Deut­scher Vor­ent­scheid 2006: Brigh­ter than a twin­ke­lin’ Star

Jane Comerford von Texas Lightning, DE 2006
Deutsch­lands Liebste

Mit der (unge­rech­ten) Rache-Rele­ga­ti­on des damals aus­ge­wähl­ten Euro­vi­si­ons­bei­trags ‘Pla­net of Blue’ hat­te 1996 die zehn Jah­re andau­ern­de Regent­schaft des NDR-Unter­hal­tungs­chefs Jür­gen Mei­er-Beer als deut­scher Grand-Prix-Ver­ant­wort­li­cher begon­nen, die mit der (gerech­ten) Schan­de von Kiew enden soll­te. Sprich: mit dem letz­ten Platz beim inter­na­tio­na­len Wett­be­werb mit nur vier arm­se­li­gen Mit­leids­zäh­lern für das sehe­risch beti­tel­te ‘Run and hide’. Zwi­schen die­sen bei­den unglück­li­chen Ereig­nis­sen lag eine sehr beacht­li­che Bilanz: mit Guil­do Horn hat­te JMB ab 1998 den Grand Prix zu Hau­se wie­der zur rele­van­ten Show gemacht, mit dem auf EBU-Ebe­ne maß­geb­lich von ihm gegen erheb­li­che tra­di­tio­na­lis­ti­sche Wider­stän­de durch­ge­drück­ten Tele­vo­ting, dem Weg­fall des Orches­ters und des Hei­mat­spra­chen­zwangs gar den gro­ßen ESC aus der kul­tu­rel­len Bedeu­tungs­lo­sig­keit zurück­ge­holt. Nach sei­nem Rück­tritt herrsch­te in Ham­burg völ­li­ge Rat­lo­sig­keit. Und so hol­te sich der öffent­lich-recht­li­che NDR Unter­stüt­zung dort, wo die Unter­hal­tungs­kom­pe­tenz behei­ma­tet ist: bei den Pri­va­ten. Genau­er: bei Pro­Sie­ben und des­sen des­sen dama­li­gen Come­dy-Aus­hän­ge­schild Tho­mas Her­manns (Quatsch Come­dy Club, Pop Club). Der offen schwu­le Enter­tai­ner und beken­nen­de Grand-Prix-Fan stürz­te sich mit Feu­er­ei­fer an die Auf­ga­be und pro­du­zier­te in völ­li­ger Umkeh­rung von JMBs Moder­ni­sie­rungs­fort­schrit­ten eine gla­mou­rö­se, schwel­ge­ri­sche Retro-Show rund um den eigent­lich bereits im Vor­jahr began­ge­nen fünf­zigs­ten Geburts­tag des Song Contests.

Dickie will uns ein Gedicht auf­sa­gen: der viel zu früh ver­stor­be­ne Dirk Bach saß beim deut­schen Vor­ent­scheid 2005 mit auf der Pro­mi-Couch (kom­plet­te Show).

Einen pas­sen­de­ren Rah­men als das so pracht­vol­le wie ver­gleichs­wei­se klei­ne Ham­bur­ger Schau­spiel­haus mit sei­nen weni­gen hun­der­ten Sitz­plät­zen, auf denen die Hard­core-Fans kom­plett unter sich blie­ben, hät­te er sich nicht aus­su­chen kön­nen für die­se glanz­vol­le Gala. Schon die Rück­kehr des Orches­ters unter­strich, dass Her­manns nicht den Anspruch ver­folg­te, eine Sen­dung mit zeit­ge­mä­ßer Pop­mu­sik zu pro­du­zie­ren, die auch hete­ro­se­xu­el­le Zuschauer:innen unter Drei­ßig anspricht. Statt­des­sen insze­nier­te er einen inti­men Abend für die quee­re Fami­lie und plau­der­te sich gemein­sam mit hand­ver­le­se­nen Sof­agäs­ten wie dem schwu­len Georg Uecker (Cars­ten Flö­ter aus der Lin­den­stra­ße), der ESC-Legen­de Joy Fle­ming, die neben der eben­falls gela­de­nen, schwu­len RTL-Knutsch­ku­gel Dirk Bach rich­tig schlank wirk­te, sowie der fröh­lich durch den Abend flie­gen­den, les­bi­schen Lucy Dia­kow­s­ka (No Angels) lust­voll durch die Grand-Prix-His­to­rie, unter beson­de­rer Wür­di­gung cam­per ESC-Ele­men­te wie dem Trick­kleid. Der Ein­satz von Lys Assia als Über­brin­ge­rin des gol­de­nen Umschlags, Hape Ker­ke­lings Gast­auf­tritt als Reinkar­na­ti­on von Toto Cutug­no sowie sen­sa­tio­nel­le Med­leys erho­ben die Show zu einer Stern­stun­de schwu­len Enter­tain­ments auf aller­höchs­tem Niveau. Wel­chen deko­ra­ti­ven und ope­ra­ti­ven Auf­wand eini­ge unse­rer bes­ten Schla­ger­grö­ßen wie Mary Roos und Ingrid Peters hier für gera­de mal vier­zigs­ekün­di­ge Per­for­man­ces betrie­ben, dar­an soll­te sich die undank­ba­re Schnep­fe Nico­le mal ein Bei­spiel neh­men! Die Euro­vi­si­ons­sie­ge­rin von 1982 war wie ande­re ehe­ma­li­ge deut­sche Ver­tre­te­rin­nen ein­ge­la­den, am Grand-Prix-Pot­pour­ri mit­zu­wir­ken, sag­te aber mit der Begrün­dung “da gehe ich lie­ber mit mei­nen Kin­dern Piz­za essen!” ab.

Hape & die Ker­ke­let­tes mit der inof­fi­zi­el­len Euro­pa­hym­ne (IT 1990).

Um sich das üppi­ge Rah­men­pro­gramm leis­ten zu kön­nen, spar­te Her­manns beim Haupt­teil ein: ledig­lich drei nicht unbe­dingt dem jugend­af­fi­nen Seg­ment des Pop­mark­tes zuzu­rech­nen­de Acts gin­gen ins Ren­nen um das Ticket nach Athen. Die von eben­dort stam­men­de, von mir ursprüng­lich als siche­re Sie­ge­rin getipp­te Vicky Lean­dros lan­de­te am Ende auf dem letz­ten Rang. Mit ihrer – sach­lich ver­mut­lich gerecht­fer­tig­ten – anschlie­ßen­den Weh­kla­ge­rei in der Bild über die man­gel­haf­te Sound­tech­nik im Deut­schen Schau­spiel­haus (sowie ihrem köst­lich ange­piss­ten Gesichts­aus­druck nach der Ergeb­nis­ver­kün­dung) erwies sie sich lei­der als schlech­te Ver­lie­re­rin. Denn auch als glü­hen­der Ver­eh­rer der ein­zig­ar­ti­gen Schla­ger­iko­ne muss ich sagen: ihr (selbst­ge­schrie­be­ner) Song war halt ein­fach drö­ge. Um die Sen­de­zeit von 90 Minu­ten voll­zu­krie­gen, muss­te jede:r der Drei vor dem eige­nen Wett­be­werbs­bei­trag zunächst einen Euro­vi­si­ons­klas­si­ker anstim­men. Für die­se Pflicht­übung such­te sich die gebür­ti­ge Grie­chin aus­ge­rech­net ihren Grand-Prix-Sie­ger­ti­tel ‘Aprés toi’ aus. Kein all zu klu­ger Schach­zug: ers­tens meis­ter­te sie die­sen nicht mehr ganz so stimm­ge­wal­tig und schein­bar anstren­gungs­los wie noch vor 34 Jah­ren. Und zwei­tens trat im direk­ten Ver­gleich dazu die musi­ka­li­sche Belie­big­keit und Glanz­lo­sig­keit von ‘Don’t break my Heart’ um so deut­li­cher zu Tage. Bei allem Respekt für ihren Mut, nach so einer ver­dienst­vol­len Vor­ge­schich­te noch mal das Risi­ko auf sich zu neh­men: das war lei­der nichts!

Gro­ße Ges­te, schwa­cher Song: Vicky Leandros.

Tho­mas Anders, die ehe­mals bes­se­re Hälf­te von Die­ter Boh­len (ist Ihnen eigent­lich auch schon mal auf­ge­fal­len, dass alle der zahl­reich fol­gen­den Lebens­ab­schnitts­part­ne­rin­nen des DSDS-Impre­sa­ri­os mit ihrem dunk­len Teint, lan­gen Haa­ren und meist pink­far­be­nen Lip­pen­stift exakt so aus­sa­hen wie Tho­mas Anders in sei­ner Modern-Tal­king-Pha­se, wäh­rend des­sen dama­li­ge Gat­tin Nora dem Die­ter wie aus dem Gesicht geschnit­ten schien? Aber ich schwei­fe ab!), ver­dien­te sich an die­sem Abend mei­ne auf­rich­ti­ge Hoch­ach­tung: die Art und Wei­se, wie er das durch die Ton­re­gie gleich zwei­fach ver­sem­mel­te Song-Intro meis­ter­te (“Ich kann es auch Acap­pel­la sin­gen, wenn ich muss!”) war hoch pro­fes­sio­nell, unglaub­lich sou­ve­rän und ver­dient abso­lu­ten Respekt. Sein (von ihm mit­kom­po­nier­ter) Bei­trag ‘Songs that live fore­ver’ war indes erwart­bar unter­ir­disch. Und nach sei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen, Libe­r­ace-wür­di­gen Dar­bie­tung des ESC-Klas­si­kers ‘Vola­re’, bei der er alle Regis­ter des schlech­ten Schla­ger­sän­ger-Schmier­lap­pen­tums zog, dürf­te er wohl das Schmer­zens­geld zurück­zah­len müs­sen, das ihm ein Rich­ter einst wegen der Invek­ti­ve “höhen­son­nen­ge­gerb­te San­ges­schwuch­tel” zusprach. Dan­ke für die­se drei Minu­ten hoch­gra­dig amü­san­ten Enter­tain­ments: so hab ich mich lan­ge nicht mehr beömmelt!

Wer hät­te gedacht, dass Tho­mas Anders so eine coo­le Sau ist?

Doch obwohl Anders in sei­nem Ein­spie­ler noch nur halb augen­zwin­kernd ein­flie­ßen ließ, das er für uns vie­le Bekannt­heits­stim­men aus dem ehe­ma­li­gen Ost­block holen könn­te, wo er mit Modern Tal­king einst eben­falls eine wirk­lich gro­ße Num­mer war, ent­schie­den sich die Zuschauer:innen statt­des­sen mehr­heit­lich für Ditt­sches Coun­try-Kapel­le Texas Light­ning (wie sexy Jon Flem­ming Olsen erzähl­te, der ame­ri­ka­ni­sche Slang für die “Warm­sa­nie­rung einer Farm”, also Ver­si­che­rungs­be­trug). Das Quin­tett hat­te mit dem von der aus­tra­lisch­stäm­mi­gen Front­frau Jane Comerford selbst geschrie­be­nen, sehr pos­sier­li­chen ‘No no never’ (dem drit­ten auf Eng­lisch gesun­ge­nen Bei­trag des Abends, womit die­ser deut­sche Vor­ent­scheid als ers­ter in die Anna­len ein­ging, bei dem kein ein­zi­ges mut­ter­sprach­li­ches Lied im Ren­nen war) den fri­sches­ten Song, den stim­migs­ten Auf­tritt und die sym­pa­thischs­te Ein­stel­lung. “Das gibt’s gar nicht, dass man mit so einer klei­nen tap­fe­ren Band dahin kom­men kann”, freu­te sich ihr Schlag­zeu­ger und frü­he­rer RTL-Sams­tag­nacht-Star Olli Dittrich auf­rich­tig nach dem Sieg. Und stimm­te, um die fre­ne­tisch nach einer Zuga­be jubeln­den Grand-Prix-Fans im Saal glück­lich zu machen und da die Ton­tech­ni­ker eine Minu­te nach Ende der TV-Über­tra­gung bereits alle Ste­cker gezo­gen hat­ten, ein­fach eine Acap­pel­la-Ver­si­on ihres Sie­ger­ti­tels an, beglei­tet von im Takt fin­ger­schnip­sen­den, fröh­lich steh­schun­keln­den Rei­hen im Ham­bur­ger Schauspielhaus.

You’ll meet some lovely Coun­try Girl: Texas Lightning.

Das war rich­tig, rich­tig schön, für mich einer der unver­gess­lichs­ten Euro­vi­si­ons­mo­men­te über­haupt! Dafür dan­ke! Der NDR jeden­falls konn­te, nicht zuletzt dank einer umfang­rei­chen Vor­be­richt­erstat­tung sowohl im Ers­ten als auch bei der öffent­lich-recht­li­chen und der pri­va­ten Kon­kur­renz, mit der Ein­schalt­quo­te für den dies­jäh­ri­gen Vor­ent­scheid zufrie­den sein: über fünf Mil­lio­nen Zuschau­en­de, dop­pelt so vie­le wie bei Ste­fan Raabs Nach­ah­mer­sen­dung Bun­des­vi­si­on Song Con­test. Und mit dem Ergeb­nis: nach ‘Zwei klei­ne Ita­lie­ner’ (1962), ‘Dschinghis Khan’ (1979), ‘Ein biss­chen Frie­den’ (1982) und ‘Can’t wait until tonight’ (2004) war ‘No no never’ der fünf­te von sechs deut­schen Bei­trä­gen, die es in knapp 60 Jah­ren Con­test­ge­schich­te an die Spit­ze der hei­mi­schen Ver­kaufs­charts schaf­fen soll­ten (‘Satel­li­te’ kom­plet­tier­te 2010 das Sex­tett). Auch in der Jah­res­ab­rech­nung schnitt die hier­zu­lan­de nach­hal­tig belieb­te Num­mer mit Rang vier außer­ge­wöhn­lich gut ab. Der Haken: steht die Nati­on mal aus­nahms­wei­se geschlos­sen hin­ter dem deut­schen Bei­trag, dann erwar­tet sie auch den inter­na­tio­na­len Sieg. Der aber natür­lich mit einem – noch so tol­len – Coun­try­schla­ger nicht zu holen war, denn außer­halb der USA und Deutsch­lands zählt die­se Musik­rich­tung halt nicht so vie­le Anhänger:innen. Und so war – nach Rang 15 in Athen – am Ende mal wie­der die Ent­täu­schung groß.

Gro­ße Lie­be an den wun­der­vol­len Dirk Bach für die Ehren­ret­tung von Vicky Lean­dros gegen­über der wirk­lich unver­schämt sexis­ti­schen Fra­ge­stel­le­rin des RTL-Inves­ti­ga­tiv­ma­ga­zins ‘Exklu­siv’!

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2006

Der deut­sche Vor­ent­scheid – 50 Jah­re Grand Prix. Don­ners­tag, 9. März 2006, aus dem Deut­schen Schau­spiel­haus, Ham­burg. Drei Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Tho­mas Her­manns. Televoting.
#Inter­pre­tenSong­ti­telTele­vo­tePlatzCharts
01Tho­mas AndersSongs that live forever27,23%02-
02Texas Light­ningNo no never45,96%0101
03Vicky Lean­drosDon’t break my Heart26,81%0369

Let­ze Aktua­li­sie­rung: 12.11.2022

< Ger­ma­ny 12 Points 2005

Deut­scher Vor­ent­scheid 2007 >

11 Comments

  • Say: wo ich hier gera­de von der Ein­stim­mungs-Pflicht lese: was haben damals Texas Light­ning eigent­lich gesun­gen? Vicky Lean­dros “Apres toi”, Tho­mas Anders “Vola­re”, aber was war der Grand-Prix-Hit, den die Sie­ger dar­ge­bo­ten haben?

  • […] die altern­de Schla­ger­di­va ist zuver­läs­sig mit einem State­ment zur Stel­le. Ob sie nun, statt beim Vor­ent­scheid eine gekürz­te Ver­si­on von ‘Ein biss­chen Frie­den’ zu sin­gen, lie­ber “Piz­za […]

  • […] die ori­gi­nal­ge­treue deut­sche Cover­ver­si­on von ‘No no never’, unse­rem Euro­vi­si­ons­bei­trag 2006! Selbst­ver­ständ­lich wie­der im nie­der­baye­ri­schen Dia­lekt gesun­gen. Man möch­te sofort zur Dachlatte […]

  • […] Gera­de ist das glanz­vol­le Come­back der Euro­vi­si­ons­le­gen­de Vicky Lean­dros bei der dies­jäh­ri­gen Vor­ent­schei­dung in Ham­burg geschei­tert, da will es der nächs­te Alt­star ver­su­chen: bei einem Auf­tritt im […]

  • […] Humor­zen­trum jeder­zeit mil­li­me­ter­ge­nau trifft, hat­te den deut­schen Grand-Prix-Vor­ent­scheid seit 2006 nicht nur mode­riert, son­dern auch mit­pro­du­ziert. Das For­mat einer gla­mou­rö­sen Gala mit vielen […]

  • […] Herbst 2006, nur weni­ge Mona­te nach ihrer erfolg­lo­sen Teil­nah­me an der deut­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung, hat­te Frau Lean­dros den Pos­ten als “Beauf­trag­te für Kul­tur und internationale […]

  • […] hüb­sche, schwung­vol­le Coun­try­bal­la­de ablie­fer­ten, an der sich selbst ‘No no never’ (DE 2006) noch eine Schei­be abschnei­den kann. Lei­der war die Sän­ge­rin Jas­mi­ne so ner­vös, dass sie sich […]

  • Auch wenn ich Texas Light­ning sehr mag, hät­te ich Tho­mas Anders geschickt. Tho­mas ist im Ost­block ein Super­star und hät­te uns ver­dammt vie­le Punk­te gebracht. Hier hät­te ich mir mehr Zocker­men­ta­li­tät vom Publi­kum gewünscht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert