ESC 2001: …is always repeating itself

Logo des Eurovision Song Contest 2001
Das Jahr der besten Song

Seit jeher bekenne ich mich, wie der geneigte Leser sicher ahnt, als eiserner Verfechter des hundertprozentigen Televoting, eben weil es ein demokratisches Verfahren ist. Und zwar auch dann, wenn ich, wie in diesem Jahr, selbst unter den Ergebnissen zu leiden habe wie ein Hund. Gleich drei der besten Eurovisionsbeiträge aller Zeiten bot dieser Jahrgang auf: gerade mal einer davon schaffte es unter die ersten Drei. Die ersten beiden Plätze des Zuschauerrankings belegen unterdessen Spitzenpositionen in meiner persönlichen Haßlieder-Liste. Kehrseite der Medaille: seit sich der Contest, eben auch dank des Televoting, von einer nur noch von Schwulen verfolgten Randveranstaltung wieder zu einem Massenevent entwickelte, stimmt leider auch die heterosexuelle Bevölkerungsmehrheit mit ab. Und die verfügt bekanntlich über keinerlei Musikgeschmack.


Sängerin, Bodenmasseuse und Lebenshelferin: diese Michelle hat’s drauf! (NL)

Ironischerweise eröffnete die niederländische Lesbe Michelle Courtens mit ihrem Coming-Out-Song ‚Out on my own‘ den Abend: eine wunderhübsche, sanfte Ballade, in die ich mich nach dem vierten oder fünften Hören auch unsterblich verliebte. Das ist beim Grand Prix jedoch zu spät: beim ersten Hören wirkte die Nummer etwas farblos. Auch optisch: anstelle einer Choreografie absolvierten Michelle und ihre zwei Backings ein paar halbherzige Bodenübungen aus dem Yogakurs. Noch blasser blieben die Isländer Two Tricky: ihren ‚Angel‘ vergaß man bereits wieder, während sie noch sangen. Nino Pršes aus Bosnien setzte zumindest farbliche Akzente: er kam im orangefarbenen Müllmann-Outfit auf die Bühne, ergänzt durch eine schwarze Sonnenbrille und ein lustiges Peppone-Hütchen. Völlig unpassend zu dieser eher lauten Aufmachung nuschelte er mit leiser, kaum verständlicher Stimme eine musikalisch zurückhaltende, wenn auch textlich typisch bosnische, herzzerreißende Schmerzensballade über seine unerwiderte Liebe zu ‚Hano‘. Eine wunderbare Nummer (niemand leidet so schön wie die Bosnier™), allerdings viel zu dezent für die Rummelplatzatmosphäre1)Im Bemühen der möglichst weitestgehenden Refinanzierung der Austragungskosten durch die Grand-Prix-Fans hatte das dänische Fernsehen ein Fußballstadion als Veranstaltungsort gewählt, in das 38.000 Zuschauer hineinpassten, knapp das Vierfache des Üblichen. Dennoch waren die Tickets innerhalb eines Tages ausverkauft. des diesjährigen Wettbewerbs.

Befolgte den Tipp aus ‚Zoff in Beverly Hills‘ („Etwas mehr orange“): Nino (BA)

Besser eingestellt auf die äußeren Umstände zeigte sich Haldor Lægreid aus Norwegen. Er lieferte mit ‚On my own again‘ die dramatischste Ballade des Abends – und den absoluten Comedy-Höhepunkt. Der „ausgebildete Musicalsänger“ (Peter Urban) grimassierte dermaßen wild, als wolle er sicherstellen, dass auch die Zuschauer in den zirka zwei Kilometer von der Bühne entfernten, letzten Sitzreihen des Parken Stadions seine Mimik wahrzunehmen vermögen. Auf dem Fernsehbildschirm sah das unfreiwillig komisch aus, so als müsse man jeden Moment einen Gesichtskrampf des Barden befürchten. Die theatralische Gestik, das zentimeterdick aufgetragene Make-up und nicht zuletzt seine weiße Rüschenbluse machten unmissverständlich klar: hier agiert eine echte Dramaqueen! Oder, wie eine britische Kollegin meinte: „Clearly a Boy in search of a Boyband“. Haldors Tragik: die (wie schon gesagt, eher ältere und heterosexuelle) Mehrheit der Eurovisionszuschauer ist für solchen Spitzen-Camp unempfänglich und strafte unseren großen Tragöden mit dem letzten Platz ab. Ungerecht, denn sein Lied ist und bleibt ein stimmgewaltig vorgetragener, klassischer Eurovisionsschmachtfetzen! Seither jedenfalls messen Fans die mögliche Homosexualität eines Grand-Prix-Sängers anhand der Haldor-Lægreid-Skala.


Der verzickte Blick bei 2:17 Minuten bescherte Norwegen den letzten Platz!

Wie Peter Urban in der Anmoderation erzählte, beabsichtige Tal Sundak, der israelische Schmalzlocken-Tarkan, später mal eine Karriere als Manager für Altenheime einzuschlagen. Gute Idee, dort dürfte sein langweiliger, traditioneller Schnarchsong gut ankommen. Der erwies sich als so flott und spritzig wie eine Dose Red Bull, die seit zwei Tage offen in der Sonne absteht. Okay, auch Tal gehört offensichtlich zur Familie und brachte zwei lecker anzuschauende Jungs mit – dafür sangen die drei Frauen seines Begleitchors jedoch grauenhaft asynchron. ‚En davar‘‚Egal‘! Der russische Beitrag ‚Lady Alpine Blue‘ gab Rätsel auf: wann verlor Mallorca seinen Status als 17. deutsches Bundesland und mutierte zur fünften Kolonne Moskaus? Oder wie sonst sollten wir uns erklären, dass der ‚König von Mallorca‘, Jürgen Drews (DE 1976, DVE 1990), als Leadsänger der angeblich russischen Rockband Mumiy Troll auf der Grand-Prix-Bühne stand? Und konsumierte er vor dem Auftritt seine gesamte Monatsration Koks Traubenzucker? Das würde jedenfalls das wüste Augenrollen, -zucken und -hervorquellen erklären, welches diese amüsante musikalische Darbietung („Lei lei lei lei lei lei lei lei“) so apart begleitete. Der Gesang: Kermit mit Halsentzündung!


Liefde is een Kartspeel (BE 1996) in der Version der schwedischen A*Twens

Schwedischer Exkurs: Pop will eat itself
oder Wie jeder Trend sich irgendwann kannibalisiert

1974 gewinnen Abba mit ‚Waterloo‘ den Grand Prix, nachdem sie im Jahr zuvor noch mit ‚Ring Ring‘ in der schwedischen Vorentscheidung scheitern. Eine echte Weltkarriere als erfolg- und einflussreichste europäische Band nach den Beatles schließt sich an, übrigens die einzige neben der Céline Dions (CH 1988), die der Eurovision Song Contest jemals hervorbrachte. Bis 1983 dominieren die vier legendären Schweden europa- und weltweit die Hitparaden, dann löst sich die Gruppe auf.

1991 veröffentlichen die britischen Synthiepopper Erasure eine EP mit vier kongenial zeitgemäß aufbereiteten Abba-Coverversionen unter dem Titel ‚Abba-Esque‘, begleitet von einem brillanten Videoclip, mit dem sie sich als die mit Abstand würdigsten Travestiekünstler im Fach Schwedenpop vorstellen, die die Welt jemals sah. Die Platte schlägt ein wie eine Bombe und löst ein noch nie dagewesenes Abba-Revival aus. Abba sind plötzlich wieder hip und modern. Coverbands wie Björn Again spielen vor ausverkauften Häusern. 1992 veröffentlicht Polydor das Greatest-Hits-Album ‚Gold‘, das bald mehr als Gold, nämlich Platin abwirft. In den beiden folgenden Jahren erscheinen die tollen australischen Filme ‚Muriels Hochzeit‘ und ‚Priscilla‘, in denen Abba-Songs eine zentrale Rolle spielen und welche die Schweden-Hysterie in vorher nie gekannte Höhen treiben. Kurze Zeit ist sogar mal von einer Reunion die Rede, die Gott sei Dank nie zustande kommt.


So geht eine respektvolle Hommage: Erasure

Dann geht es steil bergab: 1999 schickt Schweden erneut Agnetha zum Grand Prix, jedoch unter dem Tarnnamen Charlotte Nilsson. Mit ‚Take me to your Heaven‘, einer unverkennbar abbaesken Nummer, wenn auch ein im Vergleich zur musikalischen Güte der Originale eher schwacher und respektloser Abklatsch, holt sie trotz des Fehlens von Annafrid wiederum den ersten Platz. Im Jahr darauf mischen dann die A*Teens, eine Bande widerlicher kleiner aerobictanzender Rotznasen im H&M-Look, mit grauenhaftesten Abba-Coverversionen im Kirmestechnosound die europäischen Charts auf. Schlimmer, so dachte man, kann es nicht mehr kommen.

Und nun das: Friends, eine für eine TV-Show gecastete Band, gibt vor Millionen TV-Zuschauern die billigste, einfallsloseste, untalentierteste und geschmackloseste Abba-Kopie aller Zeiten – und wird sogar noch mit dem fünften Platz belohnt! Wie abgestumpft kann man denn sein, dass man nicht den dünnen Gesang, die grauenhaften Klamotten – rote (!) Plastik-Lederimitat-Hosen, welche die Schwabbelschenkel der „Sängerinnen“ erst richtig zur Geltung bringen; Tops, die noch nicht mal C&A anzubieten sich getrauen würde, und die minderwertige, selbst die Darbietungen von Wind (DE 1985, 1987, 1992, DVE 1998, 1999) noch spielend unterbietende Choreografie bemerkt? Mal ganz abgesehen von der beeindruckenden Demonstration, was eine Supermarkt-Coloration für 1,99 € an Haarschäden anrichten kann. Haben die Schweden jeden Sinn für Geschmack, Anstand und Würde verloren? Der beschämendste Beitrag des Abends, ach was: des neuen Jahrtausends – und dessen gutes Abschneiden noch dreimal beschämender!


Wenn schon Abba-Kacke, dann bitte so! (Aus: Priscilla – Queen of the Desert)

‚Strings of my Heart‘ vermochte nicht an den Glanz der kroatischen Beiträge der letzten Jahre anzuschließen. Dazu wirkte die Sängerin Vanna Ranilović auch zu indisponiert. Keine gute Idee, nur wenige Tage nach ihrer Niederkunft wieder auf die Bühne zu gehen. Die Figur noch ein wenig schwammig, die Haare noch ein wenig stumpf und strack herabhängend, die Augen ohne Glanz und mental abwesend: so kann man das für eine erfolgreiche Eurovisionsballade unbedingt notwendige innere Strahlen nicht erzeugen. Portugal hatte angeblich das komplizierteste Vorauswahlverfahren aller Länder mit über 200 Liedern. Unvorstellbar, dass die alle noch schlechter gewesen sein sollen als MTMs ‚Só sei ser feliz assim‘, einem der ödesten Songs der Menschheitsgeschichte. Der Komponist des irischen Liedchens ‚Without your Love‘, Pat Sheridan, soll laut Peter Urban im Hauptberuf Busfahrer sein. Aha. Und Gary, der Interpret? Briefträger? Milchmann? Brieftaubenzüchter? Hauptberuflicher Sänger sicher nicht! Zwar meisterte Herr O’Shaugnessy seinen Vokalvortrag anstandslos, der verlangte aber auch keinerlei besonderen Einsatz. Als Bühnenperson agierte der Ire aber doch ein wenig linkisch und unbeholfen. Sowohl Lied als auch Interpretation wirkten deutlich so, als wolle Irland auch in diesem Jahr auf gar keinen Fall noch mal gewinnen. Und das haben sie auch geschafft. Herzlichen Glückwunsch!


Der beste Eurovisionssong aller Zeiten: David Civeras ‚Dile que la quiero‘ (ES)

Genau so und nicht anders als der spanische Song ‚Dile que la quiero‘ muss ein Grand-Prix-Beitrag beschaffen sein: in der Landessprache gesungen (die Spanier sind da im Vorteil: spanisch hört sich einfach geil an; lebendig, dramatisch, voller Feuer und Leidenschaft), musikalisch am aktuellen Popgeschehen orientiert und dennoch landestypisch klingend. Die perfekte Kombination: Latinopop vom Schlage Ricky Martin hatte 2000 seinen kommerziellen Höhepunkt und war somit noch aktuell, aber nicht der Zeit voraus. Und welches europäische Land besäße mehr Kompetenz in Sachen Latinoklänge als Spanien? Dazu ein packender Song mit guter Hookline, von einem hochgradig attraktiven Menschen (Schmacht! Was für ein atemberaubend gut aussehender Mann: eine südländische Ausgabe von Robbie Williams! Diese Augen! Dieser Schlafzimmerblick! Kreisch!) mit Verve vorgetragen! Und schön tanzen konnte David Civera auch in seiner hautengen Lederimitathose (merkt man irgendwie, dass ich auf ihn stehe?). Gut, die hyperaktiven Ischen hinter ihm waren grausam, aber wer achtete schon auf die? Dass Spanien nicht gewann, empfand ich als die größte Enttäuschung dieses Abends. Lag es daran, dass sich David im Refrain als Besucher einer spanischen Schwulenbar outete, einer „Tuntería“?


Chavtastic: Lindsay (UK)

Bei Natasha St-Pier hingegen erstaunt mich das außerordentlich gute Endergebnis, hatte es für Frankreich doch zuletzt magere Ergebnisse, gar hinterste Plätze gehagelt, und das mit moderneren, qualitativ besseren Beiträgen, aber auch mit inbrünstigeren Eurovisionsballaden. ‚Je n’ai que mon Âme‘ wirkte auf mich unterkühlt und durchschnittlich. Völlig daneben der Einfall, die letzte Strophe in englisch zu singen. Eine französische (!) Grand-Prix-Sängerin, in englisch! Ein beispielloser Tabubruch. Gut für Natasha, dass sie aus Kanada stammt, sonst hätten sie die Franzosen bei der Rückkehr fraglos – und mit Recht – zu Tode gesteinigt. Sedat Yüce, der türkische Sänger, gehört sicher zu den bestangezogenen Männern, die jemals eine Grand-Prix-Bühne betraten. Das ist doch auch schon was. Schlief man bei der Türkei ein, so konnte man sich von der putzigen, wenn auch etwas zu sportiv gekleideten jungen Britin Lindsay Dracass wieder aufwecken lassen. Einen hübschen Discosong lieferte das Mutterland des Pop hier mit ‚No Dream impossible‘ (#33 UK-Charts) ab. Wenn auch die unnötigen, augenscheinlich von Dschungelcamp-Sieger Ross Anthony verfassten Rapeinlagen („The Sissy in a Jungle, and the Strong survive“) peinlich wirkten. Es gab im Vorfeld Bedenken, ob Lindsay die große Finalnote schaffen würde – die packte sie. Dafür sang sie die drei Minuten davor ziemlich unsauber: da versuchte sie wohl, Kräfte zu sammeln.


Der beste Eurovisionssong aller Zeiten: Nuša Derenda hat Energie! (SI)

Genau so und nicht anders als der slowenische Song ‚Energy‘ muss ein Grand-Prix-Beitrag beschaffen sein! Was für ein Lied! Was für eine Show! Wie sie sich von ihren zwei Muskelschränken in Kreuzigungspose über die Bühne tragen ließ: das war sensationell (auch wenn uns die unfähige dänische Bildregie um die besten Szenen brachte)! Dass Nuša Derenda trotz mitreißender, glamouröser Darbietung, Siegerinnenstrahlens, fantastischer Stimme und dem besten Lied des Abends nicht gewann, ist auf drei Faktoren zurückzuführen. Erstens: die Mehrzahl der Eurovisionszuschauer mag lieber strunzlangweiligen, seichten Radiopop, der nicht aufregt und erschreckte sich bei dem energiegeladenen Vortrag. Zweitens: Frau Derenda steigerte den Schrecken durch ihr Outfit selbst maßgeblich – die schwarz-gelbe Ledermontur weckte eher Assoziationen an stechende Wespen und rockende Motorradbräute denn an nette, wohlerzogene junge Frauen. Eindeutig zu selbstbewusst für Europas Hetero-Macho-Männer. Drittens: mit ihren glattgebügelten Haaren verwechselten sie manche vielleicht mit Marlène Charell, die 1983 für Deutschland den Eurovisionsabend in Grund und Boden moderierte und zogen ihr dafür Punkte ab.


In der slowenischen Originalfassung ‚Ne ni res‘ hört sich’s noch besser an

Dass Polen angeblich stehlen wie die Raben, war Gegenstand zahlloser rassistischer Witze, mit denen die deutsche TV-Legende Harald Schmidt weite Teile seiner Late-Night-Show bestritt. Ein bisschen was scheint aber dran zu sein, denn alles an ‚2 long‘ (Angeber!) erwies sich als zusammengeklaut. Der Song: aus dem Abfalleimer eines Tonstudios. Das Styling und Auftreten Piaseks: von Bryan Adams. Der Begleit-Chor: entweder die Weather– (DVE 2002) oder die Rounder Girls (AT 2000). Die Flokati-Jacke: aus der Altkleidersammlung. Trendgebend zeigte sich der polnische Star lediglich bei der Frisur: lange Haare bei Männern waren 2001 – leider! – extrem angesagt. Wo wir beim Thema sind: auch unsere Michelle (DVE 1997) hatte sich für ihren Eurovisionsauftritt mit ‚Wer Liebe lebt‘ einiges „geborgt“, wie das britische Eurovisionslexikon treffend feststellte. Nämlich „Charlotte Nilssons (SE 1999, 2008) Brüste, Danijelas (HR 1995, 1998) Haare, Natascha Crones Kleid und sämtliche jemals geschriebenen Eurovisionsballaden“ – damit sei sie eine „wahre Promenadenmischung der Eurovision“. Sie sang auch ein bisschen so. Wuff! Punktemindernd wirkte sich, neben dem Kardinalfehler des Sprachwechsels2)Hat schon bei Lale Andersen 1961 und Joy Fleming 1975 nicht funktioniert. Funktionierte auch 2007 bei Roger Cicero nicht. Aber anscheinend machen die Deutschen den selben Fehler gerne wieder und wieder. Und wieder. im letzten Refrain, Michelles rechte Augenbraue aus, die just zum selben Zeitpunkt einen halben Zentimeter höher einrastete und nicht mehr auf Augenhöhe mit ihrer linken Kollegin zurückfand. Das sah ein bisschen verstörend aus.


„To live for Love means you never diiiiiieeeeee“ (röchel): Michelle (DE)

Ich muss gestehen: der Sieg Estlands hinterlässt mich völlig ratlos. Was, liebe Europäerinnen und Europäer, fandet ihr an diesem Beitrag toll? Gut, Tanel Padar sah niedlich aus mit seinen O-Beinen, wie er wie Mogli über die Bühne schaukelte. Aber sonst? Mitleidsbonus? Tollkühnheit (warum nicht mal einen total krassen Außenseiter wählen)? Was nur??? Der altbackene, stillose, aus tausend Mitklatschliedern zusammengerührte Song ‚Everybody‘ kann es doch nicht gewesen sein? Bitte sagt mir nicht, dass Ihr dieses in einer Liga mit ‚Rock me‘ (YU 1989) spielende Kindergartenlied tatsächlich mochtet?!? Aaaaaaarrrrgggggghhhhh! Okay, Contenance: entspannen wir uns mit Fabrizio Faniello (MT 2006). Süß, oder? Wie Monchichi, zum knuddeln! Zugegeben, Spaniens David Civera sah noch einen Tick schnittiger aus, aber der Malteser war schon putzig. Und war das nicht ein netter Song? Zugegeben, ‚Dile que la quiero‘ hatte deutlich mehr Pfeffer und wirkte auch dank spanischer Sprache einen Tick authentischer, aber ‚Another Bag of Shite Summer Night‘ war schon hübsch. Und war das nicht eine nette Show? Bestimmt wochenlang mit seinen Mädels geübt, diese perfekte Synchronisation. Zugegeben, der Spanier… nee, stopp, zurück: in diesem Fall war Fabrizio wirklich besser als David. Doch unterm Strich war die spanische Messlatte nicht zu toppen. Einen besseren Platz hätte er trotzdem verdient!


Sah ein bisschen aus wie ein Star-Trek-Besatzungsmitglied, das in der nächsten Kampfszene sterben wird: Fabrizio (MT)

Genau so und nicht anders als der griechische Song ‚(I would) Die for you‘ muss ein Grand-Prix-Beitrag beschaffen sein! Griechische Strophen für den Ethno-Flavour, aber ein englischer – und damit mitsingbarer – Refrain. Ein in dieser Perfektion nicht zu toppender Mix aus Discobeats, balladesken Elementen und schon klischeehaft landestypischen Bouzoukiklängen, gezupft von einem (für Bärenliebhaber wie mich) Super-Leckerli namens Nikos Panagiotidis: woof! Und dann die anbetungswürdige Antique-Leadsängerin! Aristokratisch in der Anmutung, trotz amüsanter Handography; streng und dramatisch der Blick aus tiefen schwarzen Augen; aufregend der rückenfreie weiße Einteiler. In helle Verzückung versetzte ihre Haarpracht den auch in mir vorhandenen schwulen Frisör – fast hätte ich vor dem Bildschirm hyperventiliert! Die Griechen mögen seit der Erfindung der Demokratie vor mehreren tausend Jahren nichts Weltbewegendes mehr geleistet haben – wie man Eurovisionsdiven züchtet, wissen sie. Noch vor Vicky Leandros (LU 1972) ist Helena Paparizou (GR 2005) ohne Frage die würdigste Königin, die jemals einer Grand-Prix-Bühne die Gnade ihres Auftritts zuteil werden ließ. Unwürdiges Geschnetz sind wir gewöhnlichen Sterblichen gegen ihren unüberstrahlbaren Glanz. Auf die Knie und huldiget ihr!


I would die for her: die anbetungswürdige Helena Paparazzi (GR)

Dass ein Fußballstadion offenbar zwangsläufig Fußballproleten anzieht, zeigte das unverschämte und anwidernde nationalistische Applaudierverhalten des dänischen Publikums während der Verkündung der Ländervoten. Als feststand, dass ihr schlimmer Bierzeltschlager ‚Never ever let you go‘ von Rollo & King (übrigens in der dänischen Fassung beinahe anhörbar) nur Zweiter würde, befürchtete man als Zuschauer, dass nun Horden dänischer Eurovisionshooligans die Bühne stürmen und die siegreichen Esten verprügeln könnten. Nicht, dass mich das sonderlich gestört hätte, denn ‚Everybody‘ klang ja noch einen Tick unerträglicher als der Heimbeitrag. Überhaupt, diese Schnapsidee mit dem Stadion: von den 40.000 Besuchern waren, wie Zwischenschnitte ins Publikum zeigten, immer gerade 20.000 in Bewegung. Man wartete nur noch darauf, dass jemand einen Grill auspackt und Würstchen röstet! Das war einem solch festlichen Anlass unwürdig. Dazu noch die grausame Kameraführung: vom Bühnengeschehen sah man meist nicht viel mehr als ein paar schemenhafte Strichmännchen, die in der Ferne – fast wie auf einem anderen Kontinent – ein paar undeutlich wahrnehmbare Verrenkungen aufführten.


Deutlich weniger aufdringlich als die englische Fassung: Der står et billede af dig på mit bord (DK)

Nahaufnahmen gab es meist nur vom grauenhaft hölzernen Moderationspaar, Dr. Death und der Zahnfee. Deren Idee, auf englisch reimend durch den Abend zu führen, war an sich originell. Nur hätte man dann auch üben müssen, bis die Übergänge sitzen! Doch abgesehen von diesen unschönen Begleitumständen und dem durch nichts zu rechtfertigenden Siegertitel (Auch in den Charts konnten die Esten nicht nennenswert reüssieren: #12 SE, #64 NL und #99 DE hieß die magere Ausbeute. Ein kleines bisschen besseren kommerziellen Erfolg konnten da die drittplatzierten Griechen vorwiesen: #85 DE, #75 CH, #15 DK, #9 NO und #3 SE für Antique.): ein Jahrgang, der mit gleich drei der besten Eurovisionsbeiträge aller Zeiten aufwartet, kann kein schlechter sein!

Eurovision Song Contest 2001

Eurovision Song Contest. Samstag, 12. Mai 2001, aus dem Parken-Stadion in Kopenhagen, Dänemark. 23 Teilnehmerländer, Moderation: Natasja Crone-Back und Søren Pilmark.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01NLMichelle CourtensOut on my own01619
02ISTwo TrickyAngel00323
03BANino PršešHano02914
04NOHaldor LægreidOn my own00322
05ILTal SondakEn davar02516
06RUMumiy TrollLady Alpine Blue03712
07SEFriendsListen to your Heartbeat10005
08LTSkampYou got Style03513
09LVArnis MednisToo much01618
10HRVanna RanilovićStrings of my Heart04210
11PTMTMSó sei ser feliz assim01817
12IEGary O'ShaughnessyWithout your Love00621
13ESDavid CiveraDile que la quiero07606
14FRNatasha St-PierJe n'ai que mon âme14204
15TRSedat YüceSevgiliye son04111
16UKLindsay DracassNo Dream impossible02815
17SINuša DerendaEnergy07007
18PLPiasek2 long01120
19DEMichelleWer Liebe lebt06608
20EETanel Padar & Dave BentonEverybody19801
21MTFabrizio FanielloAnother Summer Night04809
22GRAntique(I would) Die for you14703
23DKRollo & KingNever ever let you go17702

Fußnote(n)   [ + ]

1. Im Bemühen der möglichst weitestgehenden Refinanzierung der Austragungskosten durch die Grand-Prix-Fans hatte das dänische Fernsehen ein Fußballstadion als Veranstaltungsort gewählt, in das 38.000 Zuschauer hineinpassten, knapp das Vierfache des Üblichen. Dennoch waren die Tickets innerhalb eines Tages ausverkauft.
2. Hat schon bei Lale Andersen 1961 und Joy Fleming 1975 nicht funktioniert. Funktionierte auch 2007 bei Roger Cicero nicht. Aber anscheinend machen die Deutschen den selben Fehler gerne wieder und wieder. Und wieder.

8 thoughts on “ESC 2001: …is always repeating itself

  1. Was war denn das? Ich würde ja gerne gegen die offensichtliche Hetenfeindlichkeit protestieren 😉 , aber ich kann es nicht. Die beiden ersten Plätze sind schlicht Unfug (auch wenn ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ‚Never ever let you go‘ auf meiner ESC-Playlist ist. Das Lied ist auf nervigste Weise eingängig). Allerdings finde ich die Paparizou auch nicht besser. Wer allerdings dachte, schlimmer wird es nicht, sah sich schon ein Jahr später drastisch eines Schlechteren belehrt.

  2. verdienter Sieger Das dumpf gehüpfte Everybody als Sieger war selbstredend für den Jahrgang 2001. Hat es doch die allmählich dahinsiechenden Zuschauer minimal aufgeweckt. Da war nichts dabei, dass auch nur ansatzweise ins Ohr ging; weder eine energiegeladene Ledertranse (die löste gerade mal eine gepflegten Lachanfall aus), noch eine eiskalte griechische Disco-Schlampe, die ihre Girliehaftigkeit ein paar Jährchen später zu Freude aller Schwulen perfektionieren durfte. Diven sind andere.

  3. Bin zwar immer noch Hetero, aber der Siegersong gehört für mich neben dem von 1983 zum Allerschlimmsten. Einfach furchtbar doof und langweilig. Genau wie die Moderatoren. Der Niederländerin Michelle Courtens hätte ich den Sieg gegönnt, der Song ist noch immer auf meinem täglichen Mp3-Player. Aber mit Startplatz 1 ist nunmal nichts zu machen, Platz 19 war trotzdem eine Frechheit. Platz 2 hätte ich Slowenien mit Nusa Derenda gegeben. Auch wenn sich hier eine hübsche Frau klamottenmäßig völlig verunstaltet hat (das schwedische Alien 2008 konnte da noch keiner ahnen). Das hat ihr sicher massig Punkte gekostet. In Originalsprache hört sich der Song wirklich 100mal besser an. Antique war bei mir Platz 3. Ein toller Song, aber der Auftritt war mir (genau wie 2005) zu arrogant. Rollo&King fand ich bedeutend symphatischer, doch hier haperte es am Live-Gesang. Skamp hatten ebenfalls einen tollen Song, fielen bei mir jedoch wegen des offensichtigen Casting-Charakters (nur für diesen Abend zusammengestellt) der Interpreten durch. Auch der britische Beitrag war recht gut. Wer hätte ahnen können, daß für UK und Deutschland eine Fahrt in den Keller beginnen würde?

  4. Herr O’Shaughnessy Zu Irland: ‚Und Gary, der Interpret? Briefträger? Milchmann?‘ Du bist nah dran. Wie Terry Wogan in seiner Ansage des Beitrags verriet, ist Gary ‚Lawn Mower Salesman‘ was auf englisch zumindest nicht ganz so unglamourös klingt wie ‚Rasenmäherverkäufer‘.

  5. tz, tz, tz! Nur drei Punkte für Norwegen, aber 198 für Estland! Andersrum wärs besser gewesen

    Und Russland war doch garnicht mal so schlecht^^ der Leadsänger war zwar wohl besoffen, aber es war besser als das estnische Gehampel.

  6. Wie kann man diesen Sieg für Estland erklären? Reiner Zufall? Neugier darauf, mal eines der „jungen“ ESC-Länder gewinnen zu sehen? Oder vielleicht ein gewisser Retro-Zeitgeist, der in diesem Fall einem Diskoschlager huldigte? Man weiß es nicht.
    Rein punktemäßg ein verdienter Sieg, und gewisse Ohrwurmqualitäten muss man dem Lied auch zu Gute halten (die hatte „Rock Me“ meiner Meinung nach auch, so platt der Song an sich gewesen sein mag). Platz 8 für Michelle war damals nicht ganz das womit man aus deutscher Sicht gerechnet hatte, aber ist aus heutiger Sicht ein gutes Resultat, vor allem wenn man sieht was mit Ausnahme von 2004 in den Jahren darauf folgte.

  7. Tja, ich bin heterosexuell und durchaus empfänglich für das, was Haldor Laegreid geleistet hat. Eine Wahnsinns-Stimme! Aber eine bescheidene Startnummer.

    Estland hätte den Sieg im Jahr 1996 auf jeden Fall verdient gehabt (wenn die Juries schon nicht Gina G wählen), aber 2001?!??!?!?!?

    Dann lieber nochmal Dänemark oder der bosnische Müllmann (was hat er da angehabt???).

    Spanien hat zwar nicht gewonnen, dafür aber David Civera. Und zwar ein Jahr später in Tallinn für Lettland (mehr oder weniger). Oder er hat verloren, je nachdem, wie man das sehen will.
    Als er in Kopenhagen antrat, dachten sich Marija Naumova und Marats Samauskis (die beiden Songschreiber) bestimmt: „Wenn der schon mit seinem sehr spanischen Song weit kommt, können wir das mit einem Möchtegern-spanischen Song auch!“

    Gab es irgend ein Lied beim ESC, das billiger nachgestellt wurde als „Dile Que La Quiero“? Ich hoffe, dass sich die Letten mittlerweile bei ihm entschuldigt haben.
    Dumm waren sie aber nicht: Wenn man schon kopieren will, dann sollte man
    mal bei den Songs nachschauen, die auf dem vierten, fünften oder
    sechsten Platz gelandet waren. Die Leute, die „Running Scared“
    verschuldet haben, haben das auch kapiert.

    Trotzdem bleibt Spaniens Beitrag 2001 der beste ESC-Song (oder einer der besten ESC-Songs). Da kommt „I Wanna“ nicht ran.

Oder was denkst Du?