Deut­scher Vor­ent­scheid 2008: It won’t get better

No Angels, DE 2008
Die Tan­ten­haf­ten: No Angels.

Bereits zum drit­ten Mal in Fol­ge begrüß­te der Mann mit Deutsch­lands strah­lends­tem Pfer­de­ge­biss, Tho­mas Her­manns, die fast aus­schließ­lich schwu­le Fan­ge­mein­de im plü­schi­gen Deut­schen Schau­spiel­haus zu Ham­burg und vor den Fern­seh­ge­rä­ten zu einem gla­mou­rös insze­nier­ten Gala­abend. Nach den eher ent­täu­schen­den Ergeb­nis­sen der letz­ten bei­den durch das vom Quatsch-Come­dy-Macher kon­zi­pier­te For­mat aus­ge­wähl­ten deut­schen Grand-Prix-Vertreter:innen auf der inter­na­tio­na­len Büh­ne nahm Her­manns Ver­än­de­run­gen vor, die sich im Wesent­li­chen in einem von drei auf fünf Acts auf­ge­stock­ten Teil­neh­men­den­feld und einer Hin­wen­dung an das aktu­el­le Pop­ge­sche­hen mani­fes­tier­ten. Und tat­säch­lich bot die ARD dies­mal Künstler:innen auf, deren letz­te Hits größ­ten­teils nur weni­ge Mona­te zurück lagen und nicht gleich eini­ge Deka­den, so wie es bei den bei­den ers­ten Aus­ga­ben von Wer singt für Deutsch­land? öfters mal der Fall war. Selbst die für das ESC-Sieger:innen-Medley ver­pflich­te­ten Acts Rus­la­na und Maria Šerif­o­vić stamm­ten aus dem lau­fen­den Jahr­tau­send. Ein­zig die Sofa-Gäs­tin Kat­ja Ebstein, die bei der Auf­wärm­mo­de­ra­ti­on vor Beginn der Live­über­tra­gung für ihre Ver­diens­te um das deut­sche Euro­vi­si­ons­we­sen spon­tan ste­hen­de Ova­tio­nen aus dem Saal erhielt, schlug die letz­te ver­blie­be­ne Brü­cke in die glor­rei­che Grand-Prix-Vergangenheit.

Aufs fal­sche Pferd gesetzt: mit knap­per Mehr­heit bevor­zug­ten die deut­schen Fans (ein­schließ­lich des Haus­her­ren) ver­meint­li­che Inter­na­tio­na­li­tät vor hei­mi­schen Tönen (kom­plet­te Show, wegen irgend­wel­cher behäm­mer­ter Rech­te­ver­wer­tungs­wich­ser lei­der teils ohne Ton bzw. geschnitten).

Den Auf­takt gaben Mar­quess, eine für die­se Sen­dung irgend­wie exem­pla­ri­sche Mogel­pa­ckung. Mit ‘Vayamos Com­pa­ñe­ros’, einem San­grias­auf­song im bei den Deut­schen so belieb­ten schaum­ge­brems­ten Lati­no-Schla­ger­sound, hat­ten die den Som­mer­hit des Jah­res 2007 für die Bal­ler­mann­par­ty in hei­mi­schen Groß­raum­dis­cos abge­lie­fert. Ihr selbst geschrie­be­ner Vor­ent­schei­dungs­bei­trag ‘La His­te­ria’ kam im glei­chen Erst­kläss­ler-Pidgin-Spa­nisch (“Die Seño­ri­ta ist wie ein Bon­bon”) daher wie ihre bis­he­ri­gen Ver­öf­fent­li­chun­gen. Kein Wun­der, stam­men die vier Jungs doch aus Han­no­ver und haben mit dem Land der knat­tern­den Kas­ta­gnet­ten soviel zu tun wie Ralph Sie­gel mit zeit­ge­mä­ßer Pop­mu­sik. Und obschon der schnu­cke­li­ge Mar­quess-Front­mann Sascha Pier­ro (der Rest der Band… ist halt der Rest der Band) mit einer Teil­nah­me am deut­schen Vor­ent­scheid 2003 bereits über Grand-Prix-Erfah­rung ver­füg­te, geriet ihre Per­for­mance zwar teu­to­nisch prä­zi­se, aber irgend­wie unspek­ta­ku­lär. Also das genaue Gegen­teil einer ‘His­te­ria’ ver­kör­pernd. Inso­fern gut, dass sie nicht in das zum Zwe­cke der Publi­kums­mel­kung und Sen­de­zeit­stre­ckung ein­ge­führ­te Super­fi­na­le kamen oder gar gewan­nen, hät­te ihre Ent­sen­dung nach Bel­grad doch eine erheb­li­che Belas­tung des deutsch-ibe­ri­schen Ver­hält­nis­ses befürch­ten lassen.

Der Video­clip zu ‘Just one Woman’ ent­schä­digt im Gegen­satz zum Live­mit­schnitt wenigs­tens mit nack­tem Ober­kör­per für Tom­mys fades Gewin­sel. Den­noch lau­tet die Emp­feh­lung: mit abge­schal­te­tem Ton anschauen.

Der Auf­tritt von Tom­my Ree­ve (bür­ger­lich: Tho­mas Vogt), Deutsch­lands unver­langt ein­ge­sand­te Ant­wort auf das uner­träg­li­che bri­ti­sche Weich­ei James Blunt, der im Vor­jahr mit dem unent­schuld­ba­ren ‘I’m sor­ry’ unver­ständ­li­cher­wei­se einen Hit hat­te, sorg­te bei mir nicht nur wegen sei­nes schlei­mi­gen sowie von der ers­ten Sekun­de an als unauf­rich­tig und berech­nend durch­schau­ba­ren Mono­ga­mie­ge­sül­zes ‘Just one Woman’ für aku­te Übel­keits­at­ta­cken: die im Fern­se­hen weni­ger prä­sen­ten, in der Hal­le aber um so sicht­ba­re­ren Hin­ter­grund­ein­blen­dun­gen auf der LED-Wand, die den Schmu­se­bar­den in einem drei­mi­nü­ti­gen Pot­pour­ri sei­ner schlimms­ten Schlaf­zim­mer­blick-Posen zeig­ten, bewie­sen eine der­ma­ßen eit­le Selbst­ver­liebt­heit, dass dage­gen Kate Moss beschei­den wirkt. Die eben­falls auf fünf Mann auf­ge­stock­ten Plau­der­couch­gäs­te hat­te man dies­mal gezwun­gen, als Song­pa­ten für jeweils einen der Acts zu fun­gie­ren (wer beim NDR aller­dings auf die Idee kam, den kom­plett unlus­ti­gen Oli­ver Pocher ein­zu­la­den, gehört noch im Nach­hin­ein ver­prü­gelt), und die Tom­my zuge­teil­te Kim Fisher sorg­te mit ihren ans Not­gei­le gren­zen­den Her­an­wanz­e­rei­en an den wim­mern­den Schön­ling für zusätz­li­che Fremd­scha­m­at­ta­cken. Dan­kens­wer­ter­wei­se ver­sank Ree­ve im Anschluss an die­se Sen­dung wie­der in der Versenkung.

Wenn Du Tokio Hotel auf Wish bestellst: Cine­ma Bizarre.

Tho­mas Her­manns in der Sen­dung live spon­tan adop­tier­te Glam­rock-“Kin­der” Cine­ma Bizar­re, die im Vor­jahr mit ‘Love­songs (they kill me)’ in den Top Ten lan­den konn­ten, waren trotz eini­ger erkäl­tungs­be­ding­ter, leich­te­rer (*hüs­tel*) stimm­li­cher Schwä­chen in der ers­ten Abstim­mungs­run­de mei­ne per­sön­li­che Wahl. Ein­fach weil ihr Bei­trag ‘Fore­ver or never’, übri­gens aus der Feder des glei­chen däni­schen Song­schrei­ber­teams wie der Sie­ger­song der No Angels, sich als hübsch elek­tro­nisch fie­pen­de Remi­nis­zenz an die guten alten New-Wave-Zei­ten ent­pupp­te. Doch die als Tokio Hotel für Arme gebuch­ten Kaja­l­kin­der schei­ter­ten trotz ver­zwei­fel­ter Beteue­run­gen in ihrem Ein­spiel­film, ihre Musik rich­te sich nicht nur an Puber­tie­ren­de, son­dern sei auch für “Älte­re” gedacht, an ihrer Fan­ba­sis. Denn die bestand natür­lich vor allem aus Men­schen, die noch nicht über eine Scham­be­haa­rung ver­füg­ten. Und die fan­den ver­mut­lich größ­ten­teils das Ers­te gar nicht erst auf der Fern­be­die­nung. Dem kom­mer­zi­el­len Erfolg scha­de­te es nicht: ‘Fore­ver or never’ char­te­te auf der #44, die bizar­ren Cine­as­ten ver­öf­fent­lich­ten im Jahr dar­auf noch ein zwei­tes Album und durf­ten sogar als Vor­band für Lady Gaga fun­gie­ren. 2010 lös­te sich die Band auf, Drum­mer Shin tritt heu­te unter dem fan­tas­ti­schen Namen Roset­ta Bleach als Drag­queen auf.

Wohl Fan der roten Spiel­art (“Ver­misst Du mei­nen Arm?”): die Mutzenbacher.

Für mei­ne vor­an­ge­gan­ge­nen Läs­te­rei­en über die Musi­cal­sän­ge­rin Caro­li­ne For­ten­ba­cher muss ich an die­ser Stel­le Abbit­te leis­ten. Die Frau über­zeug­te bei ihrem Auf­tritt durch Stimm­ge­walt, Prä­zi­si­on, Dra­ma­tik und den Ein­satz der Wind­ma­schi­ne sowie im Inter­view mit Tho­mas Her­manns durch Schlag­fer­tig­keit und Humor. Live gesun­gen klang ihr absur­der Fern­be­zie­hungs­schla­ger ‘Hin­term Oze­an’ zudem gar nicht mal so drö­ge wie auf Plat­te. Den­noch stimm­te ich im Super­fi­na­le für den inter­na­tio­nal erfolg­ver­spre­chen­de­ren Act (im Rück­blick gebe ich zu: da habe ich mich womög­lich geirrt). Und war dem­entspre­chend erleich­tert über den – mit 50,5 zu 49,5% aller­dings denk­bar knap­pen – Sieg der No Angels über die Musi­cal­tan­te. Frau Dia­kow­ski und ihre drei aus­tausch­ba­ren Begleit­sän­ge­rin­nen, denen trotz ihres sehr erfolg­rei­chen Come­backs im Jah­re 2006 ihre neue Plat­ten­fir­ma Uni­ver­sal nach ledig­lich einer geflopp­ten Sin­gle­aus­kop­pe­lung im Som­mer 2007 die Pis­to­le auf die Brust setz­te und sie gegen Wider­stand in Tei­len des Quar­tet­tes zur Teil­nah­me am Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheid zwang, lie­fer­ten einen gefäl­li­gen Pop­song, eine pas­sa­ble Per­for­mance, hüb­sche Klei­der mit lus­ti­gen Schlep­pen und gleich vier (!) Wind­ma­schi­nen. Was woll­te man mehr?

Stim­men im Wind, die sie rufen, wenn der Abend beginnt: die No Angels.

Nun ja: viel­leicht ein Sie­ger­lied, das man nicht schon wäh­rend des Hörens wie­der ver­gaß. Denn tat­säch­lich soll­te sich der Song­ti­tel ‘Disap­pe­ar’ als selbst erfül­len­de Pro­phe­zei­ung erwei­sen. Nach der durch einen bes­ten­falls als “indis­po­niert” zu umschrei­ben­den Auf­tritt eigen­ver­schul­de­ten Bla­ma­ge von Bel­grad mit einem geteil­ten letz­ten Platz und in Anbe­tracht ihrer Leis­tung gera­de­zu pein­li­chen Dou­ze Points aus Lucys Hei­mat Bul­ga­ri­en sowie der durch eine publi­ci­ty­gei­le Staats­an­walt­schaft öffent­lich­keits­wirk­sam insze­nier­ten Ver­haf­tung des Band­mit­glieds Nad­ja Benais­sa mit­ten in der Frank­fur­ter City und dem damit ver­bun­de­nen Zwangs­ou­ting ihrer HIV-Infek­ti­on im Jahr dar­auf tru­del­te die Girl­group in einen Abwärts­stru­del mit plat­zen­den Wer­be­ver­trä­gen und schwin­den­den Ver­kaufs­zah­len. Im Som­mer 2010 lös­te sich das Quar­tett de fac­to erneut auf. Mit ‘Disap­pe­ar’ begann indes eine neue Zeit­rech­nung beim deut­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheid, der in die­sem Jahr die nied­rigs­te Ein­schalt­quo­te seit der Über­nah­me durch den NDR im Jahr 1996 erreich­te: näm­lich die Pha­se der von aus­län­di­schen Seri­en­song­schrei­ber­teams kom­po­nier­ten, auf strom­li­ni­en­för­mi­ge Durch­hör­bar­keit kon­zi­pier­ten, voll­kom­men aus­tausch­ba­ren Radio­mu­cke. Die sich trotz der damit ver­bun­de­nen Lan­ge­wei­le und der über­wie­gen­den Erfolg­lo­sig­keit beim TV-Wett­be­werb Euro­vi­si­on Song Con­test beim NDR bis heu­te unge­bro­chen hoher Beliebt­heit erfreut.

Als hät­te ihnen jemand den Ste­cker gezo­gen: der saft- und kraft­lo­se Auf­tritt der No Angels in Bel­grad war schmerz­haft mit­an­zu­schau­en und pein­lich für den Pop­stand­ort Deutschland.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2008

Grand Prix Vor­ent­scheid. Don­ners­tag, 6. März 2008, aus dem Deut­schen Schau­spiel­haus in Ham­burg. Fünf Teilnehmer:innen, Mode­ra­ti­on: Tho­mas Her­manns. Tele­vo­ting mit Superfinale.
#Inter­pre­tenSong­ti­telTele­vo­teSuperPlatzCharts
01Mar­quessLa His­te­rian.b.n.b.n.b.15
02Tom­my ReeveJust one Womann.b.n.b.n.b.88
03Cine­ma BizarreFore­ver or nevern.b.n.b.n.b.44
04Caro­li­ne FortenbacherHin­term Ozeann.b.49,5%0244
05No AngelsDisap­pe­arn.b.50,5%0104

*Hin­weis zur Tabel­le: der NDR ver­öf­fent­lich­te nur das Ergeb­nis der zwei­ten Abstim­mungs­run­de zwi­schen den bei­den Erstplatzierten.

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 13.11.2022

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5 Comments

  • hi Caro­lin war mein fave!!! Sie hat das so geil gesun­gen!!! Aber im nachin­ein fin­de ich cine­ma biz­za­re immer bes­ser aber die no angels fadn ich gar net toll!!!! Ich den­ke mit jedem ande­ren aus­s­ser tom­my Ree­ve hät­ten wir bes­ser abge­schnit­ten;) naja mit mar­quees vllt auch nicht aber mit caro­lin und cine­ma biz­za­re auf­je­den­fall;) mfg pasi

  • (‘Die Seño­ri­ta ist wie ein Bonbon’)

    Mar­quess müs­sen wohl hell­se­he­risch über Ishtar gesun­den haben in ihrem Campino-Kleid. 😆

  • […] Da ist dem NDR durch­aus eine posi­ti­ve Über­ra­schung gelun­gen: nach ewi­ger Geheim­hal­tung, die bereits befürch­ten ließ, man habe mal wie­der nie­mand Geschei­tes gefun­den, gab der Sen­der heu­te via Bild und Euro­vi­si­ons­home­page die fünf Namen bekannt, die es am 6. März im Deut­schen Schau­spiel­haus zu Ham­burg gegen­ein­an­der aus­zu­fech­ten haben. Und die­se Namen beein­dru­cken! Neben der ges­tern Abend bereits durch­ge­si­cker­ten Girl­group No Angels han­delt es sich um die Som­mer­hit-Kapel­le Mar­quess, die Tokio-Hotel-Epi­go­nen Cine­ma Bizar­re, Croo­ner Tom­my Ree­ve und die Musi­cal­sän­ge­rin Caro­lin For­ten­ba­cher. Wei­te­re erfreu­li­che Nach­richt: Tho­mas Her­manns mode­riert erneut den Grand Prix Vor­ent­scheid 2008. […]

  • […] Bach rich­tig schmal wirk­te, und der fröh­lich durch den Abend flie­gen­den Lucy Dia­kow­s­ka (No Angels, DE 2008) gestal­te­te der Enter­tai­ner ein inti­mes Fest für die enge­re Fami­lie. Auch die Ein­spie­ler, Hape […]

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