DVE 1983: Verband uns wirklich nur die Nacht?

Hoffmann & Hoffmann, DE 1983
Die Rücksichtsvollen

Im Jahr Eins nach Nicole hielt sich Ralph Siegel aus der deutschen Vorentscheidung komplett heraus. Kein „Projekt Titelverteidigung wie bei einem anderen großen Eurovisionsegomanen – Onkel Ralph wusste, dass sich die Magie des Augenblicks nicht einfach wiederholen lässt. Ansonsten blieb alles wie gehabt: abgehalfterte Schlagerstars und unbekannte Sternchen sangen (noch immer unter der selben Lichtorgel wie schon 1979!) eine Auswahl ermüdender Schlichtschlager – alles, was auch nur im Entferntesten nach Subversion oder Blödelei hätte klingen können, siebten die Juroren und die Hörer/innen der ARD-Schlagerwellen in den Vorwahlen gnadenlos aus. Die deutsche Vorentscheidung blieb ein Hort der spießig-heilen Schlagerwelt, ein Bollwerk gegen modernen Deutschpop, gegen das richtige Leben.

Ein Lied für München aus München: wenn immer man dachte, die Reiber findet kein noch furchtbareres Kleid mehr, belehrte sie uns eines Besseren 

Costa Cordalis hatte sich von seinem knappen Scheitern drei Jahre zuvor erholt und versuchte es erneut, blieb aber mit einem diesmal selbst geschriebenen, saft- und kraftlosen Song erfolglos. Ingrid Peters‘ (DVE 1979, DE 1986) Mutterschafts-Loblied ‚Viva la Mamma‘ schaffte es auf Rang 2 sowie zumindest noch in die ZDF-Hitparade, wenn auch nicht in die richtigen Charts. Es belegte einen zumindest teilweisen gesellschaftlichen Fortschritt: betonte Conny Froboess1962er Migrationsschlager ‚Zwei kleine Italiener‘ noch die Fremdheit der Gastarbeiter im kalten Deutschland und ihren (unseren?) baldigen Rückkehrwunsch, so erzählte Ingrids interessanterweise von einer Hälfte des Siegerduos geschriebenes und im aktuellen Italo-Schlager-Sound gehaltenes Lied die Geschichte einer sich trotz anfänglicher Ablehnung (dankenswerterweise nur in Form eines fremdenfeindlichen Graffitis, damals zündete man noch nicht gleich Häuser an) rasch erfolgreich integrierenden sizilianischen Migrantenfamilie. Zugleich zeichnete es jedoch ein von bedingungsloser Aufopferung bestimmtes Frauenbild, das sicherlich die uneingeschränkte Zustimmung von Eva „Mutterkreuz“ Herman gefunden hätte.

July Pauls Job war es wohl, Ingrids Stimme herunterzuberteln. Hat nicht geklappt.

Wencke Myhre (DE 1968) setzte ebenso vergeblich auf den Mutterschaftsbonus: für ihre Tollkühne-Stehpinkler-Hymne ‚Wir beide gegen den Wind‘ rekrutierte sie ihren zehnjährigen Sohn Dan, der im Refrain mitkrähte. Die Teilnahme an der deutschen Vorentscheidung kostete Wencke ihren sicheren Grand-Prix-Startplatz im Heimatland Norwegen: an ihrer Stelle durfte der notorische Jahn Teigen (NO 1978, 1982) Europa mit ‚Do Re Mi‘ erquicken. Aber auch bei uns klappte es nicht – vermutlich, weil Frau Myhre in ihrem musikalisch wie textlich ziemlich halbgaren Schlager samt Kind vor dem (gewalttätigen?) Ehemann davonlaufen wollte, anstatt sich weiter in ihr Schicksal zu fügen, wie sich das für eine Frau und Mutter nun mal gehört… ‚Unendlich weit‘ war der Weg für Veronika Fischer, zumindest kulturell. In der DDR ein gefeierter Star, konnte sie nach ihrer 1982 erfolgten Flucht im Westen nie so recht Fuß fassen. In München jedenfalls verendete ihr aufgeblasener, träger Depri-Schlager auf dem vorletzten Platz.

Niedlich und nachdenklich zugleich funktioniert nicht: Wencke & Dan

Ganz hinten landete der österreichische Liedermacher Harry Belten – Rache für den historischen einen Punkt für unsere (im originalen Auftrittskleid aus Harrogate im Münchener Studiopublikum sitzende) Nicole? Nö: das gerechte Ergebnis für seinen komplett vernuschelten Schlichtschlager ‚Angelo‘. Auch der Junge mit dem Hund von Monika, Bernd Clüver (DVE 1985), ging an den Start – mit einem von Dieter Bohlen komponierten Schlager! Was natürlich nur im Rückblick sensationell erscheint: ein gutes Jahr vor ‚You’re my Heart, you’re my Soul‘ reihte sich Proll-Dieter noch in die langen Reihen namen- und / oder erfolgloser Songschreiber ein, die es hier versuchten. Immerhin kann man der Nummer, zu der auch der heutige DSDS-Jurygott mit umgeschnalltem tragbaren Synthesizer – die Keytar, später eines der optischen Erkennungszeichen von Modern Talking – auf der Bühne stand und enthusiastisch im Chor mitgrölte, einen ordentlichen Schub und eine gute Hookline nicht absprechen. Selbst wenn sich Dieter und Bernd (†2011) nicht immer über den zu singenden Text einig waren.

Sie war 17 und ich 41: der Bernd, der Clüver

Nur fünf Jahre später hätte ich für so einen Beitrag meine Seele verkauft! Diesmal reichte es für einen gerechten dritten Rang, denn es gab Besseres. Nämlich die siegreiche Komposition von Michael Kunze und Volker Lechtenbrink (‚Ich mag‘, ‚Erst drüben die Dame‘ – warum nur ist er nie selbst angetreten?): das nach ECG-Recherche zunächst Herrn Clüver angetragene, letztlich aber von den Gebrüdern Hoffmann & Hoffmann sehr gefühlvoll vorgetragene ‚Rücksicht‘. Ein wunderschöner Beziehungsschlager und Aufruf zu weniger Egoismus; deutlich weniger kitschig und pathetisch als die Siegel-Oeuvres, dennoch balladesk und ergreifend. Mit anderen Worten: einer der uneingeschränkt unpeinlichen deutschen Eurovisionsbeiträge! Da konnte man auch gnädig über das etwas legere Auftreten der beiden Herren hinwegsehen, die optisch entfernt an John Oates (Hall & Oates) und Paul Simon (Simon & Garfunkel) erinnerten.

Abgefeimte Kameratechnik: Hoffmann & Hoffmann

Traurig: trotz aller besungenen „Vorsicht“ und „Rücksicht“ zerbrach John Oates Günter Hoffmann, der mit der sexy Schenkelbürste, nur ein Jahr später am ausbleibenden Nach-Grand-Prix-Erfolg (es reichte nur zum fünften Platz und die Deutschen reagierten, wie erwartet, pikiert) und einer gescheiterten Beziehung. Er nahm sich in Rio de Janeiro das Leben. Sein Bruder Michael sagte sich trotzig ‚Ich geb nicht auf‘ und nahm 1987 noch mal an der deutschen Vorentscheidung teil, kam aber über Rang 7 nicht hinaus. Anschließend verlegte er sich auf das Komponieren spiritueller Musik. Namaste!

Als wäre es ein Kommentar zum Zustand des Eurovisionsvorentscheids: 1983 erzielte Bonnie Tyler (UK 2013) einen Top-Hit in Deutschland mit dem bombastischen ‚Total Eclipse of the Heart‘

Deutsche Vorentscheidung 1983

Ein Lied für München. Samstag, 19. März 1983, aus dem Studio 4 des Bayerischen Rundfunks in München-Unterföhring. 12 Teilnehmer. Moderation: Caroline Reiber.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Holger ThomasMein Hit heißt Susi Schmidt260910-
02Veronika FischerUnendlich weit252311-
03Hoffmann & HoffmannRücksicht42510108
04Angela BrancaWarum hältst Du mich nicht fest?322208-
05Bernd ClüverMit 17393303-
06Ingrid Peters + July PaulViva la Mamma393802-
07Peter RubinWie ein Mann342706-
08Wencke Myhre + SohnWir beide gegen den Wind375205-
09Harry BeltenAngelo211112-
10LeinemannIch reiß alle Mauern ein331407-
11MaraSternenland298709-
12Costa CordalisIch mag Dich390204-

1 Gedanke zu “DVE 1983: Verband uns wirklich nur die Nacht?

  1. Kein Wort von Daddy’s [sic!] Dattelmonopol? Tse… Diese Trashperle hätte hier aber mal sowas von einer Erwähnung verdient, auch wenns fürs Münchener Vorentscheidungsfinale nicht gereicht hat…

Oder was denkst Du?