ESC Finale 2006: Hard Rock? Hallelujah!

Logo des Eurovision Song Contest 2006 (Semifinale)
Das Jahr der Monsterrocker

Dass ich das noch erleben durfte: die Finnen gewinnen! Athen warf ein bis dato unumstößliches Grand-Prix-Gesetz über den Haufen. Was kommt als nächstes? Ein Sieg Portugals? Andorra im Finale? Eine osteuropäische Sängerin, deren Rock die Scham bedeckt? Man darf gespannt sein! Die meistens Fans in der Athener Olympiahalle reagierten geschockt, als der Sieg der Monsterrocker sich abzeichnete. Nur wenige zeigten sich (wie ich) begeistert, unterstützten jede Zwölf-Punkte-Wertung für Lordi mit einem spontanen „Lapponia“-Gesang oder rockten bei der Siegerreprise auf dem Stuhl stehend mit.

Dabei ist ‚Hard Rock Hallelujah‘ unter der harmlos-albernen Monstermaskierung ein echter Gute-Laune-Schlager, zu dem man herrlich headbangen, herumhüpfen, mitgrölen und abfeiern kann. Einmal aus vollem Herzen mit verzerrter Stimme „Hard! Rock! Hallelujah!“ gebrüllt: danach sind zwar die Stimmbänder hin, aber es befreit! Fanden wohl auch viele Deutsche, denn bei uns schaffte es die Single auf Rang 5 in den Verkaufscharts. Das Beste: wie die fachkundige tageszeitung feststellte, fügten Lordi damit dem Heavy Metal „einen Totalschaden“ zu. Und somit einem von tendenziell eher intoleranten Hardcorefans besetzten Genre, das bisher für Homos ebenso eine No-Go-Area darstellte wie das Fußballstadion. Seit dem Grand-Prix-Sieg, verursacht vermutlich von europaweit anrufenden Hardrockfans, ist er Teil des „europaweiten Tuntenlaufstegs“. Ist das nicht super?


Die tun doch nix, die wollen nur spielen: Lordi (FI)

Schwer enttäuschend hingegen das Abschneiden der Hamburger Countryhelden Texas Lightning. Obschon mir Fans aus ganz Europa in Athen unaufgefordert bestätigten, dass ‚No no never‘ das wohl schönste deutsche Lied seit langer Zeit sei: mehr will ich doch gar nicht! Einem gerechten Ergebnis im vorderen Tabellendrittel stand der ungünstige Startplatz in der superdrögen ersten Hälfte und das unübersehbare Blockvoting entgegen. Wie vermutlich auch die Zuschauer zuhause übten wir uns in Athen im Vorhersagen der Höchstwertungen – und lagen immer richtig! Handelte die EBU also korrekt, als sie 2009 die Jurys zurückholte? Absolut nicht! Man muss sich nur die Ergebnisse früherer Jahrgänge anschauen, um festzustellen, dass Jurys allesamt noch korrupter entscheiden. Mit dem Televoting existiert dagegen ein Verbund von Ländern, die aufgrund ihrer geografischen oder kulturellen Zugehörigkeit Basispunkte sammeln und das obere Mittelfeld blockieren. Um zu siegen, muss man jedoch in allen über 40 Ländern ankommen. Alles andere landet, wenn es gut ist, im unteren Mittelfeld (wie Deutschland in diesem Jahr) und wenn es schlecht ist, am Ende der Tabelle. Da hilft nur, einen Beitrag zu senden, der sowohl musikalisch wie auch als Show durch Originalität und Eingängigkeit überzeugt. Dass, entgegen meiner diesbezüglichen Zweifel, selbst Deutschland das fertig bringen kann, bewies die tolle Lena Meyer-Landrut (die übrigens auch mit reinem Televoting gewonnen hätte) dann im Jahre 2010.


Brighter than a twinklin‘ Star: Jane Comerford & Texas Lightning. Ihr wart toll! (DE)

Immerhin für die ersten drei Minuten des Finales herrschte heile Welt für Grand-Prix-Nostalgiker alter Prägung. Die Schweiz eröffnete mit einem pathetischen Weltfriedensschlager mit Anleihen an ‚We are the World‘ (USA for Africa), wie nur Ralph Siegel ihn komponieren kann. Allerdings benötigt solch ein barockes Kitschstück wie ‚If we all give a little‘ zwingend eine kitschige Choreografie und kitschige Kostüme: beides fehlte. Siegels durchsichtige Abgreifstrategie (Six4One = sechs Sänger aus sechs Ländern = 6 mal 12 Punkte für Mr. Grand Prix) ging indes nicht auf. In der Halle kam nur Stimmung auf, wenn Keith Camilleri an der Reihe war: die einzigen Pünktchen kamen dann auch aus Malta. Welche Strafe1)Im Vorfeld kursierten im Internet Gerüchte, es existiere von ihm ein Eintrag auf einer schwulen SM-Seite, wo er als Sklave eines anderen Mitglieds von O-Zone präsentiert wurde. den Moldawier Arsenium nach seinem desaströsen Abschneiden wohl zu Hause in Amsterdam erwartet? Verdient hat er jedenfalls eine: für seine Mitgliedschaft bei O-Zone und seine Beteilung an ‚Dragostea din tei‘, der Sommerpest von 2004; aber erst recht für die unsägliche Darbietung von ‚Loca‘. Ein rollender Rapper, einfallsloser Billig-Danceschrott2)Bizarrerweise gehörte ‚Loca‘ zu einem Quartett nachträglich nominierter Titel: im eigentlichen Finale der moldawischen Vorentscheidung schnitten punktgleich gleich drei Songs als Sieger ab. Da es kein Verfahren für diese Situation gab, organisierte man einen weiteren Vorentscheid, an dem jedoch nur noch einer der drei ursprünglichen Gewinner teilnahm, der langhaarige Serj Kuzencoff mit ‚Made in Moldova‘ nämlich. Um das Feld aufzufüllen, schob Teleradio Moldova noch vier bislang nicht am Vorentscheid beteiligte Konkurrenten nach, einer davon Arsenium. Der patriotische Serj musste sich mit Rang 2 begnügen. vom Grabbeltisch, verpasste Einsätze, miserable Stimmen: Gott, war das schlecht! Lustig nur die Textzeile „I’ll give you my Choco“: das Ferkel!


They give Gutmenschentum a bad Name: Six4One (CH)

Lettlands Cosmos irritierten: sechs jugendliche Kastraten schaukelten sich durch eine Acappella-Nummer, deren kurioser Reiz bereits nach 30 Sekunden verflog und die dann nur noch nervte. Was die Einlage mit dem Metallmännchen sollte? Die Pfleger in der geschlossenen Abteilung in Riga werden es schon wissen! Beim norwegischen ‚Alvedansen‘ kam in der Athener Halle zum ersten Mal ernst zu nehmender Applaus auf. Leider: diesen ewiggestrigen Keltenklang fand ich 1995 schon unerträglich. Gut, dass sich dieser Enya-Sound, die Musik der Landbevölkerung, im Televoting nicht durchsetzte. Nach der Kopie vom Vorjahr schickte TVE diesmal das Original: Las Ketchup, berüchtigt für den europaweiten 2002er Sommerhit ‚Aserejé‘. Durch spontane Zellteilung von drei auf vier Schwestern angewachsen, präsentierten sie mit der Alkoholwerbung ‚Un Blodymary‘ die ideale, entspannte Hintergrundmusik für die blaue Stunde an einem lauen Sommerabend auf der Veranda oder in der Cocktailbar. Entspannt agierten auch die einheitlich iberisch-rot angezogenen Muñoz-Vierlinge: sie tummelten sich auf (allerdings etwas schäbig aussehenden) Bürostühlen. Wie unpassend: Strandliegen wären „pluscuamperfecto“ gewesen! Es reichte nur für einen Platz im unteren Tabellensechstel: Spanien gehört wohl einfach zu den am meisten missverstandenen Ländern beim Grand Prix.


Mit einem Cocktail in der Hand wär’s glaubwürdiger gewesen: Las Ketchup (ES)

Dass man auch im Seichten ersaufen kann, bewies das 2001er Monchichi Fabrizio Faniello mit seinem lahmen Abklatsch von Fames ‚Give me your Love‘ (SE 2003 und im Original schon sterbenslangweilig). Lustig: Maltas Gnadenpunkt aus Albanien, die kosmische Wiedergutmachung für 19953)1995 gab Malta – als einziges Land – einen einzigen Punkt an Deutschland (Stone & Stone, ‚Verliebt in Dich‘).. Pech für Texas Lightning, dass der dänische Country-‚Twist of Love‘ direkt nach uns kam. Zweimal klassische amerikanische Volksmusik am Stück: das wirkte sich auf beide Beiträge punktemindernd aus, auf das großartige ‚No no never‘ leider genau so wie auf die öde Musikleiche von Sidsel Ben Semane. Sehr aufmerksam dagegen von Porno-Bilan, auf der Bühne in Athen das gleiche sexy Fernfahrer-Unterhemd zu tragen wie schon im Videoclip zu ‚Never let you go‘! Amüsanterweise nummerierte er seine Unterwäsche durch (und ja, er wechselte die Hemden). Ein bisschen überaktiv agierte der russische Superstar zwar. Und was die Frau im Klavier sollte, kann sich auch niemand erklären. Aber wen interessiert das schon: der Song war klasse, und Dima einer der wenigen Männer, an denen auch eine klassische Fußballerfrisur gut aussah! Im Nachhinein schade, dass er nicht schon mit dieser Nummer gewann, sondern erst zwei Jahre später mit dem furchtbaren ‚Believe‘, dann schon vom Drogendauerkonsum gezeichnet.


10 Inches? Das glaubst Du doch wohl selbst nicht, Dima! (RU)

Wo wir schon bei Herrenfrisuren sind: wirklich schlimm anzuschauen waren die Sauerkrautlocken des stimmgewaltigen Mihai Trăistariu, der es bei der fünften Teilnahme am rumänischen Vorentscheid endlich bis zum Eurovision Song Contest gebracht hatte – diesmal sogar gegen einen von Dieter Bohlen (!) geschriebenen Titel: ‚Be my Boyfriend‘ des Zwillingsduos Indiggo, deren Mutter wegen angeblicher Schiebung einen riesigen Aufriss veranstaltete und während einer TV-Diskussion aus dem Studio stürmte. Mihais fabelhafter, in einem Sprachmix aus englischen Strophen und italienischem (!) Refrain vorgetragener Vocal-House-Hit ‚Tornerò‘ brachte die Halle zum Ausrasten: Eurodance von gewohnt hoher rumänischer Güte, und sogar ohne den Nervfaktor von O-Zone. „Golube, moj Golube“ („Taube, meine Taube“): was beneide ich die Bosnier, die ungestraft so herrlich schwülstig-kitschige Texte singen dürfen! ‚Lejla‘ weckt bei mir sehnsüchtige Erinnerungen an die große Alexandra und ähnlich wundervoll melancholische Oden an die unerfüllte Liebe wie ‚Ja lublju tebjá‘. Zum Sterben schön – danke, Hari Mata Hari!


Das Land heißt nicht umsonst ROMânia!

Ein dickes Pfui hingegen an LT United! Hier tobte mal wieder ein Krieg der Kulturen: ‚We are the Winners‘ war ein klarer Fall von „Die gegen uns“ – eine Verschwörung heterosexueller Fußballfans und Grand-Prix-Hasser. Denn nur diese konnten sich einen solcherart stadionoptimierten, ausschließlich aus gegröltem Refrain bestehenden Scheiß ausdenken – und nur so welche konnten solch einen Scheiß auch noch ins Finale wählen! So jedenfalls das einmütige Empfinden der schwulen Fans vor Ort nach dem Erfolg der Litauer im Semi. Das hatte zur Folge, dass LT United fortan bei jedem Auftritt gnadenlos Pfiffe kassierten. Die teilweise durchaus schmuck anzuschauenden Herren nahmen es mit stoischem Gleichmut hin. Grotesker Höhepunkt des Homo-Hasses: bei der Punktevergabe wurde sogar die litauische TV-Ansagerin ausgebuht – obwohl die gar nichts für den Erfolg der baltischen Grand-Prix-Parodie konnte. An dieser Stelle schämte ich mich ein wenig für meine Mitschwestern, auch wenn ich ihren ästhetischen Zorn teilte.


Van Halen riefen gerade an und wollen ihren Song (‚Jump‘) zurück! (LT)

Einen neuen Tiefpunkt in seiner Grand-Prix-Historie lieferte Großbritannien mit dem fremdschämpeinlichen ‚Teenage Life‘ ab: der als Produzent billiger Coverversionen von Siebzigerjahre-Hits im Eurodance-Stampfsound bekannt gewordene Daz Sampson versuchte sich an Hip-Hop, begleitet von Backgroundsängerinnen im Schulmädchenoutfit. Das wirkte in etwa so authentisch wie eine Bearbeitung von AC/DCs ‚Highway to Hell‘ durch die Truppe der US-Serie Glee. Trotz der berechtigten Punkteklatsche konnte er im Heimatland mit der unausgegorenen Nummer einen Top-Ten-Hit landen – versteh‘ einer die Briten! Oder die Griechen: 17.000 Euro soll das Jean-Paul-Gaultier-Kleid gekostet haben, das die gottgleich verehrte Anna Vissi (GR 1980, CY 1982) trug. Dabei bekommt man ähnlich furchtbare Folklorelappen auch schon für 17 Euro bei Takko! Und anstatt sich, wie noch bei der Kameraprobe, hochdramatisch in den wabernden Trockeneisnebel zu werfen, der das hässliche Textil wenigstens gnädig bedeckt hätte, lief beim Finalauftritt die Windmaschine auf Stufe Carola 8 und blies den fragilen Sichtschutz auch noch weg. Beeindruckend die griechische Fan-Hysterie: so einen Jubel habe ich noch nicht mal bei Madonna-Konzerten erlebt. In Athen rechnete man ernsthaft mit einem Doppelsieg.


„Everyffing for you“: die große Rockröhre Anna Vissi (GR)

Erst hatte sie kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu: die 26jährige Friseurin Virginie Pouchain war bei einer Castingshow des französischen Fernsehens ausgesucht worden, die Trikolore in Athen zu vertreten. Leider kam sie mit dem bereits im Voraus feststehenden Song ‚Vous, c’est nous‘ überhaupt nicht zurecht, und so schickte man sie mit einer in letzter Sekunde mit der heißen Nadel gestrickten (um so ironischer der Songtitel ‚Il était Temps‘), mageren Ersatzballade zum Contest, von welcher sich sogar der Komponist im Vorfeld distanzierte. Hier musste sie im direkten Anschluss an einen Dreierblock von Top-Favoriten (Anna Vissi, Lordi, Tina Karol – ihre Besprechung im Semi) auf die Bühne. Nach neun Minuten Hochleistungs-Hochenergie-Spektakel am Stück setzte die verschüchterte, unerfahrene Französin den musikalischen wie performatorischen Kontrapunkt und brachte die brodelnde Stimmung in der Olympiahalle innerhalb von Sekunden ganz nach unten. Erstaunlich nur, dass sie nicht Allerletzte wurde.


Bei 2:00 Min: die Handography ist doch von Jane Comerford geklaut! (HR)

Und schade, dass sie nicht Erste wurde: Severina Vučković. Eine aufregend schöne, verrucht wirkende Frau mit hypnotischer Ausstrahlung (ob diese Lippen echt waren?) und einer aufregenden, leicht verrauchten Stimme. ‚Moja Štickla‘ hatte alles: eine schräge, ethnolastige Instrumentierung. Einen sofort mitsingbaren Refrain. Unglaubliche Textsprengsel wie „Risi Bisi, einen größeren Topf / Rote Bete, Rote Bete / Afrika Paprika“. Ein Songthema, das die Drag-Queen in uns allen anspricht: es ging um ihre Stöckelschuhe! Kultiger Balkan-Zauber, auch wenn die Teilnahme von „Seve Nacionale“ am Grand Prix in Kroatien durchaus umstritten war. Zählte die Sängerin doch zu den Vertreterinnen des wenig angesehenen jugoslawischen Turbo-Folk, einer oftmals mit platten pornografischen Texten und Videos auffallenden Stilrichtung, die Volksmusik und Schlager mit modernem Dance und Hip-Hop mischte. Und die für meinen Geschmack gerne öfters beim Eurovision Song Contest vertreten sein dürfte!


Eine kleine OP, und er wäre eine Lesbe mit Gitarre: Brian Kennedy (IE)

Irgendwie passend: ein bekennend bisexueller Nordire sang den eintausendsten Beitrag beim Eurovision Song Contest: das selbst verfasste, etwas winselige ‚Every Song is a Cry for Love‘. Brian Kennedy hatte in den Neunzigern im Heimatland und Großbritannien bereits ein paar Hits. Vor seinem Kurzzeitcomeback war er als Musicaldarsteller (natürlich: ‚Riverdance‘) und Backgroundsänger tätig. Neben dem statistischen Ereignis bleibt er für seinen schlimmen Mittelscheitel in Erinnerung. Anders als die umstrittene, Grand-Prix-Fans in zwei Lager teilende4)Für die einen ist sie wegen ihrer Mitgliedschaft in einer homophoben christlichen Sekte ein Feindbild, andere empfinden sie und ihre drei klassischen Schwedenschlager als die Quintessenz des Grand Prix. Schwedin Carola Häggkvist (SE 1983, 1991). In Athen präsentierte sie sich als das personifizierte Nichts, die fleischgewordene Inhaltsleere; vortrefflich visualisiert durch den Aufmarsch ihrer Chorgarde, die unbedruckte Glanzstofffahnen schwang. Keine Nation, keine Partei, keine Idee ließ sich da mehr zuordnen – nur der unbedingte Wille zum dekorativen Dabeisein. Und selbst diese Idee ist geklaut: Dead or Alive schwangen schon 1983 zu ‚You spin me ‚round‘ pastellfarbene Stoffbahnen. Den Rest ihrer Show stahl die Schwedin bei sich selbst: in einem blau-silbrigen Flatterlappen stand sie im massiven Sturmwind der schon seit ‚Fångad av en Stormvind‘ (1991) wohlerprobten Windmaschine und nölte mit heiserer Stimme ihren seichten Schwedenschlager. Gähn.


Viel Wind um Nichts: Carola (SE)

Was bleibt noch von Athen? Eine spektakuläre Eröffnungsshow mit fliegenden Athleten und wunderschönen Themenballetten; eine unterirdische Moderation durch Griechengott Sakis Rouvas (dem dennoch sicher nicht nur der holländische Punktesprecher Paul de Leuuw gerne seine Telefonnummer aufgedrängt hätte!) und die Erkenntnis, dass das Schlachten von Heiligtümern wie der Punktevergabe5)Erstmals in diesem Jahr wurden bei der Punktevergabe die Zähler von 1 bis 7 in Form einer Liste kurz gezeigt und nur noch die Punkte 8, 10 und 12 einzeln verlesen, was viele Fans als Verrat am Herzstück der Sendung kritisierten. nicht zwangsläufig der Tod der Show sein muss. Ich gebe es ungern zu, aber ich wäre vor Langeweile gestorben, hätten alle 39 Nationen ihre Wertungen komplett von 1 bis 12 verlesen. Sowie die penetrant nationalistische Art, in der die griechischen Medien sämtliche Teilnehmer und Gäste ausschließlich nach ihrer Meinung zu Anna Vissi befragten und in der ausschließlich die Antwort „Anna Vissi ist großartig und sie wird gewinnen“ als zulässig galt.


„You look like Will & Grace“: Paul de Leuuw ist großartig!

Beispiel? Am Sonntag nach dem Finale bat man im Athener Frühstücksfernsehen eine sichtlich geknickte Sibel Tüzün (TR) um einen Kommentar zum Ergebnis. In der selbstverständlichen Annahme, es gehe um ihren eigenen unglücklichen elften Platz, wollte sie ihrer Enttäuschung Ausdruck verleihen, es nicht in die Top Ten geschafft und damit der Türkei einen Finalplatz für 2007 gesichert zu haben. Woraufhin sie der Moderator rüde anblaffte: „Nein, nicht Ihr Ergebnis, das von ANNA!“ Man stelle sich die diplomatischen Konsequenzen vor, wenn ein deutscher TV-Gastgeber sich Vergleichbares erlaubte!

Eurovision Song Contest 2006

Eurovision Song Contest Finale. Samstag, 20. Mai 2006, aus der Olympic Indoor Halle in Athen, Griechenland. 24 Teilnehmerländer. Moderation: Sakis Rouvas und Maria Menounos.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01CHSix4OneIf we all give a little03017
02MDArsenium + Natalia Gordienko + Connect-RLoca02220
03ILEddie ButlerTogether we are One00423
04LVCosmosI hear your Heart03016
05NOChristine GuldbrandsenAlvedansen03614
06ESLas KetchupUn Blodymary01821
07MTFabrizio FanielloI do00124
08DETexas LightningNo no never03615
09DKSidsel Ben SemmaneTwist of Love02618
10RUDima BilanNever let you go24802
11MKElena RisteskaNinanajna05612
12ROMihai TrăistariuTornerò17204
13BAHari Mata HariLejla22903
14LTLT UnitedWe are the Winners16206
15UKDaz SampsonTeenage Life02519
16GRAnna VissiEverything12809
17FILordiHard Rock Hallelujah29201
18UATina KarolShow me your Love14507
19FRVirginie PouchainIl était Temps00522
20HRSeverina VučkovićMoja štikla05613
21IEBryan KennedyEvery Song is a Cry for Love09310
22SECarola HäggkvistInvincible17005
23TRSibel TüzünSüper Star09111
24AMAndré HovnanyanWithout you12908

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Fußnote(n)   [ + ]

1. Im Vorfeld kursierten im Internet Gerüchte, es existiere von ihm ein Eintrag auf einer schwulen SM-Seite, wo er als Sklave eines anderen Mitglieds von O-Zone präsentiert wurde.
2. Bizarrerweise gehörte ‚Loca‘ zu einem Quartett nachträglich nominierter Titel: im eigentlichen Finale der moldawischen Vorentscheidung schnitten punktgleich gleich drei Songs als Sieger ab. Da es kein Verfahren für diese Situation gab, organisierte man einen weiteren Vorentscheid, an dem jedoch nur noch einer der drei ursprünglichen Gewinner teilnahm, der langhaarige Serj Kuzencoff mit ‚Made in Moldova‘ nämlich. Um das Feld aufzufüllen, schob Teleradio Moldova noch vier bislang nicht am Vorentscheid beteiligte Konkurrenten nach, einer davon Arsenium. Der patriotische Serj musste sich mit Rang 2 begnügen.
3. 1995 gab Malta – als einziges Land – einen einzigen Punkt an Deutschland (Stone & Stone, ‚Verliebt in Dich‘).
4. Für die einen ist sie wegen ihrer Mitgliedschaft in einer homophoben christlichen Sekte ein Feindbild, andere empfinden sie und ihre drei klassischen Schwedenschlager als die Quintessenz des Grand Prix.
5. Erstmals in diesem Jahr wurden bei der Punktevergabe die Zähler von 1 bis 7 in Form einer Liste kurz gezeigt und nur noch die Punkte 8, 10 und 12 einzeln verlesen, was viele Fans als Verrat am Herzstück der Sendung kritisierten.

28 Gedanken zu “ESC Finale 2006: Hard Rock? Hallelujah!

  1. LT United und Texas Lightning / Go, go, Finnland! Ich glaube, die waren ernsthaft froh, dass sie Masken anhatten – so konnte keiner die ungläubig-dummen Gesichter darunter sehen 🙂 LT United: Ja nee, is klar – es ist natürlich nicht erlaubt, sich über den ESC lustig zu machen, was? Die Klinge ‚Humorlosigkeit‘ ist offenbar zweischneidig. Zugegeben, sonderlich inspiriert war das nicht, aber ich für meinen Teil fand das lustig. So. Man steinige mich jetzt. Und Texas Lightnings Plazierung bedarf kaum eines Kommentars. Das Lied soll schlechter gewesen sein als ‚Ninanajna‘ und ‚Süperstar‘? Ich glaube nicht, Tim. Danke an Lordi übrigens, dass Dima 2006 noch erfolgreich verhindert wurde. Zwei Jahre später war das leider nicht mehr möglich.

  2. Na endlich! Es wurde auch wirklich höchste Zeit, dass den Disco-Schnittchen ein Ende gesetzt wurde. Allerdings waren die Top 5 wohl zukunftsweisend für den ESC. Dima hat es 2008 geschafft, die tieftraurige Balkan-Ballade 2007. Müssen wir also bald mit einem alternden Diva-Drama oder rumbrüllenden Rumänen rechnen?

  3. Geschmack Ausgehend vom Text zu LT United und den Pfiffen in der Halle muß ich also annehmen, daß im Publikum nur humorlose Schwule saßen? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Ich fand den Song klasse, ein lustiger Text einer gestandenen Boyband, deren Mitglieder sogar singen konnten (nicht so wie Kreisradio 2008). Die Band hat ja auch im Vorfeld immer wieder betont, es sei ein Spaßsong für alle Teilnehmer, egal wer gewinnt. Auch beim Auftritt war von Arroganz keine Spur, deshalb verstehe ich die Pfiffe bis heute nicht. Severina Vuckovic fand ich vor allem wegen der Originalsprache spitzenmäßig, endlich mal kein miserables Englisch. Und was ihr ‚Privatvideo‘ angeht, ähnliches würde ich mir von einigen anderen Teilnehmerinnen auch wünschen, die sicher besser stöhnen als singen können. Wie z.B. die moldawische Strandnutte Natalia Gordienko oder Virginie Pouchain, sie traf kaum einen Ton. Eine absolute Schande für Frankreich. Anna Vissi dagegen konnte singen, aber der Song war einfach öde. Der von Sibel Tüzün war besser. Für die Finnen habe ich mich am Ende sehr gefreut, auch wenn ich sie nicht gewählt habe. Sie hatten es trotzdem verdient.

  4. (Six4One = sechs Sänger aus sechs Ländern = 6 mal 12 Punkte für Mr. Grand Prix)

    Naja, der Marco Matias, der mit dabei war, ist ein in Deutschland lebender Portugiese. Daher waren streng genommen sieben Nationen vertreten. Wobei aber eine der Aufgetretenen, die Sängerin Claudia D’Addio, Schweizerin war. Vielleicht wollte man da noch so etwas wie einen Schweiz-Bezug erhalten.

    Die Nicht-Schweizer kamen aus Schweden, Bosnien, Malta, Deutschland und Israel, wobei der Sänger aus Deutschland wie erwähnt seine Wurzeln in Portugal hat.
    Von den sechs Ländern vergaben vier – Bosnien, Malta, Israel und Portugal – Punkte an die Schweiz.
    Nur Malta gab 12 Punkte. Bosnien und Israel vergaben jeweils vier Punkte; aus Portugal kam nur ein Zähler. Schön, dass Siegels Rechnung nicht aufging.

    Darüber hinaus gab es noch drei Punkte aus Zypern und sechs Punkte aus Monaco. Macht insgesamt 30 Punkte für Siegel und Platz 16.
    Die Leute standen halt eher auf „Hard Rock Hallelujah“.

  5. War schon etwas ganz besonderes, der Sieg von Lordi. Da kann man von Glück reden dass es damals keine Juries gab, die hätten das womöglich zu verhindern gewusst!
    Aber ich meine auch Lordis Sieg – der ja scheinbar durch eine fleißige Fangemeinde in ganz Europa (und deren Vernetzung im Internet) erst möglich wurde – hat der Rockmusik beim ESC nicht entscheidend weitergeholfen. Die Bilanz der Rocktitel in den Jahren danach (soweit ich mich entsinnen kann, daher kein Anspruch auf Vollständigkeit):

    2007: Anonymous (Punkband aus Andorra) – im Halbfinale ausgeschieden

    2009: Sinéad Mulvey & Black Daisy (Pop-Rock-Sängerin aus Irland) – im Halbfinale ausgeschieden

    2010: MaNga (Alternative-Rockband aus der Türkei) – Zweiter

    2011: Yüksek Sadakat (Rockband aus der Türkei) – im Halbfinale ausgeschieden

    2011: Zdob si Zdub (Skaband aus Moldawien) – Zwölfter

    2012: Max Jason Mai (Rocksänger aus der Slowakei) – sang- und klanglos im Halbfinale ausgeschieden

    2012: Compact Disco (Pop-Rockband aus Ungarn) – drittletzter Platz

    Daraus lässt sich – was Rockmusik beim ESC angeht – für mich folgende Formel aufstellen: um mit einem Rocktitel gut abzuschneiden, muss man entweder Ska mit osteuropäischem Sound machen (siehe Athena 2004 oder Zdob si Zdub 2005), oder eine breite Fanbasis in möglichst ganz Europa haben (siehe Lordi 2006 oder MaNga 2010).
    Die anderen Rockacts waren beileibe nicht übel und hatten ja gewissermaßen ein Alleinstellungsmerkmal im Teilnehmerfeld. Das spricht dafür dass sie es gegen die Vertreter klassischen ESC-Genres Pop/Eurodance grundsätzlich schwer haben.

  6. Man könnte hier noch Teräsbetoni (FI 2008) und Kabát (CZ 2007) nennen – nicht, dass die die Bilanz verbessern würden, eher im Gegenteil.

    Aus dem Jahr 2009 wären vielleicht noch Petr Elfimov (BY) und Copycat (BE) zu nennen, aber die beiden sind vollkommen verdient abgeraucht, ebenso wie die Liebeskäfer aus der Schweiz und die mazedonischen Rocker.

    2010 war nicht viel mehr, außer den erneut im Semi gescheiterten Mazedoniern.

    2011 hatten wir allerdings einen Act, der die These von wegen Osteuropa-Ska oder breite Fanbasis widerlegt: Eldrine aus Georgien, allerdings mit einem hervorragenden Startplatz und recht einseitigen Punktequellen – 7 Punkten aus San Marino und 2 aus Israel stehen 101 aus osteuropäischen Ländern entgegen (wenn man nicht die alten Eurovisionsveteranen Griechenland und Türkei dem „Westblock“ zuschlägt, dann werden es 16 mehr aus Westeuropa).

    2012: wieder zurück zur „Normalität“ für Rock; Sinplus (CH) im Semi zerlegt, wenn auch knapp, ebenso die Glam-Wiedergänger von Izabo (IL). Das Evanescence-Gedächtnisstück aus Island kam zwar ins Finale, ging dann dort aber unter, und auch die mazedonische Rockballade wurde ein wenig unter Wert verkauft.

  7. Jetzt hab ich doch glatt die georgischen Linkin Park vergessen! Eldrine waren damals ne echte Überraschung. Danke Ospero für die ganzen Ergänzungen, noch dazu gleich sehr gut analysiert! 🙂 Jetzt sind mir noch The Ark (Schweden) und Hanna (Finnland) von 2007 eingefallen, um die Liste weiterzuführen.
    Eigentlich muss man fast schon zwischen radiotauglichem Pop der Marke Sinplus (und wenn man so will auch der diesjährigen Takasa) und den richtig rockigen Nummern mit Ecken und Kanten unterscheiden. Die radiotauglichen Sachen schaffen es zeitweilen zumindest mal ins Finale, siehe Compact Disco 2012. Andernfalls entspricht das halt zu wenig dem Mainstream, und damit auch nicht dem Geschmack das Durchschnitts-Eurovisions-Zuschauers.

  8. Grundsätzlich richtig, aber das erklärt nicht, wie Teräsbetoni 2008 immerhin ihr Semi überstehen konnten. Meine Theorie dazu ist, dass die Show zumindest teilweise die „Fehler“ (aus Sicht des Zuschauers) eines Songs ausgleichen kann. Teilweise – nicht vollständig.

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