DE 2000: Wird der Schmerz jemals wie­der ver­gehn?

Stefan Raab, DE 2000
Der Stre­ber

Neu­es Jahr­tau­send – neu­es Glück. Noch hielt das Hoch der durch Guil­do Horn (DE 1998) aus­ge­lös­ten Revo­lu­ti­on an; noch galt der Grand Prix auf iro­ni­sche Wei­se als hip. Und so fand sich beim dies­jäh­ri­gen, hoch­gra­dig unter­halt­sa­men Vor­ent­scheid neben den übli­chen chan­cen­lo­sen Null­num­mern eine illus­tre Run­de bekann­ter B-Lis­ten-Stars ein, wel­che den Count­down zum Spit­zen­er­eig­nis des schlech­ten Geschmacks mach­ten. Ero­tik-Trash, zer­trüm­mer­te Gitar­ren, blin­ken­de Büh­nen­gar­de­ro­be und Drag­queens galt es zu bewun­dern, sowie einen unglei­chen Zwei­kampf von Pathos und Spaß zu ver­fol­gen. Es war groß!

Auf dem lin­ken Auge blind: Das Bran­des-Pro­jekt E-Rotic

Eine Lehr­stun­de zum The­ma “Unter­schie­de zwi­schen dem Grand Prix Euro­vi­si­on und den Single-Charts”1)Spitzensingle des Jah­res: DJ Ötzis ‘Anton aus Tirol’. lie­fer­te uns gleich zum Auf­takt E-rotic, ein deut­scher Kir­mes­tech­noact, dem die plat­te Sex­schie­ne (‘Max, don’t have Sex with your Ex’) bereits zu beacht­li­chen Plat­ten­ver­käu­fen ver­hol­fen hat­te. Nun konn­te die Blon­di­ne, die hier auf der Büh­ne stand, zwar die nie­de­ren Instink­te der zuse­hen­den Hete­ro­män­ner anspre­chen, aber über­haupt nicht sin­gen. Ist dank Stu­dio­tech­nik auf Plat­te egal – hier war’s fatal. Der nächs­te Auf­tritt erstaun­te: Lot­to King Karl, einen von vie­len Talk­show­gast­spie­len für sein flap­si­ges Mund­werk bekann­ten Rocker, rech­ne­te ich bis dato eher der Spaß­frak­ti­on zu (“Die­ses Lied ist kein Hit”). Was er hier gemein­sam mit den Barm­bek Dream Boys ablie­fer­te, ent­pupp­te sich jedoch als recht poe­ti­sches, gefühl­vol­les Stück Deutsch­pop (‘Flie­gen’). Eins, das man in melan­cho­li­schen Stun­den viel­leicht ger­ne mal hört, das aber zu unspek­ta­ku­lär erschien, um gewin­nen zu kön­nen.


Daff ifft wie flie­gen: Lot­to & Lukaff Hil­bert

Mar­cus Wol­ter, der einst Ste­fan Raabs legen­där lus­ti­ge Show Viva­si­on pro­du­zier­te, bevor der zu Pro­Sie­ben wech­sel­te und zum Tho­mas Gott­schalk des Pri­vat­fern­se­hens dege­ne­rier­te, war der Mas­ter­mind hin­ter dem unglaub­li­chen Mar­cel. Daher ver­wet­te ich mei­nen Hin­tern, dass der gesam­te Act – ein­schließ­lich des Prä­sen­ta­ti­ons­clips im braun-bei­gen Wohn­zim­mer von Mar­cels Eltern – nur eine ein­zi­ge, hoch­gra­dig sub­ver­si­ve Par­odie gewe­sen sein kann. Sol­cher­art sub­til homo­ero­ti­sche Text­zei­len wie “Sag wie fühlt sich das an / Mit dem ande­ren Mann / Wird der Schmerz jemals wie­der ver­gehn?” kön­nen schließ­lich nur als Schla­ger­tra­ves­tie gemeint sein. Und die war groß­ar­tig! Dass Ste­fan gewann, wäh­rend Mar­cel den letz­ten Platz beleg­te, bedeu­tet wohl, dass die Zuschau­er den (bes­se­ren) Witz nicht ver­stan­den. A pro­pos Witz: der als afri­ka­ni­scher Toi­let­ten­mann Motom­bo Umbok­ko bekannt gewor­de­ne Come­di­an Dave Davis leg­te hier als David Kisi­tu mit ‘Du musst kein Model sein’ einen veri­ta­blen Flop hin,


Nie war so tief jemand in mir: Mar­cel

Die vom Schick­sal doch bereits so hart gestraf­te Corin­na May (DVE 1999, DE 2002) lief nach dem Deba­kel ihrer unge­rech­ten und unglück­li­chen Dis­qua­li­fi­ka­ti­on im Vor­jahr zu allem Über­fluss auch noch ihrem Schläch­ter Pro­fi­teur direkt in die Arme. Unglaub­lich, aber wahr: mit ihrem ent­setz­li­chen Sie­gel-Oue­v­re läu­te­te sie an die­ser Stel­le die lang­le­bi­ge deut­sche Sakro­pop­wel­le (vgl. Xavier Nai­doo, Glas­haus, Nor­mal Gene­ra­ti­on [DVE 2002] u.ä.) ein. Dabei ent­sprang die hier zur Schau gestell­te Fröm­mig­keit (‘I belie­ve in God’) einem eigen­nüt­zi­gen Kal­kül: gäbe es einen Gott, so wohl Corin­nas Über­le­gung, so wür­de er die schmerz­vol­le Schmach vom letz­ten Mal durch einen Sieg bei die­ser Vor­ent­schei­dung wie­der aus­glei­chen. Corin­na mach­te die Rech­nung ohne den Wirt: der Euro­vi­si­on Song Con­test ist gott­lob eine gott­lo­se Ver­an­stal­tung; das Publi­kum hono­rier­te ihr anstren­gen­des und ver­krampft vor­ge­tra­ge­nes Glau­bens­be­kennt­nis Gott sei Dank nicht. Gerech­tig­keit kann grau­sam sein.


Schön geht anders: Corin­na zer­sägt Sie­gels Glau­bens­song

Empö­rend: wie vie­le unschul­di­ge Flo­ka­tis muss­ten für die Büh­nen­kos­tü­me von Knor­ka­tor wohl ihr Leben las­sen? Okay, die Show (wil­des Her­um­sprin­gen, Gitar­ren zer­trüm­mern und was sonst noch zu einem klas­si­schen Rocker-Auf­tritt gehört) war lus­tig, gera­de im Kon­trast zu der Pseu­do-Gos­pel­tan­te davor. Und bie­de­re ARD-Zuschau­er zu scho­cken, kommt natür­lich immer gut. Nur der Song (‘Ik wer zun Schwein’) war halt uner­träg­lich. Einer Kreis­sä­ge im Holz­werk zu lau­schen, mach­te sicher mehr Spaß. A pro­pos Säge­werk: die nach­fol­gen­den Kind of Blue, deren erst 2003 neu hin­zu gesto­ße­ne Lead­sän­ge­rin Lidia Kopa­nia im Jah­re 2009 für ihr Hei­mat­land Polen im Semi aus­schied, las­sen mich auch heu­te noch beim Wie­der­ho­lungs­schau­en von der DVD umge­hend in stö­rungs­frei­em Tief­schlaf ver­sin­ken – wirk­sa­mer als jedes Nar­ko­ti­kum!


Die Teletubbies in böse: Knor­ka­tor

Den Höhe­punkt der dies­jäh­ri­gen Freak­show bil­de­te eine scho­ckie­ren­de Sozi­al­stu­die über das gehei­me Dop­pel­le­ben des Herrn Tess. Tags­über ein gestan­de­ner Bio­bau­er im schö­nen All­gäu, mutiert er abends zum euro­pa­weit gefürch­te­ten Dis­co­fox-Tra­ves­tie­star Fan­cy! Die im Fahr­was­ser der Modern-Tal­king-Reuni­on eben­falls wie­der unter ihrem Stein her­vor gekro­che­ne Ach­tiz­ger­jah­re­pla­ge (‘Sli­ce me nice’, ‘L.A.D.Y.O.’) prä­sen­tier­te uns den fan­tas­ti­schen Vil­la­ge-Peop­le-Gedächt­nis-Knal­ler ‘We can move a Moun­tain’, flan­kiert von lecke­ren Back­ground­boys in glit­zern­den Jäck­chen und mit tuf­fi­gem Kopf­schmuck sowie der Drag­queen Glo­ria Gray, die opern­haf­te Gesangs­ein­la­gen und zwei rie­si­ge Melo­nen bei­steu­er­te. ‘La Cage aux Fol­les’ auf einer deut­schen Grand-Prix-Büh­ne: dass ich das noch erle­ben durf­te! Bleibt nur die Fra­ge, war­um sich Fan­cy das Tou­pet für sei­nen Come­back­ver­such aus­ge­rech­net bei Tony Mar­shall (DVE 1976) borg­te.


Ein Fes­ti­val schwu­ler Unter­hal­tungs­kunst: Fan­cy ver­setzt Ber­ge!

Letzt­lich han­del­te die Sen­dung aber vom unglei­chen Zwei­kampf zwi­schen Ste­fan Raab, dem es in sei­nem gren­zen­lo­sen Ehr­geiz nicht genüg­te, den Bei­trag zur Ret­tung des Grand Prix (‘Guil­do hat Euch lieb’) kom­po­niert zu haben, son­dern der mit der selbst geschrie­be­nen Lach­num­mer ‘Wad­de had­de dud­de da’ unbe­dingt selbst auf die Bret­ter, die die Welt bedeu­ten, woll­te, und Corin­na May, die irr­tüm­lich glaub­te, die deut­sche Ant­wort auf Whit­ney Hous­ton und Lau­ryn Hill geben zu kön­nen. Also Come­dy gegen Pathos, Spaß gegen Tra­di­ti­on, inhalts­lee­res Enter­tain­ment (der gewief­te Show­mensch Raab bot bunt blin­ken­de Kos­tü­me, flot­te Tanz­ein­la­gen und leicht beklei­de­te Ischen auf) gegen ran­zig-ver­lo­ge­nen Gefühls­kitsch. Das Ergeb­nis fiel erwart­bar ein­deu­tig aus: mit einer abso­lu­ten Mehr­heit von über 57% bewies der Metz­gers­ge­sel­le ein­mal mehr, wer im deut­schen Unter­hal­tungs­ge­wer­be den Längs­ten hat.


Schau’n Sie sich das mal an: Ste­fan Raab

Nur, dass das hier nicht mehr den Charme der Revo­lu­ti­on ver­ström­te wie noch zwei Jah­re zuvor, als der von einer ech­ten Mis­si­on beseel­te Guil­do Horn die Tala­re der ARD lüf­te­te, um den Schla­ger­muff von tau­send Jah­ren aus­zu­trei­ben, son­dern bloß ein Stre­ber allen bewei­sen woll­te, dass er’s drauf hat. Hat er ja auch: die Num­mer war lus­tig und musi­ka­lisch ein­wand­frei, gar kei­ne Fra­ge. A-Ware also – das, was ich mir immer für Deutsch­land gewünscht hat­te. Den­noch: so rich­tig von Her­zen freu­en wie noch über den Vor­ent­schei­dungs­sieg des Meis­ters konn­te ich mich nicht.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2000

Count­down Grand Prix. Frei­tag, 18. Febru­ar 2000, aus der Stadt­hal­le in Bre­men. Elf Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Axel Bult­haupt.
#Inter­pretTitel%PlatzCharts
01E-RoticQueen of Light*06-
02Lot­to King Karl & Barm­bek Dream BoysFlie­gen*0758
03Mar­celAdiós00,911-
04Clau­dia Cane + Mother BoneFree*10-
05David Kisi­tuDu mußt kein Model sein*09-
06Corin­na MayI belie­ve in God14,102-
07Knor­ka­torIk wer zun Schwein07,10476
08Kind of BlueBit­ter Blue07,403-
09Ste­fan RaabWad­de had­de dud­de da?57,40102
10Gold­rauschAlles wird gut*08-
11Fan­cyWe can move a Moun­tain*05-

*Hin­weis zur Tabel­le: die ARD gab nur die Ergeb­nis­se der drei Best­plat­zier­ten bekannt, der Rest ist Hören­sa­gen.

Fußnote(n)   [ + ]

1. Spitzensingle des Jah­res: DJ Ötzis ‘Anton aus Tirol’.

1 Gedanke zu “DE 2000: Wird der Schmerz jemals wie­der ver­gehn?

  1. Lie­be Corin­na, alles lässt ER sich dann auch nicht gefal­len, aus­glei­chen­de Gerech­tig­keit hin oder her! Der­art schief und ver­krampft besun­gen zu wer­den – autsch! 14,1 % der Abstim­men­den waren offen­sicht­lich taub oder gekauft. Im übri­gen sah man bei die­sem Auf­tritt auch schon klar und deut­lich die Defi­zi­te, die dann zwei Jah­re spä­ter zum Absturz in Tal­linn führ­ten. Ich wür­de mal sagen, da hat sich jemand dras­tisch über­schätzt.

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