ESC Semi 2004: Take my Shoes and go straight

Logo des Eurovision Song Contest 2004 (Finale)
Das Jahr der wilden Tänze

Wer nicht zu den allereingefleischtesten Eurovisionsfans gehört, für den könnte der Begriff „Semi“ bis heute Neuland sein. Kein Wunder: die deutschen Medien – inklusive der ARD – schweigen diese Neuerung beharrlich tot. Seit dem massenhaften Zustrom osteuropäischer Länder mussten bislang jedes Jahr etliche Antrittswillige aussetzen, was in den regelmäßig betroffenen Ländern zu einem starken Rückgang des öffentlichen Interesses führte. Als Abhilfe schuf die EBU 2004 ein brandneues Vorsortierfahren: die Qualifikationsrunde a.k.a. Semi, durch das alle durchmussten, die 2003 schlechter als Platz 10 abgeschnitten hatten. Mit Ausnahme der Big Four: Frankreich, Großbritannien, Spanien und Deutschland, die aufgrund ihrer Finanzkraft und Zuschauermassen stets direkt fürs Finale gesetzt sind. Wegen des zu erwartenden geringen Interesses versteckte der NDR die Qualifikationsrunde in seinem dritten Programm.

Mitstimmen durften wir trotzdem. Ich allerdings nicht, denn zum ersten Mal sah ich den Grand Prix live vor Ort, und in der Halle gaben die Veranstalter keine Telefonnummern bekannt. Wie die Punkteverteilung indiziert, schauten in Deutschland wohl ausschließlich die Immigranten zu und stimmten für ihr Herkunftsland ab. Vielleicht besser, dass die breite Masse diese Vorrunde nicht sah: der bei der deutschen Vorentscheidung suggerierte Eindruck einer Modernisierung des Wettbewerbs hätte sich angesichts der Beiträge in der Qualifikationsrunde sehr schnell wieder verflüchtigt! Was nicht nur, aber auch, mit der Tonqualität zu tun hatte: sowohl auf der offiziellen DVD als auch in den Youtube-Videos hören sich die ersten paar Songs miserabel an! Kein Wunder, dass es aus dem ersten Drittel niemand in die Endrunde schaffte, das klang furchtbar! Ganz anders übrigens als in der Halle, wo der Sound bei allen Liedern satt und rund war und auch die Stimmen voll klangen.


Lost in Translation: Flachwitze in schlechtem Englisch

Nach einer possierlichen Eröffnungsnummer mit menschlichen Brummkreiseln (wenn meine T-Shirts mal so strahlen würden wie die Röcke der Tänzer! Wäscht das türkische Sunil wirklich weißer? Sorry, kleiner Hausfrauen-Flash, zurück zum Thema:) bewiesen uns die Moderatoren Meltem Cumbul und Korhan Abay, warum es doch besser gewesen wäre, Pamela Anderson und George Clooney zu engagieren, wie sie scherzten: die können nämlich Englisch! In der Halle begeistert aufgenommen indes die Idee, das Publikum zur Einstimmung ‘Volare’ (IT 1958) singen zu lassen. Die Lieder vor allem der ersten Hälfte des Abends boten einen repräsentativen Durchschnitt durch geradezu prototypische, bereits in der Vergangenheit oft gescheiterte Grand-Prix-Konzepte. Und auch an diesem Abend war ihnen überwiegend kein Glück vergönnt. Denn nur zehn der 22 Beiträge konnten in die Endrunde am Samstag weiterkommen, für zwölf Kandidaten hieß es gen Mitternacht: Danke, tschau!


Is that a Pistol in your Pocket? (FI)

Leid tat es mir lediglich für den Finnen Jari Sillanpää. Der „Tangokönig“ präsentierte ein Musical-Märchen in Eurovisions-Technicolor, wunderhübsch visualisiert durch den Tango zwischen einem weiß gekleideten Tänzer (das Gute, natürlich!) und einer schwarz gewandeten Tänzerin (logo: das Böse). Auch Jari bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer Gazelle über die Bühne. Oder wie heißt das Tier mit dem Rüssel nochmal? A propos: wie Jaris extrem eng anliegende Jeans verriet, hatte er nicht nur stimmlich eine Menge zu bieten! Kein gutes Debüt erwischte Weißrussland: Sängerin Alexandra Kirsanova, die krankheitsbedingt die Generalprobe schwänzte, zeigte sich auch beim Halbfinalauftritt ziemlich indisponiert. Weder ihr Kollege Konstantin Drapezo noch der ausgesprochen gut aussehende, barfüßige Akarinaspieler Andrej Polowtschenja, den sie zu meiner Augen Erbauung freundlicherweise nur wenige Meter von meinem Sitzplatz entfernt am linken Bühnenrand positionierten, konnten zudem erfolgreich genug von dem in grausam entstelltem Englisch gesungenen, entsetzlich öden ‚My Galilei‘ ablenken. Das samstägliche Finale mussten die Zwei so vom Zuschauerraum – direkt in der Reihe vor mir – verfolgen. Sie wirkten noch immer ziemlich angepisst. 1)Möglicherweise auch, weil sie ahnten, dass sie sich bei ihrer Heimreise vor dem Diktator Alexander Lukaschenko persönlich zu verantworten hätten, der mit einem Eurovisionssieg die politische Isolation seines Landes in Europa zu überwinden sucht und gerüchteweise auch schon mal gerne persönlich in das Auswahlverfahren des Landes für seinen Grand-Prix-Vertreter eingreift.


Bei 1:16 Min: Achtung! Bissiges Mikro! (CH)

Ich muss es offen bekennen: ich habe nicht die geringste Ahnung vom Eurovision Song Contest! Blamabler hätte ich nicht daneben tippen können: Den durch die Schweizer Castingshow MusicStar bekannt gewordenen Piero Esteriore wähnte ich mit seinem besinnungslosen Kindergeburtstags-Mitklastschliedchen ‚Celebrate!‘ als legitimen Nachfolger von Tanel Padar & Dave Benton (EE 2001) mit ihrem baugleichen ‚Everybody‘ – und damit als potentiellen Sieger dieses Jahrgangs. Stattdessen flog der gelegentlich zur Unbeherrschtheit neigende Sänger mit Nil Points raus! Eigentlich hätte der gebürtige Sizilianer ein paar Mitleidszähler alleine für die unglaublich lustige Einlage mit dem Mikro verdient, das mitten im Gesangsvortrag auf einmal genug zu haben schien und ihn völlig überraschend frontal angriff. Piero ließ sich als Zeichen der Schande noch in Istanbul die Haare abrasieren: ob er damit freilich am Zürcher Bahnhofsstrich noch gut ankommt, wo er von da an höchstwahrscheinlich wieder seinen Lebensunterhalt verdienen musste, ist fraglich.


Feuer brennt wohl nicht in Dir drin: Sofia Vitória (PT)

Dass es Marta Roure nicht ganz so schlimm erging wie Piero Esteriore, verdankt sie keineswegs ihrem absurden Bühnenoutfit, von dem das Oberteil scheint’s direkt aus dem Beate-Uhse-Shop stammte, die Hose aber aus der Joggingzeltabteilung von Takko, Und mit dem sie von ihrem an musikalischer Erbärmlichkeit kaum zu unterbietenden Beitrag abzulenken suchte. Marta erhielt exakt zwölf Punkte, allesamt aus Spanien. Wetten, dass alle ihre Anrufe aus einem einzigen Landesteil kamen: aus Katalonien? In deren 1968 noch verbotenem Dialekt Katalan, zugleich Landessprache des ebenfalls Grand-Prix-Premiere feiernden Andorras, sang sie nämlich. Fast überflüssig zu erwähnen, dass die nordspanischen Küstenbewohner bei der Vorentscheidung des briefmarkengroßen Pyrenäenstaates mitstimmen durften – und die andorranischen Douze Points im samstäglichen Finale selbstredend ans iberische Mutterland gingen! 2)Andorra sollte allerdings von der an Zypern-Griechenland erinnernden Punkteallianz unterm Strich nichts haben: stets schied der Pygmäenstaat im Semi aus, bis man 2010 aufsteckte. Es mag hart klingen: kein Verlust für den Grand Prix.Portugal (stets 12 Punkte aus Frankreich) schickte die Castingshow-Siegerin Sofia Vitória, die aus Budgetgründen das Schultergirlanden-Kleid der Slowenin vom Vorjahr auftragen musste. ‚Foi magia‘ war recht hübsch und für portugiesische Verhältnisse flott, im restlichen Europa vielleicht am ehesten geeignet für Fahrstühle und Flughäfen aller Art.


I need some Attention: Julie & Ludwig (MT)

In Deutschland hatte es der NDR unter großen Mühen geschafft, Ralph Siegel aus der Vorentscheidung herauszuhalten. Also fiel er in Malta ein, wo es seine Musikgurken zwar auch nicht schafften. Dafür riss er sich den dortigen, vom ebenfalls notorischen Komponistenduo Vella & Borg verbrochenen Siegertitel ‚On again – off again‘ mit Hilfe seiner Plattenfirma Jupiter Records unter den Nagel, so dass er nun als Imperator der maltesischen Delegation nach Istanbul einreisen durfte. Er saß im Halbfinale wenige Meter von mir entfernt auf den Rängen: die Anspannung während des Auftritts von Julie & Ludwig war ihm ebenso deutlich anzusehen wie die Erleichterung, nach dem klar war, dass sie es in die Endrunde geschafft hatten. Nun ist ‘On again – off again’ genau der sich im Gehörgang auch gegen den Willen des Zuhörers festsetzende Spitzentrash, den Siegel in seinen besseren Tagen noch selbst komponierte, statt ihn aufkaufen zu müssen. Und Mariah & Roy Julie & Ludwig verkauften das Stück perfekt: ihre Performance war stimmig und, bis hin zu Julies rosa Meerjungfrauenkleidchen und den auf den Bühnenhintergrund projizierten Schmetterlingen, so übertrieben süßlich-kitschig, dass sie wie eine Selbstparodie wirkte.


Lasst uns in Vodka baden, wir sind von den Karpaten: Xenas Bewerbungsclip (UA)

Sakis Rouvas lieferte das erste Highlight des Abends. Ein leicht konsumierbarer, mediterraner Sommerhit ohne all zu viel textlichen Ballast, von einem echten griechischen Adonis eindrucksvoll vorgetragen vorgeturnt. Wunderte man sich anfangs noch über das hochgeschlossene Outfit, so erzeugten bald darauf gleich zwei Stripaktionen stürmischen Sonderapplaus beim völlig entfesselten Saalpublikum. Eine mittanzfreundliche Choreografie gab dem Beitrag zudem dem notwendigen ‘Aserje’-Flavour. Grand Prix in Perfektion: ‚Shake it‘ ist für mich der nie wieder erreichte Eurovisions-Maßstab, an dem sich alle anderen Beiträge messen lassen müssen! Die zweite Saalfavoritin folgte auf dem Fuße: ‘Wild Dances’ funktioniert eher als optisches Spektakel denn als Song, und nach dem eindrucksvollen Videoclip mit geschätzten 600 wilden Karpaten-Tänzern stellten sich die Fans die bange Frage, ob es Ruslana im Hinblick auf die mittlerweile längst antiquierten Sechs-Personen-Regel gelänge, ihren Auftritt mit der notwendigen Power auszustatten. Nachdem sie bei der ersten Probe aber bereits den gläsernen Bühnenboden kaputttanzte, brauchte man sich darüber keine ernsthaften Sorgen mehr zu machen. Zupass kam ihr, dass ihr Text hauptsächlich aus “Hey!”-Rufen bestand und sie ihn mehr brüllte als sang. Filigranere Leistungen hätte ihre schweißtreibende Tanzshow mit fliegenden Haaren und knallenden Peitschen auch nicht zugelassen.


Du schaffst es, Jutta!: Lisa Andreas (CY)

Gut beraten zeigte sich die Albanerin, auf die kultige Teleskigymnastik-Choreografie aus ihrem Bewerbungsvideo zu verzichten. So konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf Anjeza Shahinis Bühnenpräsenz, und die war so überwältigend, dass sie sogar ihr schlechtes Lied und ihr miserables Englisch vergessen machte. Die für das ebenfalls debütierende Balkanland (das dritte von vier Neuzugängen in diesem Jahr) antretende Siebzehnjährige schaute mit der genau richtig dosierten Mischung aus Beschützerinstinkte weckender jugendlicher Unschuld und siegeshungriger Selbstsicherheit in die Kamera. Zu der hauchzarten Ballade aus Zypern, im Vorfeld in der Kiste „Einschlafmusik“ abgelegt, fand ich erst in Istanbul Zugang. Dort sah ich die Halbfinalprobe: die wirklich kleine Lisa Andreas ganz alleine auf der großen Bühne, ohne Begleitchor, völlig schutzlos – und wahrhaftig ‚Stronger every Minute‘! Ich wagte angesichts der Zerbrechlichkeit der Darbietung kaum zu atmen, die Haare auf meinen Unterarmen standen senkrecht. Auch im Semifinale hing ich drei Minuten wie gebannt an ihren Lippen und zitterte mit. Als sie die Herausforderung gemeistert hatte, musste ich mich bremsen, nicht vor Begeisterung auf die Bühne zu stürmen und sie herzlich zu drücken!


So schön: der mazedonische Engel bei der Vorentscheidung in Skopje

Toše Proeski hatte die halbe Einwohnerschaft Mazedoniens mit nach Istanbul gebracht, jedenfalls der Anzahl der Flaggen und der Lautstärke der Reaktionen in der Halle nach zu urteilen. Wie bedingungslos die Fans ihren „mazedonischen Engel“ liebten, zeigte sich drei Jahre später, als der über alle Landesgrenzen beliebte, humanitär aktive Balkan-Superstar nur 26jährig bei einem Autounfall starb. Unterbrochene Fernsehprogramme, Flaggen auf Halbmast und ein offizielles Staatbegräbnis für den posthum zum Ehrenbürger Ernannten: es war wie beim Tod von Lady Di. Beim Contest schaffte er es auf Rang 10 gerade so ins Finale. Dabei hatte er mit ‚Angel si ti‘ eine wunderbar gefühlvolle, harmonisch fließende Balkanballade, jedenfalls in der mazedonischen Originalfassung. Leider sang er in Istanbul aber auf englisch. Da passte der Text überhaupt nicht in das Versmaß und zerstörte den Flow des Liedes. Auch wenn sich Toše offiziell aus allem Politischen heraushielt: die Auftaktzeile von ‚Life‘„I saw my ID and it wasn’t me“, kann man als Seitenhieb auf den Namensstreit mit Griechenland um die Bezeichnung der Republik Mazedonien verstehen. Einige „Don’t you FYROM me“-Aufkleber waren in Istanbul dann auch zu sehen.


Ich bin wohl doch nicht der einzige Peeter-Jögjoja-Fan! (EE)

Nett der Auftritt der estnischen Indianerinnen in ihren Bad-Seegeberg-Gedächtniskostümen, begleitet von einem Derwisch mit Teufelshörnern an der Trommel. Ich muss gestehen, ich achtete mehr auf seine Show als auf die Ringelreihen der Mädels, zumal Peeter Jõgioja der sexieste Teilnehmer des Halbfinales war (ich weiß, damit stehe ich wieder alleine auf weiter Flur). Schade, dass es Neiõkõso nicht in die Endrunde schafften. Andererseits musste man ‚Tii‘, den im obskuren, von 70.000 Menschen gesprochenen estnischen Dialekt Võro gesungenen Ethno-Schlager, nicht zwingend ein zweites Mal hören. Gleiches gilt für den Dänen Tomas Thordarson, der auf Rollschuhen über die Bühne glitt wie weiland Gene Kelly in einem meiner Lieblingsfilme, ‘Xanadu’. Insgesamt kam seine Show ein bisschen zu camp herüber, um ihm den für die Glaubwürdigkeit seines Latino-Popsongs notwendigen Testosteronlevel abzukaufen. Die peinliche Pudelfrisur à la Bernhard Brink (DVE 2002) half da auch nicht gerade. ‚Shame on you‘, sagten daher auch die Fernsehzuschauer und schickten ihn wieder nach Hause. Was insofern eine Schande war, da mit ihm – und 2007 DQ – ausgerechnet die beiden einzigen (!) erträglichen Beiträge Dänemarks seit der Jahrtausendwende im Semi scheiterten.


Diese Dauerwelle: Shame on you! (DK)

Es folgte ganz großes Herzeleid: ‘Lane moje’! Schon beim ersten Hören, als ich noch nicht wusste, worum es im Text dieser herzzerreißenden Liebesballade geht, berührte mich dieses Lied zutiefst. Von einem Freund aus dem Serbischen übersetzt, vermochte ich die Tränen kaum noch zurückzuhalten: „Mein Rehlein, verlasse mich heute Nacht / Möge ein Anderer Deine Lippen küssen / Auf dass ich leichter über Dich hinweg komme“ – das ist auf Deutsch natürlich kaum auszuhalten kitschig, auf Serbisch vorgesäuselt jedoch dockt es an allen meinen Romantikrezeptoren an. Dazu ein geschickter, sich nur langsam ins Dramatische steigernder Songaufbau, angefangen von wehmütig klagenden Flöten über ein mein Herz bluten lassendes Geigenspiel bis hin zu einem gigantischen Finale mit Trommlern und vollem Instrumenteneinsatz. Und nicht zuletzt Željko Joksimovićs (RS 2012) eindrucksvoller Gesang. ‚Lane moje‘ hat für immer einen Stammplatz in meiner “Songs, die mich zum Weinen bringen”-Hitparade. Zu Recht siegte das nach der Zersplitterung Jugoslawiens erstmals startende Serbien – damals noch mit Montenegro – im Halbfinale aus dem Stand.


Hoffentlich holte sich keiner Fußpilz: Željko & das Ad Hoc Orchester barfuß

Deen ist einfach süß. Allen Behauptungen, der Bosnier sei heterosexuell und dem Einsatz von enthusiasmierten Tänzerinnen (sowie der Textzeile „Take my Shoes and go straight“) zum Trotz: ‚In the Disco‘ war eine der schwulsten Shows, die ich in meinem ganzen Leben zu sehen das Vergnügen hatte. Eine elf auf der Haldor-Lægreid-Skala! Und ich wette zehn Euro darauf, dass Moderator Korhan Abay persönlich Deen die Nippel hart leckte, bevor er obenrum nur mit einer Weste bekleidet auf die Bühne kam. Die standen nämlich, wie ich von meinem Platz aus sehen konnte, aufrecht wie eine Eins! Der in der Choreografie spielerisch angedeutete Geschlechtsverkehr mit seinen Mädels während des Refrains verursachte denn auch lautes Gelächter und tosenden Jubel im Publikum, so over the top kam das. Ein unvergesslicher Kultknaller! Nach einem wunderbaren Pausenact und dem grandiosen Abba-Einspieler folgte die Bekanntgabe der Finalisten: mit wenigen Abstrichen hätte es besser kaum ausgehen können. Überraschend, zumindest damals noch, das bedingungslose Zusammenhalten der exjugoslawischen Staaten: selbst ehemalige Todfeinde schoben sich gegenseitig die Douze Points zu, wie sich im Nachhinein herausstellte.


Ein Nippelgate beim Grand Prix: Deen in der Disco (BA)

Auf dem Weg zur Aftershowparty mit Sertab Erener und einem begeistert aufgenommenen Kurzgig von Athena auf dem zugigen Parkplatz der Abdi-Ipekci-Arena stand Ralph Siegel bereits wieder strahlend im Rampenlicht der RTL-Kameras. Nun gab es einen wunderbaren Aufhänger für zu Hause: der finale Zweikampf Siegel versus Raab! Elegant die Tatsache verdrängend, dass der Altmeister mit ‘On again – off again’ kompositorisch nicht das Geringste zu schaffen hatte, fabulierten die Medien sogleich die große Schlacht des alten gegen den neuen Imperatoren des deutschen Eurovisionsbeitrags zusammen. Und ein klein wenig bekam ich es mit der Angst zu tun, Siegel könne am Ende obsiegen, zumal uns ein unglücklicher Zufall im Finale die Holländer auf die Startposition vor Max Mutzke reindrückte. Zwei relativ bewegungslos auf Hockern vorgetragene Balladen direkt hintereinander, die könnten sich gegenseitig die Punkte wegnehmen, so die allgemeine Befürchtung.

ESC Semifinale 2004

Eurovision Song Contest - Qualifikationsrunde. Mittwoch, 12. Mai 2004, aus dem Abdi-Ipekci-Stadion in Istanbul, Türkei. 22 Teilnehmerländer. Moderation: Meltem Cumbul und Korhan Abay.
#LandInterpretTitelPunktePlatzQual.
01FIJari SillanpääTakes 2 to tango05114nein
02BYAlexandra & KonstantinMy Galileo01019nein
03CHPiero Esteriore & the MusicStarsCelebrate00022nein
04LVFomins & KleinsDziesma par Laimi02317nein
05ILDavid D'OrLeha'amin05712nein
06ADMarta RoureJugarem a estimar-nos01218nein
07PTSofia VitóriaFoi magia03815nein
08MTJulie & LudwigOn again... off again07408ja
09MCMäryon GargiuloNotre Planète01019nein
10GRSakis RouvasShake it23803ja
11UARuslana Lyzhychko Wild Dances25602ja
12LTLinas & SimonaWhat's happened to your Love02616nein
13ABAnjeza ShahiniThe Image of you16704ja
14CYLisa AndreasStronger every Minute14905ja
15MKToše ProeskiLife07110ja
16SIPlatinStay forever00521nein
17EENeiokõsõTii05711nein
18HRIvan MikulićYou are the only One07209ja
19DKTomas ThordarsonShame on you05613nein
20RSŽeljko JoksimovićLane moje26301ja
21BADeenIn the Disco13307ja
22NLRe-UnionWithout you14606ja

Fußnote(n)   [ + ]

1. Möglicherweise auch, weil sie ahnten, dass sie sich bei ihrer Heimreise vor dem Diktator Alexander Lukaschenko persönlich zu verantworten hätten, der mit einem Eurovisionssieg die politische Isolation seines Landes in Europa zu überwinden sucht und gerüchteweise auch schon mal gerne persönlich in das Auswahlverfahren des Landes für seinen Grand-Prix-Vertreter eingreift.
2. Andorra sollte allerdings von der an Zypern-Griechenland erinnernden Punkteallianz unterm Strich nichts haben: stets schied der Pygmäenstaat im Semi aus, bis man 2010 aufsteckte. Es mag hart klingen: kein Verlust für den Grand Prix.

28 Gedanken zu “ESC Semi 2004: Take my Shoes and go straight

  1. Plätze tauschen! Oh Mann, es gibt tatsächlich Leute, die diese unsagbar langweilige Ballade tatsächlich gut fanden? (Ich rede NICHT von ‚Wild Dances‘!) Naja, was beschwere ich mich, der ich ‚Rock me‘ für hörbar halte.

  2. entsetzt ich bin! Lane Moje mit ‚unsagbar langweilig‘ abzuqualifizieren lässt mein für todtraurige Balkan-Balladen schlagendes Herz für einen Moment vor Schreck aussetzen.

  3. Geschmackssache und so. Ich kann mit solchen Liedern eher weniger anfangen. Frag mich jetzt bitte niemand, warum ich Molitva mag.

  4. Weil Molitva kraftvoller und dringlicher ist würde ich sagen. Merkt man vor allen Dingen im direkten Vergleich mit der bosnischen Maria im selben Jahr. Deren Lied hat mir eigentlich besser gefallen als Molitva. Aber auf der Bühne war es dann zwar immer noch schön, aber weit weniger eindrucksvoll.

  5. Hetero-Frage 1: Wer ist Haldor-Laegreid? Hetero-Frage 2: Was bedeutet der Begriff ‚camp‘? Lane Moje fand ich auch langweilig, obwohl ich eigentlich solche Songs mag. Malta war einer meiner Highlights, sie klangen ähnlich wie Rollo&King in Kopenhagen. Ob Siegel die beiden nach dem Finale mit 100 Euro Abfindung wieder nach Hause schickte? Meine Favoritin war jedoch die Britin, die für Zypern antrat, Lisa Andreas. Sie machte genau das, was ich mir immer wünsche: Ein Künstler, allein mit seiner Stimme. Kein Background-Chor, keine Hupfdohlen drumherum, kein Nutten-Outfit. Mein persönlicher Top-Favorit der letzten 30 Jahre. Bei einem Sieg im Finale hätte ich geheult.

  6. Ich bin zwar auch hetero, aber die Fragen kann ich beantworten: 1. Haldor Laegreid trat anno 2001 für Norwegen an und wurde (nein, wie ungewohnt für Norwegen) Letzter. Wird allgemein als eine der schwulsten Bühnenshows aller Zeiten betrachtet. 2. Camp ist schwierig zu definieren. Ich verweise auf die englische Wikipedia-Seite dazu: en.wikipedia.org/wiki/Camp_(style). Kurz gesagt fallen hierunter Drag Queens und andere Ausprägungen von überzogen klischeehaft-homosexuellem Ausdruck.

  7. Puh – also 2004 war beitragstechnisch wirklich eine Heimsuchung. Glücklicherweise war das der erste Jahrgang, wo es die CD schon zwei Wochen vorher gab, so dass ich wusste, was auf mich zu kam. Dennoch, es machte die Sache nicht leichter, und dieses Semi bot leider relativ wenig erträgliches (Serbien-Montenegro, Ukraine, Estland, Mazedonien, Finnland), dafür aber eine unglaubliche Menge Schrott. Darunter sind auch drei meiner All-Time-Hassbeiträge (Malta, Schweiz und mein absoluter, ultimativer schlimmster Beitrag ever aus Israel), von denen es glücklicherweise nur einer ins Finale geschafft hat. 

    Immerhin hatte ich mit 9 von 10 Finalisten gleich zu Anfang eine sehr gute Quote (war aber auch leicht), lediglich die Estinnen hätte ich statt des Beraters aus der Zagreber Sparkassenfiliale im Finale gesehen.

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