Marianne Rosenberg: Sie gehört zu uns

In ihrer außergewöhnlich lesenswerten Autobiografie ‚Kokolores‘ spricht die Schwulenikone und viermalige Vorentscheidungsteilnehmerin Marianne Rosenberg auch über ihre Beziehung zum Eurovision Song Contest.


Mariannes Kultschlager wurde beim Vorentscheid 1975 nur Zehnter

Sehr früh und durchaus nachhaltig beeindruckte der europäische Liedwettbewerb die junge Berlinerin: „Ich hatte den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson 1963 zum ersten Mal im Fernsehen gesehen“ – da war sie gerade acht – „und fortan war es einer meiner Lieblingsbeschäftigungen, die Sänger nachzuspielen.“ Und nicht nur das: „Die Siegerin 1964 wurde die sechzehnjährige Gigliola Cinquetti (…). Weil sie noch so jung war, italienisch sang und langes braunes Haar hatte, wurde mein Spiel auf den selbst gebauten Bühnen realistischer. Jetzt erschien es mir vorstellbar, dass auch ich eines Tages dort stehen könnte.“


Mariannes Vorbild: Gigliola Cinquetti (IT 1964)

Das erfüllte sich trotz viermaliger Teilnahmen an der Vorentscheidung leider nie. 1975 stellte sie in Frankfurt ihren heute bekanntesten Hit ‚Er gehört zu mir‘ vor, landete einen großen kommerziellen Erfolg – und auf dem zehnten Platz. Im Jahr darauf folgte sie ihrem Kollegen Jürgen Marcus nach Luxemburg, verlor dort aber gegen ihn. ‚Lieder der Nacht‘, die deutsche Version ihres dortigen Beitrags, verkaufte sich aber ebenfalls wie warme Semmeln. Zu kommerziellen Flops gerieten hingegen die Versuche von 1980 (‚Ich werd da sein, wenn es Sturm gibt‘) und 1982. Über die von Ralph Siegel komponierten ‚Blue-Jeans-Kinder‘ sagt Marianne: „Es gibt nicht viel in meinem Leben, was ich bereue, aber diesen Song hätte ich nicht singen sollen“ (und noch ein paar interessante Dinge mehr). Dass sie es letztlich nie in den Wettbewerb schaffte, kommentiert die Schlagergöttin in trocken-ironischer Weise: „Vielleicht sollte ich mal wieder eine Vorentscheidung bestreiten, durchfallen und einen Hit landen.“ Gute Idee, die dritte Stelle in Hamburg ist ja zurzeit noch offen!


Erkennen Sie die Melodie? Marianne 1976 bei der Luxemburger VE

Aber nicht nur wegen dieser Passagen ist ‚Kokolores‘ für Rosenberg-Fans (und alle anderen) unverzichtbar. Neben den Höhen und Tiefen ihrer Karriere und dem gleichzeitigen Segen wie Fluch unvergesslicher Hits berichtet Marianne, frei von jeglicher Selbstbeweihräucherung, so schonungslos wie spannend über ihre Familie, über ihr Aufwachsen als Tochter eines unter den Nazis verfolgten Sinti. Und über ihre Suche nach dem Glück, das sich interessanterweise gerade nicht im Erfolg offenbarte. ‚Kokolores‘ ist eine sehr reife, dichte und packende Biografie einer Künstlerin, die sich zu Recht in das musikalische Gedächtnis der Nation eingebrannt hat. Kaufen und lesen!

Marianne Rosenberg: ‚Kokolores‘. List (Ullstein Buchverlage), ISBN: 3-471-78586-8, 19,95 €.

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