ESC 1966: Zwingen kann man kein Glück

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Das Jahr der Showtreppe

Nach dem Sieg der Französin France Gall im Vorjahr kam der Contest 1966 logischerweise aus: Luxemburg, denn für das Paradies steuerschmarotzender Briefkastenfirmen war die Beat-Legende angetreten. RTL fuhr neben einem futuristischen, voll beweglichen Dekorations-Mobile ein großes (wenn auch gelegentlich etwas schief spielendes) Orchester auf, neben dem die ohnehin schmale, durch eine milchgläserne Trennwand eingehegte Bühne umso winziger wirkte. Zumal mehr als die Hälfte des verbliebenen Platzes auch noch für eine großzügig dimensionierte Wendeltreppe drauf ging, über welche die Interpret/innen nebst Dirigenten standesgemäß einschwebten. Das muss man ihnen lassen: Glamour können sie im Großherzogtum!

Kleine Bühne, große Show: 1966, ein Meilenstein-Contest

Die Luxemburger platzierten die Mikrofone im Gegensatz zur RAI ungefähr auf Brusthöhe, so dass man sie kaum im Bild sah. Dennoch beeindruckte der Sound sehr. Anscheinend verfügte RTL über eine ähnlich ausgereifte Aufnahmetechnik wie die BBC anno 1963. Ausgerechnet bei Margot Eskens, die an erster Stelle starten musste, war das Mikrofon jedoch auf Mundhöhe eingestellt. Klang die Deutsche deswegen so unangenehm laut? Vor allem während des Refrains von ‚Die Zeiger der Uhr‘ legte sich die Eskens sehr ins Zeug, was allerdings eher einen aggressiven Eindruck hinterließ. Der sich durch die Textzeile „Vorwärts, vorwärts, und nie zurück“ noch verstärkte: unwillkürlich dachte man an DDR-Jahrestagsparaden und Reden von Erich Honecker. So kam für den eigentlich nachdenklichen Sterblichkeits-Schlager lediglich ein zehnter Rang heraus. Eine durchaus gerechte Bewertung, das hatte nichts mit der ansonsten deutlich feststellbaren Punkteschieberei der west(!)-europäischen → Jurys zu tun.

Spooky: die Gastgeber schickten das erste Céline-Dion-Double der Geschichte, und das weit vor dem Karrierestart (→ CH 1988) der frankokanadischen Diseuse! (LU)

Es gewann ein anderer deutschsprachiger Interpret, nämlich der bereits zum dritten Mal hintereinander antretende Österreicher Udo Jürgens (→ AT 1964, 1965). Nach einem sechsten und einem vierten Platz in den Vorjahren deutete sich ein möglicher Sieg des Kärntners bereits an – mit dem musikalisch dramatischsten seiner drei Beiträge, einem ebenso charmanten wie brutalen Rauswurf des One-Night-Stands am nächsten Morgen, gelang es ihm nun endlich! Wie schon der Deutsche Wyn Hoop (‚Bonne Nuit, ma Chérie‘, → DE 1960, Platz 4) konnte er bei ‘Merci Chérie’ von der Finte profitieren, so französisch wie möglich zu klingen. Alle frankophonen Länder versorgten ihn und seine herausragende Komposition mit Punkten – aus Deutschland gab es hingegen ganze null Zähler! Da war wohl innerhalb unserer Jury unverbrämter Neid im Spiel, bekanntermaßen die aufrichtigste Form der Anerkennung. Einen Top-Hit (#4) warf die Single hierzulande trotzdem ab: da zeigte sich das Publikum deutlich souveräner.

Kein Meer ist so wild wie seine Liebe: Sexgott Udo Jürgens (AT)

Am anderen Ende der Tabelle fand sich der ebenfalls zum dritten Mal teilnehmende Italiener Domenico Modugno (→ IT 1958, 1959). Und das, obwohl sein ‚Dio, come ti amo‘ zu den herzzerreißend schönsten, eindringlichsten Liebeserklärungen der Menschheitsgeschichte zählt und mich beim Anhören niemals ohne Tränen der Ergriffenheit hinterlässt. Jedenfalls von Platte. Die neu arrangierte, beinahe karnevalesk klingende Live-Version erwies sich hingegen als völlige Katastrophe, die Leistungen des Luxemburger Orchesters lassen sich nur als gezielter Sabotageakt begreifen. Bereits während der Generalprobe verließ Modugno im Zorn die Bühne. Das hinderte die Musiker aber nicht, die Ballade auch während der Fernsehübertragung in einer Fassung zu spielen, die nur als öffentliche Hinrichtung bezeichnet werden kann. Dem Italiener war angesichts dieser Obstruktionspolitik das Ringen um Fassung deutlich anzumerken. Dem Himmel sei Dank, dass das Orchester seit 1999 abgeschafft ist!

Was haben die jaulende Südseegitarre und das marschierende Klavier in diesem zärtlichen Liebeslied verloren? (IT)

Gott, wie ich dieses Lied liebe! (IT, hier gesungen von Gigliola Cinquetti)

Auch die Grand-Prix-Siegerin Gigliola Cinquetti (→ IT 1964, 1974, Moderation 1991) nahm ‘Dio, come ti amo’ auf: ihre Fassung, fast eben so packend wie Originalversion, geriet (als Titelmelodie eines Films) zum Verkaufserfolg in Südamerika. Neben Modugno musste diesmal lediglich eine weitere Teilnehmerin die Schmach einer → Null-Punkte-Wertung über sich ergehen lassen: Tereza Kesovija (→ YU 1972). Die in Kroatien Geborene trat hier für Monaco an, was sich vor allem an den beiden Accent aigus bemerkbar machte, die man an ihrem Vornamen dranpappte. Ihre Schnarchballade erwies sich aber keinesfalls als ‚Bien plus fort‘ (‚Stärker‘) als die Konkurrenz – im Gegenteil. Eine herausragende Rolle spielten in diesem Jahr die Skandinavier, sowohl musikalisch als auch in Sachen → Blockvoting. Das bis dato in der Wahrnehmung eher randständige Schweden lieferte erstmals einen echten Eurovisionsklassiker ab: die mondän gestylte Lill Lindfors (unvergessen als Moderatorin des Grand Prix 1985) und ihr optisch doppelt so alter, tatsächlich aber nur drei Lenze mehr zählender Begleiter Svante Thuresson besangen in ihrem jazzigen Easy-Listening-Knüller ‚Nygammal Vals‘ einen „hippen Schweinehirten“. Doch, wirklich!

Nur beim Eurovision Song Contest! (SE)

Den fantastisch obskuren Text, basierend auf einem alten schwedischen Volksmärchen, und die hippe Lässigkeit ihres Songs unterstrich Lill Lindfors, die wohl coolste Eurovisionsteilnehmerin aller Zeiten, mit einer zum Niederknien amüsanten Mimik. Leider blieb das Grand-Prix-Kleinod außerhalb Skandinaviens komplett unverstanden, dafür aber schaufelten die Juroren Dänemarks, Finnlands und Norwegens dem Duo (unter vernehmlichem Murren des hauptsächlich aus Delegationsmitgliedern der konkurrierenden Länder bestehenden Saalpublikums) jeweils die verdiente Höchstpunktzahl zu. Am Ende reichte es für Rang 2 für den besten schwedischen Beitrag aller Zeiten. Mit der norwegischen Folkbardin Åse Kleveland stand gar die künftige Kultusministerin des Staates (und damenhaft gestrenge Moderatorin des Eurovision Song Contest 1986) auf der Eurovisionsbühne. Für ihre sehr grand-prix-untypische, liedermacherhaft geklampfte Mitteilung, es gebe ‘Nichts Neues unter der Sonne’, wurde sie mit dem dritten Rang angemessen entlohnt. Erstaunlich, wo sich ihre Nummer, ebenso wie ihr undamenhafter Hosenanzug, im sonstigen Wettbewerbsumfeld in ästhetischer Hinsicht geradezu linksradikal ausnahm.

You better bring her some Water: Åse Kleveland (NO)

Nicht von der Skandimafia profitierten hingegen die Dänen: Ulla Pias verspielt-jazziges ‘Stop – mens Legen er go!’, einer der fröhlicheren Beiträge des Abends, war mit dem 14. Platz kriminell unterbewertet, zumal unsere nordischen Nachbarn zur optischen Kenntlichmachung des Schwungs dieses großartigen Lieds noch ein enthusiastisch twistendes Pärchen mit auf die enge Bühne quetschten. Damit etablierte sich das stets progressive Land als Vorreiter des → Eurovisionsshowtanzes: zwar feierten die deutschen Kessler-Zwillinge bereits 1959 mit der allerersten Tanzeinlage beim Grand Prix Premiere. Aber die Dänen waren die ersten, die hierfür eigens Menschen auf die Bühne holten, deren Aufgabe nicht (auch) im Singen bestand. Dass die Südskandinavier für die nächsten elf Jahre dem Wettbewerb fern blieben, war aber nicht alleine dem unverdient schlechten Ergebnis geschuldet: ein neuer Unterhaltungschef nahm beim DR seinen Dienst auf, und der hasste das europäische Fest des Tandes.

Grand-Prix-Premiere: zum ersten Mal kommen Tänzer zum Einsatz (DK)

Wenn man sich vor Augen führt, was die Dänen seit ihrer Rückkehr 1978 so alles zum Contest schickten, kommt man allerdings nicht umhin, sich gelegentlich zu wünschen, er hätte dort noch das Sagen. Ebenfalls gut gelaunt zeigte sich die drollige Belgierin Tonia, zahntechnisch offenbar die Zwillingsschwester des Comedians Maddin „Aschebescher“ Schneider, die das deutsche Schlagergeschehen um Trash-Perlen wie die ‚Texas-Cowboy-Pferde-Sattel-Verkäuferin‘ erweiterte und die wir 1973 beim deutschen Vorentscheid wiedertreffen sollten. Ihr possierlicher Titel griff das wichtige Thema “Würzen für Anfänger” auf und sparte nicht mit goldenen Tipps: ‘Ein bisschen Pfeffer, ein bisschen Salz‘ – damit kann man bei keinem Gericht etwas falsch machen. Bemerkenswert auch der britische schottische Vertreter des Vereinigten Königreichs, Kenneth McKellar, der nicht nur im Kilt auftrat, sondern auch über ein beeindruckendes Organ verfügte – und damit ist seine klassisch trainierte Stimme gemeint! Die machte allerdings seine staubige Langweilerballade ‚A Man without Love‘ nicht besser. Entsprechend fiel das Ergebnis aus: über ihr Mittelfeldresultat dürften die Briten nach den seit 1959 durchgängigen zweiten und vierten Plätzen schockiert gewesen sein.

Fury hat angerufen und will sein Gebiss zurück! (BE)

Eher ins Eurovisionsraster passte das superbe, hochdramatische ‚Yo soy aquél‘ des Spaniers Raphael (→ ES 1967). Der junge Sänger legte dazu eine äußerst amüsante, ebenso hochdramatische Show mit schmachtenden Blicken, exaltiertem Armgewedel und dem Faktor sechs auf der → Haldor-LægreidSkala hin. Den Vogel schoss jedoch die Holländerin Milly Scott ab. Die erste schwarze Sängerin in der Grand-Prix-Geschichte brachte zu ihrem Migrationsschlager ‘Fernando en Philippo’ als lebendige Illustration – ein weiteres Novum – zwei als vermutlich papierlose mexikanische Landarbeiter verkleidete Männer mit auf die Bühne, die sie den Fernsehzuschauern mit unmissverständlichen Fingerzeigen als eben die beiden Besungenen vorstellte. Zudem verortete sie die im Lied mehrfach erwähnte texanische Stadt „San Antonio“ mit einer Daumenbewegung als direkt hinter der Bühne liegend. Wohin sie sich übrigens mitten im Vortrag selbst nervös tänzelnd begab. Wollte sie nachschauen, ob die US-Ausländerpolizei schon da stand? Oder plagte sie ein recht unaufschiebbares, menschliches Bedürfnis? Das würde auch die Eindringlichkeit erklären, mit der sie die unsterblichen Zeilen „Ri-ki tong-tong-tong ti-ki kong-kong“ schmetterte. Unglücklicherweise verhinderte das zu kurze Mikrofonkabel den erlösenden Abgang.

Der Erfinder des Becker-Shuffles (2:24 und 2:38 Min): Raphael (ES)

Vollverkabelt: Millie Scott (NL)

Rundheraus ein Spitzenjahrgang also mit fantastischen Beiträgen bis zum Abwinken und erstmals prominent erkennbaren Showelementen. Der Weg vom staatstragend-drögen Chansonabend zur ernst zu nehmenden TV-Unterhaltungssendung nahm unaufhaltsam seinen Lauf, auch wenn sich zu diesem Zeitpunkt noch niemand vorstellen konnte, dass er dereinst in Monstermasken, Trickkleidern und begehbaren Projektionswänden münden sollte. Und Udo Jürgens, der ausgebuffte Showhase, wusste bei der Siegerreprise ganz genau, bei wem er sich für seinen ersten Platz zu bedanken hatte: „Merci, Jury“!

Eurovision Song Contest 1966

Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne. Samstag, 5. März 1966, aus dem Grand Auditorium de RTL, Luxemburg-Stadt, Luxemburg. 18 Teilnehmer. Moderation: Josiane Shen.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01DEMargot EskensDie Zeiger der Uhr0710
02DKUlla PiaStop! Mens Legen er god0414
03BEToniaUn peu de Poivre, un peu du Sel1404
04LUMichèle TorrCe Soir je t'attendais0710
05YUBerta AmbrožBrez besed0907
06NOÅse KlevelandIntet er nytt under Solen1503
07FIAnn Christine NyströmPlayboy0712
08PTMadalena IglésiasEle e ela0613
09ATUdo JürgensMerci, Chérie3101
10SELill Lindfors + Svante ThuressonNygammal Vals1602
11ESRaphael Martos SánchezYo soy acquél0907
12CHMadeleine PascalNe vois-tu pas?1206
13MCTéréza KesovijaBien plus fort0017
14ITDomenico ModugnoDio, come ti amo0017
15FRDominique WalterChez nous0116
16NLMillie ScottFernando en Phillipo0215
17IEDickie RockCome back to stay1405
18UKKenneth McKellarA Man without Love0809

6 Gedanken zu “ESC 1966: Zwingen kann man kein Glück

  1. Wie bitte? An sich ist der Artikel stimmig, aber dass die Juries ‚Nygammal vals‘ fair bewertet hätten, ist kompletter Blödsinn. Die Qualität mal komplett außen vor gelassen: Von den sechzehn Punkten, die das Lied bekam, stammten FÜNFZEHN aus Skandinavien! Jeweils fünf (die damalige Höchstwertung) aus Dänemark, Norwegen und Finnland. Sorry, aber das fair zu nennen grenzt schon an arglistige Täuschung.

  2. Nygammal vals Mmmmhhh: wenn ich meinen Text so durchlese, kann ich die Stelle leider nicht finden, an dem ich die Juryvoten für den hippen Schweinehirten als ‚fair‘ bezeichnet hätte. Fair war’s tatsächlich nicht, denn dann hätten die Schweden gewinnen müssen! Leider hatten aber nur die skandinavischen Juroren den richtigen Riecher, die restlichen Europäer zeigten sich mal wieder konservativer – leider!

  3. Aha. Soso. Juryschiebungen unter befreundeten Ländern sind also okay, solange das Lied gefällt, ja? Vielleicht kann ich diese Geschichte objektiver beurteilen, weil ich ‚Nygammal vals‘ nicht leiden kann. Andererseits: Geschmacksfragen und so. Mich stört es nur, dass die ansonsten so bissigen Kommentare über den Schwachsinn des Jurysytems plötzlich ins Gegenteil kippen, wenn der hippe Schweinehirt daherkommt, obwohl es wohl keinen zweiten Fall gibt, in dem ein Blick auf das Scoreboard so klar darlegt, dass die Skandinavier sich abgesprochen hatten, Schweden zu pushen. Aber sich dann über den Sieg von ‚Rock me‘ 1989 als ‚offensichtliche Schiebung‘ echauffieren, ja? (Da sind unsere Positionen vertauscht. Ich mag ‚Rock me‘ auch nicht so gern, aber in dem Feld war das als Sieger okay.)

  4. Solange (mir) das Lied gefällt, kann es sich bei der Höchstwertung ja logischerweise um keine Jury-Schiebung handeln, sondern um eine korrekte Bewertung. Die Schieberei bestand in diesem Fall ja darin, dass die nicht-skandinavischen Länder diese Perle nicht ebenfalls mit Punkten bedachten, sondern sie an unverdiente Beiträge verschleuderten. Logisch, oder? 😉

  5. Unglaublich, aber wahr: Svante Thuresson ist nur drei Jahre älter als Lill Lindfors!

  6. Ich hab’s nachgelesen: stimmt. Wie krass! Wieso sieht er dann mindestens doppelt so alt aus wie sie?

Oder was denkst Du?