ESC 1960: I shall die, die, die

Logo des Eurovision Song Contest 1960
Das Jahr der Showmaster

Es ist ein offenes Eurovisionsgeheimnis: nicht jeder Senderverantwortliche freut sich, wenn sein Vertreter den Grand Prix gewinnt! Schließlich verbindet sich beim Song Contest damit – wenn auch nur als Soll-Bestimmung – die Pflicht zur Austragung der Veranstaltung im Folgejahr, und das wiederum bedeutet erhebliche Kosten für die betroffene TV-Station. Was das stolze, aber arme irische Fernsehen in den Neunzigern, wo es den Sender gleich vier Mal traf, fast in den Ruin trieb, lösten die sparsamen Niederländer deutlich robuster: nach dem zweiten Sieg in drei Jahren sagten sie 1960 schlicht „nee“. Selbstlos sprang (zum ersten, aber bei weitem nicht zum letzten Mal) die britische BBC ein, und so fand der Wettbewerb im Swinging London statt, in den Sechzigern die Welthauptstadt der Mode und des Pop. Dennoch blieb der Grand Prix eine durch und durch frankophile Veranstaltung. Deutschland trickste sich dementsprechend geschickt nach oben: Wyn Hoops abgefeimte und sechs Jahre später von Udo Jürgens (→ AT 1964, 1965, 1966) zur Perfektion getriebene Finte, die Titelzeile seines öden Wiegenliedchens ‚Bonne Nuit, ma Chérie‘ auf französisch zu singen, sicherte ihm tatsächlich einige Punkte von der gallischen Jury. Im Endergebnis reichte es für den vierten Rang: zehn Plätze zu gut für diese drei Minuten inhaltsloser Langeweile.

„Mein Name ist Beverly Boyer und ich bin ein Schwein“ – Nein, es ist natürlich Schackeline (FR)

Der Franzose André Popp komponierte den siegreichen Titel ‚Tom Pillibi‘, ein nervtötend schlichtes und ohrwurmhaft eingängiges Liedchen über einen falschen Schloßbesitzer, der angeblich sowohl in Schottland als auch in Montenegro jeweils ein royales Anwesen sein Eigen nenne. Zwei stark separatistische Regionen bzw. Länder also, beide mit einer deutlichen Hinwendung nach Europa, und zumindest eine davon in ihrem Anschlussstreben vom europafeindlichen Mutterland gehindert. Ahnten die Franzosen bereits 56 Jahre im Voraus etwas vom Brexit? Jedenfalls erwies sich ‚Tom Pillibi‘ – Komponisten-Nomen ist Omen – als das poppigste Stück des Abends. Als erster Siegertitel in der Eurovisionsgeschichte konnte er auch außerhalb des Herkunftslandes nennenswerte Stückzahlen absetzen (u.a. Rang 33 in den britischen Singlecharts, und das in der französischsprachigen Originalversion!). Für den deutschen Markt (#21) nahm die junge Jacqueline Boyer, Tochter der französischen Chansonnière Lucienne Boyer und des letztjährigen, letztplatzierten monegassischen Vertreters Jacques Pills (†1970), eigens eine recht akkurat übersetzte deutsche Fassung auf. Für sie bildete der Grand Prix den Startpunkt einer kurzen grenzüberschreitenden Karriere mit Hits wie ‚Mitsou‘ oder ‚Der Mond vom Fudschijama‘.

Katie Boyle moderiert beim ESC 1960 das erste von vier Malen (ganzer Contest)

Einige in Deutschland nachhaltig bekannte Namen zierten die Teilnehmerliste dieses Contests. So die in einem äußerst unvorteilhaften Ballonkleid auftretende Schwedin Siw Malmkvist, die bei uns etliche Topseller landen konnte, beispielsweise mit dem Siegertitel der Deutschen Schlagerfestspiele 1964, dem großartigen ‚Liebeskummer lohnt sich nicht‘. Und die nach einem Zwischenspiel beim deutschen Vorentscheid 1962 fast ein Dezennium später sogar für uns beim Song Contest antrat, dann mit dem nicht ganz so großartigen ‘Primaballerina’ (→ DE 1969). ‚Alla andra får varann‘, ihr artiger 1960er Beitrag fürs Heimatland, bot dezente Swing-Harmonien und bestach vor allem durch Kürze. Der Luxemburger Camillo Felgen (→ LU 1962, †2005) erzielte immense Erfolge mit seiner Hörfunksendung bei Radio Luxemburg (heute RTL Radio), der europaweit ältesten kommerziellen Rundfunkstation, bei der sich auch Dieter Thomas Heck (→ Vorentscheid 1961) die ersten Sporen verdiente. Lebenserfahrenen Freunden sinnlos-heiterer Gameshows ist Felgen zudem als Moderator der Spiele ohne Grenzen in Erinnerung, einer Art für das Fernsehen lustig aufgemotzter Bundesjugendspiele, die Einschaltquoten von über 50% erreichten. In London landete er mit einem Liedchen in Lëtzebuergesch (ein wahrlich grauenhaft klingender Dialekt, so eine Art noch stärker vernuscheltes Saarländisch) auf dem letzten Rang.

Was ein Gelück, dass er ins Showbusiness ging: Rudi Carrell (NL)

Jahrzehntelang nicht wegzudenken aus der deutschen Fernsehunterhaltung war auch der unvergessene, 2006 an Lungenkrebs verstorbene Rudi Carrell (Am laufenden Band, Rudis Tagesshow, Herzblatt und viele andere TV-Shows). Der als cholerischer Perfektionist verschrieene große Entertainer, der mit einer Khomeini-Persiflage 1987 für eine echte diplomatische Krise zwischen Deutschland und dem Iran sorgte, erfüllte zuletzt noch bei RTL (7 Tage, 7 Köpfe) die Funktion der Zielscheibe für Demenzzoten, bevor er sich mit einem bewegenden TV-Abgang unsterblich machte. Beim 1960er Grand Prix ersang er für die Niederlande mit ‚Wat een Geluk‘ den vorletzten Rang. Wie man sieht, muss also ein hinterer Platz beim Song Contest einer erfolgreichen TV- oder Gesangskarriere nicht im Wege stehen: Carrell erzielte bei uns mit Spaßnummern wie ‚Wann wird’s mal wieder richtig Sommer oder ‚Goethe war gut‘ beachtliche Verkaufserfolge. Und das sollte Gracia Baur (→ DE 2005) doch Mut machen. Oder besser nicht?

Bryan Johnson (UK) – die Geschichte des „O“

Keinen Appell für den Drogenkonsum stellte übrigens, auch wenn man das vom Titel her glauben könnte, Bryan Johnsons ‚Looking high, high, high‘ dar. Die schmissige Uptemponummer, in welcher der 1995 verstorbene Bryan (übrigens der Bruder des britischen Vorjahresvertreters Teddy Johnson) selbstverständlich auch ein wenig pfiff, reihte redundant stotternd die erwartbaren Reime („Looking high, high, high / Looking low, low, low / Wondering why, why, why / Did she go, go, go“) auf, erwies sich aber neben ‚Tom Pillibi‘ als das einzige Stück des Abends, das nach heutigem Verständnis als so etwas Ähnliches wie ein Popsong durchginge (#20 in den heimatlichen Charts). Damit erreichte das Vereinigte Königreich, wie bereits 1959 und wie noch so oft in der folgenden Geschichte, den zweiten Rang. Eine für lange Zeit minder erfolgreiche Eurovisionsnation debütierte in London: zwar erschmetterte sich die 2015 verstorbene Nora Brockstedt (→ NO 1961) mit dem enthusiastisch lautmalerischen ‚Voi-voi‘ zum Auftakt einen akzeptablen fünften Rang, doch sollte kein Land so oft die Rote Laterne einsammeln (und nur wenige so oft die → Null-Punkte-Wertungen) wie das geografisch und popkulturell etwas randständige Norwegen.

Heiterer Gesang und putzige Puschelärmel: Nora Brockstedt (NO)

Das skandinavische Land bediente sich im Verlauf seiner Grand-Prix-Geschichte auffallend oft international verständlicher Titel wie ‚Oj, oj, oj‘ (1969), ‚Karussel‘ (1965), ‚Stress‘ (1968), ‚Do-Re-Mi‘ (1983), ‚Romeo‘ (1986), ‚Brandenburger Tor‘ (1990) oder ‚La det swinge‘ (1985) – bis auf letztgenannten Beitrag allerdings meist ohne nennenswerten Erfolg. Andererseits führt es in der Siegerbilanz mit drei Treffern vor Deutschland: kein Grund zum Hochmut also. Interessiert hätte mich übrigens noch die Höhe des Schmiergelds, das Monaco an die deutsche → Jury bezahlt haben muss, damit diese sieben ihrer zehn Punkte (und damit knapp die Hälfte der monegassischen Ausbeute) ausgerechnet an das extrem öde ‚Ce Soir-là‘ verschleuderte? Wir werden es wohl nie erfahren.

Eurovision Song Contest 1960

Eurovision Song Contest. Dienstag, 29. März 1960, aus der Royal Albert Festival Hall in London, Großbritannien. 13 Teilnehmerländer. Moderation: Katie Boyle
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01UKBryan JohnsonLooking high, high, high2502
02SESiw MalmkvistAlla andra får varann0410
03LUCamillo FelgenSo laang we's du do bast0113
04DKKaty BødtgerDet var en yndig Tid0410
05BEFud LeclercMon Amour pour toi0906
06NONora BrockstedtVoi-voi1105
07ATHarry WinterDu hast mich so fasziniert0607
08MCFrançois DegueltCe Soir-là1503
09CHAnna TraversiCiela e Terra0508
10NLRudi CarrellWat een Geluk0212
11DEWyn HoopBonne Nuit, ma Chérie1104
12ITRenato RascelRomantica0508
13FRJacqueline BoyerTom Pilibi3201

2 Kommentare zu „ESC 1960: I shall die, die, die

  1. Beim Luxemburgischen habelt es sich um eine Sprache, nicht um einen Dialekt. Und die Sprache heißt entweder Luxemburgisch (auf Deutsch) oder Lëtzebuergesch (auf Luxemburgisch), aber niemals Letzeburgisch.

  2. Danke für den Hinweis auf die Schreibweise, ich hab’s im Text korrigiert. Ansonsten beziehe ich mich aber nicht auf den offiziellen, politisch geprägten Status (Moldawisch ist offiziell auch eine eigene Sprache, tatsächlich aber nichts anderes als ein rumänischer Dialekt), sondern auf die linguistische Herkunft. Und da gibt mir Wikipedia Recht:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Luxemburgische_Sprache

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