ESC Semi 2004: Take my Shoes and go strai­ght

Logo des Eurovision Song Contest 2004 (Finale)
Das Jahr der wil­den Tän­ze

Wer nicht zu den aller­ein­ge­fleisch­tes­ten Euro­vi­si­ons­fans gehört, für den könn­te der Begriff “Semi” bis heu­te Neu­land sein. Kein Wun­der: die deut­schen Medi­en – inklu­si­ve der ARD – schwei­gen die­se Neue­rung beharr­lich tot. Seit dem mas­sen­haf­ten Zustrom ost­eu­ro­päi­scher Län­der muss­ten bis­lang jedes Jahr etli­che Antritts­wil­li­ge aus­set­zen, was in den regel­mä­ßig betrof­fe­nen Län­dern zu einem star­ken Rück­gang des öffent­li­chen Inter­es­ses führ­te. Als Abhil­fe schuf die EBU 2004 ein brand­neu­es Vor­sor­tier­fah­ren: die Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de a.k.a. Semi, durch das alle durch­muss­ten, die 2003 schlech­ter als Platz 10 abge­schnit­ten hat­ten. Mit Aus­nah­me der Big Four: Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Spa­ni­en und Deutsch­land, die auf­grund ihrer Finanz­kraft und Zuschau­er­mas­sen stets direkt fürs Fina­le gesetzt sind. Wegen des zu erwar­ten­den gerin­gen Inter­es­ses ver­steck­te der NDR die Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de in sei­nem drit­ten Pro­gramm.

Mit­stim­men durf­ten wir trotz­dem. Ich aller­dings nicht, denn zum ers­ten Mal sah ich den Grand Prix live vor Ort, und in der Hal­le gaben die Ver­an­stal­ter kei­ne Tele­fon­num­mern bekannt. Wie die Punk­te­ver­tei­lung indi­ziert, schau­ten in Deutsch­land wohl aus­schließ­lich die Immi­gran­ten zu und stimm­ten für ihr Her­kunfts­land ab. Viel­leicht bes­ser, dass die brei­te Mas­se die­se Vor­run­de nicht sah: der bei der deut­schen Vor­ent­schei­dung sug­ge­rier­te Ein­druck einer Moder­ni­sie­rung des Wett­be­werbs hät­te sich ange­sichts der Bei­trä­ge in der Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de sehr schnell wie­der ver­flüch­tigt! Was nicht nur, aber auch, mit der Ton­qua­li­tät zu tun hat­te: sowohl auf der offi­zi­el­len DVD als auch in den You­tube-Vide­os hören sich die ers­ten paar Songs mise­ra­bel an! Kein Wun­der, dass es aus dem ers­ten Drit­tel nie­mand in die End­run­de schaff­te, das klang furcht­bar! Ganz anders übri­gens als in der Hal­le, wo der Sound bei allen Lie­dern satt und rund war und auch die Stim­men voll klan­gen.


Lost in Trans­la­ti­on: Flach­wit­ze in schlech­tem Eng­lisch

Nach einer pos­sier­li­chen Eröff­nungs­num­mer mit mensch­li­chen Brumm­krei­seln (wenn mei­ne T-Shirts mal so strah­len wür­den wie die Röcke der Tän­zer! Wäscht das tür­ki­sche Sunil wirk­lich wei­ßer? Sor­ry, klei­ner Haus­frau­en-Flash, zurück zum The­ma:) bewie­sen uns die Mode­ra­to­ren Mel­tem Cum­bul und Kor­han Abay, war­um es doch bes­ser gewe­sen wäre, Pame­la Ander­son und Geor­ge Cloo­ney zu enga­gie­ren, wie sie scherz­ten: die kön­nen näm­lich Eng­lisch! In der Hal­le begeis­tert auf­ge­nom­men indes die Idee, das Publi­kum zur Ein­stim­mung ‘Vola­re’ (IT 1958) sin­gen zu las­sen. Die Lie­der vor allem der ers­ten Hälf­te des Abends boten einen reprä­sen­ta­ti­ven Durch­schnitt durch gera­de­zu pro­to­ty­pi­sche, bereits in der Ver­gan­gen­heit oft geschei­ter­te Grand-Prix-Kon­zep­te. Und auch an die­sem Abend war ihnen über­wie­gend kein Glück ver­gönnt. Denn nur zehn der 22 Bei­trä­ge konn­ten in die End­run­de am Sams­tag wei­ter­kom­men, für zwölf Kan­di­da­ten hieß es gen Mit­ter­nacht: Dan­ke, tschau!


Is that a Pis­tol in your Pocket? (FI)

Leid tat es mir ledig­lich für den Fin­nen Jari Sil­lan­pää. Der “Tan­go­kö­nig” prä­sen­tier­te ein Musi­cal-Mär­chen in Euro­vi­si­ons-Tech­ni­co­lor, wun­der­hübsch visua­li­siert durch den Tan­go zwi­schen einem weiß geklei­de­ten Tän­zer (das Gute, natür­lich!) und einer schwarz gewan­de­ten Tän­ze­rin (logo: das Böse). Auch Jari beweg­te sich mit der Geschmei­dig­keit einer Gazel­le über die Büh­ne. Oder wie heißt das Tier mit dem Rüs­sel noch­mal? A pro­pos: wie Jaris extrem eng anlie­gen­de Jeans ver­riet, hat­te er nicht nur stimm­lich eine Men­ge zu bie­ten! Kein gutes Debüt erwisch­te Weiß­russ­land: Sän­ge­rin Alex­an­dra Kirsa­no­va, die krank­heits­be­dingt die Gene­ral­pro­be schwänz­te, zeig­te sich auch beim Halb­fi­nal­auf­tritt ziem­lich indis­po­niert. Weder ihr Kol­le­ge Kon­stan­tin Dra­pe­zo noch der aus­ge­spro­chen gut aus­se­hen­de, bar­fü­ßi­ge Aka­rin­aspie­ler Andrej Polowt­schen­ja, den sie zu mei­ner Augen Erbau­ung freund­li­cher­wei­se nur weni­ge Meter von mei­nem Sitz­platz ent­fernt am lin­ken Büh­nen­rand posi­tio­nier­ten, konn­ten zudem erfolg­reich genug von dem in grau­sam ent­stell­tem Eng­lisch gesun­ge­nen, ent­setz­lich öden ‘My Gali­lei’ ablen­ken. Das sams­täg­li­che Fina­le muss­ten die Zwei so vom Zuschau­er­raum – direkt in der Rei­he vor mir – ver­fol­gen. Sie wirk­ten noch immer ziem­lich ange­pisst. 1)Möglicherweise auch, weil sie ahn­ten, dass sie sich bei ihrer Heim­rei­se vor dem Dik­ta­tor Alex­an­der Luka­schen­ko per­sön­lich zu ver­ant­wor­ten hät­ten, der mit einem Euro­vi­si­ons­sieg die poli­ti­sche Iso­la­ti­on sei­nes Lan­des in Euro­pa zu über­win­den sucht und gerüch­te­wei­se auch schon mal ger­ne per­sön­lich in das Aus­wahl­ver­fah­ren des Lan­des für sei­nen Grand-Prix-Ver­tre­ter eingreift.


Bei 1:16 Min: Ach­tung! Bis­si­ges Mikro! (CH)

Ich muss es offen beken­nen: ich habe nicht die gerings­te Ahnung vom Euro­vi­si­on Song Con­test! Bla­ma­bler hät­te ich nicht dane­ben tip­pen kön­nen: Den durch die Schwei­zer Cas­ting­show MusicStar bekannt gewor­de­nen Pie­ro Este­rio­re wähn­te ich mit sei­nem besin­nungs­lo­sen Kin­der­ge­burts­tags-Mit­klast­schlied­chen ‘Cele­bra­te!’ als legi­ti­men Nach­fol­ger von Tanel Padar & Dave Ben­ton (EE 2001) mit ihrem bau­glei­chen ‘Every­bo­dy’ – und damit als poten­ti­el­len Sie­ger die­ses Jahr­gangs. Statt­des­sen flog der gele­gent­lich zur Unbe­herrscht­heit nei­gen­de Sän­ger mit Nil Points raus! Eigent­lich hät­te der gebür­ti­ge Sizi­lia­ner ein paar Mit­leids­zäh­ler allei­ne für die unglaub­lich lus­ti­ge Ein­la­ge mit dem Mikro ver­dient, das mit­ten im Gesangs­vor­trag auf ein­mal genug zu haben schien und ihn völ­lig über­ra­schend fron­tal angriff. Pie­ro ließ sich als Zei­chen der Schan­de noch in Istan­bul die Haa­re abra­sie­ren: ob er damit frei­lich am Zür­cher Bahn­hofs­strich noch gut ankommt, wo er von da an höchst­wahr­schein­lich wie­der sei­nen Lebens­un­ter­halt ver­die­nen muss­te, ist frag­lich.


Feu­er brennt wohl nicht in Dir drin: Sofia Vitó­r­ia (PT)

Dass es Mar­ta Rou­re nicht ganz so schlimm erging wie Pie­ro Este­rio­re, ver­dankt sie kei­nes­wegs ihrem absur­den Büh­nenout­fit, von dem das Ober­teil scheint’s direkt aus dem Bea­te-Uhse-Shop stamm­te, die Hose aber aus der Jog­ging­zelt­ab­tei­lung von Tak­ko, Und mit dem sie von ihrem an musi­ka­li­scher Erbärm­lich­keit kaum zu unter­bie­ten­den Bei­trag abzu­len­ken such­te. Mar­ta erhielt exakt zwölf Punk­te, alle­samt aus Spa­ni­en. Wet­ten, dass alle ihre Anru­fe aus einem ein­zi­gen Lan­des­teil kamen: aus Kata­lo­ni­en? In deren 1968 noch ver­bo­te­nem Dia­lekt Kata­lan, zugleich Lan­des­spra­che des eben­falls Grand-Prix-Pre­miè­re fei­ern­den Andor­ras, sang sie näm­lich. Fast über­flüs­sig zu erwäh­nen, dass die nord­spa­ni­schen Küs­ten­be­woh­ner bei der Vor­ent­schei­dung des brief­mar­ken­gro­ßen Pyre­nä­en­staa­tes mit­stim­men durf­ten – und die andor­ra­ni­schen Dou­ze Points im sams­täg­li­chen Fina­le selbst­re­dend ans ibe­ri­sche Mut­ter­land gin­gen! 2)Andorra soll­te aller­dings von der an Zypern-Grie­chen­land erin­nern­den Punk­te­al­li­anz unterm Strich nichts haben: stets schied der Pyg­mä­en­staat im Semi aus, bis man 2010 auf­steck­te. Es mag hart klin­gen: kein Ver­lust für den Grand Prix.Portugal (stets 12 Punk­te aus Frank­reich) schick­te die Cas­ting­show-Sie­ge­rin Sofia Vitó­r­ia, die aus Bud­get­grün­den das Schul­ter­gir­lan­den-Kleid der Slo­we­nin vom Vor­jahr auf­tra­gen muss­te. ‘Foi magia’ war recht hübsch und für por­tu­gie­si­sche Ver­hält­nis­se flott, im rest­li­chen Euro­pa viel­leicht am ehes­ten geeig­net für Fahr­stüh­le und Flug­hä­fen aller Art.


I need some Atten­ti­on: Julie & Lud­wig (MT)

In Deutsch­land hat­te es der NDR unter gro­ßen Mühen geschafft, Ralph Sie­gel aus der Vor­ent­schei­dung her­aus­zu­hal­ten. Also fiel er in Mal­ta ein, wo es sei­ne Musik­gur­ken zwar auch nicht schaff­ten. Dafür riss er sich den dor­ti­gen, vom eben­falls noto­ri­schen Kom­po­nis­ten­duo Vel­la & Borg ver­bro­che­nen Sie­ger­ti­tel ‘On again – off again’ mit Hil­fe sei­ner Plat­ten­fir­ma Jupi­ter Records unter den Nagel, so dass er nun als Impe­ra­tor der mal­te­si­schen Dele­ga­ti­on nach Istan­bul ein­rei­sen durf­te. Er saß im Halb­fi­na­le weni­ge Meter von mir ent­fernt auf den Rän­gen: die Anspan­nung wäh­rend des Auf­tritts von Julie & Lud­wig war ihm eben­so deut­lich anzu­se­hen wie die Erleich­te­rung, nach dem klar war, dass sie es in die End­run­de geschafft hat­ten. Nun ist ‘On again – off again’ genau der sich im Gehör­gang auch gegen den Wil­len des Zuhö­rers fest­set­zen­de Spit­zen­trash, den Sie­gel in sei­nen bes­se­ren Tagen noch selbst kom­po­nier­te, statt ihn auf­kau­fen zu müs­sen. Und Mariah & Roy Julie & Lud­wig ver­kauf­ten das Stück per­fekt: ihre Per­for­mance war stim­mig und, bis hin zu Julies rosa Meer­jung­frau­en­kleid­chen und den auf den Büh­nen­hin­ter­grund pro­ji­zier­ten Schmet­ter­lin­gen, so über­trie­ben süß­lich-kit­schig, dass sie wie eine Selbst­par­odie wirk­te.


Lasst uns in Vod­ka baden, wir sind von den Kar­pa­ten: Xenas Bewer­bungs­clip (UA)

Sakis Rou­vas lie­fer­te das ers­te High­light des Abends. Ein leicht kon­su­mier­ba­rer, medi­ter­ra­ner Som­mer­hit ohne all zu viel text­li­chen Bal­last, von einem ech­ten grie­chi­schen Ado­nis ein­drucks­voll vor­ge­tra­gen vor­ge­turnt. Wun­der­te man sich anfangs noch über das hoch­ge­schlos­se­ne Out­fit, so erzeug­ten bald dar­auf gleich zwei Stri­pak­tio­nen stür­mi­schen Son­der­ap­plaus beim völ­lig ent­fes­sel­ten Saal­pu­bli­kum. Eine mit­tanz­freund­li­che Cho­reo­gra­fie gab dem Bei­trag zudem dem not­wen­di­gen ‘Aser­je’-Fla­vour. Grand Prix in Per­fek­ti­on: ‘Shake it’ ist für mich der nie wie­der erreich­te Euro­vi­si­ons-Maß­stab, an dem sich alle ande­ren Bei­trä­ge mes­sen las­sen müs­sen! Die zwei­te Saal­fa­vo­ri­tin folg­te auf dem Fuße: ‘Wild Dan­ces’ funk­tio­niert eher als opti­sches Spek­ta­kel denn als Song, und nach dem ein­drucks­vol­len Video­clip mit geschätz­ten 600 wil­den Kar­pa­ten-Tän­zern stell­ten sich die Fans die ban­ge Fra­ge, ob es Rus­la­na im Hin­blick auf die mitt­ler­wei­le längst anti­quier­ten Sechs-Per­so­nen-Regel gelän­ge, ihren Auf­tritt mit der not­wen­di­gen Power aus­zu­stat­ten. Nach­dem sie bei der ers­ten Pro­be aber bereits den glä­ser­nen Büh­nen­bo­den kaputt­tanz­te, brauch­te man sich dar­über kei­ne ernst­haf­ten Sor­gen mehr zu machen. Zupass kam ihr, dass ihr Text haupt­säch­lich aus “Hey!”-Rufen bestand und sie ihn mehr brüll­te als sang. Fili­gra­ne­re Leis­tun­gen hät­te ihre schweiß­trei­ben­de Tanz­show mit flie­gen­den Haa­ren und knal­len­den Peit­schen auch nicht zuge­las­sen.


Du schaffst es, Jut­ta!: Lisa Andre­as (CY)

Gut bera­ten zeig­te sich die Alba­ne­rin, auf die kul­ti­ge Tele­ski­gym­nas­tik-Cho­reo­gra­fie aus ihrem Bewer­bungs­vi­deo zu ver­zich­ten. So kon­zen­trier­te sich die Auf­merk­sam­keit auf Anje­za Shahi­nis Büh­nen­prä­senz, und die war so über­wäl­ti­gend, dass sie sogar ihr schlech­tes Lied und ihr mise­ra­bles Eng­lisch ver­ges­sen mach­te. Die für das eben­falls debü­tie­ren­de Bal­kan­land (das drit­te von vier Neu­zu­gän­gen in die­sem Jahr) antre­ten­de Sieb­zehn­jäh­ri­ge schau­te mit der genau rich­tig dosier­ten Mischung aus Beschüt­zer­in­stink­te wecken­der jugend­li­cher Unschuld und sie­ges­hung­ri­ger Selbst­si­cher­heit in die Kame­ra. Zu der hauch­zar­ten Bal­la­de aus Zypern, im Vor­feld in der Kis­te “Ein­schlaf­mu­sik” abge­legt, fand ich erst in Istan­bul Zugang. Dort sah ich die Halb­fi­nal­pro­be: die wirk­lich klei­ne Lisa Andre­as ganz allei­ne auf der gro­ßen Büh­ne, ohne Begleit­chor, völ­lig schutz­los – und wahr­haf­tig ‘Stron­ger every Minu­te’! Ich wag­te ange­sichts der Zer­brech­lich­keit der Dar­bie­tung kaum zu atmen, die Haa­re auf mei­nen Unter­ar­men stan­den senk­recht. Auch im Semi­fi­na­le hing ich drei Minu­ten wie gebannt an ihren Lip­pen und zit­ter­te mit. Als sie die Her­aus­for­de­rung gemeis­tert hat­te, muss­te ich mich brem­sen, nicht vor Begeis­te­rung auf die Büh­ne zu stür­men und sie herz­lich zu drü­cken!


So schön: der maze­do­ni­sche Engel bei der Vor­ent­schei­dung in Skop­je

Toše Proeski hat­te die hal­be Ein­woh­ner­schaft Maze­do­ni­ens mit nach Istan­bul gebracht, jeden­falls der Anzahl der Flag­gen und der Laut­stär­ke der Reak­tio­nen in der Hal­le nach zu urtei­len. Wie bedin­gungs­los die Fans ihren “maze­do­ni­schen Engel” lieb­ten, zeig­te sich drei Jah­re spä­ter, als der über alle Lan­des­gren­zen belieb­te, huma­ni­tär akti­ve Bal­kan-Super­star nur 26jährig bei einem Auto­un­fall starb. Unter­bro­che­ne Fern­seh­pro­gram­me, Flag­gen auf Halb­mast und ein offi­zi­el­les Staat­be­gräb­nis für den post­hum zum Ehren­bür­ger Ernann­ten: es war wie beim Tod von Lady Di. Beim Con­test schaff­te er es auf Rang 10 gera­de so ins Fina­le. Dabei hat­te er mit ‘Angel si ti’ eine wun­der­bar gefühl­vol­le, har­mo­nisch flie­ßen­de Bal­kan­bal­la­de, jeden­falls in der maze­do­ni­schen Ori­gi­nal­fas­sung. Lei­der sang er in Istan­bul aber auf eng­lisch. Da pass­te der Text über­haupt nicht in das Vers­maß und zer­stör­te den Flow des Lie­des. Auch wenn sich Toše offi­zi­ell aus allem Poli­ti­schen her­aus­hielt: die Auf­takt­zei­le von ‘Life’“I saw my ID and it wasn’t me”, kann man als Sei­ten­hieb auf den Namens­streit mit Grie­chen­land um die Bezeich­nung der Repu­blik Maze­do­ni­en ver­ste­hen. Eini­ge “Don’t you FYROM me”-Auf­kle­ber waren in Istan­bul dann auch zu sehen.


Ich bin wohl doch nicht der ein­zi­ge Pee­ter-Jög­jo­ja-Fan! (EE)

Nett der Auf­tritt der est­ni­schen India­ne­rin­nen in ihren Bad-See­ge­berg-Gedächt­nis­kos­tü­men, beglei­tet von einem Der­wisch mit Teu­fels­hör­nern an der Trom­mel. Ich muss geste­hen, ich ach­te­te mehr auf sei­ne Show als auf die Rin­gel­rei­hen der Mädels, zumal Pee­ter Jõgio­ja der sexies­te Teil­neh­mer des Halb­fi­na­les war (ich weiß, damit ste­he ich wie­der allei­ne auf wei­ter Flur). Scha­de, dass es Neiõkõ­so nicht in die End­run­de schaff­ten. Ande­rer­seits muss­te man ‘Tii’, den im obsku­ren, von 70.000 Men­schen gespro­che­nen est­ni­schen Dia­lekt Võro gesun­ge­nen Eth­no-Schla­ger, nicht zwin­gend ein zwei­tes Mal hören. Glei­ches gilt für den Dänen Tomas Thor­dar­son, der auf Roll­schu­hen über die Büh­ne glitt wie wei­land Gene Kel­ly in einem mei­ner Lieb­lings­fil­me, ‘Xana­du’. Ins­ge­samt kam sei­ne Show ein biss­chen zu camp her­über, um ihm den für die Glaub­wür­dig­keit sei­nes Lati­no-Pop­songs not­wen­di­gen Tes­to­ste­ron­le­vel abzu­kau­fen. Die pein­li­che Pudel­fri­sur à la Bern­hard Brink (DVE 2002) half da auch nicht gera­de. ‘Shame on you’, sag­ten daher auch die Fern­seh­zu­schau­er und schick­ten ihn wie­der nach Hau­se. Was inso­fern eine Schan­de war, da mit ihm – und 2007 DQ – aus­ge­rech­net die bei­den ein­zi­gen (!) erträg­li­chen Bei­trä­ge Däne­marks seit der Jahr­tau­send­wen­de im Semi schei­ter­ten.


Die­se Dau­er­wel­le: Shame on you! (DK)

Es folg­te ganz gro­ßes Her­ze­leid: ‘Lane moje’! Schon beim ers­ten Hören, als ich noch nicht wuss­te, wor­um es im Text die­ser herz­zer­rei­ßen­den Lie­bes­bal­la­de geht, berühr­te mich die­ses Lied zutiefst. Von einem Freund aus dem Ser­bi­schen über­setzt, ver­moch­te ich die Trä­nen kaum noch zurück­zu­hal­ten: “Mein Reh­lein, ver­las­se mich heu­te Nacht / Möge ein Ande­rer Dei­ne Lip­pen küs­sen / Auf dass ich leich­ter über Dich hin­weg kom­me” – das ist auf Deutsch natür­lich kaum aus­zu­hal­ten kit­schig, auf Ser­bisch vor­ge­säu­selt jedoch dockt es an allen mei­nen Roman­ti­k­re­zep­to­ren an. Dazu ein geschick­ter, sich nur lang­sam ins Dra­ma­ti­sche stei­gern­der Song­auf­bau, ange­fan­gen von weh­mü­tig kla­gen­den Flö­ten über ein mein Herz blu­ten las­sen­des Gei­gen­spiel bis hin zu einem gigan­ti­schen Fina­le mit Tromm­lern und vol­lem Instru­men­ten­ein­satz. Und nicht zuletzt Žel­j­ko Jok­si­mo­vićs (RS 2012) ein­drucks­vol­ler Gesang. ‘Lane moje’ hat für immer einen Stamm­platz in mei­ner “Songs, die mich zum Wei­nen bringen”-Hitparade. Zu Recht sieg­te das nach der Zer­split­te­rung Jugo­sla­wi­ens erst­mals star­ten­de Ser­bi­en – damals noch mit Mon­te­ne­gro – im Halb­fi­na­le aus dem Stand.


Hof­fent­lich hol­te sich kei­ner Fuß­pilz: Žel­j­ko & das Ad Hoc Orches­ter bar­fuß

Deen ist ein­fach süß. Allen Behaup­tun­gen, der Bos­ni­er sei hete­ro­se­xu­ell und dem Ein­satz von enthu­si­as­mier­ten Tän­ze­rin­nen (sowie der Text­zei­le “Take my Shoes and go strai­ght”) zum Trotz: ‘In the Dis­co’ war eine der schwuls­ten Shows, die ich in mei­nem gan­zen Leben zu sehen das Ver­gnü­gen hat­te. Eine elf auf der Hal­dor-Lægreid-Ska­la! Und ich wet­te zehn Euro dar­auf, dass Mode­ra­tor Kor­han Abay per­sön­lich Deen die Nip­pel hart leck­te, bevor er oben­rum nur mit einer Wes­te beklei­det auf die Büh­ne kam. Die stan­den näm­lich, wie ich von mei­nem Platz aus sehen konn­te, auf­recht wie eine Eins! Der in der Cho­reo­gra­fie spie­le­risch ange­deu­te­te Geschlechts­ver­kehr mit sei­nen Mädels wäh­rend des Refrains ver­ur­sach­te denn auch lau­tes Geläch­ter und tosen­den Jubel im Publi­kum, so over the top kam das. Ein unver­gess­li­cher Kult­knal­ler! Nach einem wun­der­ba­ren Pau­se­nact und dem gran­dio­sen Abba-Ein­spie­ler folg­te die Bekannt­ga­be der Fina­lis­ten: mit weni­gen Abstri­chen hät­te es bes­ser kaum aus­ge­hen kön­nen. Über­ra­schend, zumin­dest damals noch, das bedin­gungs­lo­se Zusam­men­hal­ten der exju­go­sla­wi­schen Staa­ten: selbst ehe­ma­li­ge Tod­fein­de scho­ben sich gegen­sei­tig die Dou­ze Points zu, wie sich im Nach­hin­ein her­aus­stell­te.


Ein Nip­pel­ga­te beim Grand Prix: Deen in der Dis­co (BA)

Auf dem Weg zur After­show­par­ty mit Sert­ab Ere­ner und einem begeis­tert auf­ge­nom­me­nen Kurz­gig von Athena auf dem zugi­gen Park­platz der Abdi-Ipek­ci-Are­na stand Ralph Sie­gel bereits wie­der strah­lend im Ram­pen­licht der RTL-Kame­ras. Nun gab es einen wun­der­ba­ren Auf­hän­ger für zu Hau­se: der fina­le Zwei­kampf Sie­gel ver­sus Raab! Ele­gant die Tat­sa­che ver­drän­gend, dass der Alt­meis­ter mit ‘On again – off again’ kom­po­si­to­risch nicht das Gerings­te zu schaf­fen hat­te, fabu­lier­ten die Medi­en sogleich die gro­ße Schlacht des alten gegen den neu­en Impe­ra­to­ren des deut­schen Euro­vi­si­ons­bei­trags zusam­men. Und ein klein wenig bekam ich es mit der Angst zu tun, Sie­gel kön­ne am Ende obsie­gen, zumal uns ein unglück­li­cher Zufall im Fina­le die Hol­län­der auf die Start­po­si­ti­on vor Max Mutz­ke rein­drück­te. Zwei rela­tiv bewe­gungs­los auf Hockern vor­ge­tra­ge­ne Bal­la­den direkt hin­ter­ein­an­der, die könn­ten sich gegen­sei­tig die Punk­te weg­neh­men, so die all­ge­mei­ne Befürch­tung.

ESC Semi­fi­na­le 2004

Euro­vi­si­on Song Con­test – Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de. Mitt­woch, 12. Mai 2004, aus dem Abdi-Ipek­ci-Sta­di­on in Istan­bul, Tür­kei. 22 Teil­neh­mer­län­der. Mode­ra­ti­on: Mel­tem Cum­bul und Kor­han Abay.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatzQual.
01FIJari Sil­lan­pääTakes 2 to tan­go05114nein
02BYAlex­an­dra & Kon­stan­tinMy Gali­leo01019nein
03CHPie­ro Este­rio­re & the MusicStarsCele­bra­te00022nein
04LVFomins & KleinsDzies­ma par Lai­mi02317nein
05ILDavid D’OrLeha’amin05712nein
06ADMar­ta Rou­reJuga­rem a esti­mar-nos01218nein
07PTSofia Vitó­r­iaFoi magia03815nein
08MTJulie & Lud­wigOn again… off again07408ja
09MCMär­yon Gar­giu­loNot­re Planè­te01019nein
10GRSakis Rou­vasShake it23803ja
11UARus­la­na Lyzhych­ko Wild Dan­ces25602ja
12LTLinas & Simo­naWhat’s hap­pen­ed to your Love02616nein
13ABAnje­za Shahi­niThe Image of you16704ja
14CYLisa Andre­asStron­ger every Minu­te14905ja
15MKToše ProeskiLife07110ja
16SIPla­tinStay fore­ver00521nein
17EENei­o­kõsõTii05711nein
18HRIvan Miku­lićYou are the only One07209ja
19DKTomas Thor­dar­sonShame on you05613nein
20RSŽel­j­ko Jok­si­mo­vićLane moje26301ja
21BADeenIn the Dis­co13307ja
22NLRe-Uni­onWit­hout you14606ja

Fußnote(n)   [ + ]

1. Möglicherweise auch, weil sie ahn­ten, dass sie sich bei ihrer Heim­rei­se vor dem Dik­ta­tor Alex­an­der Luka­schen­ko per­sön­lich zu ver­ant­wor­ten hät­ten, der mit einem Euro­vi­si­ons­sieg die poli­ti­sche Iso­la­ti­on sei­nes Lan­des in Euro­pa zu über­win­den sucht und gerüch­te­wei­se auch schon mal ger­ne per­sön­lich in das Aus­wahl­ver­fah­ren des Lan­des für sei­nen Grand-Prix-Ver­tre­ter eingreift.
2. Andorra soll­te aller­dings von der an Zypern-Grie­chen­land erin­nern­den Punk­te­al­li­anz unterm Strich nichts haben: stets schied der Pyg­mä­en­staat im Semi aus, bis man 2010 auf­steck­te. Es mag hart klin­gen: kein Ver­lust für den Grand Prix.

28 Gedanken zu “<span class="caps">ESC</span> Semi 2004: Take my Shoes and go strai­ght”

  1. Plät­ze tau­schen! Oh Mann, es gibt tat­säch­lich Leu­te, die die­se unsag­bar lang­wei­li­ge Bal­la­de tat­säch­lich gut fan­den? (Ich rede NICHT von ‘Wild Dan­ces’!) Naja, was beschwe­re ich mich, der ich ‘Rock me’ für hör­bar hal­te.

  2. ent­setzt ich bin! Lane Moje mit ‘unsag­bar lang­wei­lig’ abzu­qua­li­fi­zie­ren lässt mein für tod­trau­ri­ge Bal­kan-Bal­la­den schla­gen­des Herz für einen Moment vor Schreck aus­set­zen.

  3. Geschmacks­sa­che und so. Ich kann mit sol­chen Lie­dern eher weni­ger anfan­gen. Frag mich jetzt bit­te nie­mand, war­um ich Molit­va mag.

  4. Weil Molit­va kraft­vol­ler und dring­li­cher ist wür­de ich sagen. Merkt man vor allen Din­gen im direk­ten Ver­gleich mit der bos­ni­schen Maria im sel­ben Jahr. Deren Lied hat mir eigent­lich bes­ser gefal­len als Molit­va. Aber auf der Büh­ne war es dann zwar immer noch schön, aber weit weni­ger ein­drucks­voll.

  5. Hete­ro-Fra­ge 1: Wer ist Hal­dor-Lae­greid? Hete­ro-Fra­ge 2: Was bedeu­tet der Begriff ‘camp’? Lane Moje fand ich auch lang­wei­lig, obwohl ich eigent­lich sol­che Songs mag. Mal­ta war einer mei­ner High­lights, sie klan­gen ähn­lich wie Rollo&King in Kopen­ha­gen. Ob Sie­gel die bei­den nach dem Fina­le mit 100 Euro Abfin­dung wie­der nach Hau­se schick­te? Mei­ne Favo­ri­tin war jedoch die Bri­tin, die für Zypern antrat, Lisa Andre­as. Sie mach­te genau das, was ich mir immer wün­sche: Ein Künst­ler, allein mit sei­ner Stim­me. Kein Back­ground-Chor, kei­ne Hupf­doh­len drum­her­um, kein Nut­ten-Out­fit. Mein per­sön­li­cher Top-Favo­rit der letz­ten 30 Jah­re. Bei einem Sieg im Fina­le hät­te ich geheult.

  6. Ich bin zwar auch hete­ro, aber die Fra­gen kann ich beant­wor­ten: 1. Hal­dor Lae­greid trat anno 2001 für Nor­we­gen an und wur­de (nein, wie unge­wohnt für Nor­we­gen) Letz­ter. Wird all­ge­mein als eine der schwuls­ten Büh­nen­shows aller Zei­ten betrach­tet. 2. Camp ist schwie­rig zu defi­nie­ren. Ich ver­wei­se auf die eng­li­sche Wiki­pe­dia-Sei­te dazu: en.wikipedia.org/wiki/Camp_(style). Kurz gesagt fal­len hier­un­ter Drag Queens und ande­re Aus­prä­gun­gen von über­zo­gen kli­schee­haft-homo­se­xu­el­lem Aus­druck.

  7. Puh – also 2004 war bei­trags­tech­nisch wirk­lich eine Heim­su­chung. Glück­li­cher­wei­se war das der ers­te Jahr­gang, wo es die CD schon zwei Wochen vor­her gab, so dass ich wuss­te, was auf mich zu kam. Den­noch, es mach­te die Sache nicht leich­ter, und die­ses Semi bot lei­der rela­tiv wenig erträg­li­ches (Ser­bi­en-Mon­te­ne­gro, Ukrai­ne, Est­land, Maze­do­ni­en, Finn­land), dafür aber eine unglaub­li­che Men­ge Schrott. Dar­un­ter sind auch drei mei­ner All-Time-Hass­bei­trä­ge (Mal­ta, Schweiz und mein abso­lu­ter, ulti­ma­ti­ver schlimms­ter Bei­trag ever aus Isra­el), von denen es glück­li­cher­wei­se nur einer ins Fina­le geschafft hat. 

    Immer­hin hat­te ich mit 9 von 10 Fina­lis­ten gleich zu Anfang eine sehr gute Quo­te (war aber auch leicht), ledig­lich die Estin­nen hät­te ich statt des Bera­ters aus der Zagre­ber Spar­kas­sen­fi­lia­le im Fina­le gese­hen.

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