Pro­ben zwei­tes Semi 2008

Offi­zi­el­les Sub­lo­go des ESC 2008
© EBU, RTS

Die Tage Drei und Vier der Pro­ben in Bel­grad sind gelau­fen, wohl die inter­es­san­tes­ten von allen. Mit gleich drei siche­ren Anwär­tern auf das Fina­le, wenn nicht gar den Gesamt­sieg – und einem mög­li­chen Favo­ri­ten­sturz. Die neun­zehn Semi­fi­na­lis­ten vom kom­men­den Don­ners­tag gaben sich ein Stell­dich­ein und lie­ßen die Kon­kur­renz der ers­ten bei­den Pro­ben­ta­ge alt aus­se­hen. Es regier­te kon­zen­trier­tes High-Camp-High-NRG: und genau das ist es, was wir vom Con­test wol­len!

Das ging los mit Island. ‘This is my Life’ ent­pupp­te sich als der idea­le Ope­ner. Bereits im Vor­feld mein Favo­rit, ist nach die­ser Per­for­mance Reyk­ja­vik 2009 nicht mehr aus­zu­schlie­ßen. Fre­de­rik und Regi­na von der Euro­band ver­zich­ten voll­stän­dig auf Tän­zer. Eine her­vor­ra­gen­de Ent­schei­dung, denn bei ihrem Song han­delt es sich bereits um Spit­zen­camp. Eine Tanz­cho­reo­gra­fie könn­te da zum Over­kill gera­ten. Fre­de­rik reibt sein Gesicht offen­sicht­lich noch immer jeden Mor­gen mit Speck­schwar­ten ein, so rosig glänzt er. Bei­de strah­len so vol­ler Enthu­si­as­mus, dass man sie ein­fach lieb haben muss! Im direk­ten Ver­gleich dazu fällt der gro­ße Fan-Favo­rit Schwe­den etwas ab. Char­lot­te “Botox” Per­rel­li prä­sen­tiert exakt die glei­che Cho­reo­gra­fie wie schon im Melo­di­fes­ti­va­len. Und war­um auch nicht, denn die ist schließ­lich per­fekt! Stimm­lich hielt sie sich bei der Pro­be etwas zurück – eine gewis­se rou­ti­nier­te Pro­fes­sio­na­li­tät ist ihr nicht abzu­spre­chen. Wäre da nur nicht ihr gera­de­zu beängs­ti­gen­des Äuße­res: die Gute sieht aus wie eine alters­be­dingt ein­mal zu oft gelif­te­te, unter Mager­sucht lei­den­de Bar­bie­pup­pe und könn­te pro­blem­los Chu­ckys Braut spie­len. Da bei­de Acts auf das glei­che Publi­kum zie­len, wird es extrem span­nend, wer am Ende mehr über­zeu­gen kann: der pro­fes­sio­nell exe­ku­tier­te Schwe­den­schla­ger oder der fröh­li­che islän­di­sche Schwup­pen­tech­no?


I’m lovin’ it!

Nach die­ser Dop­pel­do­sis Spit­zen­camp holen uns die tür­ki­schen Rocker Mor ve Öte­si wie­der auf die Erde zurück. Alles an ihrer Per­for­mance ist unspek­ta­ku­lär, ein­schließ­lich des Songs. In ihrer Pres­se­kon­fe­renz sei­en sie, wie Esc­Na­ti­on berich­tet, von einer ser­bi­schen Jour­na­lis­tin gefragt wor­den, ob sie bereits Gele­gen­heit hat­ten, “ört­li­ches ser­bi­sches Fleisch” zu kos­ten. “Oder Frau­en?”. Und dann behaup­te noch mal einer, die Bel­gra­der sei­en homo­phob! Atem­be­rau­bend wirkt der Auf­tritt von Ani Lorak aus der Ukrai­ne, der mal wie­der deut­lich die per­for­ma­ti­ve Über­le­gen­heit des Ost­blocks beweist. Ani bringt einen manns­ho­hen, von innen mit Neon beleuch­ten Spie­gel­schrank mit auf die Büh­ne, in dem sich ihre Tän­zer ver­ste­cken und auf den sie im Ver­lauf ihrer drei Minu­ten rauf­klet­tert. Ihre Show ist neu, ori­gi­nell, hoch­gra­dig unter­halt­sam und passt per­fekt zu ihrem ein­gän­gi­gen Disco­pop­song ‘Shady Lady’. Dazu noch kann die Frau sin­gen! Es ist wie bei Tina Karol, nur mit bes­se­rer eng­li­scher Aus­spra­che. Man merkt ein­fach, dass hier jemand den Sieg auch wirk­lich will und sich dafür alle Mühe gibt, ohne dass es ange­strengt wirkt. Könn­te wohl 2009 doch wie­der auf Kiew hin­aus lau­fen.


Leicht ver­krampft: die jun­ge Alta

Danach heißt es: Pin­kel­pau­se! Jeroni­mas Mili­us aus Litau­en quält erneut drei Minu­ten sei­ne Stimm­bän­der und mei­ne Ner­ven. Er jault wie eine ver­ge­wal­tig­te Kat­ze und ver­brei­tet Depres­si­on und Lan­ge­wei­le. Soll­te sich unter mei­nen Lesern in Bel­grad ein guter Moti­va­ti­ons­trai­ner befin­den, so möge er doch bit­te der armen Olta Boka geschwind unter die Arme grei­fen. Die 16jährige Alba­ne­rin erschien bei der Pro­be ganz offen­sicht­lich hyper­ner­vös. Ganz ohne Grund, denn sie hat eine ergrei­fen­de Bal­la­de und kann gut sin­gen. Etwas mehr Selbst­ver­trau­en bit­te, denn es wäre scha­de um die­sen wun­der­schö­nen Bei­trag. Mög­li­cher­wei­se lag ihre Miß­stim­mung aber auch an den prä­sen­tier­ten grau­en­haf­ten Büh­nen­kla­mot­ten, die aus­se­hen, als habe ein 95jähriger, drei­vier­telblin­der Schnei­der aus einem Dorf ohne Anschluß an die Außen­welt den Auf­trag erhal­ten, etwas zum The­ma “Musik” zu kre­ieren.


Prai­se the Lord of the Balls!

Inter­es­sant: die unter­schied­li­chen Reak­tio­nen, wel­che die Pro­be von Pao­lo Mene­guz­zi her­vor­rief. Wäh­rend deut­sche Fans wei­ter­hin Loba­ri­en auf den Schwei­zer sin­gen, ver­lieh der iri­sche Blog All Kinds of Every­thing ihm die dies­jäh­ri­ge Kate-Ryan-Pla­ket­te für den zu erwar­te­ten­den Favo­ri­ten­sturz. Ich bin geneigt, mich die­ser Mei­nung anzu­schlie­ßen, denn weder konn­te der Gute stimm­lich über­zeu­gen noch show­tech­nisch. Span­nen­der­wei­se klingt er auf unter­schied­li­chen Pro­ben­mit­schnit­ten unter­schied­lich schlecht – für viel ent­schei­den­der aber hal­te ich, dass sei­ne Show mit vier halb­her­zi­gen Shuf­f­le-Tän­zern und viel Umher­ge­lau­fe der­ma­ßen abge­stan­den und acht­zi­ger­jah­re­mä­ßig her­über­kommt, dass einem die Füße ein­schla­fen. Auch ich pro­phe­zei­he ein Ergeb­nis im DJ-Bobo-Bereich. Und zu Recht. Tere­za Kerndló­va (Tsche­chei) ist die neu­es­te ost­eu­ro­päi­sche Anwär­te­rin für die Gold­me­dail­le im Wett­be­werb um das kür­zes­te Bein­kleid. Der Rest bleibt schlecht gesun­ge­ner Lärm. Rus­lan Alenk­ho (Bela­rus) schließ­lich hüpft wäh­rend sei­ner drei Minu­ten auf ver­schie­den gro­ßen gol­de­nen Kugeln her­um. Man war­tet förm­lich dar­auf, dass er abrutscht und sich das Kinn auf­schlägt. ‘Has­ta la Vis­ta’ jeden­falls, in der Ursprungs­fas­sung schö­ner Euro­trash, bleibt im Bel­grad-Remix lahm wie aus­ge­lutsch­ter Kau­gum­mi.


So muss eine Cho­reo aus­se­hen!

Die zwei­te Hälf­te der zwei­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de prä­sen­tier­te sich, pas­send zum Som­mer­wet­ter, nau­tisch: von den lus­ti­gen let­ti­schen Pira­ten eröff­net und von der dra­ma­tisch düs­te­ren por­tu­gie­si­schen Fischers­frau Vânia abge­schlos­sen. Und kaum einen bes­se­ren Ope­ner hät­te man sich für die­sen Tag vor­stel­len kön­nen als die Pira­tes of the Sea, den – ich beto­ne es immer wie­der ger­ne – aller­ers­ten bal­ti­schen Euro­vi­si­ons­bei­trag ever, den ich unein­ge­schränkt mag. Ein purer, scham­lo­ser Spaß­bei­trag, der auf kei­ner Bal­ler­mann­par­ty fehl am Plat­ze wäre. In der Pres­se­kon­fe­renz ergin­gen sich, wie die Schla­ger­boys rap­por­tie­ren, die lus­ti­gen Let­ten in pau­sen­lo­sen anzüg­li­chen Anspie­lun­gen auf Rober­tos gro­ßes Schwert – die Schlin­gel! Das zückt das put­zi­ge Bär­chen auch in der Show, wenn er und sei­ne Pira­ten­freun­de sich nicht gera­de in YMCA-rei­fen Ver­ren­kun­gen erge­hen. Übri­gens soll beim Semi­fi­na­le auch noch ein Wikin­ger­schiff auf die Büh­ne segeln – wenn es denn bis dahin dem wider­spens­ti­gen let­ti­schen Zoll ent­ris­sen wer­den kann. ‘Grand­ma beats the Drum’ war ges­tern – DJ Opi ist heu­te! Der char­mant vor sich hin knot­tern­de kroa­ti­sche Rent­ner­rap­per 75 Cents (man weiß nicht: schimpft er über die Schlech­tig­keit der Jugend oder ver­brei­tet er poli­ti­sche Brand­re­den?) ist nicht nur durch eine bereit ste­hen­de Blut­bank (oder ist das der Not­fall-Sli­wo­witz?) gegen plötz­li­che Schwä­che­an­fäl­le abge­si­chert. Die cle­ve­ren Stra­ßen­mu­si­kan­ten von Kral­je­vi Uli­ce stel­len ihm auch ein anti­kes Gram­mo­fon auf die Büh­ne, auf dem er am Ende ein wenig scratcht. Ein ech­ter Knül­ler – OnEu­ro­pe ruft ‘Roman­ca’ bereits als mög­li­chen Sie­ger­ti­tel aus. Nicht abwe­gig, wie ich mei­ne: das gan­ze Ding ist ein­fach sehr, sehr bezau­bernd!


“Spre­chen Sie Deutsch”?

Von einem Plat­ten­krat­zer zum nächs­ten: die Bul­ga­ren schi­cken gleich zwei DJs, die hin­ter bren­nen­den Turn­ta­bles agie­ren, wäh­rend ein bil­li­ges ost­eu­ro­päi­sches Fal­si­fi­kat von Chris­ti­na Ugly­e­ra in einem schä­bi­gen Ani­mie­rout­fit den net­ten Neun­zi­ger­jah­re-Dance­kra­cher DJ take me away’ zu Schan­den singt. Die gro­ße “12” auf dem T-Shirt ihres Begleit­tän­zers soll wohl die Punkte­hoff­nung des Lan­des signa­li­sie­ren, ist aber auch als ihr Preis pro Stun­de dechif­frier­bar. Horst Buch­holz Simon Mathews sieht nach wie vor zum Nie­der­kni­en aus (seit ich gele­sen habe, dass er Poli­zist lernt, möch­te ich das um so lie­ber!), solan­ge er sei­ne Schie­ber­müt­ze auf­lässt. Dar­un­ter bedürf­te es näm­lich drin­gendst einer Schur! ‘All Night long’ ist und bleibt ein schreck­li­cher däni­scher Swing-Schun­kel­schla­ger, den ich nur mit den Fin­gern in den Ohren zu ertra­gen ver­mag. Nicht nur wegen ihrer Blind­heit liegt der Ver­gleich der geor­gi­schen Dia­na Gurt­s­ka­ya zu Corin­na May auf der Hand: auch sie gibt schmerz­haft lau­te, kreis­sä­gen­ar­ti­ge Töne von sich und bewegt sich völ­lig unge­lenk. Wäh­rend der Show ver­hül­len ihre Tän­zer sie zwei­mal kurz mit einem Tuch – ein Kos­tüm­wech­sel steht also zu erwar­ten, was mei­ne Hoff­nung nährt, dass das heu­ti­ge schlim­me Out­fit nicht das letz­te Wort bleibt!


Erwähn­te ich die vier hünen­haf­ten schwe­di­schen Tän­zer bereits?

Wie über­aus ori­gi­nell von der Unga­rin Csé­zy, den Büh­nen­hin­ter­grund zu ihrem Song ‘Cand­le­light’ mit bren­nen­den Ker­zen zu über­sä­en. Ori­gi­nel­ler jeden­falls als ihre lah­me Bal­la­den­mi­schung aus ‘Will my Heart sur­vi­ve’ und ‘One Moment in Time’. Die quir­li­ge Mal­te­se­rin More­na lässt sich bei ihrem Wer­be­feld­zug für den Alko­hol­kon­sum (von dem angeb­li­chen Spio­na­ge­text ist dank ihrer Aus­spra­che außer “Wod­ka”, “Nastro­wje!” und “Ever­y­whe­re is Bitch Talk”, womit sie sich zwei­fel­los auf die schwu­len Euro­vi­si­ons­blogs bezieht, kein Wort zu ver­ste­hen) von vier hünen­haf­ten schwe­di­schen Tän­zern die Arbeit abneh­men: sie bewegt sich so gut wie gar nicht, sieht dabei in ihren Sil­ber­glit­ter­stie­feln aber fabel­haft aus! Fast so fabel­haft wie ihre vier hünen­haf­ten schwe­di­schen Tän­zer. Im Gegen­satz zu Oli­via Lewis trifft sie alle Töne, und ihre Cho­reo­gra­fie ist nicht so over the Top – das könn­te dies­mal wei­ter kom­men. Ich hof­fe es jeden­falls stark, allei­ne schon, um am Sams­tag noch mal die hünen­haf­ten schwe­di­schen Tän­zer bewun­dern zu kön­nen. Evdo­kia Kadi zieht die glei­che Show ab wie in der zyprio­ti­schen Vor­ent­schei­dung: ein biss­chen Sir­ta­ki, ein wenig Table­dance. Dazu per­len auf der Video­lein­wand Was­ser­trop­fen. Na klar, bei einer ‘Femme fatal’ beschlägt schon mal die Matt­schei­be. Ahem.


Sweet as Can­dy: die super­sym­pa­thi­sche Vânia

Die Maze­do­ni­er schi­cken den­sel­ben schlam­pig dar­ge­bo­te­nen pseu­do­mo­der­nen Lärm wie immer. Um so span­nen­der, ob die neue Halb­fi­nal­for­mel wirkt und sie dies­mal schon in der Vor­run­de schei­tern. Und noch span­nen­der, ob es Por­tu­gal dies­mal end­lich schafft! Der Chan­son­do­mi­na Vânia Fer­nan­des und ihrem Chor der armen Fischers­leut’ (des­we­gen die absicht­lich bil­li­gen Kla­mot­ten) ist es unbe­dingt zu gön­nen: dank der täti­gen Mit­hil­fe eines kroa­ti­schen Song­schrei­bers gelingt es den Por­tu­gie­sen end­lich, die inhalt­li­che Dra­ma­tik ihres zor­ni­gen Gebe­tes (‘Sen­ho­ra du Mar’ ist die Weh­kla­ge an die Köni­gin der See, die Vâni­as Mann zu sich nahm) auch musi­ka­lisch adäquat umzu­set­zen und sich nicht in der übli­chen, lan­des­ty­pi­schen Fad­heit zu ver­lie­ren. ‘Sen­ho­ra du Mar’ ist ein Euro­vi­si­ons­dra­ma, wie es im Buche steht – sen­sa­tio­nel­ler­wei­se kommt im letz­ten Refrain gar die Wind­ma­schi­ne zum Ein­satz! Dazu guckt die (im Inter­view zum Abbus­seln süße) Vânia beim Auf­tritt der­ar­tig gebie­te­risch in die Kame­ra, dass Euro­pa schon aus Angst vor dem bösen Blick für sie anru­fen muß. Ein fan­tas­ti­scher Abschluß für das zwei­te Semi­fi­na­le!

Zwei­tes Semi 2008: der Nach­be­richt

2 Gedanken zu “Pro­ben zwei­tes Semi 2008

  1. Stahl­be­ton Ich hof­fe sehr, dass die Fin­nen es ins Fina­le schaf­fen. Ter­äs­be­to­ni und ‘Mis­sä mie­het ratsa­staa’ gefällt mir näm­lich um Län­gen bes­ser als Lor­di und ‘Hard Rock Hal­le­lu­jah’. Lei­der wer­den sie dies­mal wohl aber nicht gewin­nen. Zwei­mal mit Rock inner­halb von drei Jah­ren ist unmög­lich, lei­der, aber rich­tig fair war der Con­test ja eh noch nie. da gewin­nen dann auch schon mal schlech­te­re Num­mern nur weil sie eher da waren. *seufz*

  2. Die Fin­nen, auf die freue ich mich schon – nicht nur, weil die Jungs optisch mein Herz höher schla­gen las­sen, son­dern auch weil mir ihr Song von Hören zu Hören bes­ser gefällt und mitt­ler­wei­le zu mei­nen Favo­ri­ten gehört. Als abso­lut furcht­bar habe ich in den letz­ten Tagen den Herrn Bilan emp­fun­den; ein biss­chen Dra­ma ist ja nie schlecht – aber wie der Rus­se für sein diven­haf­tes Her­um­ge­heu­le von den Blogs in den Him­mel gelobt wird, nervt mich doch schon sehr.

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