DVE 1982: Ich bin nur ein Mädchen

Nicole, DE 1982
Die Friedensbotschafterin

So langsam erstarrten die in München produzierten Grand-Prix-Vorentscheidungen zur Routine. Auswahl- und Abstimmungsmodus, Teilnehmerzahl, Bühnenbild: alles exakt wie schon in den Jahren zuvor. Erneut führte die damenhafte Carolin Reiber mit aufgesetztem Pathos durch den Abend, und auch wenn sie mit stolzgeschwellter Brust erzählte, dass die Jury diesmal über 800 Titel zu sichten hatte, befand sich das letztlich präsentierte Musikprogramm fest im Würgegriff weniger altgedienter Schlagerschaffender. Denn die Handvoll zur Vorauswahl eingereichten Neue-Deutsche-Welle-Songs flogen in den Radiovorrunden auf den ARD-Schlagerwellen konsequent raus. Und, auch das mittlerweile Routine: erneut belegte Ralph Siegel die beiden ersten Plätze.

Auch 1982 rüschte sich Caroline Reiber für den festlichen Abend auf

Einzige Abweichung: vom Team Siegel & Meinunger stammten diesmal gar drei der zwölf (sprich: ein Viertel der) in die TV-Endrunde durchgekommenen Vorschläge. Einer davon: die depressiv stimmenden ‚Blue-Jeans-Kinder‘, die Hymne zur Midlifecrisis einer desillusionierten Generation von Durchschnittsspießern, die in ihrer Jugend zwar mal mit den Ideen der Achtundsechziger sympathisierten, sich dann aber doch für Karriere, Bausparvertrag und das Reihenhaus in der Vorstadt entschieden und nun hart an ihrer Lebenslüge zu kauen hatten. Die vom Schlagergeschäft schon lange desillusionierte Marianne Rosenberg (DVE 1975, 1978, 1980) krähte die tranige, musikalisch auf der schottischen Nationalhymne ‚Auld Lang Syne‘ basierende Nummer auf den achten Platz. Noch im selben Jahr nahm Marianne gemeinsam mit den NDW-Helden Extrabreit ihr bestes Lied auf: den fantastischen Wave-SM-Kracher ‚Duo Infernal‘. Der hätte es hier aber leider erst gar nicht bis in die Endrunde geschafft.

„Natürlich kannst Du mich schlagen, wenn Du Lust dazu hast“: Kai & Marianne

Jürgen Marcus (DVE 1974, 1975, LU 1976) ließ sich einen Valiumschlager des Vater-Sohn-Teams Fuchsberger (DVE 1981) andrehen, während sein früherer Stammproduzent Jack White die Eurovisionssiegerin von 1971, Séverine, mit einem schwunglosen Durchhalteschlager versorgte. Titel: ‚Ich glaub an meine Träume‘. Da blieb sie allerdings die Einzige. Eröffnet wurde der Abend unpassenderweise von Werner Böhm, einschlägig bekannt als Stimmungssänger Gottlieb Wendehals (‚Polonäse Blankenese‘). Seine ebenfalls karnevaleske Nummer ‚Der Ohrwurm‘ strafte den Titel indes Lügen. Dementsprechend stießen die verzweifelten Versuche Böhms, das eher auf festliche Schlagerballaden als auf Niveau-Limbo eingestimmte Münchener Studiopublikum durch direkte Ansprache zum fröhlichen Mitklatschen zu animieren, auf frostige Ablehnung. Eine Grand-Prix-Vorentscheidung ist nun mal keine ZDF-Hitparade und unterhalb eines Alkoholpegels von 1,5 Promille funktioniert Fasching bekanntlich nicht!

Perlen vor die Säue: Mary und das Shetlandschaf

Böhm schrieb daneben einen Beitrag für seine damalige Ehefrau Mary Roos (DE 1972, 1984, DVE 1970, 1975): den gemeinsam mit dem (gefühlt drei Oktaven höher als sie singenden) Gesichtspullover David Hanselmann vorgetragenen, erstaunlich unflachen Beziehungsschlager ‚Lady‘. Das musikalische wie textliche („Liebe heißt doch nicht, sich aufzugeben / Jeder braucht die Freiheit auch für sich“) Kleinod deutschen Musikschaffens wurde sträflich unterbewertet und war leider nur für mittlere Ränge gut, sowohl in den Charts (#31) als auch beim Vorentscheid (Rang 6). Deutlich flotter und ein wenig besser platziert hingegen der unsentimentale Trennungs-Discoschlager ‚Nun sag schon Adieu‘ des heute bei der Kölner Karnevalskapelle De Höhner beheimateten Frisurenverbrechers Hannes Schöner, der es trotz eines brutalstmöglich abgewürgten Songfinales (die Drei-Minuten-Regel) immerhin auf Platz 3 schaffte.

Ein Ehrenplatz bei Fiese-Scheitel.de dürfte ihm sicher sein: Hannes Schöner

Um die Krone jedoch rangen, wie schon erwähnt und wie schon in den Vorjahren, Siegel und Siegel. Den Kürzeren (auch in den Charts: Rang #47) zog dabei die Schweizerin Paola del Medico (CH 1969, 1980, DVE 1979), obwohl sie für das schrecklich nervige Kinderlied ‚Peter Pan‘ natürlich auch etliche Blagen mit auf die Bühne holte, was in Deutschland eigentlich immer für Stimmen gut ist. Aber an Nicole Hohloch aus dem Saarland war einfach kein Vorbeikommen. Im Vorjahr mit ihrer Debütsingle ‚Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund‘ noch in der Jury-Vorrunde rausgeflogen (diesmal schaffte sie es auf dem 24. Platz gerade so in die Radio-Auswahl), zog ihr neuer Mentor Ralph Siegel alle Register: im braven Kommunionskleid, mit umgeschnallter weißer Wanderklampfe und engelsgleich gebürstetem Haar, wirkte die Siebzehnjährige wie die Personifizierung von Unschuld, Reinheit und weltverbessernder Naivität, was ihre harfenumschmeichelte Friedensbotschaft aufs Trefflichste unterstützte.

Caroline Reiber hat schon vorab einen Pflaumensturz, Nicole erst hinterher

Man muss sich heutzutage erst wieder in diese Epoche zurückversetzen: im Frühjahr 1982 brach die diabolische britische Regierungschefin Margaret Thatcher einen bewaffneten Krieg mit 900 Toten um ein paar hauptsächlich von Schafen bewohnte Felsen vor der Küste Argentiniens vom Zaun, um den innenpolitischen Widerstand gegen den Ausverkauf ihres Landes zu brechen. Und das inmitten des Kalten Kriegs, auf dem Höhepunkt des irrsinnigen Wettrüstens der damaligen Supermächte USA und UdSSR und ihrer jeweiligen Verbündeten! Die Systemgrenze der beiden verfeindeten Blöcke verlief mitten durch das seinerzeit noch zweigeteilte Deutschland, wir waren auf beiden Seiten mit Atomraketen bis unter die Halskrause zugepflastert. Die allgegenwärtige, ganz real empfundene Angst vor dem unmittelbaren, infernalischen Ende der Menschheit war mit Händen zu greifen. Auch ich, damals fünfzehnjährig, fragte mich abends beim Einschlafen täglich, ob ich den nächsten Morgen noch erleben dürfte oder ich zwischenzeitlich als Ziel eines Sprengkopfes, von welcher Seite auch immer, herhalten müsste. Textzeilen wie „Ich singe aus Angst vor dem Dunkel mein Lied / und hoffe, dass nichts geschieht“ trafen da den blankliegenden Nerv der Zeit. Kein Wunder, dass Nicole kam, sang und siegte.

Auch im Osten hatten die Menschen Angst vor dem Overkill: die DDR-Gruppe Karat, ‚Der blaue Planet‘, aus demselben Jahr – ein Top-Hit auch im Westen und der deutlich tiefgründigere Friedensschlager. Aber Nicole hatte die schöneren Engelslocken.

Deutsche Vorentscheidung 1982

Ein Lied für Harrogate. Samstag, 20. März 1982, aus dem Studio 4 des Bayerischen Rundfunks in München-Unterföhring. 12 Teilnehmer. Moderation: Carolin Reiber.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Gottlieb WendehalsDer Ohrwurm202911-
02SéverineIch glaub an meine Träume271710-
03Jennifer KampWie Phönix aus der Asche196512-
04Mel JerseySchenk mir eine Nacht322707-
05Gaby BaginskySo wie Du bist280209-
06Marianne RosenbergBlue-Jeans-Kinder286208-
07Mary Roos + David HanselmannLady33580631
08PaolaPeter Pan43180247
09DeniseDie Nacht der Lüge379904-
10Hannes SchönerNun sag schon Adieu39140327
11Jürgen MarcusIch würde gerne bei Dir sein343905-
12NicoleEin bisschen Frieden51160101

3 Kommentare zu „DVE 1982: Ich bin nur ein Mädchen

  1. Angst Damals war ich 13 und wußte auch nicht, wie lange ich noch zu leben habe, es konnte ja ganz schnell vorbei sein. Daher hat mich diese Schnulze aus dem bösen Westen richtig umgehauen. Den anschließenden ESC-Sieg habe ich dann total genossen, auch wenn ich kein BRD-Bürger war.

  2. Ralph Siegel schreibt übrigens in seiner Biographie, dass Nicole ursprünglich auch „Nur ein Lied“ von Pietsch und Jung gesungen hat, sich dann aber für „Ein bisschen Frieden“ entschied.

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