DVE 1989: Wir sind so hoch geflogen

Nino de Angelo, DE 1989
Der Überflieger

Nach dem Vorjahresfiasko mit ranziger Siegel-Schlagerware ging der Bayerische Rundfunk 1989 endlich einen mutigen Schritt zur Auffrischung der deutschen Vorentscheidung. Zum einen verpflichtete er Hape Kerkeling als Moderator, der im Verbund mit den mehr oder minder prominenten Paten der zehn Beiträge einen flachen Kalauer nach dem anderen ablieferte, dies jedoch mit sehr viel jugendlichem Charme. Zum anderen, viel wichtiger noch, bat der BR die zehn kommerziell erfolgreichsten deutschen Musikschaffenden des Vorjahres, jeweils einen Song aus eigener Feder oder Produktion beizusteuern. Unter diesen Tüchtigen befand sich Ralph Siegel zwar nicht, der aber durfte an Stelle von Fancy (DVE 2000) komponieren, der wie so viele andere der Angeschriebenen keine Lust hatte, seine künstlerische Glaubwürdigkeit für den übel beleumundeten Grand Prix aufs Spiel zu setzen. Über die Höhe des Autorenabstands ist nichts bekannt.

1989 war Hape durchaus ein Leckerchen. Findet auch Petra Schürmann

Siegel schickte die später als Serienschauspielerin (Unter uns, Klinikum Berlin Mitte) und Playboy-Model lediglich einem eingeweihten Kreis bekannte Dorkas Kiefer. Sie sollte jedoch erst 1994 als das „Do“ in MeKaDo zu ihrem Eurovisionsauftritt kommen. Denn mit dem angesichts des frischen Grand-Prix-Windes durchaus sprechenden (und berechtigten) Titel ‚Ich hab Angst‘ zog Siegel gegenüber Dieter Bohlen den deutlich Kürzeren. Der ersann mit dem ‚Flieger‘ einen druckvollen und modernen Kokainverherrlichungsschlager („Du und ich, wir sind so hoch geflogen“) und beauftragte Nino de Angelo (DVE 2002), der ohnehin gerade in seinem Tonstudio herumlungerte, wo sich der ehemalige Jenseits-von-Eden-Star mittlerweile als Chorsänger bei Modern-Talking-Produktionen verdingen musste, mit der peppigen Nummer. Der leicht überperformative Auftritt des attraktiven Italodeutschen erhärtete zwar meinen Verdacht über die eigentliche Aussage des Bohlen-Beitrags, dies fiel aber mangels Konkurrenz nicht weiter ins Gewicht.

Als er noch ein Flieger war: Nino de Angelo

Denn auch wenn der BR mit dem Verzicht auf das antiquierte Orchester und dem Einsatz des Halbplaybacks für einen weiteren Modernitätsschub sorgte, trat die angestrebte Trendwende weg vom erbärmlichen Moderschlager der letzten Jahre hin zu international konkurrenzfähigem, aktuellem Pop aufgrund des Weiterbestehens der Sprachenregel nicht im erhofften Ausmaße ein. Wie auch: selbst bei uns war Deutsch als Gesangssprache so unbeliebt wie nie; unter den 50 meistverkauften Singles des Jahres 1989 fand sich nicht eine in der Heimatsprache intonierte. Beim Lied für Lausanne blamierte sich unterdessen der mit dem Italo-Disco-Kracher ‚Balla… balla‘ (einem Stars-on-45-ähnlichen Stampfmix der schlimmsten Sonne-Strand-und-Sangria-Schlager) zu internationalen Hitehren gekommene Francesco Napoli, der uns in seinem schwachbrüstigen Italoschlager ‚Viva l’Amore‘ weiszumachen suchte, er wolle singen wie „Caruso“, sich dabei aber gebärdete wie Montserrat Caballé. Er konnte sich genau so wenig durchsetzen wie das Schlagersternchen Andreas Martin, der mit ‚Herz an Herz‘, einem vom stumpfen Discofoxbeat (wie er mittlerweile ohrenscheinlich im deutschen Schlager zwingend vorgeschrieben ist) unpassend unterlegten Weltfriedensliedlein, wenigstens noch einen Platz in den unteren Chartregionen ergatterte.

Boney M. haben angerufen und wollen ihre Hookline zurück: Xanadu

Ein Blick auf die Punktetabelle, die erstmals nicht durch „repräsentativ ausgewählte“ Infratest-Probanden zustande kam, sondern durch direkt anrufende Zuschauer/innen, zeigte allerdings in aller Klarheit: beim Publikum kam an diesem Abend nur ein einziger Titel wirklich an. Nämlich der auch den Charts abhebende ‚Flieger‘. Deutlich dahinter landeten Xanadu (DVE 1990), die von Bad-Boys-Blue-Mastermind Tony Hendrik mit einem geschickt getarnten Plagiat des Boney-M-Hits ‚El Lute‘ versorgt wurden. Was aber aufgrund des meinungeresken Sülztextes von einem ‚Traum für diese Welt‘ gar nicht weiter auffiel, weil man als Zuhörer so sehr damit beschäftigt war, sich vor Schmerzen auf dem Boden zu winden. Die beiden Frontfiguren von Xanadu sollten noch Musikgeschichte schreiben: Lyane Leigh, die Blondine in der Jeansjacke, als weibliche Stimme des kommerziell unfassbar erfolgreichen Kirmestechnoacts E-Rotic (DVE 2000) und David Brandes, der mit dem Zöpfchen, als Produzent eben dieser Studio-Band sowie von Vanilla Ninja (CH 2005) und Gracia Baur (DE 2005).

Camouflages ‚The Great Commandement‘ kenne ich noch als Hintergrundmusik aus einem Film für Erwachsene. Das hier aber sind die Erben.

Einen Anknüpfungspunkt zum aktuellen Chartgeschehen konnte der Titel ‚Wunderland‘ vorweisen, wenn auch nur in Form der Songpatin und Chorsängerin Mandy Winter. Die hatte 1988 einen Hit mit dem in seiner Naivität und seinem falschen, triefenden Pathos schon wieder unfreiwillig lustigen Anti-Drogen-Song ‚Julian‘, komponiert von Stone & Stone (DE 1995). Die schrieben natürlich auch ‚Wunderland‘ – eine durch & durch schauderhafte Nummer, angesichts des stutenbissigen stimmlichen Zweikampfes zwischen der mit ihrer Rolle als zweite Geige offensichtlich nicht wirklich einverstandenen Frau Winter und der offiziellen Interpretin Canan Braun jedoch nicht ohne einen gewissen schadenfreudigen Unterhaltungswert. Apropos Schadenfreude: die Drittplatzierte Dorkas, die aus dem Siegel-Stall, vereinte in der TED-Abrechnung nur noch halb so viele Stimmen auf sich wie Nino. Ab Rang vier konnte man dann von kaum mehr als Mitleidszählern sprechen. Wobei: Mitleid musste man mit diesen popmusikalischen Verbrechen wahrlich nicht haben. Noch nicht mal mit Caren Faust, deren spärliche Punkteausbeute auch der Unfähigkeit der ARD zu verdanken ist, die es zweimal nicht schaffte, die korrekte Telefonnummer für die TED-Umfrage einzublenden. Den passendsten Kommentar zu der ganzen Malaise sangen die an erster Stelle startenden Erben: ‚Bitte nicht noch mal‘. Genau!

1989 ließ sich selbst Cliff Richard (UK 1968, 1973) von Stock / Aitken / Waterman einen Hit schreiben: die herrlich subtile Angst-vor-dem-Coming-Out-Nummer ‚I just don’t have the Heart (to tell you)‘ 

Deutsche Vorentscheidung 1989

Ein Lied für Lausanne. Samstag, 23. März 1989, aus dem Deutschen Theater in München. Zehn Teilnehmer, Moderation: Hape Kerkeling.
#TeilnehmerTitelPunktePlatzCharts
01Die ErbenBitte nicht nochmal0179907-
02XanaduEinen Traum für diese Welt108910275
03ClouHeut Nacht sind sie allein0115609-
04Dorkas KieferIch hab Angst0797303-
05Francesco NapoliViva l'Amore0165908-
06ZouZouIch suche Dich0194106-
07Andreas MartinHerz an Herz038550464
08Cancan BraunWunderland0257005-
09Nino de AngeloFlieger146250113
10Caren FaustDiese Zeit0084110-

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