ESC 1958: Risotto am Lago Maggiore

Logo des Eurovision Song Contest 1958
1958: Das Jahr des Déjà vu

Nein, liebe Kinder, bei Pop-Prinzessin Lena Meyer-Landrut (→ DE 2010, 2011) handelte es sich keineswegs um die erste Eurovisionssiegerin, die sich tollkühn an der Titelverteidigung versuchte. Bereits die legendäre Premierensiegerin Lys Assia (→ CH 1956, 1957, Vorentscheid CH 2012, 2013, Vorentscheid DE 1956) trat im Folgejahr erneut an, allerdings – wie Frau Meyer-Landrut auch – mit deutlich weniger Erfolg. Die 1957 siegreiche Niederländerin Corry Brokken folgte dennoch ihrem Beispiel und wurde 1958 sogar nochmals Erste – leider jedoch vom anderen Tabellenende aus gesehen. Da schlug sich das deutsche Fräuleinwunder beim Zweitversuch deutlich besser, auch wenn sie rein nominal auf dem selben Tabellenplatz (#10) landete wie Frau Brokken.

Die Showtreppe fungierte als zentrales Element des ESC 1958 (komplette Show)

1958 jedenfalls wimmelte das Starter/innenfeld nur so von alten Bekannten. Die Musikszene der Schweiz bestand in den fünfziger Jahren offenbar ausschließlich aus besagter Lys Assia: die Eidgenossen entsandten sie bereits zum dritten Mal in Folge. Ihr so flottes wie skurriles Lied ‚Giorgio‘ nahm, was das Tempo des Songs und des dargebotenen Sprechgesangs angeht, den deutschen Hip-Hop und Flummitechno der Neunziger bereits vorweg. Und belegte damit erstaunlicherweise den zweiten Rang. Textprobe: „Ein Weekend mit Dir und Risotto, Risotto, Risotto, Risotto“ – die Assia schien mit ihrem Papagallo am (in Schlagerkreisen äußerst beliebten) Lago Maggiore entweder eine frühe Version von ‚9 ½ Wochen‘ auszuprobieren, oder sie surfte einfach sehr geschickt auf der gerade durch das Nachkriegsdeutschland wogenden Fresswelle. Zumal noch „Polenta“, „Vino“, „Espresso“ und natürlich „Chianti“ eine Rolle spielten.

Darauf einen Ramazzotti! (CH)

Die deutsche Wiederkehrerin Margot Hielscher (→ DE 1957, Vorentscheid 1956) hingegen stürzte ab. Wie schon im Vorjahr versuchte sie, die Sprachgrenze mit optischen Illustrationen zu überwinden. Ihr hinreißend vertontes ‚Für zwei Groschen Musik‘ handelte von der seinerzeit in keiner Gaststätte fehlenden Jukebox. Also hantierte sie mit ein paar Single-Schallplatten (unverkaufte Restexemplare ihrer eigenen Aufnahmen?) und kostümierte sich sicherheitshalber mit rotem Schleifchen und glitzerndem Krönchen als „Miss Jukebox“. Vermutlich führte genau das zur fatalen Fehlinterpretation durch die Juroren, die möglicherweise glaubten, Hielscher wollte sich bereits vor ihrem Urteil selbst zur Königin des Abends krönen. So reagierten sie verschnupft und verbannten die Deutsche auf einen (damals noch) unglücklichen siebten Platz. Für Belgien nahm erneut Fud Leclerc (→ BE 1956, 1960, †2010) teil, der noch die nächsten fünf Jahre im stetigen Wechsel mit Bob Benny (→ BE 1959, 1961) magere Resultate ersingen durfte: er für Wallonien, den französischsprachigen Part des Bierpanscherlandes; Benny (der sich 2001, zehn Jahre vor seinem Ableben, im Alter von 75 Jahren outete) für Flandern, den holländisch sprechenden Teil.

Schwedens erfolgreiche Eurovisionsreise startet 1958 mit der Zeile „La la la la la la lala la“ (SE)

In der ihnen so eigenen, liebenswert grotesken Selbstüberschätzung blieben die Briten aus Protest gegen die in ihren Augen zu schlechte Vorjahresplatzierung ihres außergewöhnlich zähen Premierenbeitrags ‚All‘ der Hilversumer Veranstaltung fern. Dafür nahm erstmalig das Land teil, das ihnen im Laufe der folgenden Eurovisionsjahrzehnte bald den Ruf als europäisches Powerhouse des Pop streitig machen sollte. Alice Babs (†2014), zum Zeitpunkt ihres Grand-Prix-Debüts eine auch in Deutschland bereits erfolgreiche Schlagersängerin (‚Ein Mann muss nicht immer schön sein‘, ‚Jodel Cha Cha‘) und Filmschauspielerin (‚Schwedenmädel‘), trat in einer im Vergleich zu den sonst üblichen, aufwändigen Abendkleidern recht rural wirkenden Landestracht an und begann ihr lieblich-langweiliges ‚Lilla Stjärna‘ mit vollen vier Zeilen „La la la“. Vermutlich im Bestreben, die Juroren einzulullen, bevor sie aufgrund der damals noch ungeschriebenen, aber strikt befolgten → Sprachenregel für den Rest des Liedes auf das für die meisten europäischen Ohren doch etwas zickig klingende Schwedisch umsteigen musste. Der beim Grand Prix stets gern genutzte Trick der universell verständlichen Lautmalerei funktionierte auch hier: mit dem vierten Rang zum Auftakt erfuhren die Skandinavier eine deutlich gnädigere Aufnahme in die Eurovisionsfamilie als die vergrätzten Briten.

Und alle so: Vooooooolare, oh-ho! (IT)

Das erste von drei Malen (erkennt jemand ein Muster?) ging der italienische Komponist, Sänger und San-Remo-Gewinner Domenico Modugno (→ IT 1959, 1966) an den Start. Zwischen 1956 und 1966 entsandte die RAI nämlich stets den Sieger des von den Popularitätswerten her nur mit dem schwedischen Melodifestivalen vergleichbaren italienischen Gesangswettbewerbs und Contest-Vorbildes. In Folge der in der Heimat ungebrochenen Beliebtheit des glamourösen Festival della Canzone italiana bei gleichzeitig nachlassendem Interesse am Grand Prix nutzten die Italiener das Festival danach jedoch nur noch sporadisch als Vorentscheid, so in den Jahren 1972, 1989, 1993 und 1997. Modugnos ‚Nel blu dipinto di blu‘ avancierte zum unzählige Male gecoverten, weltweiten Evergreen und, zählt man sämtliche Fassungen zusammen, zum bis heute kommerziell erfolgreichsten Eurovisionssong. Als ‚Volare‘ erreichte es gar Platz 1 der US-amerikanischen Billboard-Charts und kann eine Grammy-Nominierung vorweisen. 2005 wählten es die europäischen TV-Zuschauer/innen zum zweitbeliebtesten Grand-Prix-Lied aller Zeiten, nach ‚Waterloo‘ (→ SE 1974). In unseren Gefilden konnte der 1994 verstorbene Modugno damit allerdings keinen Hit landen – dafür schaffte es die zahnlose, von Peter Alexander dargebotene Eindeutschung ‚Bambina‘ bis auf Platz 2 der Charts. Manchmal möchte man sich vor Fremdscham über den schlechten Geschmack seiner Landsleute echt erschießen.

Schlaf, Kindchen, schlaf, Dein Vater hüt‘ die Schaf‘ (FR)

Doch auch bei den Grand-Prix-Juroren blitzte Domenicos unsterblicher Beitrag zum Weltkulturerbe ab: sie zogen Lys‘ Ode an die Völlerei vor, sowie ein gestenreich vorgetragenes französisches Wiegenliedchen (‚Dors, mon Amour‘) des 2003 sanft entschlafenen André Claveau, das unverständlicherweise gewann. Der erste wirklich grobe → Jury-Missgriff in der Eurovisionsgeschichte, dem bis zur leider nur zeitweiligen Abschaffung dieser absurden Instanz vierzig Jahre später noch etliche folgen sollten. Immerhin durfte auch Modugno seinen, zugegebenermaßen in späteren Bearbeitungen (wie beispielsweise in der englischsprachigen Version von Dean Martin oder in der flamencogitarrenlastigen Partyhit-Variante der Gipsy Kings, die damit 1989 einen Eurohit landen konnten) deutlich druckvolleren Beitrag ein zweites Mal vortragen. Denn der Italiener hatte die Startnummer 1, jedoch waren zu Beginn der TV-Übertragung die Leitungen noch nicht überall hin geschaltet. So musste / durfte er im Anschluss an Lys Assia noch mal ran.

Das Tempo anzuziehen, hilft immer: die Gypsy Kings machten Domenicos ESC-Klassiker 1989 Feuer unter dem Arsch

Erstmalig kam die neue (und bis heute beibehaltene) Regel zur Anwendung, dass der Vorjahressieger das Spektakel austragen soll: der Veranstaltungsort Hilversum machte sich nicht nur durch die Tulpendekoration bemerkbar, sondern auch durch die äußerst sparsame Moderation, einem holländischen Eurovisionsmarkenzeichen. Erst zu Beginn der Wertungen tauchte die Gastgeberin des Abends, Hannie Lips, auf. Skurril aus heutiger Sicht erscheint auch die von Hand betriebene Wertungstafel. Öfters schien es bei der Koordination von gerade durchgegebenen Wertungspunkten und Anzeige etwas zu hapern: so bekam beispielsweise Schweden („La Suede“) in der Sendung vier Punkte gutgeschrieben, die für die Schweiz („La Suisse“) bestimmt waren, was man erst im Anschluss feststellte und korrigierte. Denn, wie sagte Frau Lips noch in der Sendung: „There was no Mistake“. Aber genau für diese Pannen lieben wir ja den Contest!

Eurovision Song Contest 1958

3sieme Grand Prix Eurovision de la Chanson Européene. Mittwoch, 12. März 1958, aus den AVRO-Studios in Hilversum, Niederlande. Zehn Teilnehmerländer. Moderation: Hannie Lips.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01ITDomenico ModugnoNel blu, dipinto di blu (Volare)1303
02NLCorry BrokkenHeel de Wereld0109
03FRAndré ClaveauDors, mon Amour2701
04LUSolange BerryUn grand Amour0109
05SEAlice BabsLille Stjärna1004
06DKRaquel RastenniJeg rev et Blad ud af min Dagbog0308
07BEFud LeclercMa petite Chatte0805
08DEMargot HielscherFür zwei Groschen Musik0507
09ATLiane AugustinDie ganze Welt braucht Liebe0806
10CHLys AssiaGiorgio2402

2 Gedanken zu “ESC 1958: Risotto am Lago Maggiore

  1. Hihi. Den Contest habe ich erst gestern nochmal in voller Länge gesehen. Wenn ich ehrlich bin, der Reiz von ‚Nel blu dipinto di blu‘ erschließt sich mir in dieser Version nicht. Zzzzzz. Ein alles in allem typischer Abend der 50er. Bis auf Lys Assia. Was für Drogen werden eigentlich in der Schweiz gereicht? Rap beim ESC, und das zwanzig Jahre, bevor die Musikrichtung überhaupt erfunden wurde! 😉

  2. Schweizer Drogen Wer weiß, welche Gewürze da im Risotto, Risotto, Risotto, Risotto waren! 😉

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