ESC Fina­le 2004: Just may­be I’m cra­zy

Logo des Eurovision Song Contest 2004 (Semifinale)
Das Jahr der wil­den Tän­ze

Man möge es mir nach­se­hen: die­sen Jahr­gang kann ich nicht nach den übli­chen Maß­stä­ben beur­tei­len. Denn zum ers­ten Mal ver­folg­te ich das Gesche­hen nicht mehr zu Hau­se am Fern­se­her, son­dern live vor Ort in der Hal­le. Ein völ­lig ande­res Erleb­nis, das ich jedem nur emp­feh­len kann! Die EBU hat­te just in jenem Jahr erst­mals dem eigent­li­chen Grand Prix eine Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de vor­ge­schal­tet, die ich als beken­nen­der Trash­gour­met seit­her noch mehr lie­be als das Fina­le, weil sich dort die tra­gi­sche­ren Bei­trä­ge sam­meln. In die­ser End­run­de nun tum­mel­ten sich die Big Four und die zehn best­plat­zier­ten Län­der aus 2003. Sowie eben die zehn Bes­ten aus dem Semi, die im Fina­le eben­falls sehr gut abschnit­ten.

Die Tür­ken freu­ten sich erkenn­bar sehr über ihre Rol­le als Grand-Prix-Gast­ge­ber. Rie­si­ge Euro­vi­si­ons­fah­nen schmück­ten sämt­li­che Ein­fall­stra­ßen zwi­schen dem Flug­ha­fen und der Innen­stadt von Istan­bul mit der mit­tig gele­ge­nen, rest­los aus­ver­kauf­ten Abdi-Ipek­ci-Hal­le, in der die Stim­mung rich­tig koch­te. Und trotz ver­patz­ten Eröff­nungs­gags und der völ­lig ver­un­glück­ten neu­en Seve­so-Fri­sur von Vor­jah­res­sie­ge­rin Sert­ab Ere­ner, die uns in Beglei­tung sehr nett anzu­schau­en­der, so gut wie unbe­klei­de­ter männ­li­cher Tän­zer (da dach­te man an die Kern­ziel­grup­pe!) noch­mal ihren Sie­ger­ti­tel und einen älte­ren Hit aus ihrem Reper­toire im Voll­play­back­ver­fah­ren zum Bes­ten gab, wur­de es ein lie­be­voll gestal­te­ter, run­der, fröh­li­cher, wun­der­schö­ner und unver­gess­li­cher Abend mit etli­chen Songs, die noch heu­te zu mei­nen abso­lu­ten Lieb­lin­gen zäh­len.


“Ramón! Allei­ne bei dem Namen krieg ich schon einen hoch!” (Paul in Ralf Königs Comic “Bul­len­klö­ten”) (ES)

Dem spa­ni­schen Brett Ramón fiel die undank­ba­re Ehre zu, den Rei­gen der 24 Final­lie­der zu eröff­nen. Der Jung­in­su­la­ner bewies mit dem feu­ri­gen ‘Para llen­ar­me de ti’ (‘Von Dir gefüllt zu wer­den’ – jeder­zeit ger­ne, Ramón!) den pein­li­chen Nach­ah­mern aus den nord­öst­li­chen Euro­vi­si­ons­län­dern auf das Läs­sigs­te, wie ein lei­den­schaft­li­cher Lati­no-Pop­song zu klin­gen hat! Noch Fra­gen, Thor­dar­son? Die Fir­ma Storck freut es sicher: jedes­mal, wenn ich Tie Break‘Du bist’ höre, über­fällt mich der Scho­ko-Jie­per. Nicht, weil die Öster­rei­cher so süß gewe­sen wären, son­dern weil mich ihr Lied (“Die­se klei­nen Glücks­mo­men­te”) so ver­dammt an die Mer­ci-Rekla­me erin­ner­te. Ihre Pres­se­kon­fe­ren­zen hat­te die Boy­group fol­ge­rich­tig bereits in Scho­ko­kuss-Schlach­ten ver­wan­delt: wer nicht durch Sub­stanz über­zeu­gen kann, ver­sucht es halt mit Blö­deln! Dass es noch schlech­ter geht, bewies der Nor­we­ger Knut Anders Sørum (den nahe­lie­gen­den Wort­witz ver­knei­fe ich mir jetzt mal). Als sei sei­ne drö­ge Rock­bal­la­de noch nicht blut­leer genug, ver­sprüh­te der Sän­ger so viel Ener­gie und Lebens­lust wie ein Stück Holz. Man war­te­te gebannt auf den Augen­blick, da Bernd das Brot Knut beim Sin­gen ein­schlie­fe. War ‘High’ als War­nung vor den Neben­wir­kun­gen über­mä­ßi­gen Can­na­bis­kon­sums gedacht? Im Ergeb­nis jeden­falls ein Low: ver­dien­ter letz­ter Platz.


Eine Hecken­sche­re für Herrn Cer­ra­da bit­te. Schnell, es ist ein Not­fall! (FR)

Wel­chen Vor­teil ver­spra­chen sich die Fran­zo­sen bloß davon, ihrem gnom­haf­ten Sän­ger eine rie­si­ge Stel­zen­frau zur Sei­te zu stel­len? Glaub­ten sie wirk­lich, es bräch­te Bonus­pun­ke bei den jüngs­ten Zuschau­ern, wenn ihr Inter­pret wie ein Bewoh­ner von Schlumpf­hau­sen aus­sieht? War­um fiel die grob­mo­to­risch vor sich hin ruckeln­de Grace-Jones-Inkar­na­ti­on zur Erhei­te­rung der Zuschau­er nicht wenigs­tens ein­mal auf die Fres­se? Vor allem aber: war­um ent­fern­te nie­mand den explo­dier­ten Biber von Jona­tan Cer­ra­das Schä­del? Das vor sich hin plät­schern­de Pop­chan­son ‘À chaque pas’ lenk­te beim Sin­nie­ren über die­se essen­ti­el­len Fra­gen nicht wei­ter ab. Da ein Teil der Dar­bie­tun­gen dies­mal schon aus dem Semi bekannt war, lie­ßen sich inter­es­san­te Beob­ach­tun­gen über den Abnut­zungs­ef­fekt von Grand-Prix-Bei­trä­gen machen. Näm­lich: gro­ße, dra­ma­ti­sche Schmer­zens­bal­la­den wie ‘Lane moje’, eins der schöns­ten Exem­pla­re die­ser von mir heiß­ge­lieb­ten Gat­tung, bren­nen sich mit jeder Wie­der­ho­lung noch tie­fer in die See­le. Mit den Gene­ral­pro­ben sah ich die folk­lo­ris­ti­sche Dar­bie­tung von Žel­j­ko Jok­si­mo­vić bereits zum vier­ten Mal: sein herz­zer­rei­ßen­der Kla­ge­ge­sang berühr­te mich noch immer so stark wie beim ers­ten Hören. Ein Auf­takt­sieg beim aller­ers­ten Auf­tritt unter eige­ner Lan­des­flag­ge wäre den Ser­ben zu gön­nen gewe­sen. Den hol­ten sie dann iro­ni­scher­wei­se 2007, nach­dem sich auch noch Mon­te­ne­gro von ihnen los­ge­sagt hat­te, mit dem ähn­lich schö­nen ‘Molit­va’.


Žel­j­ko Jok­si­mo­vić und die “mon­go­li­sche Nasen­f­lö­te” (Ter­ry Wogan) (RS)

Anders ver­hält es sich bei cam­pen Num­mern, die in der Wie­der­ho­lung meist nicht mehr so zün­den. Das kirsch­blü­ten­haf­te mal­te­si­sche Kitsch­fest ‘On again – off again’ hat­te mit die­sem Abnut­zungs­ef­fekt zu kämp­fen, zumal Julie & Lud­wig nach einer ver­sem­mel­ten Gene­ral­pro­be ange­spannt wirk­ten. Auch der Bos­ni­er Deen litt unter die­sem Syn­drom, zumal er sich ent­schied, im Fina­le weni­ger nack­te Haut zu zei­gen als am Mitt­woch. Ein sträf­li­cher Feh­ler! Sub­ti­len Sinn für Humor bewies das tür­ki­sche Fern­se­hen bei der Aus­wahl des Motivs für die bos­ni­sche Post­kar­te: rei­ner Zufall, dass man halb­nack­te anti­ke Män­ner­sta­tu­en aus tür­ki­schen Muse­en zeig­te? Im Kopf-an-Kopf-Ren­nen der direkt auf­ein­an­der­fol­gen­den Schram­mel­num­mern aus Hol­land und Deutsch­land schmier­te das bereits aus dem Semi bekann­te nie­der­län­di­sche Duo Re-Uni­on (‘Wit­hout you’) so gna­den­los wie ver­dient ab, wäh­rend es für unse­ren Max für einen gerech­ten ach­ten Platz lang­te. Nach­dem im Vor­feld das Genör­gel dar­über nicht ver­stumm­te, dass Max fast durch­gän­gig mit geschlos­se­nen Augen sang und so kei­nen Kon­takt zum Publi­kum her­stel­len wür­de, bemüh­te sich der Bade­ner, die Gucker­chen ein paar Mal auf­zu­ma­chen – und hin­ter­ließ dabei einen eher ver­schreckt-ver­wirr­ten, autis­ti­schen Ein­druck. Wir ler­nen: nie­mals auf die Rat­schlä­ge von Grand-Prix-Fans hören! Eine schö­ne Ges­te hin­ge­gen der von Max auf tür­kisch gesun­ge­ne zwei­te Refrain. Das ers­te Mal seit 1998 war ich wie­der rich­tig stolz auf unse­ren Bei­trag.


Mach die Augen zu und wünsch Dir einen Traum: Max (DE)

Auf gut­ge­mein­te Rat­schlä­ge hör­te auch Anje­za Shahi­ni, wel­che im Fina­le die zum Kleid umge­ar­bei­te­te alba­ni­sche Lan­des­flag­ge trug. Ein patrio­ti­scher Akt zwar, zumal bei der aller­ers­ten Euro­vi­si­ons­teil­nah­me des Bal­kan­lan­des, aber kei­ne klu­ge Wahl: der blut­ro­te Fet­zen trug auf. Kein gutes ‘Image of you’. Pas­sen­der klei­de­te sich die ukrai­ni­sche Xena. Im urzeit­li­chen Fell­mi­ni leg­te die völ­lig auf­ge­putscht Wir­ken­de das Mus­ter­bei­spiel einer spek­ta­ku­lä­ren Hai­ro­gra­phy hin: sie und ihre Bar­ba­ren stampf­ten über die Büh­ne und schüt­tel­ten zu vie­len “Hey“s unab­läs­sig das pracht­vol­le Haupt­haar. Tän­ze­risch, wie mir befreun­de­te Fach­leu­te bestä­tig­ten, nicht sehr anspruchs­voll, aber für das Auge des Lai­en (also auch das mei­ne) um so beein­dru­cken­der. Rus­la­nas berech­tig­ter ers­ter Platz ließ die Frak­ti­on der kon­ser­va­ti­ven Chan­son­freun­de auf­heu­len, dass hier die Show über das Lied gesiegt habe. Was für ein Quatsch! Der Euro­vi­si­on Song Con­test fin­det nun mal im Fern­se­hen statt, einem visu­el­len Medi­um. Also braucht jedes Lied auch eine zu ihm pas­sen­de Show. Und ein kraft­vol­les Dance-Brett wie ‘Wild Dan­ces’ (das es in den deut­schen Charts bis Rang 40 brach­te) wirkt, wie sich aus dem Song­ti­tel schon ergibt, nur mit einer pas­sen­den Cho­reo­gra­fie. Ande­re Songs brau­chen ande­re Dar­bie­tun­gen, wie zum Bei­spiel die Zur­schau­stel­lung zärt­li­cher Frau­en­so­li­da­ri­tät bei ‘Molit­va’ (RS 2007) oder die läs­sig-iro­ni­sche Sorg­lo­sig­keit von ‘Satel­li­te’ (DE 2010): auch hier gewann nicht das Lied allei­ne, son­dern die stim­mi­ge Gesamt­per­for­mance!


Schüt­tel Dein Haar, wil­des Mäd­chen: Rus­la­na (UA)

Sel­ten amü­sier­te ich mich so könig­lich als wäh­rend der Halb­zeit­pau­sen­schal­te von TRT zum Tak­sim-Platz in Istan­bul. Nicht nur, dass sich im Gegen­satz zur Ham­bur­ger Ree­per­bahn, wo sich tat­säch­lich eine beein­dru­cken­de, fei­er­wü­ti­ge Men­ge hin­ter Tho­mas Anders ver­sam­mel­te, auf dem übli­cher­wei­se beleb­tes­ten Platz der tür­ki­schen Metro­po­le nie­mand ein­fin­den woll­te; offen­bar warn­te auch kei­ner die TRT-Repor­te­rin, dass sie bereits auf Sen­dung ist. See­len­ru­hig schnaub­te sie sich die Nase, räus­per­te sich, mas­sier­te die Augen­rin­ge weg, schau­te gelang­weilt umher – ich war­te­te nur noch dar­auf, dass sie die Zäh­ne fletscht und auf mög­li­che Spei­se­res­te unter­sucht! Und das vor zig Mil­lio­nen Zuschau­ern euro­pa­weit! Das eröff­net natür­lich Raum für Spe­ku­la­tio­nen, war­um anschlie­ßend eine wei­te­re Live­schal­te nach Spa­ni­en zwar anmo­de­riert, aber nicht gezeigt wur­de. Saß die dor­ti­ge Kor­re­spon­den­tin gera­de in den Büschen und strull­te? Einer der lus­tigs­ten Momen­te der Fern­seh­ge­schich­te, nur noch getoppt von Han­ne­lo­re Kohls legen­dä­rem Besuch bei Alfre­dis­si­mo – ich stand kurz vor dem Zwerch­fell­bruch!


Bei 4:58 Min geht’s los: die wohl lus­tigs­te Euro­vi­si­ons­pan­ne aller Zei­ten!

Der Slot nach der Halbzeitpause1)Von der EBU auf Druck zahl­rei­cher, nicht aus­rei­chend gebüh­ren­fi­nan­zier­ter Sen­der erst­ma­lig ein­ge­führt, damit die­se Sen­der solan­ge Wer­bung zei­gen und so ihre Teil­na­me­ge­büh­ren refi­nan­zie­ren konnten. scheint ver­flucht. Halb Euro­pa befand sich wohl noch auf der Toi­let­te oder im Kel­ler, den Geträn­kenach­schub sicher­stel­lend. Anders lässt sich das desas­trö­se Ergeb­nis für Bel­gi­ens Xan­dee nicht erklä­ren. Ihr per­fek­tes Vocal-House-Stück ‘1 Life’ war ein gefei­er­ter Tanz­flä­chen­stür­mer bei jeder Euro­vi­si­ons­dis­co in Istan­bul und war­te­te zudem mit einem hüb­schen, grand­pri­x­es­ken Frie­de-Freu­de-Eier­ku­chen-Song­text auf. Dazu noch hat­te sie zwei hin­rei­ßend schö­ne Män­ner mit auf der Büh­ne (als Tän­zer und Drum­mer). Nur Xan­dee selbst wirk­te etwas, wie soll ich sagen, ver­braucht. Scha­de! Schö­ne Män­ner brach­te auch die Rus­sin Julia Saviche­va mit, und zwar gleich vier durch­trai­nier­te Mus­kel­schnit­ten. Die man, aus wel­chem Grund auch immer, mit Pla­ka­far­be ange­malt hat­te. Sie tanz­ten eine über­trie­be­ne, auf­ge­zwun­gen wir­ken­de Cho­reo­gra­fie, die zu dem net­ten Radio­pop­stück ‘Belie­ve me’ über­haupt nicht pass­te. Julia, so schon nicht die Klas­sen­bes­te, was Stimm­kraft und Klar­heit der eng­li­schen Aus­spra­che betraf (“Beliff me”), nahm die Kon­zen­tra­ti­on auf ihre Hebe­fi­gu­ren und Schritt­fol­gen so stark in Anspruch, dass ihr Gesang ganz den Bach run­ter­ging. Vol­ler Wut über die­ses Fias­ko ver­such­te sie am Ende gar, einem ihrer Tän­zer zur Stra­fe den Arm aus­zu­ku­geln! Ledig­lich die Stim­men der Exil­rus­sen in den bal­ti­schen und GUS-Staa­ten ret­te­ten sie vor dem eigent­lich ver­dien­ten Pie­ro-Este­rio­re-Ergeb­nis.


Meis­te­rin im Ein­arm­w­rest­ling: Julia Saviche­va (RU)

Toše Proeski, erneut mit star­ker Unter­stüt­zung in der Hal­le, und Sakis Rou­vas per­form­ten bei­de so gut wie im Halb­fi­na­le. Ein roter Faden ver­band die Num­mern: der Maze­do­ni­er ließ ihn sich wäh­rend sei­nes Auf­tritts von sei­nen Tän­ze­rin­nen aus der Jacke klau­ben, der Grie­che pflück­te ihn aus den Kos­tü­men sei­ner Mädels. Grie­chen­gott Sakis schaff­te auch dies­mal sei­ne Rol­le rück­wärts anstands­los: als ob es eines Bewei­ses sei­ner kör­per­li­chen Durch­trai­niert­heit noch bedurft hät­te! Ein hoch ver­dien­ter drit­ter Platz für ‘Shake it’ – mei­nen per­sön­li­chen Som­mer­hit 2004, ‘Dra­go­s­tea din tei’ hin oder her. Mit Jón­sis (IS 2012) düs­te­rer Rock­bal­la­de ‘Hea­ven’ konn­te ich musi­ka­lisch nicht all zu viel anfan­gen; sein Auf­tritt aber war hin­rei­ßend! Nicht nur, dass der Islän­der ver­dammt gut aus­sah, er leg­te auch viel Herz, See­le und Stim­me in sei­ne drei Minu­ten. Als sän­ge er um sein Leben, die Hals­schlag­ader vor Anstren­gung gleich plat­zend, so stand er auf der Büh­ne, und in der Hal­le rühr­te es mich an. Auf den Fern­seh­bild­schir­men kam das – wie mir die DVD spä­ter offen­bar­te – aber etwas zu exal­tiert rüber (der Hal­dor-Lægreid-Effekt), was wohl zu Jón­sis scho­ckie­rend schlech­ter Plat­zie­rung geführt haben mag. Den­noch: ein Skan­dal!


Euro­vi­si­on in Per­fek­ti­on: genau so will ich den Grand Prix! (GR)

Was ich vom vor­letz­ten Platz für Irland nicht sagen kann. Von einer Boy­band vor­ge­tra­gen, mit einer net­ten Tanz­rou­ti­ne von der musi­ka­li­schen Lan­ge­wei­le ablen­kend, hät­te ‘If my World stop­ped tur­ning’ viel­leicht eine klei­ne Chan­ce gehabt. So nutz­te ich die drei Minu­ten Drög­heit zur Spe­ku­la­ti­on, ob Chris Doran optisch eher an den gefähr­lichs­ten Ter­ro­ris­ten der Welt, Geor­ge W. Bush, erin­nert oder an Hol­ly John­son von Fran­kie goes to Hol­ly­wood. “Der Polin­nen Reiz ist uner­reicht”, so lau­tet ein Zitat aus der Ope­ret­te ‘Der Bet­tel­stu­dent’. Tatia­na Okup­nik, die sym­pa­thi­sche Sän­ge­rin von Blue Café, ver­ließ sich dar­auf – und auf ein Kleid, das ihre kör­per­li­chen Vor­zü­ge zur Gel­tung brach­te. In den USA hät­te man wohl schwar­ze Por­no­bal­ken über das TV-Bild gelegt. Das ver­moch­te jedoch nicht den hohen Nerv-Fak­tor des arg schlich­ten ‘Love Song’ und des kreis­sä­gen­ar­ti­gen Gesangs zu mil­dern. James Fox tausch­te den läs­si­gen Jeans-Look der bri­ti­schen Vor­ent­schei­dung gegen einen pein­li­chen Kon­fir­man­den­an­zug von C&A: kei­ne gute Idee. So ging das letz­te Biss­chen sei­nes mode­ra­ten Bryan-Adams-Charmes flö­ten. Um so deut­li­cher trat zu Tage, dass wir es hier mit einem dritt­klas­si­gen Kreuz­fahrt­schiff-Sän­ger mit einem eben­so dritt­klas­si­gen Träl­ler­lied­chen zu tun hat­ten. Die ehe­ma­li­ge Pop­na­ti­on Groß­bri­tan­ni­en, so das von die­ser Num­mer aus­ge­hen­de Signal, hat­te nach der Schan­de von Riga wohl end­gül­tig auf­ge­ge­ben.


In wel­cher Spra­che singt Jón­si da nur? Mur­mu­risch? (IS)

Ganz anders der Gast­ge­ber: bei Athenas Auf­tritt ras­te­ten nicht nur die Tür­ken in der Hal­le kom­plett aus. Schon bei den Euro­vi­si­ons­dis­cos in der Pro­ben­wo­che lief ‘For real’ alle Vier­tel­stun­de, und jedes­mal dreh­te die Men­ge durch. Man kann zu die­sem ener­gie­ge­la­de­nen Ska-Pop, einer gelun­ge­nen Mischung aus Mad­ness und AC/DC, auch ein­fach nicht still sit­zen blei­ben. Mal ganz abge­se­hen von den sehr cha­ris­ma­ti­schen Brü­dern Gök­han und Hakan Özoğuz: nicht nur opti­sche Lecker­bis­sen, son­dern auch super net­te Ker­le, die sich in Istan­bul bei jeder Gele­gen­heit unters Volk misch­ten und auch in den Pres­se­kon­fe­ren­zen mit ihrer hin­rei­ßen­den Mischung aus char­man­tem Machis­mo, herz­li­cher Freund­lich­keit und offe­nem Inter­es­se begeis­ter­ten. Mit der Ent­hül­lung der auf die Innen­sei­te sei­ner Jacke auf­ge­mal­ten Frie­dens­sym­bo­le wäh­rend des Auf­tritts brach­te Sän­ger Gök­han end­gül­tig mein für sol­chen Show­kitsch emp­fäng­li­ches Herz zum Schmel­zen. Zumal er die Jacke dann aus­zog und sei­ne mus­ku­lö­sen, täto­wier­ten Ober­ar­me zur Schau stell­te. An die­ser Stel­le, zumal noch in der Hal­le nur weni­ge Meter ent­fernt sit­zend, war ich einer pflau­men­sturz­be­ding­ten Ohn­macht nahe!


Big and strong, enough to turn me on: Athena (TR)

Zahl­reich dürf­ten die Ange­bo­te sein, die San­da Lado­si aus Rumä­ni­en nach ihrem Auf­tritt bekam. Von tsche­chi­schen Puff­be­sit­zern bei­spiels­wei­se, oder ukrai­ni­schen Mäd­chen­händ­lern. Ihr Büh­nenout­fit und ihre Show ver­kün­de­ten laut und deut­lich nur eine Bot­schaft: “Fünf Euro. Alles. Ohne Gum­mi”. Lena Phil­lip­sons Stan­gen­tanz-Show hat­te beim schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len noch für Auf­se­hen gesorgt. So, wie sie ihren wohl­ge­form­ten Aller­wer­tes­ten zur Text­zei­le “Hurts, oh it hurts, real­ly hurts, in the Midd­le of the Night” las­ziv am Mikro­fon­stän­der rieb, blieb selbst den hart­ge­sot­tens­ten schwu­len Fans die Spu­cke weg. In Istan­bul jedoch wirk­te Lena in ihrem pink­far­be­nen Kleid­chen im Ver­gleich zu dem direkt vor ihr gestar­te­ten rumä­ni­schen Flitt­chen wie die bra­ve Haus­frau in der Mid­life­cri­sis, die ver­zwei­felt ver­sucht, auf ver­rucht zu machen.


Gun­del Gau­ke­ley und ihr Besen (SE)

Was sich im Gro­ßen und Gan­zen auf den gesam­ten Con­test über­tra­gen ließ: wäh­rend es der Osten ernst mein­te und musi­ka­lisch wie cho­reo­gra­fisch alles tat, um die Kon­kur­renz aus­zu­ste­chen, schick­te der Wes­ten Despe­ra­te House­wi­ves. Kein Wun­der also, dass der Grand Prix auch in den nächs­ten Jah­ren fast aus­schließ­lich jen­seits des ehe­ma­li­gen Eiser­nen Vor­hangs Sta­ti­on machen soll­te.

Euro­vi­si­on Song Con­test 2004

Euro­vi­si­on Song Con­test – Fina­le. Sams­tag, 15. Mai 2004, aus dem Abdi-Ipek­ci-Sta­di­on in Istan­bul, Tür­kei. 24 Teil­neh­mer­län­der. Mode­ra­ti­on: Mel­tem Cum­bul und Kor­han Abay.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01ESRamón del Cas­til­lo Para llen­ar­me de ti08710
02ATTie­breakDu bist00921
03NOKnut Anders SørumHigh00324
04FRJona­tan Cer­ra­daÀ chaque pas04015
05RSŽel­j­ko Jok­si­mo­vićLane moje26302
06MTJulie & Lud­wigOn again… off again05013
07NLRe-Uni­onWit­hout you01120
08DEMax Mutz­keCan’t wait until ton­ight09308
09ABAnje­za Shahi­niThe Image of you10607
10UARus­la­na Lyzhych­koWild Dan­ces28001
11HRIvan Miku­lićYou are the only One05012
12BADeenIn the Dis­co09109
13BEXan­dee1 Life00723
14RUJulia Saviche­vaBelie­ve me06711
15MKToše ProeskiLife04714
16GRSakis Rou­vasShake it25203
17ISJón­siHea­ven01619
18IEChris DoranIf my World stop­ped tur­ning00722
19PLBlue CaféLove Song02717
20UKJames FoxHold onto our Love02916
21CYLisa Andre­asStron­ger every Min­tue17006
22TRAthenaFor real19504
23ROSan­da LadoşiI admit01818
24SELena Phil­ips­sonIt hurts17005

Fußnote(n)   [ + ]

1. Von der EBU auf Druck zahl­rei­cher, nicht aus­rei­chend gebüh­ren­fi­nan­zier­ter Sen­der erst­ma­lig ein­ge­führt, damit die­se Sen­der solan­ge Wer­bung zei­gen und so ihre Teil­na­me­ge­büh­ren refi­nan­zie­ren konnten.

19 Gedanken zu “ESC Fina­le 2004: Just may­be I’m cra­zy

  1. Nanu? Go, go, Xena! äh, ich mei­ne natür­lich Rus­la­na! 😉 Tol­les Lied, genia­ler Auf­tritt. Ich hät­te mich auch ernst­lich beschwert, wenn sich das Ergeb­nis aus dem Semi gehal­ten hät­te, also die­se lang­wei­li­ge Dut­zend­bal­la­de gegen ‘Wild Dan­ces’ gewon­nen hät­te. Aller­dings fällt mir bei der Betrach­tung die­ser Sei­te eins auf: wo ist der grü­ne Bal­ken, der den Sie­ger mar­kiert?

  2. euro­vi­si­on song con­test: ich sah in mei­nem leben noch nie ein bes­se­ren euro­vi­si­on song con­test als in 2004 türkei.Die vot­e­ta­bel­le und das herz und ect. alles war per­fect . man hat gemerckt das tüär­ken viel wert auf euro­vi­si­on song con­test legen. 😉

  3. Julia Saviche­va hät­te Null Punk­te bekom­men müs­sen, sie war genau­so schlecht wie Gem­ma von Jeme­ni 2002. Die Rus­sin war der leben­de Beweis, daß man sich eine Büh­nen­show leis­ten kön­nen muß, näm­lich fit­ness­mä­ßig. Die wenigs­ten Men­schen kön­nen nun­mal gleich­zei­tig sin­gen und tur­nen. Wenn die Lun­ge es nicht her­gibt, soll­te man sich doch eher aufs Sin­gen kon­zen­trie­ren. Der Gegen­be­weis war ja am glei­chen Abend zu sehen. Lena Phil­lip­son leg­te eine abso­lut pro­fes­sio­nel­le Per­for­mance vor, ohne von gefühl­ten 20000 Tän­zern umge­ben zu sein. Sie hat­te die nöti­ge Erfah­rung für ein sol­ches Groß­ereig­nis. Sie und Lisa Andre­as hät­ten den Sieg unter sich aus­ma­chen sol­len. Ich wer­de auch nie ver­stehn, wes­halb Peter Urban das Kleid von Lena als Tee­ny-Fum­mel bezeich­ne­te. Wel­che Tee­nies tra­gen denn Klei­der? Xan­dee fand ich doof, ich moch­te mehr den Song von Blue Café. Der Gesang von Tat­ja­na war erfri­schend anders. Über San­da Lado­si wur­de schon alles gesagt. Wer hät­te gedacht, daß es kla­mot­ten­mä­ßig nach Clau­dia Beni (ein Jahr zuvor) noch schlim­mer kom­men könn­te?

  4. Ach­tung, der Kor­rek­tur­na­zi kommt: Die Band hieß Jemi­ni, und das war 2003, nicht 2002. Und für die Rus­sen mit ihren Beton­punk­ten aus der GUS und dem Bal­ti­kum ist ein Platz außer­halb der Top 10 wahr­schein­lich schon ein gefühl­ter Nul­poin­ter. 🙂

  5. Ges­tern beim ESC geschei­tert, heu­te schon bei Boh­len: Tho­mas Pegram, Mit­glied von Tie­break hat es in die Top Ten von DSDS geschafft. Kann man noch tie­fer sin­ken?

  6. Au weia, ich kann Dir da ja so gaaaar nicht zustim­men! Ich hab mir den Jahr­gang vor ein paar Tagen noch­mal rein­ge­dreht, und ich kann nur sagen: 2004 war FURCHT­BAR, der schlimms­te Jahr­gang seit der Jahr­tau­send­wen­de, des­sen Fina­le ich nur auf einem Oze­an von Alko­hol ertra­gen habe! Die ers­ten bei­den Plät­ze gehen in Ord­nung, wenn ich die auch heu­te ger­ne ver­tauscht sehen wür­de. Max hät­te gern bes­ser abschnei­den dür­fen, Xan­de­es Ergeb­nis war für mich der Scho­cker schlecht­hin, den Song von James Fox mag ich sehr gern, aber der mit Abstand bes­te Bei­trag des Jahr­gangs kam von den Gast­ge­bern! Die Tür­ken hät­ten lie­bend gern den zwei­ten Sieg in Fol­ge ein­fah­ren dür­fen. Zu Mel­tem und Kor­han und zu dem, was sich da ins­be­son­de­re in der zwei­ten Hälf­te des Scoreboards wie­der­fand, sag ich jetzt lie­ber mal nix.

    Aber der ers­te ESC vor Ort ist auf jeden Fall was beson­de­res, und den misst man nicht mit nor­ma­len Maß­stä­ben (ging mir jeden­falls bei mei­nem so, der bei­trags­tech­nisch auch kei­ne Offen­ba­rung war – eigent­lich). So gese­hen (und mit dem Gedan­ken an Dei­ne Trash-Vor­lie­be) kann ich den Arti­kel dann doch wie­der nach­voll­zie­hen. Auf jeden Fall gro­ßes Mer­ci dafür – es macht immer wie­der total Spaß!

  7. Pingback: I'll fucking win (ESC Semi 2006)
  8. Viel­leicht klang es in der Hal­le anders, aber am TV hört sich Sert­ab Ere­ners Eröff­nungs­act sehr nach Live­ge­sang an.

Oder was denkst Du?