gildo‘Die beste Idee meines Lebens’ (was man über seine Teilnahme an dieser Vorrunde nicht unbedingt sagen kann) in die Endauswahl schaffte, handelt es sich denn auch um den einzigen nennenswerten Beitrag des Abends. “Hey, das ist Musik für mich / Hey, das ist Musik für Dich / Denn Musik, die ist nun mal / International”: grandprixesker konnte die Botschaft des musikalisch locker-flockig swingenden Easy-Listening-Knüllers kaum sein. Zu modern und frisch vermutlich für die grauen Herrschaften der → Jury, die sich stattdessen mehrheitlich für das verstaubte Spieldosen-Schlagerlein ‘Primaballerina’ aus der Feder von Hans Blum erwärmten. Fairneßhalber soll gesagt sein: es war neben ‘Hey!’ der einzige Song des Abends, der den Zuschauer nicht sofort in dornröschengleichen Tiefschlaf versetzte, da er zumindest eine gefällige, ins Ohr gehende Melodie bot. Die man bei den restlichen sieben Seichtsongs schmerzlich vermisste.

Sag, weint Dein Herz? Siw Malmkvist gibt uns die ‚Primaballerina‘

Skurril: Durodont-Rex (→ Vorentscheid 1960), dessen Hochzeits-Kitschlied in der ersten Runde noch am eindeutigsten führte, erhielt in der Finalabstimmung von denselben Juroren keinen einzigen Punkt. Anfang der Sechziger noch gemeinsam mit Gitte Hænning (→ Vorentscheid DK 1962, DE 1973) als „Traumpaar des deutschen Schlagers“ vermarktet, war Gildo lange Jahre Stammgast in der 1969 zum ersten Mal ausgestrahlten ZDF-Hitparade und landete im selben Jahr mit ‚Dondolo‘ einen seiner zahlreichen Top-Ten-Hits. Dreißig Jahre und etliche desillusionierte Möbelhaus-Auftritte später wählte der schrankschwule Schlagersänger dann den Freitod. Doch zurück nach 1969: die wenigen Vorentscheidungs-Zuschauer/innen, die bis hierhin noch nicht abgeschaltet hatten und auch die beiden als Pausenüberbrückung gebuchten “Tanzdarbietungen” des Ehepaares Trautz ohne Spontanaugenkrebs überstanden, entließ man mit dem sicheren Gefühl, dass die ganze Veranstaltung für alle senderseits Beteiligten, seien es die Juroren, die Moderatorin oder die Sänger/innen, mindestens genau so quälend gewesen sein muss wie für die Menschen vor den TV-Geräten. Juristisch unangreifbar und jeglicher Schiebung unverdächtig gewiss, aber dafür eben auch nicht eine Sekunde lang unterhaltsam. Also alle Klischees über die redlichen, aber langweiligen Deutschen bestätigend.

Chart-Watch: Südländischer Frohsinn wohnte dem ‚Lied für Madrid‘ nicht inne. Roberto Blanco (→ Vorentscheid 1970, 19731979) nahm dann auch lieber an der ZDF-Konkurrenzveranstaltung ‚Deutscher Schlager-Wettbewerb 1969‘ teil, wo er sich schnell von den Fesseln festlich-deutscher Spießigkeit befreite, dem etwas tranigen ‚Heute so, morgen so‘ tänzerisch erstaunlichen Pepp einhauchte, damit siegte und einen Top-Ten-Hit generierte. Was hätte aus dem Mann für ein großartiger Entertainer werden können, hätte man ihm nur mal adäquates Songmaterial gegeben!

Deutsche Vorentscheidung 1969

Ein Lied für Madrid. Samstag, 22. Februar 1969, aus dem Sendestudio 2 des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main. Drei Teilnehmer, Moderation: Marie-Louise Steinbauer.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Siw MalmkvistDein Comeback zu mir02 | ----
02Rex GildoLady Julia04 | ----
03Peggy MarchKarussell meiner Liebe01 | ----
04Siw MalmkvistMelodie04 | ----
05Rex GildoDie beste Idee meines Lebens07 | 0003-
06Peggy MarchAber die Liebe bleibt bestehen04 | ----
07Siw MalmkvistPrimaballerina05 | 070113
08Rex GildoFestival der jungen Liebe00 | ----
09Peggy MarchHey!06 | 040229

3 Gedanken zu “DVE 1969: Hey, das ist Musik für mich!

  1. Interessant auch, dass nur „Primaballerina“ und „Hey“ überhaupt auf Platte veröffentlicht wurden. Von Rex Gildo keiner der Songs. Das sagt schon viel über die Qualität dieses Jahrgangs aus. Eine Alexandra hätte der Sendung sicher gutgetan.

  2. Hallo , Ja es ist schade das Alexandra nicht dabei war !
    Es ist aber eine Frechtheit und endspricht nicht der Wahrheit das Alexandra zugedröhnt war bei dieser Aufnahme ….
    Wer sich richtig informieren möchte sollte es auf http://www.alexandra-welt.de tun.
    Thomas ST
    Alexandra – Freunde

  3. Ich bin selbst bekennender Alexandra-Fan und Verehrer. Aber man muss schon suppentellergroße Scheuklappen vor den Augen haben, um nicht zu sehen, dass sie bei diesem Auftritt zumindest unter Valium stand. Was gar kein Vorwurf ist: so gnadenlos, wie sie der Alexandra-Biografie von Marc Boettcher zufolge verheizt wurde, nimmt das nicht weiter Wunder.

Oder was denkst Du?