Prinzip Durchwursteln: kosmetische Korrekturen am Vorentscheid

Nur leichte Änderungen werde es beim diesjährigen Deutschen Vorentscheid geben, berichtete die Welt gestern. „Wir prüfen zurzeit, den Teilnehmerkreis von drei auf fünf Künstler auszuweiten, um ein breiteres Spektrum an Musikstilen abbilden zu können“, so NDR-Programmdirektor Volker Herres gegenüber der Nachrichtenagentur DDP. Insgesamt habe sich das Verfahren aber „bewährt“, die schlechten Ergebnisse der deutschen Beiträge 2006 und 2007 seien der „Dominanz der osteuropäischen Länder“ geschuldet. Schön, wenn man es sich so einfach machen kann.


Tschechei 2007, letzter Platz im Semi mit 1 Punkt. Soviel zur Dominanz Osteuropas

Denn diese bequeme Ausrede ist natürlich hanebüchener Unfug. Vielmehr scheint der NDR seit der Schande von Kiew das Ziel einer möglichst guten Wettbewerbsplatzierung endgültig aufgegeben zu haben (zumal man ja in Hamburg vermutlich ohnehin keine Lust verspürt, für teuer Geld den internationalen Contest zu stemmen) und sich vielmehr auf die Einschaltquotenoptimierung beim Deutschen Vorentscheid zu konzentrieren, die man duch das seit 2006 verfolgte TV-Gala-Konzept und eine Bestückung der Vorauswahl mit Acts, die jeweils unterschiedliche Zielgruppen ansprechen sollen (Castingelsen für die Jugend, Rockopis für das Mittelalter und Schlagerstars für die Omis), erreichen will.


Verdienter letzter Platz: Deutschland 2005

Diese Vorgehensweise mag ja auch durchaus legitim sein. Denn seit Stefan Raab (DE 2000) seine Konkurrenzveranstaltung Bundesvision Song Contest durchzieht und der ARD alle Erfolg versprechenden, chartskompatiblen und zeitgemäßen Acts abzieht, steht der NDR vor dem selben Dilemma, vor dem auch der Bayerische Rundfunk schon in den Achtzigern kapitulierte: erfolgreiche Musiker auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sind kaum mehr zu einer Teilnahme an der Vorentscheidung zu bewegen, stattdessen bewerben sich alternde Schlagerstars und Newcomer. Oder alternde Newcomer. Erschwerend kommt hinzu, dass die ARD in ihrem restlichen Umfeld jeglichen Anspruch, ein Programm auch für jüngere Zuschauer – die Hauptzielgruppe der Musikindustrie – zu machen, erkennbar aufgegeben hat und lieber seichte Rührschnulzen für die Kukident-Generation sendet, wie es das ZDF schon seit Jahren erfolgreich vormacht. Die Popmusik-Kompetenz des Ersten bewegt sich jedenfalls bei Null und es gibt auch keine erkennbaren Anstrengungen, dies zu ändern.


Zweiter beim BuVoSoCo 2007: Jan Delay. Den kriegt die ARD wohl kaum

So scheint mir auch die angekündigte und grundsätzlich sehr begrüßenswerte Ausweitung des Teilnehmerfeldes auf fünf Acts eher ein Herumdoktern an den Symptomen zu sein. Eine überzeugende Vision, wie die angebliche „Dominanz Osteuropas“ durch ein modernes, zeitgemäßes Konzept zu brechen sei, kann ich der Pressemeldung jedenfalls nicht entnehmen. Aber lassen wir uns überraschen: vielleicht ist es dem NDR überraschend ja doch gelungen, zur Abwechslung mal wieder richtig gute Acts aus den aktuellen Charts zu buchen und uns im März 2008 mehr als die diesjährige Auswahl zwischen Pest und Cholera zu überlassen. Zu wünschen wäre es!

Der Deutsche Vorentscheid 2008 wird nach Mitteilung des üblicherweise gut informierten Eurovision Blog voraussichtlich am 6. März 2008 wieder im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg stattfinden.

5 Gedanken zu “Prinzip Durchwursteln: kosmetische Korrekturen am Vorentscheid

  1. Wieso bequeme Ausrede? Wieso bequeme Ausrede? Das ist absolut Fakt. Die Balkan und die Russenmafia schieben sich seit Jahren die Höchstwertung zu und die westlichen Länder schauen regelmäßig in die Röhre. Wenn die Acts der beiden Jahre so schlecht gewesen wären, dann hätte a)Texas Lightning keine Goldene Schallplatte bekommen und b) Roger Cicereo wäre mit seinem Lied nicht unter die Top 10 gekommen und hätte nen Echo bekommen. Also liegt es einzig an der Politik und nicht an den Liedern. Ich bin sowieso der Meinung das die ARD nicht mehr mitmachen sollte. Das hat ja sowieso keinen Sinn mehr da mitzumachen.

  2. Von Fakten und Ausreden Nein. Genau so gut könnte ich sagen, es ist Fakt, dass Roger Cicero mit dem 19. Platz absolut gerecht bewertet war. Das ist aber lediglich meine Meinung. Genau so, wie man die Punktevergabe Osteuropas auch einem ähnlichen Musikgeschmack zuschreiben kann, anstatt sich in Mafia-Theorien zu ergehen. Fakt ist lediglich, dass die Verkaufszahlen von TL und RC in Deutschland nichts, aber auch gar nichts über die Beliebtheit ihrer Musik im Ausland aussagen – oder darüber, ob diese Musik gut ist.

  3. Vom zögern und zaudern Natürlich ist das eine Ausrede! Von wegen „ Fakt „, es gibt beim ESC keine „ Mafia „ ! Von dieser Wortwahl sollte man sich zuerst entfernen. Wer bitte schön kennt denn im Ausland Texas Lightning oder R. Cicero ? Und selbst wenn man sie dort kenne würde, bedeutet das noch lange nicht, dass ihre Musik gefällt – ob sie hier mit Goldenen Schallplatt überhäuft werden oder nicht interessiert westlich des Rheins und östlich der Oder keinen Menschen. Mit Politik hat das nichts zu tun sondern einfach mit unterschiedlichen Musikgeschmäckern. Der NDR kann nicht die Schuld nur bei anderen suchen u

  4. Na klar Na klar das so eine Aussage von einem kommen muß der Belgrad in seinem Nickname hat. Natürlich gibt es eine Balkanmafia die sich regelmäßig die Punkte zuschiebt. Da könnten die Balkannachbarn das alphabet rückwärts auf chinesisch rülpsen, die würden sich gegenseitig trotzdem 12 Punkte geben. Das gleiche gilt für die Russenstaaten. Man sieht es doch jedesmal. Westnationen haben da keine Chance mehr, von Deutschland will ich erst gar nicht reden.

  5. fairer gehts nicht! wer immer noch daran glaubt, der ganze ostblock schustert sich die punkte zu, der sollte mal sehen, auf welchen plätzen die ganzen länder eigentlich landen. auch ehemalige staaten von jugoslawien haben es schwer einstellige platzierungen zu erreichen. die ex-staaten der sowjetunion haben auch nur eine chance, wenn ihre lieder den geschmack des ostens treffen. man denke an weißrusslands anfänge und den überbewerteten heini vom letztem jahr. der grund dafür, dass wir kaum noch chancen haben ist doch eindeutig: die konkurrenz ist gigantisch geworden! schließlich kommen nur noch die besten ins finale, da können die vier großen doch nur noch alt aussehen! und noch was: man sollte sich mal die liste der grandprix gewinner anschauen, schon seit den ’90ern (wenn man die iren nicht beachtet.. 😉 )hat immer ein anderes land gewonnen und das ist meiner meinungnach der beste beweiß dafür, dass der esc fair ist. es haben seit 2001 nur länder gewonnen, die noch nie gewonnen hatten.das ist doch toll!

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