DVE 1973: Was ist Dein Geschenk an mich?

Gitte, DE 1973
Die Fordernde

„Was ist schon ein Jahr?“, so lautet die originalgetreue Übersetzung eines späteren Siegertitels beim Grand Prix Eurovision. Nun: augenscheinlich jede Menge, wenn es zwischen zwei deutschen Vorentscheidungen liegt. Rein formal unterschied sich das diesjährige Finale aus Frankfurt kaum vom dem von 1972 aus Berlin: es gab wiederum zwölf Beiträge und zehn Juroren (davon fünf „musikinteressierte Laien“), die jeden Song mit einem bis fünf Punkten zu bewerten hatten. Selbst die beiden Schlagerpärchen Cindy & Bert (DE 1974, DVE 1978) sowie Inga & Wolf waren erneut dabei.

Was bin ich? Gitte beichtet uns ihre Affäre mit Robert „Schweinderl“ Lembke

Was das inhaltliche Niveau angeht, lagen jedoch Welten zwischen beiden Veranstaltungen. Wüsste man es nicht besser, glaubte man, bei einer der peinlichen End-Achtzigerjahre-Vorentscheidungen gelandet zu sein, als so bodenlos schlecht erwies sich die musikalische Qualität der hier verklappten Schlichtschlager. Und als so lieblos die ganze Veranstaltung, als deren einsamer Höhepunkt das zwischendurch tänzerisch auftretende Ehepaar Trautz fungierte – das von Hans-Otto Grünefeldt in einem fulminanten Rollback der Spießigkeit wieder aus der Versenkung geholte Pausenfüller-Pärchen bot mit seiner drolligen Tanzstundenakrobatik wenigstens ein kleines bisschen an unfreiwilliger Komik. Die restlichen 80 Minuten der Sendung: Schlaftablette pur!

Ein kaputter Bauzaun als Studiodeko, eine lieblose Moderation: der Hessische Rundfunk scheute 1973 sowohl Kosten als auch Mühen

Peinlicherweise gelang es dem Hessischen Rundfunk nicht, genügend Sänger/innen für die vorgesehenen 12 Beiträge zusammenzukratzen, und so musste ein/e jede/r derjenigen, die sich „freundlicherweise zur Verfügung gestellt“ hatten, wie man nicht müde wurde, zu betonen, gleich zwei Mal ran. Was angesichts der furchtbaren Songs als reiner Sadismus gegenüber den Zuschauern gewertet werden muss. Kein Mitleid mit den kollaborierenden Interpret/innen: die hätten sich ja weigern können! Leider erwiesen sich nicht nur die Lieder als sterbenslangweilig, auch über die Auftritte des singenden Personals gibt es nichts Interessantes zu berichten. Mal abgesehen vielleicht von der Belgierin Tonia (BE 1966, ‚Un peu du Poivre, un peu du Sel‘), die wenigstens mit ulkigen Grimassen von der Drögheit ihrer Beiträge abzulenken suchte, wobei ihr ihr Doris-Schröder-Köpf-gleiches Gebiss sehr zupass kam. Mit ‚Sebastian‘, einem Liebeslied für einen Hund (frönt man nicht eher in den Niederlanden der Sodomie?), belegte sie denn auch den zweiten Platz – verdient, denn auf den Hund gekommen war diese Show nun wirklich.

Belgierin im Skianzug: To-ni-a

Bezeichnend, dass einer der „Laien“-Juroren, von Beruf Schallplattenverkäufer und somit ein wenig Ahnung von aktueller Popmusik habend, die zwölf Titel fast durchgehend mit der Mindestpunktzahl bedachte. Was die Unterhaltungschefs befreundeter TV-Stationen (sogar aus Spanien war jemand da) als Dank für die schöne Dienstreise mit Maximalwertungen ausglichen. Ganz offensichtlich litt unter den Ausgaben für eben diese Dienstreisen jedoch das Budget der restlichen Show dermaßen stark, dass weder für eine ansprechende Studiodekoration noch für ein Pausenprogramm, das seinen Namen verdient hätte, Geld zur Verfügung stand. Stattdessen quälte ein verstaubter Magier die Zuschauer/innen, konnte aber auch keinen Glanz in die Vorentscheidung zaubern. Die „Profi“-Juroren sorgten dann auch für den knappen Sieg von Gitte Hænning. Was vermutlich vorher abgesprochen war, wenn auch nur aus dem einen Grund, dass die Gastgeberin, „Fräulein“ Edith Grobleben, in ihrer vom Blatt abgelesenen Moderation wenigstens eine „spontane“ Pointe unterbringen konnte: das bei der Ansage des Siegerinnentitels schelmisch vorgetragene „Bitte, Gitte!“.

Du musst mit den Wimpern klimpern: Gitte!

Das richtet sich nicht gegen die von mir hochverehrte Frau Hænning: ihr ‚Junger Tag‘, ein hymnischer Anspruchshaltungsschlager, der inhaltlich („Junger Tag, ich frage Dich: was ist Dein Geschenk an mich?“) den Boden für ihre spätere Maximalforderung „Ich will alles, und zwar sofort!“ bereitete, war tatsächlich das einzige (!) erträgliche Elaborat an diesem Abend. Auch wenn die grundsympathische Dänin diese wunderbare, dezent swingende Ballade in ihren gelben Gummistiefeln etwas unterenthusiastisch vortrug. Aber weswegen hätte sie sich besondere Mühe geben sollen, wenn es sonst schon keiner tat? So bleibt diese Vorentscheidung leider als lustlose, fade Zeitschwendung in Erinnerung, bis auf die Trautzens noch nicht mal unfreiwillig komisch: eine ganz und gar konservative und uninspirierte, ja dilettantische Veranstaltung, gegen die selbst Dieter Thomas Hecks (DVE 1961ZDF-Hitparade wie ein Hort der Rebellion und Fortschrittlichkeit wirkt. A propos Hitparade: Platz 19 in den deutschen Single-Charts war das Geschenk der Deutschen an Gitte.

1973 ein Top-Ten-Hit in Deutschland: ‚Wenn ein Pferd vorüberschifft‘ von Julio Iglesias (ES 1970)

Deutsche Vorentscheidung 1973

Ein Lied für Luxemburg. Mittwoch, 21. Februar 1973, aus dem Studio 2 des Hessischen Rundfunks in Frankfurt. Sechs Teilnehmer. Moderation: Edith Grobleben.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Michael HolmDas Beste an Dir2509-
02ToniaMir gefällt diese Welt3007-
03Inga & WolfManchmal3206-
04Roberto BlancoIch bin ein glücklicher Mann3404-
05Gitte HænningJunger Tag400119
06Cindy & BertWohin soll ich gehn?2608-
07Michael HolmGlaub daran1912-
08ToniaSebastian3902-
09Inga & WolfSchreib ein Lied3603-
10Roberto BlancoAu revoir, auf Wiedersehn2411-
11Gitte HænningHallo, wie geht es Robert?330519
12Cindy & BertZwei Menschen und ein Weg2509-

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