ESC 2003: Die Kotzn in da Wiesn

Logo des Eurovision Song Contest 2003
Das Kopfweh-Jahr

Seit seiner Erstteilnahme 1994 war Russland vom Ehrgeiz beseelt: mit Alla Pugatschowa (1997) hatte man bereits seinen größten Star geschickt, mit Alsou (2000) bereits einen zweiten Platz erreicht. Der Sieg zweier abtrünniger ehemaliger Sowjetrepubliken in Folge bestärkte die ehemalige, gerade wieder erstarkende Weltmacht nun um so mehr, ihren Führungsanspruch als größtes und einwohnerstärkstes Land der EBU auch auf popkulturellem Gebiet zu demonstrieren. Ein Sieg sollte her, auch wenn man dazu schweres Geschütz auffahren müsste. Und das hatten die Russen diesmal, in Form der als Lesben-Lolitas vermarkteten Skandalgören Jelena Katina und Julia Wolkowa, besser bekannt als t.A.T.u., die mit ‚All the Things she said‘ im Vorjahr einen europaweiten Nummer-Eins-Hit landen und sogar die amerikanische Top 20 knacken konnten.

Mit weltweit mehr als 10 Millionen verkaufter Tonträger gehören sie zu den kommerziell potentesten Eurovisionsteilnehmern aller Zeiten und sind in einem Atemzug mit Cliff Richard (UK 1968, 1973), Abba (SE 1974), Brotherhood of Man (UK 1976), Silver Convention (DE 1977), Baccara (LU 1978) oder Céline Dion (CH 1988) zu nennen. Dabei beruhte ihr Erfolg weniger auf der von Trevor Horn (Frankie goes to Hollywood) produzierten Musik, sondern – da hatte man von der lettischen Vorjahressiegerin Marie N gelernt – auf dem Spiel mit der Vortäuschung weiblicher Homosexualität. Welche die Hetero-Mehrheitsgesellschaft, im Gegensatz zu ihrem männlichen Pendant, scheinbar nicht als bedrohlich, sondern als stimulierend empfindet1)Wie sowohl die amerikanische Pfarrerstochter Katy Perry (‚I kissed a Girl‘) als auch die serbische Eurovisionssiegerin von 2007, Marija Šerifović, sicher bestätigen können.. Vom ersten Tag ihrer Karriere an als Provokationsobjekt aufgebaut, beherrschten t.A.T.u. auch während der Eurovisionswoche in Riga die Schlagzeilen, und ihr cleveres Management dachte sich jeden Tag neue Publicity-Gags aus, um im Gespräch zu bleiben. Beziehungsweise, um die in die Prüderie der Fünfzigerjahre zurückverfallende EBU auszutricksen, welche in einem unglaublichen Anfall von homophober Doppelmoral die harmlosen Küsschen zwischen Julia und Jelena auf der Bühne ernsthaft verboten2)Das hat sich zwischenzeitlich gebessert: als im Jahre 2013 die finnische Teilnehmerin Krista Siegfrids ihr ‚Marry me‘ mit einem Schmatzer für eine ihre Chorsängerinnen beendete, gab es keine Probleme. Heterosexuelle Küsse waren beim Grand Prix übrigens noch nie untersagt – selbst 1957 nicht, als das innige Geknutsche eines dänischen Pärchens für Aufregung unter den Zuschauern sorgte.! t.A.T.u. führten in bravouröser Weise die Genfer Zensurbehörden hinters Licht, in dem Julia bei den Generalproben, bei denen ein Ersatzvideo gezogen werden sollte, das die EBU am Samstag anstelle ihres Live-Auftritts ausstrahlen wollte, hätten sie sich „daneben benommen“, mit einer angeblichen Halsentzündung krankheitsbedingt fehlte. Moralisch hätte ihnen also der Sieg zugestanden.


Bei 2:45 Min taten sie’s dann doch – sexy war das aber nicht (RU)

Doch da schoben die pikierten Inquisitoren der EBU einen Riegel vor. Sie rächten sich im Verbund mit dem lettischen Sender LTV mit einer katastrophalen Kameraführung und dem schlechtestmöglichen Songausschnitt im Schnelldurchlauf, als es ans Voten ging. Auch in der Skonto-Halle ließ sich die Russlandfeindlichkeit mit Händen greifen. Die Buhrufe bei jeder Zehn- oder Zwölf-Punkte-Wertung für die frühere Besatzungsmacht waren nicht zu überhören. Vermutlich hätten aufgebrachte Lordsiegelbewahrer des Grand-Prix-Fanclubwesens die Bühne gestürmt und Julia und Jelena runtergeprügelt, hätten sie wirklich gewonnen. Doch zum Sieg fehlten ihnen am Ende vier Stimmen, um die sie sich möglicherweise durch die zuvor erfolgte Absage von Konzerten in Großbritannien selbst brachten: aus dem Königreich gab es Nil Points für das Duo. Nach dieser Erfahrung veröffentlichten t.A.T.u. ihren  Eurovisionssong nur als B-Seite ihrer nächsten Single ‚How soon is now?‘, eines Smiths-Covers. Kein gutes Omen für die popmusikalische Glaubwürdigkeit des Contests, wenn der prominenteste und kommerziell erfolgreichste Teilnehmer dieses Jahrzehnts seinen Grand-Prix-Titel vom realen Popmarkt fernhält!


An ihr wird ganz schön rumgezurrt: Sertab Erener (TR)

Stattdessen behielten die türkischen Fans Recht. Seit der Nominierung der in ihrem Land gottgleich verehrten Sertab Erener verkündeten sie in allen zur Verfügung stehenden Eurovisionsforen unablässig, dass ihre Diva gewinnen werde – hat dann ja auch geklappt. Der gelungene Versuch, bei ‚Every Way that I can‘ alle aktuellen Musikstile (Rap, Pop, Techno, Folklore, Ballade) in nur drei Minuten unterzubringen, zahlte sich ebenso aus wie der lustige Tanz der sieben vier Schleier. Den ich übrigens gerne in all seiner Schönheit gesehen hätte, was aber die hektisch ran und weg zoomenden Kameraleute und die hirnlos hyperaktive Bildregie, seit dem Millenium leider Standard bei der Eurovision, gründlich verunmöglichten. Jedenfalls wirkte das alles auf mich ein bisschen angestrengt – auch bei Sertab selbst befürchtete ich jeden Moment, ihre Halsschlagader könnte platzen, so wie sie krisch, statt zu singen. Nichtsdestotrotz: eine absolut verdiente und würdige Gewinnerin! Schon alleine, weil sich die Türkei trotz jahrzehntelanger Missachtung durch die Jurys nie aus der Ruhe bringen ließ und mit stoischer Gelassenheit dran blieb, um es – nach dem ersten Achtungserfolg mit ‚Dinle‘ 1997 – nun mit der richtigen, ausgewogenen Mischung aus leicht identifizierbaren Ethno-Elementen und Mainstream-Pop allen zu beweisen. Auch kommerziell: # 12 in den deutschen Charts.


Die Bankrotterklärung der einstigen Pop-Großmacht: Jemimi (UK)

Am entgegengesetzten Ende der Tabelle landete das britische Duo Jemini. Null Punkte für das Mutterland der Popmusik: nicht nur für das einstmals stolze Königreich ein Schock. Dabei war ‚Cry Baby‘ auf CD ein sehr eingängiges, wenn auch in hohem Maße trashiges Eurodance-Stück mit wunderbar wummernden Technobässen. Live geriet das Ganze jedoch zum Fiasko. Leadsängerin Gemma Abbey, die ihr Dekolleté über dem Hintern trug, begann ihren Gesangsvortrag eine halbe Oktave zu tief. Und scheiterte bis zum Schluß auf der verzweifelten Suche nach dem richtigen Ton. Wieder und wieder und wieder. Verwirrt fingen auch die Backings an, dissonant zu jaulen: es war ohrenzermürbend. Nur Chris Crombey, der männliche Part, lieferte eine tadellose Gesangsleistung ab. Weswegen er auch entspannt auf der Bühne herumhampeln konnte, während die bedauernswerte Gemma sekündlich steifer werdend durch ihre Choreografie stolperte. Ein Kirschblütenfest für Fans der Schadenfreude: denn das Desaster war der Überheblichkeit und dem Geiz der BBC geschuldet, die glaubte, an den Kosten der In-Ohr-Monitore für ihre beiden Vertreter sparen zu müssen. Weswegen sich Gemma nicht selbst hören konnte und die Katastrophe ihren Lauf nahm.3)Einige englische Medien, wie auch BBC-Kommentator Terry Wogan, schoben in völliger Verblendung die verdiente Null-Punkte-Klatsche der britischen Beteilung am Irakkrieg zu. Zur Koalition der Willigen, die sich an dem unter bewußter Vorspiegelung falscher Tatsachen und eindeutig völkerrechtswidrig geführten Angriffskrieg die Hände schmutzig machten, zählte aber beispielsweise auch die Türkei.


Rockt wie Sau: Comedygott Poier & die anbetungswürdigen Alfettes (AT)

Mit ‚Open your Heart‘ eröffnete Birgitta Haukdal den Contest – mein Herz verschloß sich da gleich wieder. Auf Isländisch verfügt dieser Durchschnittssong noch über ein bisschen Charme – in der anglisierten Version langweilte es schlichtweg. Stimmlich dünner Radiopop, den die zuschauenden Heten aufgrund der optischen Qualitäten Birgittas nach vorne wählten. Dafür bot Österreichs Beitrag ‚Weil der Mensch zählt‘ königliches Amüsement: ein musikalisch vielfältiger Schlager von anarchisch-poetischer Schönheit, der Kinderliedhaftes und Hardrock aufs Vortrefflichste miteinander vermengte; Alf Poiers sensationelle Rockstar-Show; die hinreißend komischen Chorladies Manuela Pan und Tamara Stadnikow und der mißverständliche steirische Dialekt – es war fabelhaft! „Die Kotzn in da Wiesn“ übersetzte ich anfänglich mit „die übergeben sich auf die Rasenfläche“ – dass es um Katzen ging, erschloß sich mir erst später. Unfassbar auch hier die verklemmte Spießigkeit der EBU, die dem österreichischen Comedy-Gott ernstlich untersagte, sich wie bei der Vorentscheidung in den Schritt zu fassen. Was seit Michael Jackson ein alter Hut ist und sicherlich niemanden unter 98 Jahren mehr stört, außer Sarah Yuen. Toll, dass Europa mit 101 Punkten für Österreichs besten Beitrag seit den Schmetterlingen (1977) die richtige Antwort gab!


Am Strand von Split trägt frau Fußballbikinis (HR)

Und es geschah noch mehr Gerechtigkeit! Hätte Malta letztes Jahr mit einem unerträglich schlechten Lied, dargeboten von einer leicht geschürzten Verona Feldbusch, beinahe gewonnen, so gab es diesmal das verdiente Resultat für den sterbenslangweiligen Kukident-Popsong ‚To dream again‘ von Lynn Chircop. Besonders freute mich, dass der von den Maltesern pompös als „Überraschungseffekt“ angekündigte Plastikblumenweitwurf so grandios daneben ging. ‚Ne brini‘ von Mija Martina gehörte im Vorfeld zu meinen Favoriten: ein druckvoller Balkanschlager, dargeboten von einer nett anzuschauenden Blondine und zwei noch netter anzuschauenden oberkörperfreien Muskelschnitten. Warum in Riga stattdessen Claudia Roth, eingewickelt in ein paar Gardinenkordeln, den bosnischen Song zum Besten gab und dann auch noch nach der Hälfte auf Englisch umschaltete, wo es sich nur noch billig anhörte, bleibt mir ein Rätsel. Ihr gleich tat es die Kroatin Claudia Beni: deren Itsy Bitsy Teenie Weenie Blackwhite Polka Dot Bikini sicherte ihr zwar einen Platz in der Eurovisionsgalerie der schrecklichsten Bühnenfummel, gab aber ihren Beitrag ‚Više nisam tvoja‘, einen weiteren schwungvoll-aggressiven Balkanschlager, der Lächerlichkeit preis. Ebenso wie die campe Choreografie mit Trickkleiderabwürfen. Wobei sie im Gegensatz zu Mija wenigstens ein paar gut aussehende männliche Tänzer mitbrachte, was ihr wohl den besseren Platz sicherte.


Klingt auf Griechisch viel schöner als in schlechtem Englisch: ‚Feeling alive‘ (CY)

Rita Guerra aus Portugal entwickelte sich während der Probenwoche von der Außenseiterin zum Fanliebling. Sie war schön, strahlend, stimmsicher und ihr Kleid ein Traum. Warum dann dieses desaströse Ergebnis für ‚Deixha me sonhar‚? Nun, ihre Qualitätsballade erwies sich leider als typisch portugiesisch, also von sehr spröder Schönheit – und die trieb sie ihr mit dem Wechsel auf Englisch im letzten Teil endgültig aus. Auch Du, meine Tochter! Stelios Constantas, ein offensichtlich gut ausgestatteter Rentnerinnentraum im glitzerweißen Travolta-Gedächtnisanzug, gab für Zypern mit ‚Feeling alive‘ einen mediterranen Ferienclub-Animationsschlager für den abendlichen Discofoxmarathon zum Besten. Dazu tanzen zwei Schicksen dermaßen übertrieben lasziv, als habe man sie für einen Videoclip von Jay-Z engagiert. Nur beim Grand Prix! Als lebende Warnung vor den Risiken und Nebenwirkungen des Botox-Einsatzes reiste unsere Lou nach Riga: sie machte zum besinnungslos fröhlichen und hoffnungslos altmodischen ‚Let’s get happy‘ ein Gesicht zum Eierabschrecken. Notgedrungen, ein anderes stand ihr dank der toxinverursachten Gesichtslähmung nicht zur Verfügung. Ihre Begleitkapelle hüpfte dazu in schreiend bunten Fetzen vom Grabbeltisch durch die Landschaft (reichten Siegels Barmittel nicht mehr für eine anständige Bühnengarderobe?). Eine einzige audiovisuelle Gesamtkatastrophe! Ich schämte mich mal wieder, Deutscher zu sein. Und das, obwohl ich diese Scheiße mangels Alternativen selbst gewählt hatte.


Anregendes Hüftkreisen: Beths Backings habens drauf! (ES)

Spanien griff zur Ermittlung seiner Vertreterin erneut auf die Castingshow Operación Triùnfo zurück. Die junge Beth trat mit ‚Dime‘ an, einem schwungvollen Popsong im treibenden Technobeat, mit homöopathisch eingesetzten Flamencogitarren und großzügig gestreuten, sehr geilen, cheresken Vocoderstimmen. Hier wurde im Gegensatz zum deutschen Beitrag die gute Laune nicht mit Gewalt erzwungen, sie stellte sich beim Hören von selbst ein, auch aufgrund der ohne Unterlaß kreisenden Hüften ihrer männlichen Tänzer. Lior Narkis‚ Auftritt in Riga gestaltete sich weniger tragisch, als es das Bewerbungsvideo mit einem herumtuckenden Sänger zunächst befürchten ließ. So sorgte vor allem die typisch israelische Bodyguard-Engtanzchoreografie und die von Bebi Dol (YU 1991) abgekupferte Klamottenbeschriftung für den Trash-Faktor. Oh, natürlich abgesehen vom Lied: so hoffnungslos altmodisch, dass dagegen selbst Lou progressiv wirkte. Die Niederländerin Esther Hart kam als Christbaumkugel verkleidet auf die Bühne, was möglicherweise eine bessere Platzierung verhinderte. Denn ‚One more Night‘ ist klassische Dudelfunkmusik, die leicht schmeckt und nicht belastet; so wie sie die Europäer im richtigen Leben üblicherweise mögen. Doch es blieb stimmig: mit musikalischer Mittelmäßigkeit und einem Startplatz im Mittelfeld lässt sich wohl auch nur ein mittleres Ergebnis erwarten.


Schon mal was von „Überkompensation“ gehört, Lior? (IL)

Gleich bei der Eurovisionspremiere demonstrierte die Ukraine, was wir künftig von ihr zu erwarten hätten: maue Liedchen und gigantische Bühnenshows. Olexandr Ponomariov trat mit einem vom Israeli Svika Pick, Komponist des 1998 siegreichen ‚Diva‘, geschriebenen Song namens ‚Hasta la Vista‘ an, von dem man allerdings kaum etwas mitbekam, weil die spektakuläre Show einer Schlangenfrau völlig davon ablenkte. Mando aus Griechenland präsentierte sich optisch als Kreuzung aus Cher (Mimik) und Dolly Parton (Vorbau), steckte in einem prall geschnürten Dolly-Buster-Outfit und knödelte mit Mariah-Carey-Stimmakrobatik einen Ödnisschlager namens ‚Never let you go‘. Darin zählte sie auf, was sie alles für ihren Liebsten zu tun gedenke: „I would cry for you / I would lie for you / I would die for you / unzip my Fly for you / eat Shepherd’s Pie for you“ und so weiter und so fort. Jostein Hasselgård hingegen gab die Inkarnation von Udo Jürgens (AT 1964, 1965, 1966). Nach anfänglicher Reserviertheit spielte sich seine kitschige Klavierballade ‚I’m not afraid to move on‘ mir doch noch ins Herz, und während des Auftritts des sympathischen Norwegers, als hauptberuflicher Kindergärtner Premium-Heiratsmaterial für heterosexuelle weibliche Fans, dachte ich immerfort: „Der wird gewinnen“! Na ja, fast: Platz 4. Aber, Klostein Jostein: diese Frisur! Stand da der Vileda-Meisterschrubber Pate?


Hübsch: der Jostein und seine Klavierballade (NO)

Erstmalig machte sich der Fluch der Big Four bemerkbar: neben den Briten schnitten auch die Franzosen enttäuschend schlecht ab. Und das zu Unrecht, denn sie schickten wie immer Qualität, und Louisa Baïleches Auftritt mit anmutig wehendem Haar strahlte Würde aus. Leider klang sie stimmlich etwas verstopft, und insgesamt erwies sich die leise vor sich hin plätschernde Ballade ‚Monts et Merveilles‘ als zu unspektakulär, um punkten zu können. Dennoch: Platz 18 – das war bitter! Versöhnlicher stimmt das Schicksal des polnischen Beitrags. Michał Wiśniewski erwies sich als männliche Inkarnation von Mia Martini (IT 1977 und 1992): seine Bourbon-gegerbte Reibeisenstimme liebt oder hasst man. Sie trug viel bei zum magischen Zauber von ‚Keine Grenzen / Żadnych granic‘, pathetischem Weltfriedenskitsch der Extraklasse. Ich Troje, die mit ‚Liebe macht Spaß‘ auch in der deutschen Vorentscheidung mitgemischt hatten, scheuten sich weder vor überladenen Engelskostümen noch vor der Darstellung großer Gefühle. Besonders rührend: die zärtlich-scheue Liebkosung am Ende des Songs, als Michał sich seiner Duettpartnerin Justyna Majkowska zu Füßen warf. Heißen Sie mich ruhig eine alte Kitschelse: hier stand mir das Pippi in den Augen! Die Dreisprachigkeit des Titels in polnisch, russisch und deutsch verlieh der Friedensbotschaft des inhaltlich lose an Bette Midlers ‚From a Distance‘ angelegten Schlagers zusätzliche Glaubwürdigkeit. Meine persönlichen Douze Points – um so erfreulicher, dass die Polen auch tatsächlich zwölf Punkte aus Deutschland bekamen. Ein ganz neues Erlebnis, mal Teil der Mehrheit zu sein!


Zwei Barockengelchen: Ich & Troje (PL)

Große Rätsel gaben das Abschneiden der beiden nächsten Beiträge auf, wenn auch in unterschiedliche Richtungen. FLY lieferten für das Gastgeberland mit ‚Hello from Mars‘ einen anspruchslos-peppigen Song und was fürs Auge. Also genau die Kombination, die in den letzten Jahren stets gewann. Und dann gab’s nur fünf Punkte vom direkten Nachbarn? Was war da los, woher kam der plötzliche gute Geschmack der Zuschauer? Was die Belgier von Urban Trad und ihr in einer Fantasiesprache gesungenes ‚Sanomi‘ angeht, spekulierten Fans im Vorfeld bereits auf ein ‚Nocturne‘Ergebnis, aber so richtig glaubte niemand dran. „Singt die auf Griechisch?“ frug sich sicherlich nicht nur Hape Kerkeling (im N3-Eurovisionsspecial) verwirrt. Zur Verwirrung trug auch die vorgeführte (angesichts der Fantasiesprache völlig sinnlose) Taubstummen-Choreografie bei. Vor allem handelte es sich bei dem mit Quetschkommode und (!) Dudelsack (!!) aufwartenden ‚Sanomi‘ um ein keltisch inspiriertes Stück. Also etwas, das in den Hitparaden zu Recht nicht vorkommt und das ich mit dem vorläufigen Ende der Eurovisionsjurys als ausgestorben erachtete. Weswegen mich der Beinahesieg Belgiens baß erstaunte.


Was die Gehörlosen wohl verstanden? Urban Trad (BE)

Wieso Ruffus glaubten, die angeblich bevorstehende Rückkehr der glorreichen Achtziger (‚Eighties coming back‘) mit schrecklichem Neunzigerjahre-Britpopsound würdigen zu müssen, bleibt das Geheimnis der Esten. Und ob man dort tatsächlich auf die Rückkehr der sowjetischen Besatzung (wie eben in den Achtzigern) wartet, wage ich auch zu bezweifeln. Schade um die rumänische Dance-Nummer ‚Don’t break my Heart‘, neben ‚Ne ver, ne bojsia‘ das modernste Stück im Programm. Aber mit dieser Show und den knallbunten Papp-CDs verspielte Nicola Alexandru jeden Glaubwürdigkeitskredit. Zu laut, zu schnell, zu viel, zu dick aufgetragen: an dieser Stelle des Abends sehnte ich mich nach einem Grand Prix aus den Sechzigern zurück. In schwarzweiß, zum Ausgleich dieser Überbuntheit. Die auch von der überladenen Showtechnik herrührte: in den gläsernen Bühnenboden waren Monitore eingelassen, auf denen ständig irgendwelche knallbunten Animationsbilder liefen. In Verbindung mit den schon weiter oben gerügten hektischen Kamerafahrten und Bildschnitten sorgte das bei mir für visuelle Reizüberflutung – und Kopfschmerzen.


In Rumänien wird Musik noch auf Papptäfelchen gepresst statt auf CD-Rohlinge

Kopfschmerzen verursachte mir auch der unverdiente fünfte Platz für Fame und ‚Give me your Love‘: wieso nur mussten die IKEAs mit diesen langweiligen Magermilchblondchen und ihrem ätzenden Durchschnittspop wieder so gut abschneiden? So lernen es die Schweden doch nie, aus dem Überangebot an großartigen, abwechslungsreichen Songs beim Melodifestivalen zur Abwechslung mal nicht die größte Instantscheiße herauszupicken! Das mit Abstand billigste Stück des Abends (nein, nicht die Slowenin Karmen Stavec: ihr Song!) konnte dagegen beim Publikum nicht reüssieren. Wobei natürlich gegen ‚Nanana‘ selbst der spanische Siegertitel von 1968 noch anspruchsvoll wirkt. Und dann dieses süßstoffrosa Outfit mit der JoyFleming-Schultergirlande: wo ist die Modepolizei, wenn man sie mal braucht? Ein Lob an die ausrichtenden Letten für die bahnbrechende Idee, den Green Room direkt hinter der Bühne zu platzieren und die Punktevergabe in Front der teilnehmenden Sänger durchzuführen, sowie für das übersichtliche Scoreboard. Und die Moderatoren: so locker und charmant wie der unglaublich knuffige Renārs Kaupers (LV 2000) und Marie N führte zuletzt Lil Lindfors (SE 1966) durch den Abend. Schön auch die an Komik nicht arme Punktevergabe; vor allem der hartnäckige Versuch Bosniens, auf Biegen und Brechen neun Punkte vergeben zu wollen! Und nicht zu vergessen der äußerst leckere slowenische Punkteansager Peter Poles, der die höchst willkommene Kategorie der Scoreboard-Standup-Comedy begründete.


Der slowenische Dieter Nuhr: „You’re awaiting the Results, so here I go. Bye!“

Eurovision Song Contest 2003

Eurovision Song Contest. Samstag, 24. Mai 2003, aus der Skonto Halle in Riga, Lettland. 26 Teilnehmerländer, Moderation: Marija Naumova und Reinars Kaupers
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01ISBirgitta Haukdal BrynjarsdóttirOpen your Heart08109
02ATAlf PoierWeil der Mensch zählt10106
03IEMickey HarteWe've got the World tonight05311
04TRSertab ErenerEveryway that I can16701
05MTLynn ChircopTo dream again00425
06BAMija Martina BarbarićNe brini02716
07PTRita GuerraDeixa-me sonhar (só mais uma vez)01322
08HRClaudia BeniViše nisam tvoja02915
09CYStelios ConstantasFeeling alive01520
10DELou HoffnerLet's get happy05312
11RUt.A.T.u.Nje vjer, nje bojsa16403
12ESBeth RodergasDime08108
13ILLior NarkisWord for Love01719
14NLEsther HartOne more Night04513
15UKJeminiCry Baby00026
16UAOlexandr PonomariovHasta la Vista03014
17GRMandoNever let you go02517
18NOJostein HasselgårdI'm not afraid to move on12304
19FRLouisa BaïlecheMonts et Merveilles01918
20PLIch TrojeKeine Grenzen-Żadnych granic09007
21LVF.L.Y.Hello from Mars00524
22BEUrban TradSanomi16502
23EERuffusEighties coming back01421
24RONicola AlexandruDon't break my Heart07310
25SEFameGive me your Love10705
26SIKarmen StavecNanana00723

Fußnote(n)   [ + ]

1. Wie sowohl die amerikanische Pfarrerstochter Katy Perry (‚I kissed a Girl‘) als auch die serbische Eurovisionssiegerin von 2007, Marija Šerifović, sicher bestätigen können.
2. Das hat sich zwischenzeitlich gebessert: als im Jahre 2013 die finnische Teilnehmerin Krista Siegfrids ihr ‚Marry me‘ mit einem Schmatzer für eine ihre Chorsängerinnen beendete, gab es keine Probleme. Heterosexuelle Küsse waren beim Grand Prix übrigens noch nie untersagt – selbst 1957 nicht, als das innige Geknutsche eines dänischen Pärchens für Aufregung unter den Zuschauern sorgte.
3. Einige englische Medien, wie auch BBC-Kommentator Terry Wogan, schoben in völliger Verblendung die verdiente Null-Punkte-Klatsche der britischen Beteilung am Irakkrieg zu. Zur Koalition der Willigen, die sich an dem unter bewußter Vorspiegelung falscher Tatsachen und eindeutig völkerrechtswidrig geführten Angriffskrieg die Hände schmutzig machten, zählte aber beispielsweise auch die Türkei.

24 Gedanken zu “ESC 2003: Die Kotzn in da Wiesn

  1. Großartig! Nach 1997 das zweitbeste ESC-Jahr überhaupt. Abgesehen vom totgehypten russischen Beitrag (ich zögere, das ein Lied zu nennen) ein unglaublich starkes Starterfeld. Gute Plätze für Österreich und Belgien? Hammer! Das war nach 2002 ein dringend nötiges Gegengift! Hier gab es alles: abstürzende Gastgeber (ist Europa kollektiv aufgewacht und wurde sich bewusst, wie schlecht ‚I Wanna‘ war?), null Punkte für Großbritannien (völlig berechtigt, nach dieser ersten Minute), ein akzeptables deutsches Ergebnis (ja, es war Ralph Siegel. Aber mit einer Zeile wie ‚Let’s get happy and let’s be gay‘ kann man das Lied nicht hassen) und ein würdiger Sieger (go, Turkey! Und dass ich selbst ein halber Osmane bin, hat damit gar nichts zu tun! 😉 ). Ich hätte trotzdem lieber Belgien oben gesehen. ‚Sanomi‘ ist unter den über 1100 Liedern des ESC mein Favorit. Treize points! (This one goes to thirteen!) Und nochmal: Go, go, Alf Poier!

  2. Höhen und Tiefen Im Vorfeld war UK mein Favorit. Nicht wegen Trash oder ähnlichem, wir gefällt wirklich der Song und ich höre ihn immer noch gern. Doch Gemma versagte wohl aus Scham über ihr Nuttenkleid die Stimme. Da war nichts mehr zu retten. Auch die leckere Claudia Beni hätte vielleicht durch etwas weniger Haut mehr Punkte sammeln können. So wählte ich Belgien, die es auch nach oben schafften, aber nicht siegten. Trotzdem gönnte ich der Türkei und Sertab den Sieg von ganzem Herzen. Alf Poier hat ESC-Geschichte geschrieben. Mit so einer schrägen, aber intelligenten Nummer so hoch zu kommen, daß ist außergewöhnlich. Daß die Zuschauer in der Halle tAtu auspfiffen und buhten, war einfach nur widerlich. Was können denn diese jungen Mädchen für die russische Vergangenheit? So wurde der ESC wieder mal als politische Demo mißbraucht, wärend der Israeli mit einem lockeren Liebeslied rüberkam. Nicola aus Rumänien war wieder das beste Beispiel dafür, warum mir die meisten Bühnenshows auf die Nerven gegen. Zwar schön bunt aber dämlich. Im Gegensatz zur Moderation, die war echt klasse. So wie der Auftritt von Ich Troje, der sich verdient gut platzierte. Die 12 Punkte aus Deutschland wundern mich bis heute. Da muß eine ähnliche Aktion gelaufen sein wie 2006 bei Lordi, um die Türken zu überstimmen.

  3. re: Höhen und Tiefen Nur hat es 2006 nicht geklappt. Da gingen 10 von uns an Finnland und 12 in die Türkei. 😉

  4. In Tim Moores ‚Nul points‘ kommt von Seiten der Band selbst die Behauptung, die britische Delegation hätte so geschlampt, dass Jemini keine Ohrmonitore hatten und sich deshalb nicht hören konnten. Wie unprofessionell ist das denn?

  5. Dieser Jahrgang entfachte die ESC-Begeisterung bei mir, nachdem ich in den Jahren zuvor jeweils nur die deutschen Beiträge (Guildo Horn, Stefan Raab, Michelle) so richtig  miterlebt hatte. Dass ich 2003 zum Fan wurde lag mit Sicherheit an der hohen Qualität der Veranstaltung (die VHS-Kassette mit der Aufnahme von damals halte ich nach wie vor ihn Ehren und schaue sie immer wieder gerne an), ein echter Totalausfall war abgesehen von den glücklosen Briten nicht dabei, auch wenn sich der Ire vorwerfen lassen musste, bei den Olsen Brothers abgeschrieben zu haben. Dafür befand ich selbst die weiter hinten platzierten Beiträge aus Kroatien, Bosnien und Israel als sehr hörbar, was wiederum für diesen Jahrgang spricht.
    Der Sieg für Sertab Erener war hochverdient und dementsprechend trotz der hohen Qualität im Starterfeld eigentlich zu knapp ausgefallen – eine mitreißende Nummer, die traditionelle und moderne Elemente mit einer tollen Choreographie vereint! Kommt live um einiges besser an als von CD (zumal dort noch Elektroklänge eingefügt wurden, die das Lied meines Erachtens von CD fast unhörbar machen). Belgien etwas überraschend und nicht so mein Fall, aber angesichts der damaligen „Herr der Ringe“-Aktualität nachvollziehbar auf Platz zwei gelandet. Russland war selbst wohl enttäuscht, aber Platz 3 nur 3 Punkte hinter dem Sieger war doch auch aller Ehren wert. Die zwei interessantesten Beiträge für die man als Deutscher stimmen konnte waren sicherlich Polen mit einem tollen mehrsprachigen Friedenslied – die zwölf Punkte aus Deutschland waren eine schöne Geste der Anerkennung – und der großartige Alf Poier. Deutschland mit Lou auf Platz 11 war letzten Endes ein Ergebnis mit dem man leben konnte.
    Sehr positiv blieben auch mir die angenehm lockere Moderation und die Knetoptik in Erinnerung. Hatte alles noch etwas familiäres, das man inzwischen manchmal etwas vermisst. Alles in allem ein großartiger ESC-Jahrgang den ich wohl nie vergessen werde! 🙂

  6. Zwei russische Frauen wollen sich küssen! Ach Gott, wie schlimm !!! 😀

    t.A.T.u., die Sirenen aus Russland (ihre Stimmen hören sich wirklich an wie Sirenen): Wenn Sertab Erener nicht gewesen wäre, dann hätten die zwei Russinnen den Sieg verdient gehabt. Alleine schon wegen der Show, die sie da abgezogen haben. Und ganz besonders wegen dem lettischen Publikum, das die Beiden ausbuhte und Schadenfreude zeigte, als Russland von den Niederlanden nur einen Punkt bekam.

    Der deutsche Beitrag ging. Ralph Siegel hätte vom Rücktritt nicht zurücktreten müssen! Man kann Stefan Raab kritisieren, wie man will. Aber man sollte trotzdem nicht vergessen, dass Ralph Siegel möglicherweise heute noch seine Liedchen für Deutschland antreten ließe, wenn Stefan Raab nicht ein Jahr später mit Max und 2010 mit seiner Casting-Show gekommen wäre, die der Anfang von Lenas Triumph war. Möglicherweise hätte der Siegel noch Desiree Nick engagiert.

    Zum Glück war Deutschland danach trotz einiger Katastrophen wie Gracia nie mehr so weit vom Popgeschehen entfernt wie 2003.

  7. Heutzutage ist das schlimm. Ich bin schon gespannt, wann die erste öffentliche Verbrennung von alten t.A.T.u.-Videos in Russland stattfindet.

Oder was denkst Du?