DVE 2001: Danke, Ihr Fotzköppe!

Michelle, DE 2001
Die Minne Maus

Diese Vorentscheidung sorgte für eine derart übersteigerte Medienhysterie, dass sich Guildo Horns Kreuzzug der Liebe dagegen wie ein Pfadfindertreffen ausnahm. Der (erhoffte) Skandal trug vor allem einen Namen: Zlatko Trpkovski. Der Big-Brother-Star und Held aller Prekarianer konnte nach seinem Auszug aus dem erstmals in Deutschland gezeigten Idiotencontainer zwei Nummer-Eins-Hits landen, trotz des völligen Fehlens jedweden stimmlichen Talents und offensichtlich nicht trotz, sondern wegen der frappierenden musikalischen und textlichen Schlichtheit seiner Werke. Allgemein setzte man seinen Sieg voraus, denn dass hierüber vor allem die Medienbekanntheit entscheidet, hatten Guildo Horn und Stefan Raab (DE 2000) bereits bewiesen.

Dann sagte sich zu allem Überfluss auch noch der Münchener Tuckenschneider Rudolph Moshammer an, eine Schießbudenfigur des Boulevards, der seine Bekanntheit vor allem seiner grotesken Perücke und seiner Bereitschaft, sich für ein wenig mediale Beachtung jederzeit freiwillig lächerlich zu machen, verdankte. Was bei Guildo als Befreiungsschlag gegen die Verstaubtheit des Grand-Prix-Unwesens begann, drohte nun zum Siegeszug der Spaßterroristen zu verkommen, mit Niveaulosigkeit als Konzept. Nach heftigen Debatten in der Medienöffentlichkeit kippte die Stimmung jedoch um: beide Acts kamen bei der Abstimmung nicht mal unter die ersten Drei. Das Ende der Spaßgesellschaft bekam auch die Gruppe Love Rocket zu spüren, die mit ‚0190 – Hey Du da‘ eine grandiose Persiflage auf die Sexhotlines aus dem nächtlichen Werbefernsehen zum Besten geben wollte, mit Textzeilen wie „Ich bin die kleine Geile / gegen Langeweile“. Unter einem fadenscheinigen Vorwand (angeblich drohten sie mit Barbusigkeit) kegelte der prüde, aber stets skandalinteressierte Jürgen Meier-Beer sie raus.

Blieb uns erspart: Unterhaltungsdino Thomas Gottschalk

Weit weniger prinzipientreu verfuhr man da bei der nachträglichen Zulassung des ZDF-Zugpferdes und früheren Vorentscheid-Moderators Thomas Gottschalk, der mit einer getürkten Wette seinen Alte-Herren-Schlager ‚Whatever happened to Rock’n’Roll‘ auf die Grand-Prix-Bühne schmuggeln wollte. Immerhin verfügte er über soviel Anstand, seinen Titel freiwillig zurückzuziehen, als die Manipulation ans Licht kam. Den Abverkäufen der Single schadete das nicht. Das Bemühen, bloß keinen der Comedy-Acts gewinnen zu lassen, merkte man Axel „Alexis“ Bulthaupt sehr deutlich an: nie moderierte der Vorentscheidungspate so parteiisch wie an diesem Abend. Er streute zahllose Hinweise, insbesondere im Zusammenhang mit den Auftritten Zlatkos und Mosis, dass deutscher Humor beim Grand Prix nicht ankäme (als ob Horn und Raab nicht gerade das Gegenteil bewiesen hätten!) und ließ Zeugen der Anklage, wie den deutschen Eurovisionskommentator Peter Urban oder den Prinzen von Bayern, damaliger OGAE-Chef, in „Interviews“ brav aufsagen, dass Stimme und Melodie entscheidend seien.


Schwule haben Modegeschmack: Moshammer war dann wohl hetero

Siegel & Meinunger gaben mal wieder das A&O der Show – ihre Beiträge kamen zu Anfang und zum Ende. Zum Auftakt gab es mit den German Tenors was für die geschmacklich Andersbegabten: pseudoklassische Tenorstimmen in schleimiger Popsoße. Wer so was mag, hört auch Rondo Veneziano. Und trinkt Kleine Reblaus. Mosi (Startplatz Zwei) ahnte wohl, dass sein Tuntenbarock-Hip-Hop nicht zwingend bei der Mehrheit ankommt und setzte schamlos auf die Mitleidsmasche. „Gell, Daisy,“ (seine Handtaschenratte) „wir müssen nachher gewinnen, es ist doch für einen guten Zweck“ (nämlich seine Obdachlosenstiftung), umsäuselte er uns im Vorstellungsclip. Umsonst. Dabei überraschte ‚Teilt Freud und Leid‘ als einer der besten Beiträge des Abends: seine Show als König der Welt war hochgradig unterhaltsam, der Songtext grandprixesk und um vieles anspruchsvoller als der von Michelle (DVE 1997). Noch größere Freude machte es allerdings, den vier Jahre später von einem Stricher gemeuchelten Boutiquenbesitzer in der folgenden Woche in seiner Paraderolle als beleidigte Leberwurst durch alle Talkshows tingeln zu sehen, wo er die Legende von der T-Vote-Manipulation zu stricken wusste. Unbezahlbar!


Die Soultans: erkennen Sie die Melodie?

Die Soultans-Schwestern boten eher was für’s Auge. Sie trainierten vor ihrem Auftritt offenbar ihre Bauchmuskeln besser als ihre Stimmbänder, und so tanzten sie etwas verkrampft zu Anacstasias ‚I’m out of Love‘, das sie notdürftig als eigenen Song tarnten. Wie Mosi bediente auch Michelle im Vorfeld mit zu Tränen rührenden Storys über ihre schlimme Kindheit die Mitleidsmasche: bei Bio, in der Bild und wo immer sonst jemand eine Kamera oder ein Mikro auf sie richtete. Dann dieser Auftritt: ein Kleid, das all ihre frisch erworbenen körperlichen Vorzüge so richtig zur Geltung brachte; die Choreografie, samt Lichtshow eins zu eins von Toni Braxtons Clip zu ‚Unbreak my Heart’ übernommen; ein starker Schlager (‚Wer Liebe lebt‘) und ihre unverwechselbare Minnie-Maus-auf-Helium-Stimme. Dass sie die Höhen ihres Liedes verpiepste, sah man ihr ebenso nach wie man das weiland bei Nicole getan hatte. Sehr lustig die störrische Haarsträhne, die ihr während des gesamten Vortrags ins linke Auge stach. Sie mit der Hand zurückzustreichen, hätte die Illusion der Perfektion zerstört, also litt Michelle lieber. Was man ja auch als ausgleichende Gerechtigkeit betrachten kann.


A Chest to remember: Michelle

Gegensätzlicher hätte der nächste Auftritt nicht ausfallen können: ein fetter, glatzköpfiger Hanswurst im Faschingskostüm namens DJ Balloon brüllte in ScooterManier etwas von einem ‚Techno Rocker‘:  wie bei den Tenors und ihrem Klassikpop also zwei Musikarten, die schlichtweg nicht zusammengehen. Für die ganz Dummen – seine Zielgruppe – nähte er den Titel des Songs extra in großen Buchstaben auf seinen Wams. Dazu veranstalteten seine Background-Tussen (heute bekannt als Hot Banditoz) noch einen Miss-Wet-T-Shirt-Contest. Dass dies problemlos durchging, bildet gemeinsam mit der vorherigen Disqualifikation von Love Rocket ein geradezu lehrbuchmäßiges Paradebeispiel für den Begriff „Doppelmoral“. Es folgten die prophetisch betitelten Tagträumer. Singen wir alle zusammen zur Hookline ihres schnarchlangweiligen Stücks in schlechtester MünchenerFreiheitTradition: „Ihr wart wohl völlig besoffen / Als ihr dies Lied hier erdacht‘ / Hört ihr beim Träumen und Hoffen / Das Publikum, wie es laut lacht?“. Illegal 2000 waren eine irgendwie sympathische Außenseitergruppe mit einem ganz netten Lied (‚Ich weiß es nicht‘) und einem ganz lustigen Text über Jenny Elvers, den Papst und andere Überflüssigkeiten des Lebens. Zu versponnen, um damit gewinnen zu können – dennoch eine Bereicherung des Vorentscheidungsfelds.


Ein Fall akuter Ballonitis

Dann endlich kamen meine großen Favoritinnen: Lesley, Joy & Brigitte! Drei tolle Sängerinnen mit großartigen Stimmen und einem Lied, das ich seinerzeit in meiner Joy-Fleming-Euphorie als überragend wertete und über das ich heute, mit einigem Abstand, leider sagen muss, dass es die drei starken Frauen (die übrigens als „Schweizer Gastbeitrag“ starteten) ziemlich unterforderte und das vorhandene Stimmvolumen überhaupt nicht nutzte. So oder so ging ‚Power of Trust‘ an allen Ohren vorbei, weil man zu sehr damit beschäftigt war, sich über die eng anliegend gegelte Frisur von Lesley Bogaert zu beömmeln, die ihre beachtlichen, dumbogleichen Segelohren erst so richtig zur Geltung brachte. Und natürlich und vor allem über das aus mehreren Quadratkilometern Samtstoff und Blumengirlanden bestehende Kleid der sehr voluminösen Grand-Prix-Legende Joy Fleming (DE 1975, DVE 1986, 2002): sie sah aus wie ein Komposthaufen, in den oben jemand mit Gewalt einen Kopf hineingequetscht hatte.


Das Blumenbeet der Freude: Joy & die Hitkids

Selbst in der Studiofassung des – für sich genommen durchaus unterhaltsamen – Stadionschlagers ‚Einer für alle‘ konnte man es deutlich heraushören. Nämlich dass Zlatko, neben vielem anderen, eines auch nicht kann: singen! Live geriet das zur völligen Katastrophe. Dass das Hannoveraner Hallenpublikum in ohrenbetäubender Lautstärke pfiff und buhte, was die NDR-Kameras ausführlich dokumentierten und Alexis Bulthaupt zufrieden grinsend zur Kenntnis nahm, hatte aber nicht nur damit zu tun: hier tobte ein machtvoller Kulturkampf! Zlatko trat als Repräsentant und Gallionsfigur der bewußt bildungsfernen „Unterschicht“ (Harald Schmidt) an, die sich – nachmittäglichen Krawallshows und eigener TV-Sender wie RTL2 sei Dank – seit Neuestem nicht mehr ruhig verhielt, sondern gesellschaftliche Teilhabe zu ihren Bedingungen einforderte. Die offen und ungezügelt demonstrierte Feindseligkeit der organisierten Grand-Prix-Fans, traditionell eher dem aufstiegsorientierten Kleinbürgertum zuzurechnen, beinhaltete eine sehr klare Ansage: die Dummprolls mögen doch bitte weiterhin die Fresse halten, sich in ihre Fußballstadien zurückziehen und den Unterhaltungsbereich qualifizierterem Personal überlassen. Hut ab daher für den unsterblichen Abgang des Containerstars, dessen Karriere hier ihr jähes Ende fand: mit hochgerecktem Mittelfinger und einem vernehmlichen „Danke, ihr Fotzköppe“!


Zlatko: darf dieser Mann für Deutschland singen?

Irgendwann vor vielen, vielen, sehr, sehr vielen Jahren muss der Wolf (Maahn) mit der schlimmen Minipli mal so was wie ein Deutschrockdarsteller gewesen sein. Weswegen er also bei einem Grand-Prix-Vorentscheid teilnahm, blieb im Dunkeln. Warum er im Promoclip seine Frau abschlabbern musste (ekelt die sich denn vor nichts?), ebenso. Weswegen er ständig irgendwas von „Sarajewo“ sang, wo der Contest doch in Kopenhagen stattfand, auch. Und aus welchem Grund er dabei ständig mit den Armen propellerte wie eine DC 10 beim Landeanflug, wird ein ebenso ungelöstes Rätsel der Menschheit bleiben. Interessiert aber auch niemanden: verdienter letzter Platz. Der sympathischen Bierzeltsängerin Lou Hoffner (DE 2003) sah man richtiggehend an, wie viel Spaß sie bei ihrem Auftritt hatte. Da war man fast geneigt, darüber hinwegzusehen, dass sie sich von Siegel ein billiges Kinderliedchen (‚Happy Birthday Party‘) andrehen ließ: ein grausiges Potpourri sämtlicher Glückwunschständchen und Happy-Twist-Melodien, mit denen hemmungslose Tanten auf Kindergeburtstagen die Ohren der Anwesenden malträtieren. Allerdings: etwas ganz Ähnliches gewann dann ja in Kopenhagen!


Für die weniger Leidensbereiten: die Songs im Schnelldurchlauf

Weiß irgendjemand zufällig, wie viel Dieter Bohlen für seinen Exklusivvertrag mit dem NDR hinblätterte? Nicht nur, dass er uns während der Wertungsrunden mit der neuesten überflüssigen Modern-Talking-Single ‚Win the Race‘ und dem Auftritt seiner neuesten Gespielin Entdeckung Millane Fernandez behelligte, die zu einem Venga-Boys-würdigen Titel (‚Boom Boom‘) eine aerobicreife Choreografie tanzte. Nein, er durfte gar noch Moses P. zur Teilnahme als Komponist aufrufen (ein perfider Trick, um die Karriere des Konkurrenten zu zerstören: im Gegensatz zu Bohlen hatte Pelham zu diesem Zeitpunkt noch eine Credibility zu verspielen) und erheiterte uns mit der Aussage, es falle ihm zunehmend schwerer, noch „ein junges Mädchen für [sich] zu finden“. Was uns ob seiner finanziellen Abgesichertheit schwer fällt, zu glauben. Ein ästhetischer Hochgenuss dagegen der Pausen-Auftritt von Rosenstolz (DVE 1998) und Marc Almond, die den wunderbaren Klaus-Nomi-Klassiker ‚Total Eclipse‘ zum Besten gaben. Anna R. und Marc Almond: zwei große, theatralische und stimmgewaltige Diven und der putzige Peter Plate als menschlicher Flummi – ich hätte auch gern was von dem Stoff! Superb auch der hochgradig originelle Videoschnellmix von Bauhaus, über den sich offensichtlich nur Rudolph Moshammer nicht freuen konnte.


Wer hat das Törtchen denn jetzt eigentlich gekriegt? Marc, Anna oder Peter?

Nach der ersten Wertungsrunde1)Erstmals führte der NDR ein sogenanntes „Superfinale“ unter den drei Bestplatzierten der ersten Abstimmung ein, um die anrufenden Zuschauer gleich zwei Mal melken zu können. verriet Axel Bulthaupt zwar, dass Michelle vorne läge, vergaß aber zu erwähnen, dass sie zu diesem Zeitpunkt nur 0,1 Prozentpunkte und wenige Hundert Stimmen von Joy Fleming trennten. Die zweite Abstimmung verfestigte dementsprechend das Ergebnis, schließlich schlagen sich viele Menschen gerne und rasch auf die Seite des potentiellen Siegers. Zur Peinlichkeit geriet auch die Siegerkür, als er lediglich die Drittplatzierte Lou und die Gewinnerin Michelle nannte. Joy steckte die Missachtung locker weg und erfreute uns, in dem sie sich bei der Urmarmung Michelles rettungslos in deren Zehntausend-Mark-Kleid verhakte und man vor dem Bildschirm atemlos wartete, ob sie ohne Einsatz der Berufsfeuerwehr wieder getrennt werden könnten. Sie konnten – und Michelle durfte ihren trashig schönen Titel nochmals vorpiepsen vorsingen. Für die große Tragödin des deutschen Schlagers, die uns seither hauptsächlich mit Geschichten über Hundesalons, medial vermarktete Hochzeiten, Trennungen, Zusammenbrüche und Comebacks vortrefflich unterhält, war es der wohl glanzvollste Abend ihrer Karriere.

Deutsche Vorentscheidung 2001

Countdown Grand Prix 2001. Freitag, 2. März 2001, aus der Preussag-Arena in Hannover. Zwölf Teilnehmer, Moderation: Axel Bulthaupt.
#InterpretTitel%1%2PlatzCharts
01German TenorsA Song for our Friends16,4-04-
02Münchner Zwietracht + Rudolph MoshammerTeilt Freud und Leid02,3-10-
03SoultansSet me free*-08-
04MichelleWer Liebe lebt22,236,60132
05DJ BalloonTechno Rocker02,8-0944
06TagträumerTräumen und hoffen*-07-
07Illegal 2000Ich weiß es nicht05,9-0591
08Lesley, Joy & BrigittePower of Trust22,134,702-
09ZlatkoEiner für alle03,7-0679
10Wolf MaahnBetter Life*-12-
11KevinPlaying on my Mind*-11-
12Lou & BandHappy Birthday Party18,028,703-

*Anmerkung zur Tabelle: Der NDR veröffentlichte nur die Ergebnisse der drei Erstplatzierten, der Rest ist Hörensagen.

Fußnote(n)   [ + ]

1. Erstmals führte der NDR ein sogenanntes „Superfinale“ unter den drei Bestplatzierten der ersten Abstimmung ein, um die anrufenden Zuschauer gleich zwei Mal melken zu können.

2 Gedanken zu “DVE 2001: Danke, Ihr Fotzköppe!

  1. Millane Fernandez Hat Millane Fernandez denn keine Eltern, die sie vor reichen alten Männern warnen konnten? Ich hätte meiner minderjährigen Tochter solchen Umgang verboten.

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