Deutschland 2008: Meer sehn

Da ist dem NDR durchaus eine positive Überraschung gelungen: nach ewiger Geheimhaltung, die bereits befürchten ließ, man habe mal wieder „eine interessante Mischung“ (Jürgen Meier-Beer 2005, lies: niemand Gescheites) gefunden, gab der Sender heute via Bild und Eurovisionshomepage die fünf Namen bekannt, die es am 6. März im Deutschen Schauspielhaus zu Hamburg gegeneinander auszufechten haben. Und diese Namen beeindrucken! Neben der gestern Abend bereits durchgesickerten Girlgroup No Angels handelt es sich um die Sommerhit-Kapelle Marquess, die Tokio-Hotel-Epigonen Cinema Bizarre, Crooner Tommy Reeve und die Musicalsängerin Carolin Fortenbacher. Weitere erfreuliche Nachricht: Thomas Hermanns moderiert erneut den Grand Prix Vorentscheid 2008.

Die Teilnehmer und ihre Songs im Einzelnen:

1. No Angels – ‚Disappear‘

Wie bereits vorab gemeldet, ist die erfolgreichste Castingband Deutschlands bei der Vorentscheidung am Start. Die 2000 aus der ersten Folge von Popstars (damals noch bei RTL2) hervorgegangene Girlgroup feierte nach ihrer Auflösung 2003 Anfang letzten Jahres ihr – allerdings nur mittelmäßig beachtetes – Comeback. Dennoch gehen sie, wie auch den heutigen Pressereaktionen zu entnehmen ist, als Favoriten ins Rennen. Bekanntestes Mitglied ist die offen lesbische Lucy Diakowska, die auch schon als Stargast bei der Vorentscheidung 2006 fungierte, wo sie vor allem durch hysterisches Mitgrooven zum Grand-Prix-Songs-Potpourri und eher surreale Gesprächsbeiträge auffiel. ‚Disappear‘, so der Titel ihres Beitrags, lässt auf eine Uptemponummer hoffen.


Ihr erster und größter Hit: können sie an ‚Daylight‘ anschließen?

2. Marquess – ‚La Histeria‘

Marquess-Frontmann Sascha Pierro verfügt bereits über Grand-Prix-Erfahrung. 2003 nahm der gut aussehende Deutsch-Italiener mit der langweiligen Ballade ‚Wenn Grenzen fallen‘ an der deutschen Vorentscheidung teil und wurde Zehnter. 2006 gründete der Songwriter (u.a. schrieb er die Titelmelodie zur SAT.1-Soap ‚Schmetterlinge im Bauch‘) mit drei Bekannten die Formation Marquess und landete mit ‚El Temperamento‘ und ‚Vayamos Compañeros‘ jeweils klassische Sommerhits im bei den Deutschen so beliebten schaumgebremsten Latino-Popsound. Der dürfte wohl auch beim Vorentscheidungssong ‚La Histeria‘ zu erwarten sein. Und nach Country und Jazz wird Europa wohl auch über spanische Klänge aus Deutschland nicht mehr verwundert sein, zumal die bei Marquess (trotz völligen Fehlens irgendwelcher Spanier in der Band) glaubwürdiger klingen als die entsprechenden G:son-Produktionen.


Ihre Blaupause: ‚Vayamos Compañeros‘

3. Cinema Bizarre – ‚Forever or never‘

Die 2005 gegründete Glamrockband zielt auf ein ähnliches Marktsegment wie Tokio Hotel. Die fünf Jungs im Alter zwischen 19 und 22 sehen allesamt aus wie Billy, mit schlimmsten Emo-Frisuren und dickem Make-up. Von den mit japanischen Pseudonymen auftretenden Bravo-Lieblingen, die sich bei einer Anime-Convention kennengelernt haben wollen (so die von der Plattenfirma verbreitete Sage) gibt es mittlerweile sogar einen Manga. Ihre Musik geht ein bisschen mehr in Richtung New Wave und ist deutlich elektronischer als Tokio Hotel, wie auch ihr etwas düsterer, aber lustig vor sich hin fiepsender Vorentscheidungstitel ‚Forever or never‘. Mit dem auf Depeche Modes ‚Everything counts‘ basierenden Song ‚Escape to the Stars‘ haben Cinema Bizarre zurzeit einen aktuellen Charthit. Bleibt die Frage, ob sie live auch singen können – und ob ihre Zielgruppe die ARD schaut und für sie votet.


Unökologisch: die Glühbirnen!

4. Tommy Reeve – ‚Just one Woman‘

Kommen wir zu den etwas weniger stark leuchtenden Namen: der durchaus nett anzuschauende Münchener Schmusesänger Tommy Reeve hatte mit seiner sehr deutlich im Stil des unerträglich winselnden Weicheis James Blunt gehaltenen Trennungsschmerzballade ‚I’m sorry‘ (sollte er für solche Musik auch sein) letztes Jahr einen Top-30-Hit in Deutschland. Die Nachfolgesingle ‚On my Mind‘ konnte sich nicht in den Verkaufscharts platzieren. Reeve macht prototypische, Kuschelrock-Sampler-kompatible Frauenmusik, weshalb sein selbst geschriebener Vorentscheidungstitel sinnvollerweise auch ‚Just one Woman‘ heißt. Genau jene könnten ihm natürlich auch die ein oder andere Stimme sichern.


Tommys Hit: ‚I’m sorry‘

5. Carolin Fortenbacher – ‚Hinterm Ozean‘

Last but, nunja, last folgt die 43jährige Musicalsängerin Carolin Fortenbacher. Die sang unter anderem schon bei Peter Maffays Kinderbespaßung ‚Tabernakel‘ ‚Tabaluga‘. Präsenter dürfte sie jedoch durch ihre Mitwirkung im Abba-Musical ‚Mamma mia‘ sein (als kleines Beispiel hier ein NDR-Mitschnitt, in dem sie gerade ‚The Winner takes it all‘ durch dick aufgetragenes, betonschweres Pathos im Stile von Whitney Houston an ihren schlechten Tagen völlig erdrosselt). Frau Mutzenbacher versucht es mit dem einzigen deutsch gesungenen Titel im Line-up. Ihren Titel ‚Hinterm Ozean‘ beschreibt sie als „wahrhaft epische Ballade über eine Fernbeziehung“. Die von Pe Werner geschriebene (soviel zu meinen Siegel-Spekulationen) „Grand-Prix-Perle“ stammt von Alsterwassers neuem Album ‚Drama‘, mit dem sie sich als „deutsche Streisand“ etablieren möchte. Aha.


Caroline zersingt ‚Der Sieger hat die Wahl‘

Bis auf ‚Forever or never‘ konnte ich noch keinen der fünf Songs hören, daher sind weitergehende Spekulationen und Bewertungen zurzeit noch verfrüht. Anerkannt werden muss auf jeden Fall, dass es dem NDR erstmals seit 2004 wieder gelungen ist, überwiegend etablierte Acts zur Teilnahme zu bewegen, die auch in den aktuellen Verkaufscharts vorkommen. Und die zudem größtenteils über langjährige Bühnenerfahrung verfügen. Besonders positiv zu vermerken ist, dass mit den No Angels und Marquess zwei Bands dabei sind, die auch außerhalb Deutschlands bereits Platten verkaufen konnten. Das lässt zumindest ein klein wenig die Hoffnung aufkeimen, dass in diesem Jahr ein deutscher Eurovisionsbeitrag heraus kommen könnte, der sich tatsächlich international vorzeigen lässt und nicht nur nationale Befindlichkeiten bedient. Und das wäre doch toll!

Der Grand Prix Vorentscheid 2008 kommt wieder aus dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Termin ist der 6. März, die ARD überträgt live ab 20:15 Uhr. Es moderiert erneut Thomas Hermanns.

8 Gedanken zu “Deutschland 2008: Meer sehn

  1. http://hubibonn.blogspot.com

    Lucy und ihre drei austauschbaren Begleitsängerinnen

    hihi! Bis auf deine Meinung zu den toten Manga-Puppen und deine Liebe zu Tante Hermanns stimme ich dir voll zu. Ich habe übrigens für 1,40 EUR für Frau Fortenbacher angerufen.

  2. Gottseidank Gott sei dank haben die No Angels gewonnen und nicht die Fortenbacher. Das Publikum war sehr einseitig, und nur weil die Fortenbacher aus Hamburg kommt. Ich habe im Superfinale dreimal für die NO Angels angerufen. Mit ner Ballade in Deutsch wäre mal wieder nur ein stilvoller Untergang möglich. Jetzt mit den No Angels kann mit einem bißchen Glück ein bißchen mehr rausspringen. Unter den ersten 15 wäre schön.

  3. Gottseidank Gott sei dank haben die No Angels gewonnen und nicht die Fortenbacher. Das Publikum war sehr einseitig, und nur weil die Fortenbacher aus Hamburg kommt. Ich habe im Superfinale dreimal für die NO Angels angerufen. Mit ner Ballade in Deutsch wäre mal wieder nur ein stilvoller Untergang möglich. Jetzt mit den No Angels kann mit einem bißchen Glück ein bißchen mehr rausspringen. Unter den ersten 15 wäre schön.

  4. Jippey a Yeah Jippey, da kann man doch echt nicht klagen. Das beste Stück hat gewonnen. CB ist wohl eindeutig keine Liveband. Grauenhafte Stimme und null Emotion. Wenn Fortenbacher dieses Lied gesungen hätte, hätte sie gewonnen. Ihr Lied hatte keine erkennbare Melodie, keinen Rhytmus und keinen Sound. Leider. Es war ein nettes Lied mit schönem Text, aber es fehlte was. Als reine Künstlerin war sie klar die Beste. Wahnsinns Ausstrahlung und Hammerstimme. Der Fummel allerdings, passend zum Sound, altbacken und Tja, nix irgendwie, unpassend, ein schwarzer Sack. Tja, so sind es die No Angels geworden, und das ist gut so. Ich hoffe sie arbeiten noch ein wenig am Gesang. Jessi hat wohl ne Oktave zu tief gesungen und Sandy war ein wenig zu laut eingestellt, Nadja zu leise. Kleinigkeiten. Performance war gut, Lied auch. Zumindest mit modernem Sound unterlegt, das will man ein 2tes mal sehen, dafür ruft man an. Hoffentlich kommen sie in Belgrad auch aus der Versenkung äh aus dem Boden. Ich traue ihnen sogar einen 5ten Platz zu. Danke fuer den Beitrag, ich drücke Daumen.

  5. Naja, etwas optimistisch ist die Top 5 Prognose aber schon. Ich kann mir kaum die Top 10 vostellen – allerdings gilt das mal wieder für die kompletten Big 4 – egal wer heute in Spanien gewinnen wird. Die Angels wirken nett aber das Problem bleibt der Song – ich halte ihn schlicht für unauffällig und wenig eingängig! Wo ist der musikalische Höhepunkt, an was soll man sich nach 25 Beiträgen erinnern ? Der Gesang war ok, letzendlich aber höheres Mittelmass und die Performance nicht wirklich spektakulär. Allerdings war die Konkurrenz ja noch schwächer: CB live :upset ?? Das war wohl die schwächste Leistung seit Gracia ! Unglaublich, dass die sogar Favoriten gewesen sein sollen. :eek Carolin war nicht schlecht, das muss man zugeben und ihr hätte ich zumindest die Plätze 9/10 beim ESC zugetraut. Klassischer ESC Beitrag – sowas kommt immer gut an. Reeves – war besser als erwartet – hat mich überzeugt. Marquess – schwächer als erwartet, zu dem Song hätte es eine stärkere Performance gebraucht -und eine farbenfrohere. Man merkte nicht wirklich, dass sie gewinnen wollten.

  6. La Histeria :cry was habe ich gebetet, dass dieser Song es nicht wird, dieses dümmliche Gereime von leckeren spanisch klingenden Wörtchen – HÖLLE :sigh Man die Fortenbacher ist ja fast umgefallen dank des Sturmes 😀 und ob die Angels in Belgrad auch aus dem Boden gefahren kommen? Hauptsache sie versinken nicht im selbigen wieder. Also drücken wir die Däumchen und freuen uns, dass ein recht gutes Liedchen gewonnen hat.

  7. Schöne Kleider? Schöne Kleider sollen das gewesen sein? Oh weia, die sahen doch aus, wie das was bei Takko nach dem Sommerschlussverkauf auf dem Wühltisch liegen bleibt. Und die Windmaschinen: oh, oh, oh, an der Performance müssen wir für Belgrade aber noch feilen, wenn wir unter die ersten zehn wollen. Trotzdem alles in allem eine sehr gute Wahl.

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