Count­down Grand Prix 2001: Dan­ke, Ihr Fotzköppe!

Michelle, DE 2001
Die Min­ne Maus

Im Jah­re drei n.M. (nach dem Meis­ter) sorg­te die deut­sche Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung für eine der­art über­stei­ger­te Medi­en­hys­te­rie, dass sich Guil­do Horns wei­land unter­nom­me­ner Kreuz­zug der Zärt­lich­keit dage­gen wie ein Pfad­fin­der­tref­fen aus­nahm. Der (erhoff­te) Skan­dal trug vor allem einen Namen: Zlat­ko Trpkov­ski. Der Big-Bro­ther-Star und Held aller Pre­ka­ri­ats­an­ge­hö­ri­gen konn­te nach sei­nem Aus­zug aus dem im Vor­jahr erst­mals in Deutsch­land gezeig­ten Idio­ten­con­tai­ner, wel­cher die heu­te unter dem Label “Trash-TV” sub­su­mier­te Büch­se der Pan­do­ra öff­ne­te und dem end­gül­ti­gen Sit­ten­ver­fall den Weg frei­räum­te, zwei Num­mer-Eins-Hits in den hei­mi­schen Ver­kaufs­charts lan­den. Und zwar trotz des völ­li­gen Feh­lens jed­we­der stimm­li­chen Bega­bung und offen­sicht­lich nicht trotz, son­dern gera­de wegen der frap­pie­ren­den musi­ka­li­schen und text­li­chen Schlicht­heit sei­ner Wer­ke. All­ge­mein setz­te man sei­nen Sieg beim Count­down Grand Prix vor­aus, denn dass hier­über vor allem die Medi­en­be­kannt­heit ent­schei­det, hat­ten Guil­do Horn und Ste­fan Raab bereits unter Beweis gestellt. Dann sag­te sich zu allem Über­fluss auch noch der schrank­schwu­le Mün­che­ner Schnei­der Rudolph Mos­ham­mer an, eine Schieß­bu­den­fi­gur des Bou­le­vards, der sei­ne über­re­gio­na­le Pro­mi­nenz vor allem sei­ner gro­tes­ken Perü­cke und sei­ner Bereit­schaft ver­dank­te, sich für ein wenig media­le Beach­tung jeder­zeit frei­wil­lig der Lächer­lich­keit preiszugeben.

Blieb uns erfreu­li­cher­wei­se erspart: der Unter­hal­tungs­di­no Tho­mas Gott­schalk. Oh, und um sei­ne Fra­ge zu beant­wor­ten: der ver­starb schon längst an Alters­schwä­che, der Rock’n’Roll.

Was bei Guil­do einst als über­fäl­li­ger Befrei­ungs­schlag gegen die Ver­staubtheit des Grand-Prix-Unwe­sens begann, droh­te nun zum Sie­ges­zug der Spaß­ter­ro­ris­ten zu ver­kom­men, die Talent durch Laut­stär­ke ersetz­ten. Nach hef­ti­gen Debat­ten in der Medi­en­öf­fent­lich­keit kipp­te jedoch die Stim­mung: bei­de Acts kamen bei der Abstim­mung nicht mal unter die ers­ten drei. Dass Iro­ny nun over war, bekam auch das Damen­t­rio Love Rocket zu spü­ren, das mit ‘0190 – Hey Du da’ eine gran­dio­se Per­si­fla­ge auf die Sex­hot­lines aus dem nächt­li­chen Wer­be­fern­se­hen zum Bes­ten geben woll­te, mit tra­shi­gen Text­zei­len wie “Ich bin die klei­ne Gei­le / gegen Lan­ge­wei­le”. Unter einem faden­schei­ni­gen Vor­wand (angeb­lich droh­ten sie mit Bar­bu­sig­keit) kegel­te der prü­de, zum Zwe­cke der Quo­ten­meh­rung jedoch stets skan­dal­in­ter­es­sier­te Jür­gen Mei­er-Beer vom ver­ant­wort­li­chen NDR sie im Vor­feld raus. Weit weni­ger prin­zi­pi­en­treu ver­fuhr er hin­ge­gen bei der nach­träg­li­chen Zulas­sung des ZDF-Zug­pfer­des und frü­he­ren Vor­ent­scheid-Mit­mo­de­ra­tors Tho­mas Gott­schalk, der mit einer getürk­ten Wet­te sei­nen Alte-Her­ren-Schla­ger ‘Wha­te­ver hap­pen­ed to Rock’n’Roll’ auf die Grand-Prix-Büh­ne schmug­geln woll­te. Immer­hin ver­füg­te Thom­my über soviel Anstand, sei­nen Titel frei­wil­lig zurück­zu­zie­hen, als die Mani­pu­la­ti­on ans Licht kam. Den Abver­käu­fen der Sin­gle scha­de­te das nicht.

Zum Durch­skip­pen: die Play­list mit allen ver­füg­ba­ren Live-Auftritten.

Das aus­ge­präg­te Bemü­hen, um kei­nen Preis der Welt einen der Come­dy-Acts gewin­nen zu las­sen, merk­te man dem erneut mit der Mode­ra­ti­on beauf­trag­ten Axel “Alexis” Bult­haupt sehr, sehr deut­lich an: nie mode­rier­te der Vor­ent­schei­dungs­pa­te so par­tei­isch wie an die­sem Abend. Er streu­te zahl­lo­se ein­dring­li­che Hin­wei­se ein, ins­be­son­de­re im Zusam­men­hang mit den Auf­trit­ten Slad­dis und Mosis, dass deut­scher Humor beim Grand Prix nicht ankä­me. Gera­de so, als ob die Her­ren Horn (Platz 7 beim inter­na­tio­na­len Wett­be­werb) und Raab (Platz 5) nicht just das Gegen­teil bewie­sen hät­ten! Dane­ben ließ er hand­ver­le­se­ne Zeu­gen der Ankla­ge, wie den deut­schen Euro­vi­si­ons­kom­men­ta­tor Peter Urban oder den Prin­zen von Bay­ern, dama­li­ger Chef von OGAE Deutsch­land, unter den gleich zwei ein­hei­mi­schen Euro­vi­si­ons-Fan­clubs der deut­lich tra­di­tio­na­lis­ti­scher aus­ge­rich­te­te, in “Inter­views” brav auf­sa­gen, dass Stim­me und Melo­die ent­schei­dend sei­en. Und so muss­ten wir fol­ge­rich­tig zum Auf­takt erst mal das Pope­ra-Trio Ger­man Tenors über uns erge­hen las­sen: pseu­do­klas­si­sche Tenor­stim­men in schlei­mi­ger Pop­so­ße, bei­gesteu­ert natür­lich von kei­nem Gerin­ge­ren als Ralph Sie­gel. Also etwas für die geschmack­lich Anders­be­gab­ten. Wer so etwas mag, hört auch Ron­do Vene­zia­no. Und trinkt Klei­ne Reb­laus.

Schwu­le haben Mode­ge­schmack, sagt man. Mos­ham­mer war dann wohl doch hetero.

Der man­gels jeg­li­cher gesang­li­chen Fähig­keit als rei­ner Rap­per agie­ren­de Rudolph Mos­ham­mer hat­te sich zur Ver­stär­kung die Knei­pen­band Münch­ner Zwie­tracht mit­ge­bracht, mit wel­cher er erst weni­ge Mona­te zuvor einen klei­nen selbst­iro­ni­schen Hit (‘Moos ham­ma’) hat­te lan­den kön­nen. Mosi ahn­te wohl, dass sein Tun­ten­ba­rock-Hip-Hop nicht zwin­gend bei der Mehr­heit ankä­me und setz­te daher scham­los auf die Mit­leids­ma­sche. “Gell, Dai­sy,” (so der Name sei­ner stets mit­ge­führ­ten Hand­ta­schen­rat­te), “wir müs­sen nach­her gewin­nen, es ist doch für einen guten Zweck” (näm­lich für sei­ne Obdach­lo­sen­stif­tung), umsäu­sel­te er uns im Vor­stel­lungs­clip. Umsonst: gera­de mal 2% der Anru­fen­den konn­ten sich für ihn erwär­men. Dabei über­rasch­te ‘Teilt Freud und Leid’ als einer der bes­ten Bei­trä­ge des Abends: Mos­ham­mers Show als König der Welt war hoch­gra­dig unter­halt­sam, der Song­text grand­pri­x­esk und um vie­les anspruchs­vol­ler als bei­spiels­wei­se der von Michel­le. Noch grö­ße­re (Schaden-)Freude mach­te es aller­dings, den vier Jah­re spä­ter von einem homo­pho­ben Stri­cher gemeu­chel­ten Bou­ti­quen­be­sit­zer in der fol­gen­den Woche in sei­ner Para­de­rol­le als belei­dig­te Leber­wurst durch alle Talk­shows tin­geln zu sehen, wo er die Legen­de von der T‑Vote-Mani­pu­la­ti­on zu stri­cken wuss­te. Unbezahlbar!

Die Soul­tans: erken­nen Sie die Melodie?

Die Soul­tans boten eher was fürs Auge. Das 1995 gegrün­de­te Her­ren­trio, das im Jahr dar­auf mit zwei Cover­ver­sio­nen stein­al­ter Soul­klas­si­ker kurz­zei­ti­ge Erfol­ge fei­er­te, ver­such­te sich hier nach län­ge­rer Durst­stre­cke und einem Aus­tausch von zwei Drit­teln der Boy­band­boys an einem Come­back. Dazu trai­nier­ten sie vor ihrem Auf­tritt offen­bar ihre Bauch­mus­keln bes­ser als ihre Stimm­bän­der, und so tanz­ten sie ziem­lich ver­krampft zu Ana­csta­si­as ‘I’m out of Love’, das sie not­dürf­tig als eige­nen Song tarn­ten. Und damit war die Kar­rie­re end­gül­tig vor­bei. Auch Michel­le bedien­te wie Mosi im Vor­feld die­ser Ver­an­stal­tung mit zu Trä­nen rüh­ren­den Sto­rys über ihre schlim­me Kind­heit die Mit­leids­ma­sche: bei Bio, in der Bild und wo immer sonst jemand eine Kame­ra oder ein Mikro­fon auf sie rich­te­te. Dann die­ser Auf­tritt: ein opu­len­tes Kleid, das all ihre frisch erwor­be­nen kör­per­li­chen Vor­zü­ge so rich­tig zur Gel­tung brach­te; die Cho­reo­gra­fie, samt Licht­show eins zu eins aus Toni Braxt­ons Clip zu ‘Unbreak my Heart’ über­nom­men; und schließ­lich ein herr­lich cam­per Schla­ger, der von dem köst­li­chen Kon­trast zwi­schen sinn­be­frei­tem lyri­schen Pomp und ihrer völ­lig unpas­sen­den, unver­wech­sel­ba­ren Min­nie-Maus-auf-Heli­um-Stim­me leb­te. Dass sie die Höhen ihres Lie­des ver­pieps­te, sahen ihr die Deut­schen eben­so nach wie sie das wei­land bei Nico­le getan hat­ten. Sehr lus­tig die stör­ri­sche Haar­sträh­ne, die ihr wäh­rend des gesam­ten Vor­trags ins lin­ke Auge stach. Sie mit der Hand zurück­zu­strei­chen, hät­te die Illu­si­on der Per­fek­ti­on zer­stört, also litt Michel­le lieber.

Nicht so ganz im Griff wie gewünscht hat­te Michel­le indes ihre Augen­brau­en, die aus­ge­rech­net an die­sem Abend ihre Unab­hän­gig­keit erklärten.

Was man ja auch als aus­glei­chen­de Gerech­tig­keit betrach­ten kann. Das kras­se Gegen­stück zur Schla­gerdoh­le bil­de­te der prol­li­ge DJ Bal­loon. Der heißt eigent­lich Oli­ver Lüb­be­ring und arbei­te­te in einer Plat­ten­fir­ma, wo er laut NDR-Pro­sa “berühm­te Künst­ler wie Mar­ky Mark, Sash!, Soundlovers” und ande­re “ent­deck­te”. Unter Pseud­onym ver­öf­fent­lich­te er Dan­ce­tracks wie ‘Pus­syl­overs’ (mit einem Sam­ple aus dem Taran­ti­no-Strei­fen ‘From Dusk til Dawn’), der “mit pro­gres­si­vem Tech­no-Tran­ce-Sound die Par­ty-Crowd in den Clubs zu wah­ren Begeis­te­rungs­stür­men hin­riss”. Ah ja. Hier nun ließ sich der schwer­ge­wich­ti­ge DJ auf einem sta­bi­len Las­ten­bike in die Han­no­ve­ra­ner Are­na fah­ren und brüll­te in Scoo­ter-Manier zu wum­mern­den Beats “I’m a Tech­no Rocker”. Was im Wesent­li­chen die Lyrics umreißt. Da man das vor lau­ter Stimm­ver­zer­rung kaum ver­stand, näh­te er vor­sichts­hal­ber den Titel des Songs in gro­ßen Glit­zer­buch­sta­ben auf sei­nen Gla­dia­to­ren­wams aus dem Faschings­be­darfs­la­den. Abschlie­ßend gos­sen sich sei­ne Back­ground­tän­ze­rin­nen (heu­te bekannt als Hot Ban­di­toz) je einen Eimer Eis­was­ser über ihre, nun­ja: Bal­lons. Dass dies pro­blem­los durch­ging, bil­det gemein­sam mit der oben the­ma­ti­sier­ten Dis­qua­li­fi­ka­ti­on der Love Rockets ein gera­de­zu lehr­buch­mä­ßi­ges Para­de­bei­spiel für die skan­da­lös hane­bü­che­ne Dop­pel­mo­ral des Ham­bur­ger Senders.

Nimmt es von der Text-zu-Musik-Ratio in etwa mit ‘Noc­turne’ auf. Klingt nur sehr viel erträg­li­cher: DJ Bal­loon und die Hot Banditoz.

Es folg­ten die pro­phe­tisch beti­tel­ten Tag­träu­mer, nicht zu ver­wech­seln mit der gleich­na­mi­gen, 2014 gegrün­de­ten öster­rei­chi­schen Pop­band (‘Sinn’). Ihre deut­sche Vor­läu­fer­ka­pel­le war ein Pro­jekt des Rudi-Schu­ri­cke-Enkels Andre­as Har­de ali­as Andy Jones, des­sen Stim­me man auf der Enig­ma-Sin­gle ‘Return to Inno­cence’ hören konn­te. Sin­gen wir alle zusam­men zur Hook­li­ne ihrer super­sof­ten Schleim­bal­la­de in schlech­tes­ter Mün­che­ner-Frei­heit-Tra­di­ti­on: “Ihr wart wohl völ­lig besof­fen / Als ihr dies Lied hier erdacht’ / Hört ihr beim Träu­men und Hof­fen / Das Publi­kum, wie es laut lacht?”. Die aus Schles­wig-Hol­stein stam­men­de Deutschrock­band Ille­gal 2001 brach­te mit ‘Ich weiß es nicht’ pro­fun­de phi­lo­so­phi­sche Betrach­tun­gen zu den wich­ti­gen Fra­gen der Zeit ein, bei­spiels­wei­se, ob Micha­el Schu­ma­cher einen “klei­nen Penis” habe, “weil er so gro­ße Autos fährt”, und spen­de­ten mit der Erkennt­nis, dass bei nied­rig­ste­hen­der Son­ne auch Zwer­ge lan­ge Schat­ten wer­fen, Trost für all die­je­ni­gen, die sich zumin­dest gele­gent­lich “klein und unbe­deu­tend” füh­len. Das hat­te viel Schö­nes! Die Schweiz muss­te, eben­so wie Öster­reich, wegen ihres schlech­ten Punk­te­durch­schnit­tes beim Euro­vi­si­on Song Con­test aus­set­zen und steu­er­te statt­des­sen, wie schon 1999, einen Gast­bei­trag zum deut­schen Vor­ent­scheid bei.

Ist Die­ter Boh­len musi­ka­lisch oder fehlt ihm das Talent?” fru­gen Ille­gal 2001. Was einen beson­ders iro­ni­schen Biss dadurch erhält, dass Boh­len das Pau­sen­pro­gramm der Show bestritt.

Drei Sän­ge­rin­nen setz­ten sich beim eigens hier­für ver­an­stal­te­ten, offe­nen Inter­net­cas­ting des SRF durch: die Eid­ge­nos­sin­nen Les­ley Boga­ert und Bri­git­te Oel­ke sowie die Nord­schwei­ze­rin Mann­hei­me­rin Joy Fle­ming (‘Ein Lied kann eine Brü­cke sein’), die somit hier das ers­te Mal seit 1986 wie­der auf einer Vor­ent­schei­dungs­büh­ne stand. Wor­über ich mich im Vor­feld so sehr begeis­ter­te, dass ich ihr Lied sei­ner­zeit als über­ra­gend wer­te­te. Heu­te aller­dings, mit eini­gem Abstand und abge­nom­me­ner rosa Bril­le, muss ich lei­der sagen, dass es die drei star­ken Frau­en ziem­lich unter­for­der­te und das vor­han­de­ne Stimm­vo­lu­men über­haupt nicht nutz­te. So oder so ging ‘Power of Trust’ jedoch an allen Ohren vor­bei, weil man als Zuschauer:in zu sehr damit beschäf­tigt war, sich über die eng­an­lie­gend gegel­te Fri­sur von Les­ley Boga­ert zu beöm­meln, die ihre beacht­li­chen, dum­bo­glei­chen Segel­oh­ren erst so rich­tig zur Gel­tung brach­te. Und natür­lich vor allem über das aus meh­re­ren Qua­drat­ki­lo­me­tern brau­nem Samt­stoff und Blu­men­gir­lan­den bestehen­de Kleid der sehr volu­mi­nö­sen Grand-Prix-Legen­de Joy Fle­ming: sie sah aus wie ein Kom­post­hau­fen, in den oben jemand mit Gewalt einen Kopf hin­ein­ge­quetscht hatte.

Das Blu­men­beet der Freu­de: Joy & die Hit­kids. Ein paar schie­fe Töne waren lei­der auch dabei.

Selbst in der Stu­dio­fas­sung des – durch­aus süf­fi­gen – Sta­di­on­schla­gers ‘Einer für alle’ konn­te man es bereits deut­lich her­aus­hö­ren. Näm­lich, dass der ein­gangs erwähn­te Zlat­ko eines nicht kann: sin­gen! Live geriet das zur Total­ka­ta­stro­phe. Dass das Han­no­ve­ra­ner Hal­len­pu­bli­kum in ohren­be­täu­ben­der Laut­stär­ke pfiff und buh­te, was die NDR-Kame­ras sowie die bei die­sem Auf­tritt merk­wür­di­ger­wei­se nicht her­un­ter­ge­re­gel­ten Saal­mi­kro­fo­ne aus­führ­lich doku­men­tier­ten und Alexis Bult­haupt zufrie­den grin­send zur Kennt­nis nahm, hat­te aber nicht nur mit die­ser Schlecht­leis­tung zu tun: hier tob­te ein erbit­ter­ter Kul­tur­kampf! Zlat­ko trat als Reprä­sen­tant und Gal­li­ons­fi­gur der bewusst bil­dungs­fer­nen “Unter­schicht” (Harald Schmidt) an, die sich – dem Inter­net, nach­mit­täg­li­chen Kra­wall­shows und eige­ner TV-Sen­der wie RTL2 sei Dank – seit Neu­es­tem nicht mehr scham­be­setzt ruhig ver­hielt, son­dern gesell­schaft­li­che Teil­ha­be zu ihren Bedin­gun­gen ein­for­der­te. Die offen und unge­zü­gelt demons­trier­te Feind­se­lig­keit der zu 95% quee­ren, orga­ni­sier­ten Grand-Prix-Fans, tra­di­tio­nell eher dem auf­stiegs­ori­en­tier­ten Klein­bür­ger­tum zuzu­rech­nen, beinhal­te­te daher eine sehr kla­re Ansa­ge: die (als latent homo­pho­be Bedro­hung wahr­ge­nom­me­nen) Dumm­prolls mögen doch bit­te wie­der die Fres­se hal­ten, sich in ihre Fuß­ball­sta­di­en zurück­zie­hen und den Unter­hal­tungs­be­reich qua­li­fi­zier­te­rem Per­so­nal über­las­sen. Hut ab daher für den unsterb­li­chen Abgang des Con­tai­ner­stars, des­sen kur­ze Kar­rie­re genau hier ihr jähes Ende fand: mit hoch­ge­reck­tem Mit­tel­fin­ger und einem ver­nehm­li­chen “Dan­ke, ihr Fotz­köp­pe”!

Stets kon­se­quent einen Halb­ton neben den Noten: Zlat­ko erhob das Falschsin­gen zur neu­en Kunstform. 

Der poli­tisch enga­gier­te Köl­ner Deutschro­cker Wolf Maahn (‘Tscher­no­byl’) des­sen letz­te Hit­sin­gle nun schon acht Jah­re zurück lag, kämpf­te mit sei­ner Vor­ent­schei­dungs­teil­nah­me wohl um sei­nen Plat­ten­ver­trag bei der EMI: ver­geb­lich. Dass er in sei­nem völ­lig ega­len Lied­chen stän­dig irgend­was von “Sara­je­wo” jaul­te, wo der Con­test doch in Kopen­ha­gen statt­fand, irri­tier­te. Aus wel­chem Grund er dabei ohne Unter­lass mit den Armen pro­pel­ler­te wie eine DC 10 im Lan­de­an­flug, wird ein unge­lös­tes Rät­sel der Mensch­heit blei­ben. Inter­es­sier­te aber auch nie­man­den: ver­dien­ter letz­ter Platz. Nur eins wei­ter dar­über lan­de­te der groß­ge­wach­se­ne (West!-)Berliner Kevin Kraus mit einem von Lutz Fah­ren­krog-Peter­sen (Nena) geschrie­be­nen, eben­so ega­len Lied­chen. Unter dem Künst­ler­na­men Björn Land­berg ver­öf­fent­licht Kevin noch heu­te regel­mä­ßig Schla­ger, wenn­gleich ohne kom­mer­zi­el­len Erfolg. Der sym­pa­thi­schen Bier­zelt­sän­ge­rin Marie-Loui­se Hoff­ner ali­as Lou sah man rich­tig­ge­hend an, wie viel Spaß sie bei ihrem Auf­tritt hat­te. Da woll­te man fast schon dar­über hin­weg­zu­se­hen, dass sie sich von Ralph Sie­gel ein der­ar­tig bil­li­ges Kin­der­lied­chen (‘Hap­py Bir­th­day Par­ty’) andre­hen ließ: ein grau­si­ges Pot­pour­ri sämt­li­cher Glück­wunsch­ständ­chen, mit denen hem­mungs­lo­se Tan­ten auf Kin­der­ge­burts­ta­gen die Ohren der Anwe­sen­den mal­trä­tie­ren. Aller­dings: etwas ganz Ähn­li­ches gewann dann ja in Kopenhagen!

Für die weni­ger Lei­dens­be­rei­ten: die Songs im Schnelldurchlauf.

Weiß irgend­je­mand zufäl­lig, wie viel Die­ter Boh­len für sei­nen Exklu­siv­ver­trag mit dem NDR hin­blät­ter­te? Nicht nur, dass er uns wäh­rend der Wer­tungs­run­den mit der neu­es­ten über­flüs­si­gen Modern-Tal­king-Sin­gle ‘Win the Race’ und dem Auf­tritt sei­ner neu­es­ten Ent­de­ckung Mil­la­ne Fer­nan­dez behel­lig­te, die zu einem Ven­ga-Boys-wür­di­gen Titel (‘Boom Boom’) eine aero­bicrei­fe Cho­reo­gra­fie tanz­te. Nein, er durf­te gar noch Moses P. zur ESC-Teil­nah­me als Kom­po­nist auf­ru­fen. Ein per­fi­der Trick, um die Kar­rie­re des Kon­kur­ren­ten zu zer­stö­ren: im Gegen­satz zu Boh­len hat­te Pel­ham zu die­sem Zeit­punkt näm­lich noch eine Credi­bi­li­ty zu ver­spie­len. Zudem erhei­ter­te uns der Die­ter mit der Aus­sa­ge, es fal­le ihm zuneh­mend schwe­rer, noch “ein tol­les Mäd­chen” für sei­ne Zwe­cke “zu fin­den”. Was sich noch am sel­ben Abend änder­te: auf der After­show­par­ty lern­te er die als Tän­ze­rin von DJ Bal­loon enga­gier­te Este­fa­nia Küs­ter ken­nen, mit der er bis 2006 zusam­men­leb­te. Ein ästhe­ti­scher Hoch­ge­nuss dage­gen der Pau­sen-Auf­tritt von Rosen­stolz und Marc Almond, die den wun­der­ba­ren Klaus-Nomi-Klas­si­ker ‘Total Eclip­se’ zum Bes­ten gaben. Anna R. und Marc Almond: zwei gro­ße, thea­tra­li­sche und stimm­ge­wal­ti­ge Diven und der put­zi­ge Peter Pla­te als mensch­li­cher Flum­mi – was auch immer er sich da ein­ge­klinkt hat, ich hät­te ger­ne dasselbe!

Rosen­stolz: Wer hat das Tört­chen denn jetzt eigent­lich gekriegt? Marc, Anna oder Peter?

Erst­ma­lig führ­te der NDR ein soge­nann­tes “Super­fi­na­le” unter den drei Best­plat­zier­ten der ers­ten Abstim­mungs­run­de ein, um die anru­fen­den Zuschauer:innen gleich zwei Mal mel­ken zu kön­nen. Nach der ers­ten Wer­tung ver­riet Axel Bult­haupt zwar, dass Michel­le vor­ne läge, ver­gaß aber zu erwäh­nen, dass sie zu die­sem Zeit­punkt nur 0,1 Pro­zent­punk­te und weni­ge Hun­dert Stim­men von Joy Fle­ming trenn­ten. Die zwei­te Abstim­mung ver­fes­tig­te dem­entspre­chend das Ergeb­nis, schließ­lich schla­gen sich vie­le Men­schen ger­ne und rasch auf die Sei­te der poten­ti­el­len Gewin­ne­rin. Zur Pein­lich­keit geriet die Sie­ge­rin­nen­kür, als er ledig­lich die Dritt­plat­zier­te Lou und die Gewin­ne­rin Michel­le nann­te. Joy steck­te die Miss­ach­tung bra­vou­rös weg und erfreu­te uns, in dem sie sich bei der Umar­mung Michel­les ret­tungs­los in deren Zehn­tau­send-Mark-Kleid ver­hak­te und man vor dem Bild­schirm atem­los war­te­te, ob die Zwei ohne Ein­satz der Berufs­feu­er­wehr wie­der getrennt wer­den könn­ten. Sie konn­ten – und Michel­le durf­te ihren tra­shig schö­nen Titel noch­mals vor­piep­sen vor­sin­gen. Für die gro­ße Tra­gö­din des deut­schen Schla­gers, die uns seit­her haupt­säch­lich mit Geschich­ten über Hun­de­sa­lons, medi­al ver­mark­te­te Hoch­zei­ten, Tren­nun­gen, Zusam­men­brü­che und Come­backs vor­treff­lich unter­hält, war es der wohl glanz­volls­te Abend ihrer Karriere.

Knall­char­gen à gogo beim Deut­schen Vor­ent­scheid 2001 (gan­ze Show).

Und für den NDR der erfolg­reichs­te Vor­ent­scheid in die­sem Jahr­tau­send: über neun Mil­lio­nen Men­schen sahen zu. So vie­le soll­te es nie wie­der werden…

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2001

Count­down Grand Prix 2001. Frei­tag, 2. März 2001, aus der Preus­sag-Are­na in Han­no­ver. Zwölf Teilnehmer:innen, Mode­ra­ti­on: Axel Bult­haupt. Tele­vo­ting mit Superfinale.
#Inter­pre­tenSong­ti­telTele­vo­teSuperPlatzCharts
01Ger­man TenorsA Song for our Friends16,4%-04-
02Münch­ner Zwie­tracht + Rudolph MoshammerTeilt Freud und Leid02,3%-10-
03Soul­tansSet me freen.b.-08-
04Michel­leWer Lie­be lebt22,2%36,6%0132
05DJ Bal­loonTech­no Rocker02,8%-0944
06Tag­träu­merTräu­men und hoffenn.b.-07-
07Ille­gal 2001Ich weiß es nicht05,9%-0591
08Les­ley, Joy & BrigittePower of Trust22,1%34,7%02-
09Zlat­koEiner für alle03,7%-0679
10Wolf MaahnBet­ter Lifen.b.-12-
11Kevin KrausPlayin’ on my Mindn.b.-11-
12Lou + BandHap­py Bir­th­day Party18,0%28,7%03-

*Anmer­kung zur Tabel­le: Der NDR ver­öf­fent­lich­te nur die Ergeb­nis­se der drei Erst­plat­zier­ten, der Rest ist Hörensagen.

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 31.10.2021

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2 Comments

  • Mil­la­ne Fer­nan­dez Hat Mil­la­ne Fer­nan­dez denn kei­ne Eltern, die sie vor rei­chen alten Män­nern war­nen konn­ten? Ich hät­te mei­ner min­der­jäh­ri­gen Toch­ter sol­chen Umgang verboten.

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