DVE 2006: Nordisch by Nature

Jane Comerford von Texas Lightning, DE 2006
Deutschlands Liebste

Nach der Schande von Kiew (letzter Platz für Gracia mit 4 Mitleidszählern) gab der NDR-Unterhaltungschef Jürgen Meier-Beer entnervt seinen Rücktritt als Eurovisionsverantwortlicher bekannt. In seiner Ratlosigkeit, was er nun mit der Sendung anfangen sollte, holte sich der öffentlich-rechtliche Sender Unterstützung dort, wo in Deutschland die Unterhaltungskompetenz beheimatet ist: bei den Privaten. Genauer: bei ProSieben und dessen Comedy-Aushängeschild Thomas Hermanns (Quatsch Comedy Club, Pop Club). Der bekennende Grand-Prix-Fan stürzte sich mit Feuereifer an die Aufgabe und produzierte eine glamouröse, schwelgerische Retro-Show rund um den fünfzigsten Geburtstag des Song Contests.

Einen passenderen Rahmen als das so prachtvolle wie vergleichsweise kleine Hamburger Schauspielhaus hätte er sich für diese rückwärts gewandte, glanzvolle Gala (den Anspruch, eine Sendung mit aktueller Popmusik zu produzieren, die auch heterosexuelle Zuschauer unter Dreißig anspricht, gab man bereits im Vorfeld auf) nicht aussuchen können. Keine 800 Mann passten in den Saal: die Fanclubs blieben unter sich. Mit Georg Uecker (Carsten Flöter aus der Lindenstraße) als Anheizer, Gästen wie Joy Fleming (DE 1975), die neben Dirk Bach richtig schmal wirkte, und der fröhlich durch den Abend fliegenden Lucy Diakowska (No Angels, DE 2008) gestaltete der Entertainer ein intimes Fest für die engere Familie. Auch die Einspieler, Hape Kerkelings Gastauftritt und die sensationellen Medleys – welchen dekorativen Aufwand einige unserer besten Schlagergrößen hier für vierzigsekündige Performances betrieben, daran sollte sich die undankbare Schnepfe Nicole1)Die Eurovisionssiegerin von 1982 war wie andere ehemalige deutsche Vertreterinnen eingeladen, an einem Eurovisionsmedley mitzuwirken, sagte aber ab. Mit der Begründung „da gehe ich lieber mit meinen Kindern Pizza essen!“., die uns Gott sei Dank erspart blieb, mal ein Beispiel nehmen! Das war schwules Entertainment auf wirklich allerhöchstem Niveau!


Hape & die Kerkelettes mit der inoffiziellen Europahymne (IT 1990)

Wie immer, wenn ich mich an Vorhersagen versuche, konnte ich nicht weiter daneben liegen. Die von mir ursprünglich favorisierte Vicky Leandros (LU 1967 und 1972) landete am Ende abgeschlagen auf dem letzten Rang. Was bei nur drei Teilnehmern wahrlich keine Schande ist. Dennoch erwies sie sich mit ihrer – sachlich vermutlich gerechtfertigten – Wehklagerei in der Bild über die mangelhafte NDR-Soundtechnik als schlechte Verliererin. Doch auch als glühender Verehrer der großartigen, unvergleichlichen, einzigartigen Königin des deutschen Schlagers muss ich sagen: ihr Song war halt einfach dröge. Und dass sie sich für die Pflicht2)Jeder der drei Kombattanten hatte zur Einstimmung, und um die Sendezeit vollzukriegen, zunächst einen Eurovisionsklassiker anzustimmen. ausgerechnet ihren großen Grand-Prix-Erfolg ‚Aprés toi‘ aussuchte, erwies sich auch als kein all zu kluger Schachzug: erstens meisterte sie diesen nicht mehr ganz so fehlerfrei wie noch vor 34 Jahren. Und zweitens trat im direkten Vergleich dazu die Beliebigkeit und Glanzlosigkeit ihres aktuellen Beitrags ‚Don’t break my Heart‘ um so deutlicher zu Tage. Bei allem Respekt für ihren Mut, sich nach so einer verdienstvollen Vorgeschichte noch mal dem Wettbewerb zu stellen: das war leider nichts!


Große Geste, schwacher Song: Vicky Leandros

Thomas Anders, die ehemals bessere Hälfte von Dieter Bohlen (ist Ihnen eigentlich auch schon mal aufgefallen, dass alle folgenden Bohlen-Frauen mit ihrem dunklen Teint und langen Haaren aussahen wie Thomas Anders, während dessen damalige Lebensabschnittspartnerin Nora dem Dieter wie aus dem Gesicht geschnitten wirkte? Aber ich schweife ab!), verdiente sich an diesem Abend meine Hochachtung: die Art und Weise, wie er das durch den NDR gleich zweifach versemmelte Song-Intro meisterte („Ich kann es auch Acappella singen, wenn ich muss“) war hoch professionell, unglaublich souverän und verdient absoluten Respekt. Sein Beitrag war indes erwartbar unterirdisch. Und nach seiner Liberace-würdigen Darbietung von ‚Volare‘, bei der er alle Register des schlechten Schlagersänger-Schmierlappentums zog, dürfte er wohl das Schmerzensgeld zurückzahlen müssen, das ihm ein Richter einst wegen der Invektive „höhensonnengegerbte Sangesschwuchtel“ zusprach. Danke für diese drei Minuten hochgradig amüsanten Entertainments: so hab ich mich lange nicht mehr beömmelt!


Wer hätte gedacht, dass Thomas Anders so eine coole Sau ist?

Bleiben die würdigen Sieger: Dittsches Country-Kapelle Texas Lightning (wie sexy Fleming Olsen erzählte, der amerikanische Slang für die „Warmsanierung einer Farm“, also Versicherungsbetrug) hatte das frischste Lied, den stimmigsten Auftritt und die sympathischste Einstellung. „Das gibt’s gar nicht, dass man mit so einer kleinen tapferen Band dahin kommen kann“, freute sich Olli aufrichtig nach dem Sieg – und stimmte, um die frenetisch nach einer Zugabe jubelnden Grand-Prix-Fans im Saal glücklich zu machen und da die Tontechniker eine Minute nach Ende der TV-Übertragung schon alle Stecker gezogen hatten, einfach eine Acappella-Version von ‚No no never‘ an, begleitet von im Takt fingerschnipsenden, fröhlich stehschunkelnden Reihen im Hamburger Schauspielhaus. Das war richtig, richtig schön, für mich einer der unvergesslichsten Eurovisionsmomente überhaupt! Dafür danke, Thomas Hermanns und vor allem danke, Texas Lightning!


You’ll meet some lovely Country Girl: Texas Lightning

Der NDR jedenfalls konnte, auch dank entsprechender Vorberichterstattung, mit der Quote (über 5 Millionen, doppelt so viele wie Raabs BuViSoCo) zufrieden sein. Und mit dem Ergebnis: nach ‚Zwei kleine Italiener‘ (1962), ‚Dschinghis Khan‘ (1979), ‚Ein bisschen Frieden‘ (1982) und ‚Can’t wait until tonight‘ (2004) war ‚No no never‘ der fünfte von sechs deutschen Beiträgen, die es in knapp 60 Jahren Contestgeschichte an die Spitze der Verkaufscharts schaffen sollten (‚Satellite‘ komplettierte 2010 das Sextett). Wie das so ist, wenn die Nation mal ausnahmsweise geschlossen hinter dem deutschen Beitrag steht: dann erwartet sie auch den Sieg beim Grand Prix. Der aber natürlich mit einem – noch so tollen – Countryschlager nicht zu holen ist, denn außerhalb der USA und Deutschlands hat diese Musikrichtung nicht ganz so viele Anhänger.

Deutsche Vorentscheidung 2006

Der deutsche Vorentscheid - 50 Jahre Grand Prix. Donnerstag, 9. März 2006, aus dem Deutschen Schauspielhaus, Hamburg. Drei Teilnehmer. Moderation: Thomas Hermanns.
#InterpretTitel%PlatzCharts
01Thomas AndersSongs that live forever27,2302-
02Texas LightningNo no never45,960101
03Vicky LeandrosDon't break my Heart26,810369

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Fußnote(n)   [ + ]

1. Die Eurovisionssiegerin von 1982 war wie andere ehemalige deutsche Vertreterinnen eingeladen, an einem Eurovisionsmedley mitzuwirken, sagte aber ab. Mit der Begründung „da gehe ich lieber mit meinen Kindern Pizza essen!“.
2. Jeder der drei Kombattanten hatte zur Einstimmung, und um die Sendezeit vollzukriegen, zunächst einen Eurovisionsklassiker anzustimmen.

10 Gedanken zu “DVE 2006: Nordisch by Nature

  1. Say: wo ich hier gerade von der Einstimmungs-Pflicht lese: was haben damals Texas Lightning eigentlich gesungen? Vicky Leandros „Apres toi“, Thomas Anders „Volare“, aber was war der Grand-Prix-Hit, den die Sieger dargeboten haben?

Oder was denkst Du?