DVE 1981: Lieder können grausam sein

Lena Valaitis, DE 1981
Die Fränkische

Business as usual bei der deutschen Vorentscheidung. Der Bayerische Rundfunk behielt nach dem Erfolg von Katja Ebstein ([DE 1970, 1971, 1980, DVE 1975] die zum Dank diesmal moderieren durfte, was nicht unbedingt zu ihren allerstärksten Talenten gehört) die Verantwortung und führte das Konzept unverändert fort. Selbst die Studiodekoration blieb die gleiche. Trotz einiger prominenter Namen lag das künstlerische Niveau in diesem Jahr jedoch ausgesprochen niedrig – dass es im Verlaufe des anstehenden Jahrzehnts in noch abgründigere Tiefen sänke, vermochte man sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht vorstellen. Das hatte mit einem Generationswechsel zu tun, den man in München hartnäckig ignorierte. Während in den Verkaufscharts und selbst in Dieter Thomas Hecks (DVE 1961ZDF-Hitparade eine fröhliche, vom Punk und New Wave inspirierte Revolution namens Neue Deutsche Welle tobte, zog man es vor, sich beim Vorentscheid nach dem Motto „Augen zu und durch“ auf den Schlagerfriedhof zu verkriechen, auch wenn dies bedeutete, die musikalische Glaubwürdigkeit des Wettbewerbs zu verspielen.

Verliert erst den Rock, dann das Mikro: Rudolfs Begleitbiene

So kam es, dass beispielsweise der 2010 ertrunkene Sohn des TV-Showmasters Joachim „Blacky“ Fuchsberger (Auf Los geht’s los), Tommy Fuchsberger, ein selbstverfasstes, über die Maßen lahmes Schnülzchen namens ‚Josefine‘ zu Gehör bringen durfte. Die Tunte Taco Ockerse, der 1982 mit ‚Puttin‘ on the Ritz‘ die Charts stürmte, landete bei seinem ersten TV-Auftritt mit dem bodenlos schlechten Schlagerlein ‚Träume brauchen Zeit‘ zu Recht auf dem letzten Platz. Nur wenig mehr Stimmen erhielt die vor wie nach dem Vorentscheid gleichermaßen unbekannte Nina Martin für ihren ebenfalls selbst geschriebenen, moderat originellen Song über die ‚Männer‘. Am progressivsten, im Sinne von: am wenigsten eingestaubt, erschienen noch die zwei von Musikproduzent Michael Cretu (Spliff, Sandra, Enigma) verfassten Nummern für Rudolf Rock & die Schocker (‚Mein Transitorradio‘: eine Kreuzung aus Stimmungsschlager, Rock’n’Roll und homöopatischen New-Wave-Anleihen, mit der auch die Spider Murphy Gang große Erfolge feierte) sowie den Wiener Liedermacher und Sänger Peter Cornelius (‚Träumer, Tramps und Clowns‘: eine geradezu ekelerregend andréhellereske Verbeugung vor den Zirkusleuten; wohl als Versuch geschrieben, den Erfolg von ‚Theater‘ zu wiederholen), der im selben Jahr mit ‚Du, entschuldige, i kenn di‘ seinen ersten Top-Hit erzielte.

Vier Lieschen Müllers machen einen auf ‚Mannequin‘: die Hornettes

Doch warum die Kopie wählen, wenn man das Original haben kann? Ralph Siegel reichte erneut zwei Beiträge ein: erstens den wirklich besinnungslos üblen Jahrmarktschlager ‚Mannequin‘ der Retortenkapelle Hornettes (oder auch Ralphies Reste Rampe, in der unter anderem Linda G. Thompson von Silver Convention [DE 1977] und Gitta Walther von der Love Generation [DVE 1975, 1976] Unterschlupf fanden), der schockierenderweise den zweiten Platz belegte. In welchen Altersheimen hat Infratest denn da nun wieder abstimmen lassen? Sowie, zweitens, den passend zum aktuellen Jahr des Blinden verfassten, harmonikagesättigten Tränenzieher ‚Johnny Blue‘. Die so schön wie keine Zweite im Schlagerwesen das „R“ fränkisch rollende, gebürtige Litauerin Lena Valaitis (DVE 1976, 1992) steuerte ihre wundervolle, warm und dunkel timbrierte Stimme bei und auch ihr Backgroundchor holte mit vollem Einsatz alles an Drama heraus, was aus dieser (vom Liedaufbau her deutlich der Struktur des monegassischen Siegertitels von 1971, ‚Un Banc, un Arbre, une Rue‘ folgenden) Superkitschnummer herauszuholen war. Da blieb kein Auge trocken und Frau Valaitis gewann mit deutlichem Vorsprung vor der Konkurrenz aus eigenem Hause.

Die Krystle Carrington des deutschen Schlagers: Lena Valaitis

Was Ralph Siegel, so berichteten mir bestens informierte Kreise, über die Maßen erbost haben soll. Der hatte fest auf einen Sieg der schrecklichen Hornettes gesetzt, das Festbankett bereits gebucht und war nun den restlichen Abend über damit beschäftigt, die vier Kirmesmusikantinnen zu trösten, während Lena sich die Zeit alleine vertreiben musste. Dabei ist nun gerade ‚Johnny Blue‘ unter all seinen Kitschliedern das mit Abstand schönste, weil lyrisch schamloseste. Bei der – natürlich durch eine mysteriöse Jury durchgeführten – Vorauswahl unter den angeblich über Sechshundert eingereichten Liedvorschlägen fiel übrigens ein Song durch, der nur kurze Zeit später die Verkaufscharts aufrollte: ‚Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund‘. Ein ausnahmsweise nicht von Ralph Siegel verfasster, dramatischer Lagerfeuer-Schlager, der eine dermaßen grausame Allegorie auf die Neugierde und die damit verbundenen Risiken erzählte („wer so hoch hinaus will, der ist in Gefahr“), dass bei mir als damals vierzehnjährige Kitschelse beim Hören die Tränen in Sturzbächen flossen. Eine gewisse Saarländerin ließ ihn bis auf Platz 2 fliegen: ob Sie, liebe Leser/innen, wohl draufkommen, wer es war?

L’Oiseau et l’Enfant: Nicoles dramatischster Tränenzieher

Doch auch wenn dieser Titel den Vorentscheidungsbeiträgen nicht nur kommerziell deutlich überlegen war: aus heutiger Sicht erscheint es als Gnade, dass er an der Vorauswahl-Jury scheiterte und in München nicht dabei sein konnte. Hätten sich doch sonst die Stimmen der Drama-Kitsch-Anhänger/innen vermutlich zu gleichen Teilen auf Nicole und Lena aufgespalten – und am Ende, man möchte sich das Grauen gar nicht ausmalen, noch die Hornettes (die es 1983 mit dem ebenfalls besinnungslosen Rock’n’Roll-Schlager ‚Hello, Mr. Radio‘ erfolglos bei der österreichischen Vorentscheidung versuchten) mit ihrem wirklich furchtbaren, furchtbaren Lied gewonnen! So aber kam Frau Valaitis zu ihrem größten (wenn auch leider letzten) Hit und die erst am Anfang ihrer langanhaltenden Karriere stehende Frau Hohloch konnte im Folgejahr den ersten deutschen Sieg eintüten. Insofern: Merci, Jury!

1981 einer der Top-Hits in Deutschland: ‚Sarà perché ti amo‘ von Ricchi & Poveri (IT 1978), die musikalische Vorlage für Ingrid Peters‘ ‚Viva la Mamma‘ (DVE 1983)

Deutsche Vorentscheidung 1981

Ein Lied für Dublin. Samstag, 28. Februar 1981, aus dem Studio 4 des Bayerischen Rundfunks in München-Unterföhring. 12 Teilnehmer, Moderation: Katja Ebstein.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01JanzSteine235510-
02Nina MartinMänner229211-
03TacoTräume brauchen Zeit226912-
04Lenz HauserMoment285608-
05Tommy FuchsbergerJosefine295607-
06Rudolf Rock & die SchockerMein Transistorradio273509-
07Lena ValaitisJohnny Blue50230109
08Martin MannBoogie Woogie403903-
09Jürgen RenfordBarfuß durch ein Feuer396304-
10LeinemannDas Ungeheuer von Loch Ness392105-
11HornettesMannequin43040227
12Peter CorneliusTräumer, Tramps und Clowns376906-

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