ESC Fina­le 2005: Why don’t you kill me?

Logo des Eurovision Song Contest 2005 (Finale)
Das Jahr der Trom­mel­tän­ze

Ange­droht war, dass die letzt­jäh­ri­ge Sie­ge­rin, die von Staats­chef Wik­tor Juscht­schen­ko zur Euro­vi­si­ons­be­auf­trag­ten ernann­te Volks­hel­din Rus­la­na, durch den Abend füh­ren sol­le. Die Gali­ons­fi­gur der Oran­ge­nen Revo­lu­ti­on sag­te aber in letz­ter Sekun­de ab. Weil sie so viel zu tun habe, dass sie sich nicht rich­tig vor­be­rei­ten kön­ne, so die offi­zi­el­le Begrün­dung. Jeg­li­che Spe­ku­la­ti­on über einen Zusam­men­hang mit ihren eher frag­men­ta­ri­schen Eng­lisch­kennt­nis­sen ist hin­ge­gen so bös­ar­tig wie wohl begrün­det. Ob Mascha und Pascha, die Ersatz­mo­de­ra­to­ren, nun so viel bes­ser Eng­lisch spra­chen? Es gab an die­sem Abend kei­ne rech­te Ant­wort dar­auf. Denn sie zwit­scher­te ihre Tex­te zwi­schen stets zum debi­len Dau­er­g­rin­sen gebleck­ten Perl­weiß­zäh­nen her­aus wie eine Sing­dros­sel auf Speed, er mur­mel­te sie bestän­dig in sei­nen zwi­schen­zeit­lich abra­sier­ten Goatee wie ein bekiff­ter Elch.

Man ver­stand also nichts, aber das mach­te auch nichts. Wir hat­ten ja den stets ver­läss­li­chen Peter Urban, der sich zwar nicht die Mühe mach­te, bei den aus dem Halb­fi­na­le kom­men­den Acts sei­ne Anmo­de­ra­tio­nen zu aktua­li­sie­ren. Doch war­um auch: sei­ne Kom­men­ta­re waren kennt­nis­reich und erfri­schend wie immer. Die eben­falls ange­kün­dig­ten Klitsch­ko-Brü­der, bekannt aus Box­sport und Fer­re­ro-Rekla­me (was immer “Bli­nis” sein mögen: ich möch­te das nicht!), tauch­ten indes tat­säch­lich auf, um kurz auf ein paar Glöck­chen zu hau­en. Und das auch noch voll­stän­dig beklei­det! Wie ent­täu­schend! Natür­lich kam auch Rus­la­na zu ihrem Recht und tanz­te noch ein­mal die ‘Wild Dan­ces’ für uns. Ob sie damit heu­te bei Möbel­haus­er­öff­nun­gen auf­tritt? Doch auch ohne Mode­ra­ti­ons­tä­tig­keit blieb ihr Ein­fluss den gan­zen Abend über sehr prä­sent: bei­na­he jeder zwei­te Wett­be­werbs­bei­trag ver­such­te sich an der ukrai­ni­schen For­mel aus lau­ten Trom­meln, atem­be­rau­ben­den Tanz­dar­bie­tun­gen und hek­ti­schem Geschrei.


Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Nox (HU)

Stimm­lich konn­te die die Dar­bie­tung des unga­ri­schen Tanz­pro­jek­tes Nox – im Gegen­satz zum Semi – dies­mal eher über­zeu­gen, vor allem har­mo­nier­ten die Män­ner­stim­men im Refrain bes­ser. Per­fekt wie schon am Don­ners­tag die Cho­reo­gra­fie, von der man aller­dings kaum etwas sah, da die Ungarn auf die glor­rei­che Idee kamen, ihre voll­stän­dig schwarz geklei­de­ten River­dan­cer vor einem tief­schwar­zen Büh­nen­hin­ter­grund tan­zen zu las­sen. Ver­mut­lich in dem Ver­such, Sert­abs Sieg von 2003 zu wie­der­ho­len, prä­sen­tier­te Groß­bri­tan­ni­en den flot­tes­ten tür­ki­schen Bei­trag der Euro­vi­si­ons­ge­schich­te:  Javi­ne Hyl­ton, eine leicht geschürz­te Cas­ting­show-Schnep­fe, krächz­te das las­ziv-auf­for­dern­de ‘Touch my Fire’, ein­ge­rahmt von mehr als schnu­cke­li­gen Tän­zern (dem Aus­se­hen nach Antho­ny Cos­ta und Simon Web­be von Blue [UK 2010]). Die ver­zwei­fel­te Hek­tik der durch­aus unter­halt­sa­men Cho­reo­gra­fie konn­te aller­dings nicht von Javi­nes ver­sa­gen­dem Stimm­chen ablen­ken. So lan­de­te die Bri­tin, die bei der hei­mi­schen Vor­ent­schei­dung noch für ein Nipple­ga­te gesorgt hat­te, ganz weit hin­ten. Wie übri­gens alle Big-Four-Län­der: in die­sem Jahr schlug das ver­ständ­li­che Straf­wer­ten für die pri­vi­le­gier­ten fixen Fina­lis­ten erst­mals mit vol­ler Här­te durch.


Sert­ab Ere­ner rief gera­de an und will ihr Lied zurück! (UK)

Dass in einem Wett­be­werbs­um­feld, in dem lau­te Trom­meln und hek­ti­sche Tanz­schrit­te domi­nier­ten, eine sol­che Dar­bie­tung wie die von Ich-bin-zwei-Öltanks-Chia­ra gut ankam, ver­wun­dert nicht. Ohne jeg­li­chen Ablen­kungs­schnick­schnack stell­te sich die figur- und stimm­ge­wal­ti­ge Mal­te­se­rin ganz allei­ne vors Mikro, tanz­te nicht und ließ die Schlicht­heit ihrer selbst geschrie­be­nen Mid­tem­po­bal­la­de ‘Angel’ wir­ken. Dazu zwin­ker­te sie eins-, zwei­mal kokett in die Kame­ra und signa­li­sier­te so: ich hab die Mätz­chen nicht nötig, ich weiß, dass ich gut bin. Stimm­te, selbst wenn ich sol­che Lie­der per­sön­lich auf den Tod nicht aus­ste­hen kann. Für die metal­li­c­frosch­grü­ne Sie­ge­rin der Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de, Lumi­ni­ta Anghel und ihre sexy Tromm­ler (von deren gran­dio­ser Show man dank der beschis­se­nen Kame­ra­füh­rung so gut wie nichts sah) reich­te es im Fina­le zum drit­ten Platz. Einen klas­se Kon­trast zum kraft­vol­len Hou­se­track ‘Let me try’ und schö­nen Beleg für die neue musi­ka­li­sche Viel­falt des einst­ma­li­gen Schla­ger­wett­be­werbs lie­fer­ten die lus­ti­gen nor­di­schen Par­odie-Rocker Wig Wam. ‘In my Dreams’, eine augen­zwin­kern­de Ver­beu­gung vor den Abgrün­den des dahin­ge­schie­de­nen Glam­rock, bewies auf das Schöns­te, dass aus Nor­we­gen nicht nur Depri­bal­la­den kom­men müs­sen.


Rumä­ni­en ist das neue Bel­gi­en: Lumin­ta + Sis­tem

Wer sich all die Jah­re frag­te, was seit 1979 eigent­lich aus Dschinghis Khan wur­de, bekam hier die Ant­wort: er wan­der­te in die Tür­kei aus und fand heu­er sei­nen Weg zurück auf die Euro­vi­si­ons­büh­ne, als Tän­zer für die bon­go­s­pie­len­de Bar­din Gül­se­ren. Ihr Eth­no­song Rim­ming rim­ming leck Rimi rimi ley’, von TRT in dem Bemü­hen ein­ge­reicht, so schnell kei­nen Con­test mehr in Istan­bul aus­tra­gen zu müs­sen, klang im fina­len Remix um Län­gen bes­ser als im Vor­feld. Also schon bei­na­he erträg­lich. Zdob şi Zdub leg­ten im Ver­gleich zum Semi noch ein Schip­p­chen drauf: ihr Lead­sän­ger zog sich oben­rum aus, prä­sen­tier­te die mol­da­wi­schen Body­pain­ting­trends und die in Chișinău ange­sag­ten Hüft­tep­pi­che und ließ die ange­sichts ihrer kult­ar­ti­gen Popu­la­ri­tät nun über bei­de Wan­gen strah­len­de Oma wie­der auf die Pau­ke hau­en. Als ob ein israe­li­scher Cho­reo­graf die Büh­nen­show für die Alba­ne­rin Ledi­na Çelo zusam­men­ge­stellt hät­te, wichen die mit Gei­gen­at­trap­pen bewaff­ne­ten Begleit­tän­ze­rin­nen ihr nicht von der Sei­te. Von ihrem Hoch­zeits­lied ‘Tomor­row I go’ blieb bei mir den­noch nur hek­ti­sches und dis­har­mo­ni­sches Geschrei hän­gen, wie fast immer bei den Bei­trä­gen des Bal­kan­lan­des.


“The­re is no lay without no rimi rimi”: Gül­se­ren (TR)

Wie man sich an uner­reich­ba­ren Vor­bil­dern ver­he­ben kann, bewies der Zypri­ot und alte Euro­vi­si­ons­be­kann­te Con­stan­ti­nos Chris­to­fo­rou. Er hat­te bei Sakis Rou­vas (GR 2004) ganz genau hin­ge­schaut und alle Erfolgs­ing­re­den­zi­en über­nom­men. Sei­nen medi­ter­ra­nen Tanz­flä­chen­fül­ler ‘Ela ela’ prä­sen­tier­te er mit einer über­la­de­nen Cho­reo­gra­fie, han­tier­te mit rie­si­gen Ohren­stäb­chen, streck­te las­ziv den Unter­leib in die Kame­ra und ver­gaß auch nicht, sich vor­her ansehn­li­che Mus­keln anzu­trai­nie­ren. Blöd nur, dass sei­ne männ­li­chen Backings noch dicke­re Ober­ar­me hat­ten, die sie in schwar­zen Mus­kels­hirts auch anspre­chend prä­sen­tier­ten. Das wirk­te alles wie gewollt und nicht gekonnt. Ein fader Abklatsch auch die ibe­ri­sche Num­mer: erin­nern Sie sich noch an die­sen schlim­men spa­ni­schen Som­mer­hit mit der pein­li­chen Cho­reo­gra­fie, mit der auch Sie sich damals auf dem Betriebs­fest bla­mier­ten? Genau, der ‘Ketch­up Song’! Auch der spa­ni­sche Sen­der TVE erin­ner­te sich noch dar­an und schick­te ihn, zur Tar­nung von drei wie gedopt über die Büh­ne wir­beln­den Haus­frau­en (Son de Sol) in augen­weh­bun­ter Strand­klei­dung gesun­gen, als ‘Bru­je­ría’ nach Kiew. In Spa­ni­en gab’s Pro­tes­te von Femi­nis­tin­nen gegen den “frau­en­feind­li­chen Text” – dabei sind Zei­len wie “Du musst mich nicht in Ket­ten legen, damit ich dir fol­ge” (oder so ähn­lich) doch aus­ge­spro­chen libe­ral. Und gegen Män­neran­be­tung ist ja wohl nichts ein­zu­wen­den! Gegen die­sen Song aller­dings schon: den brauch­te ein­fach kein Mensch!


Der zypri­sche Bei­trag 2005 wird prä­sen­tiert von: Q-Tips!

Zau­vi­jek moja’, der Bei­trag Ser­bi­en-Mon­te­ne­gros, erin­ner­te in sei­ner gan­zen wun­der­ba­ren Dra­ma­tik und dem unge­hemm­ten Ein­satz bit­ter­sü­ßer Welt­un­ter­gangs­gei­gen an die Mach­art des Vor­jah­res­ti­tels ‘Lane moje’. Nur: den Jungs von No Name kauf­te man ange­sichts ihrer unbe­fleck­ten Jugend nicht ab, jemals mit schlim­me­ren Sor­gen kon­fron­tiert gewe­sen zu sein als der Wahl ihres Haar­pfle­ge­pro­duk­tes. Lei­den­schaft muss aber glaub­wür­dig wir­ken, um punk­ten zu kön­nen. Dabei war der Bei­trag hoch kon­tro­vers: die Prä­pu­ber­tie­ren­den hat­ten sich in der Vor­ent­schei­dung gegen Jele­na Tomaše­vić (RS 2008) und ihr aus der Feder Žel­j­ko Jok­si­mo­vićs (RS 2004, 2012) stam­men­des ‘Jutro’ durch­set­zen kön­nen, weil alle mon­te­ne­gri­ni­schen Jury­mit­glie­der in einer Art Block­vo­ting für die aus dem sepa­ra­tis­ti­schen Lan­des­teil stam­men­den Buben stimm­ten und Jele­na geschlos­sen igno­rier­ten. Im Fol­ge­jahr sorg­te das glei­che Ver­hal­ten der Mon­te­ne­gri­ner für einen Eklat und den Rück­zug des Staa­ten­bunds vom Con­test. Im Juni 2006 voll­zog sich dann die Abspal­tung des für Kor­rup­ti­on und Schmug­gel bekann­ten Winz­staa­tes vom gro­ßen Bru­der. Der kos­mi­sche Aus­gleich: wäh­rend Ser­bi­en solo 2007 den Sieg hol­te, schei­ter­te das eigen­stän­di­ge Mon­te­ne­gro seit­her in jeder ein­zel­nen Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de.


Dage­gen ist San­dra Kim eine Tran­tü­te: No Name (RS)

Dass der Däne Jakob Sveis­trup mit sei­nem drö­gen Diätreg­gae über­haupt ins Fina­le kam, erbos­te mich. Auch wenn er per­sön­lich ja sym­pa­thisch und sein ‘Tal­king to you’ wäh­rend der ers­ten Stro­phe noch erträg­lich wirk­te: spä­tes­tens, wenn der Refrain ein­setzt, ist es mit mei­ner Tole­ranz vor­bei. Dass er es auch noch hier unter die Top Ten schaff­te, damit bin ich nicht ein­ver­stan­den. Um so mehr freu­te mich das ver­dien­te schlech­te Abschnei­den des schwe­di­schen Bei­trags. Die eigent­li­che Sie­ge­rin des Melo­di­fes­ti­va­len in die­sem Jahr hieß Nan­ne Grön­vall (SE 1996): ihr fan­tas­ti­sches ‘Håll om mig’ erhielt fast dop­pelt so vie­le Stim­men wie der Zweit­plat­zier­te Mar­tin Sten­marck, den die SVT-Jury in bela­rus­si­scher Manier den­noch gegen die brei­te Publi­kums­mehr­heit nach Kiew mani­pu­lier­te, wo er mit einer swing­ori­en­tier­ten Caba­ret­num­mer über das bekann­te skan­di­na­vi­sche Spie­ler­pa­ra­dies ‘Las Vegas’ die Men­schen befrem­de­te. Ob sein Her­um­ge­fuch­tel mit einem neon­be­leuch­te­ten Mikro­fon­stän­der eine Remi­nis­zenz an sei­ne stan­gen­tan­zen­de Lands­frau Lena Phil­lip­son (2004) dar­stel­len soll­te? Oder hoff­te er, vom gras­sie­ren­den Star-Wars-Fie­ber (Die Rache der Sith) zu pro­fi­tie­ren? Nutz­te jeden­falls nix, denn auf Swing regiert Euro­pa nun mal all­er­gisch – ob der NDR das nun glaubt oder nicht!


Die­sen fan­tas­ti­schen Song ent­hiel­ten uns die ver­blö­de­ten schwe­di­schen Juro­ren vor. Sterbt!

Auf Drän­gen der Ses­sel­pup­ser von der EBU, die mal wie­der auf dem alber­nen Man­tra des “unpo­li­ti­schen” Con­tests bestan­den, muss­ten Green­jol­ly den ukrai­ni­schen Bei­trag ‘Razom nas baha­to’, die Kampf­hym­ne der Oran­ge­nen Revo­lu­ti­on, um die dar­in ent­hal­te­ne nament­li­che Hul­di­gung des erst durch sel­bi­ge Revo­lu­ti­on recht­mä­ßig ins Amt gelang­ten Prä­si­den­ten Juscht­schen­ko berei­ni­gen. Was ich gegen­über den tap­fe­ren und muti­gen Men­schen, die sich sei­ner­zeit in Kiew bei Minus­gra­den auf der Stra­ße für die Demo­kra­tie den Arsch abfro­ren, als Belei­di­gung emp­fin­de. Toll fand ich die musi­ka­lisch gewöh­nungs­be­dürf­ti­ge Hip-Hop-Num­mer natür­lich auch wegen des super sexy Bär­chens, das da in Mit­ten sei­ner in Ket­ten geleg­ten Band­kol­le­gen rapp­te. Unser Cas­ting­stern­chen Gra­cia amü­sier­te mit einem völ­lig ver­un­glü­cken Ein­stieg in ihr töd­lich mit­tel­mä­ßi­ges Poprock­lied­chen. ‘Run and hide’: die­sen Rat hät­te ich ihr auch gege­ben.


Dürf­ten mich eben­falls in Ket­ten legen: Green­jol­ly (UA)

Auf den ver­dien­ten letz­ten Platz des Abends folg­te der ver­dien­te ers­te: Hele­na Papa­riz­ou, schon als weib­li­cher Part von Antique (GR 2001) eine ver­eh­rungs­wür­di­ge Diva son­der­glei­chen, gab mit dem Titel ihres dezent folk­lo­ri­sier­ten Dis­co­stücks ‘My Num­ber One’ sofort vor, wohin die Rei­se geht. Eine über­zeu­gen­de, aber nicht über­trie­be­ne Cho­reo­gra­fie mit cle­ver ein­ge­bau­ten Sir­ta­ki-Ele­men­ten und bis zum Bauch­na­bel auf­ge­knüpf­ten Tanz­schnitt­chen; vor allem aber Hele­nas Atti­tü­de, die kei­nen Zwei­fel dar­an ließ, wer die Köni­gin des Abends wer­den soll­te, führ­ten zum berech­tig­ten Erfolg. Der spä­tes­tens in dem Moment besie­gelt war, als die schwe­di­sche Grie­chen­göt­tin einem ihrer Tän­zer an den Latz griff, ein paar Schnü­re her­aus­zog und ihn als mensch­li­che Vio­li­ne benutz­te. Der Sieg folg­te auf die Aus­rich­tung der olym­pi­schen Som­mer­spie­le 2004 in Athen (was den deut­schen Schla­ger­sän­ger Chris­ti­an Anders in einem NDR-Euro­vi­si­ons­spe­cial zu der Aus­sa­ge brach­te, das Land habe sich gera­de in einer Hoch­pha­se natio­na­len Kar­mas befun­den), so dass das eigens hier­für teu­er errich­te­te Olym­pia­sta­di­on prak­ti­scher­wei­se für die Durch­füh­rung des Musik­wett­be­werbs zweit­ver­wer­tet wer­den konn­te.


Eine von Kön­nen unter­füt­ter­te Atti­tü­de ist nun mal sexy: Hele­na & die Papa­ri­zet­tes (GR)

Nata­lia Podol­ska­ya zog mit ihrem Start­platz dage­gen die Arsch­kar­te. Ihre an sich sub­ver­si­ve Kom­bi­na­ti­on aus for­ma­t­ra­dio­freund­li­chem Pop­rock (‘Nobo­dy hurt no one’) und einem ame­ri­ka­kri­ti­schen Text über lasche Waf­fen­ge­set­ze und Gewalt an Schu­len litt ein wenig dar­un­ter, dass man ihn nicht ver­stand, weil sie nuschel­te. So blieb nur Durch­schnitts­seich à la Gra­cia. Dass sie deren Plat­zie­rung über­bot, ver­dankt Nata­lia vor allem der Loya­li­tät der Exil­rus­sen in den ehe­ma­li­gen GUS-Staa­ten, die für sie anrie­fen.  Bril­lier­te Bos­ni­en letz­tes Jahr noch mit einem cam­pen Retro-Dis­co-Knal­ler, so unter­nahm man dies­mal eine Rei­se in die Abgrün­de der Euro­vi­si­ons­welt der Acht­zi­ger. Femin­nem, drei sin­gen­de Damen­bin­den in bil­li­gen Fum­meln (bzw. eilig umge­ar­bei­te­ten Dusch­häub­chen) schlach­te­ten einen besin­nungs­los mun­te­ren Song namens ‘Call me’, bei dem es einer Belei­di­gung Schwe­dens gleich käme, zu behaup­ten, er sei von Abba (SE 1974) abge­kup­fert. Das Import-Kal­kül des Schwei­zer Fern­se­hens ging auf: mit Vanil­la Nin­ja, einer auch bei deut­schen Mäd­chen im Grund­schul­al­ter popu­lä­ren Girl­group aus Est­land, erreich­ten die Eid­ge­nos­sen die ein­zi­ge Top-Ten-Plat­zie­rung seit dem Jahr­tau­send­wech­sel.


That Esto­ni­an Cool: nur mit Import­wa­re kann die Schweiz beim Con­test bestehen

Die sind ja süß”, mein­te mei­ne Mit­schaue­rin Manue­la ange­sichts der let­ti­schen Bubis Wal­ter & Kaz­ha mit ihrem nico­lesken ‘The War is not over’. Um ange­sichts mei­nes ent­setz­ten Gesichts­aus­drucks klar­zu­stel­len: “Süß im Sin­ne von: denen wür­de ich sofort einen Kakao kochen”. Okay! Dass das durch­schau­bar auf Sym­pa­thie­vo­ten zie­len­de Gim­mick mit der stel­len­wei­se in die Cho­reo­gra­fie ein­ge­bun­de­nen Gebär­den­spra­che auch im Fina­le so gut ankam und ihnen bei­na­he den Sieg bescher­te – nun gut, wir haben mit der Nut­zung des Behin­der­ten­bo­nus ange­fan­gen (‘John­ny Blue’, 1981; Corin­na May, 2002). Inso­fern dür­fen wir uns nicht beschwe­ren. Die das Teil­neh­mer­feld beschlie­ßen­de Ortal Mal­ka, eine anmu­ti­ge fran­zö­si­sche Sän­ge­rin mit israe­li­schen Wur­zeln und einer etwas hei­se­ren Stim­me, bot einen net­ten, moder­nen RnB-Song mit zeit­geis­ti­gem Tief­gang (‘Chan­cun pen­se à soi’). Sowie eine ech­te Augen­wei­de von einem mus­kel­be­pack­ten schwar­zen Tän­zer, der wäh­rend der Minu­ten ihres Auf­tritts mei­ne kom­plet­te Auf­merk­sam­keit bean­spruch­te. Trotz­dem sprang der Fun­ke nicht so rich­tig über.


Zeit­ge­nös­si­sches, kri­mi­nell unter­be­wer­tet: Ortal & die Chace­let­tes (FR)

Nach einem bril­lan­ten Pau­sen­pro­gramm ging es zum Höhe­punkt: der Aus­zäh­lung! Zwar woll­te dies­mal nie­mand neun Punk­te ver­ge­ben, dafür erwisch­te es aus­ge­rech­net das Gast­ge­ber­land Ukrai­ne: wohl, weil sich der Com­pu­ter auf­häng­te, fing man drei Mal mit der Punk­te­durch­sa­ge an. Sehr lus­tig! Span­nend wur­de es, weil lan­ge Zeit kein ein­deu­ti­ger Trend aus­zu­ma­chen war (außer dem kor­rek­ten letz­ten Platz für Deutsch­land). Ich schwitz­te Blut und Was­ser, dass um Got­tes Wil­len nicht die furcht­ba­ren Let­ten gewin­nen dürf­ten, jubel­te bei jedem Punkt für Rumä­ni­en und Grie­chen­land – und freu­te mich am Ende des Abends wie ein Plätz­chen über den ver­dien­ten Sieg von Hele­na Papa­riz­ou, für die es in den deut­schen Charts für Rang 37 reich­te. Schö­nes Ergeb­nis – und nach Athen woll­te ich ja schon immer mal!

Euro­vi­si­on Song Con­test 2005

Euro­vi­si­on Song Con­test – Fina­le. Sams­tag, 21. Mai 2005, aus dem Pala­tsu Spor­tu in Kiew, Ukrai­ne. 24 Teil­neh­mer­län­der. Mode­ra­ti­on: Maria Efro­si­ni­na und Pav­lo Shyl­ko.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01HUNoxForogj, Világ!09712
02UKJavi­ne Hyl­tonTouch my Fire01822
03MTChia­ra Sira­cu­saAngel19202
04ROLumi­niţa Anghel + Sis­temLet me try15803
05NOWig WamIn my Dreams12509
06TRGül­se­ren GomezRimi rimi ley09213
07MDZdob şi ZdubBoo­ni­ka bate Doba14806
08ABLedi­na ÇeloTomor­row I go05316
09CYCon­stan­ti­nos Chris­to­fo­rouEla ela (come Baby)04618
10ESSon de SolBru­je­ría02821
11ILShiri Mai­monHash­e­ket shenish’ar15404
12RSNo NameZau­vi­jek moja13707
13DKJakob Sveis­trupTal­king to you12510
14SEMar­tin Sten­marckLas Vegas03019
15MKMar­tin VučićMake my Day05217
16UAGreen­Jol­lyRazom nas baha­to03019
17DEGra­cia BaurRun and hide00424
18HRBoris Nov­ko­vić + LadoVuko­vi umi­ru sami11511
19GRHele­na Papa­riz­ouMy Num­ber One23001
20RUNata­lia Podol­ska­yaNobo­dy hurt no one05715
21BAFemin­nemCall me07914
22CHVanil­la Nin­jaCool Vibes12808
23LVWal­ters & Kaz­haThe War is not over15305
24FROrtal Mal­kaCha­cun pen­se à soi01123

ESC Semi 2005: La Musi­ca Alpi­na

DVE 2006: Nor­disch by Natu­re →

19 Gedanken zu “ESC Fina­le 2005: Why don’t you kill me?

  1. Herr­je: Gra­cia. Muss man das kom­men­tie­ren? Wie sehr kann man sich ver­krei­schen (ich wei­ge­re mich, das ‘Gesang’ zu nen­nen)? Die Big Four mit dem übels­ten Absturz der einst gro­ßen ESC-Natio­nen. Gar nicht zu reden von den schon im Halb­fi­na­le hän­gen­ge­blie­be­nen Iren und diver­sen ande­ren ‘Mäch­ten’. Was die Sie­ge­rin angeht – gut, es ist kein schlech­tes Lied. Ich hät­te trotz­dem lie­ber die dicke Frau vor­ne gese­hen. Und wie ver­streut war denn die­ses Voting bit­te? Laut mei­nen Unter­la­gen hat Frau Papa­riz­ou den schwächs­ten Sie­ger­ti­tel aller Zei­ten (nur knapp über 50 Pro­zent der maxi­mal erreich­ba­ren Punk­te, das soll bit­te kein Wert­ur­teil sein!), aber gleich­zei­tig 38 (!) Punk­te Vor­sprung auf Platz 2! Das war mal ein tief gestaf­fel­tes Feld.

  2. Hul­di­gung für Juscht­schen­ko? Die Ent­schei­dung der EBU war rich­tig. Der ESC darf nicht miß­braucht wer­den, um Poli­ti­kern in den Hin­tern zu krie­chen oder zu tre­ten (wie Geor­gi­en 2009). Sonst wür­de ein Drit­tel aller Bei­trä­ge nur noch aus Text­zei­len wie ‘Lobet den Putin, den Luka­schen­ko’ oder ähn­li­chem bestehen. Ein wei­te­res Drit­tel wür­de dann ‘Fuck Putin’ in End­los­schlei­fe grö­len. Das kann nie­mand wol­len. Gra­cia hat eigent­lich gut gesun­gen, bringt aber nichts, wenn das Lied öde und ein zwei­ter Rock­song (Nata­lia Podol­ska­ya) um vie­les bes­ser ist. Chia­ra sang klas­se, aber ihr 2.Platz hat mich doch gewun­dert. Da müs­sen wohl vie­le Män­ner ihren heim­lichs­ten Fan­ta­si­en nach­ge­ge­ben haben. Ich hät­te mich auch fast den blon­den Sire­nen aus BH erge­ben, konn­te mich aber noch zusam­men­rei­ßen. Hele­nas Sieg war lei­der ver­dient, ihr Auf­tritt war der pro­fes­sio­nells­te von allen. Hier stimm­te ein­fach alles. Auch wenn es bei mir (wie schon bei Antique 2001) etwas arro­gant rüber­kam.

  3. Zumal sich auch David Bran­des selbst kan­ni­ba­li­siert hat mit den Bei­trä­gen für Deutsch­land und Schweiz wie wei­land schon Die­ter Boh­len mit Nino de Ange­lo und Tho­mas Forst­ner. Das mag noch eher dazu bei­ge­tra­gen wie die Rus­sin. Und Cool Vibes fand ich selbst auch den bes­se­ren Bran­des-Song im Wett­be­werb.

  4. Über deut­sche Nie­der­la­gen freue ich mich eigent­lich nie (denn ich lie­be mein Land) aber damals, beim ESC 2005, tat ich es! Schreck­lich, schreck­lich, die­se Gra­cia! Das ist wirk­lich zum Ren­nen und Ver­ste­cken. Naja, gut, mitt­ler­wei­le ist sie ja wie­der in der Ver­sen­kung ver­schwun­den. Aber ich weiß noch ganz genau, wie die Leu­te im Sat.1-Frühstücksfernsehen am Mon­tag drauf gejam­mert haben, weil Gra­ci­as Per­for­mance ja so TOLL war! Mei­ne Mut­ter und ich waren erschüt­tert dar­über, wie die­se Gra­cia damals nach ihrem ESC-Auf­tritt so hoch­ge­lobt wur­de.
    Mei­ne Eltern und ich fan­den damals, dass Chia­ra die Bes­te war. Den zwei­ten Platz hat sie sich auch ver­dient. Schön aber, dass die Grie­chen, die schon damals finan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten hat­ten, gewan­nen und dass auch Mol­da­wi­en in die Top 10 kam.

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