Kroa­ti­en 2009: Bin­den beflü­geln

Wäh­rend in den meis­ten Län­dern die Teil­rück­kehr der Jurys für einen Rück­fall in die schlimms­ten Nie­de­run­gen der Neun­zi­ger­jah­re mit ster­bens­lang­wei­li­gen Schnarch­bal­la­den sorg­te, ent­schied sich die ehe­ma­li­ge Euro­vi­si­ons­su­per­macht Kroa­ti­en gleich für die schlimms­ten Nie­de­run­gen der Sech­zi­ger­jah­re: es schickt ein unglaub­lich bie­der aus­se­hen­des Büb­chen namens Igor Cukrov (selbst­re­dend ein Cas­ting­show­teil­neh­mer, wie geschätzt 130% aller der­zeit im Musik­busi­ness Täti­gen) mit einer schnul­zig-abge­stan­de­nen Lie­bes­er­klä­rung aus dem Hau­se Hul­jić an ein Pro­dukt des täg­li­chen Bedarfs. Jeden­falls für die Genera­ti­on, wel­che die Sech­zi­ger­jah­re noch live mit­er­le­ben durf­te: ‘Ljepa Tena’.


Er knö­delt und kreischt, dass man inkon­ti­nent davon wer­den könn­te!

Cukrovs Sieg führt ein­mal mehr die Absur­di­tät des Jury-Tele­vo­ting-Mixes vor Augen (aber auf die­sem Auge und Ohr sind die Jury­fans lei­der blind und taub, da kann man sich Fus­seln an den Mund reden!). Der eigent­li­che Dora-Sie­ger heißt näm­lich Tomis­lav Bra­lić. Er gewann das Tele­vo­ting mit einer Schla­ger­schnul­ze, für die selbst ein Han­si Hin­ter­se­er sich schä­men wür­de. Die Jury hin­ge­gen setz­te das schreck­li­che bos­ni­sche Damen­trio Femmi­nem (Sie erin­nern sich viel­leicht: ‘Call me’) an die Spit­ze. Pro­fi­teur die­ser Unei­nig­keit war der gute Igor, der in bei­den Ran­kings an zwei­ter Stel­le lag. Mit ande­ren Wor­ten: Kroa­ti­en schickt sein zweit­bes­tes Lied nach Mos­kau. Na bra­vo! Immer­hin ist sein Bei­trag kon­se­quent: nicht nur unglaub­lich alt­ba­cken und drö­ge, son­dern auch so kata­stro­phal schief gesun­gen, dass man vor Pein unter sich lässt. Und was braucht man dann? Eben, die Tena!


Soll noch mal einer sagen, nur in Deutsch­land gäbe es schlim­men Schla­ger!

So lang­sam rückt eine Top-Ten-Plat­zie­rung für Alex swings, Oscar sings doch noch in greif­ba­re Nähe!

11 Gedanken zu “Kroa­ti­en 2009: Bin­den beflü­geln

  1. Wet­ten rich­tig gesun­gen, etwas lei­den­der und mit einem Jok­si­mo­vic-Arran­ge­ment ver­se­hen und du wür­dest den Song lie­ben? 😉 Aller­dings drängts ich auch mir so lang­sam der Ver­dacht auf, dass sich der dies­jäh­ri­ge Jahr­gang kon­se­quent zurück­ent­wi­ckelt und Alt- oder Uralt­kon­zep­te wie­der auf­ge­tra­gen wer­den. Dabei soll­te man doch mei­nen, dass nach einem Tim­ba­land-Sieg letz­tes Jahr ein biß­chen mehr Moder­ne in den Con­test ein­zie­hen wür­de. Doch irgend­wie scheint das Gegen­teil der Fall zu sein. Vie­le Songs klin­gen als hät­ten sie schon vor Jah­ren genau­so dabei sein kön­nen… 🙄

  2. Wet­ten rich­tig gesun­gen, etwas lei­den­der und mit einem Jok­si­mo­vic-Arran­ge­ment ver­se­hen und du wür­dest den Song lie­ben? 😉

    Abso­lut! 😀 Und was die Rück­schritt­lich­keit der Bei­trä­ge angeht, habe ich nur ein Wort: Jury! Wenn man den Muff der Fünf­zi­ger wie­der ein­führt, bekommt man halt auch muf­fi­ge Songs! Ganz ein­fach!

  3. *Urgh… Also, mal ehr­lich. Da wären auch Tomis­lav Bra­lic oder Femi­nem nicht bes­ser gewe­sen… Ein abso­lut schwa­cher Jahr­gang… Aber viel­leicht lernt Igor ja die gute Meta­xa ken­nen und wer weiß uns dann nächs­tes Jahr bevor­steht… 😉

  4. Igor und Meta­xa In 16 – 17 Jah­ren ein wah­res Stimm­wun­der. Minus mal Minus ergibt schließ­lich Plus. 😉

  5. Ach du lie­ber Him­mel. Ich kann dem Kom­men­tar hier nur vor­be­halt­los zustim­men – aller­dings fin­de ich, das ist nicht San Remo 1963, son­dern eher – na, sagen wir, Madrid 1962. Noch rück­wärts­ge­wand­ter, aber mit einer typisch ibe­ri­schen Jam­mer­gi­tar­re. Dage­gen war ja der schimp­fen­de alte Mann die Kro­ne der Inno­va­ti­on…

  6. Jury als Ret­ter? Dies­mal wohl tat­säch­lich Über den Sinn und Unsinn von Juries kann man ja sehr geteil­ter Mei­nung sein (und ich bin selbst noch nicht zu einem ein­deu­ti­gen Urteil gekom­men), aber bei der dies­jäh­ri­gen Dora muss ich sagen, dass ich sehr dank­bar über das Vor­han­den­sein einer sol­chen war! Natür­lich gibt es das beschrie­be­ne Phä­no­men, dass bei Unei­nig­keit dann der Zwei­te gewinnt, den eigent­lich nie­mand an ers­ter Stel­le haben woll­te, aber so ist das nun mal, auch bei Demo­kra­tie im Gro­ßen (oder glaubt ernst­haft jemand, dass sehr vie­le Wäh­ler in D eine gro­ße Koali­ti­on hät­ten haben wol­len?): es geht um Scha­dens­be­gren­zung. Und die war hier auf jeden Fall nötig! Der ‘eigent­li­che Dora-Sie­ger’ Tomis­lav Bra­lic hat­te ja wohl die mit Abstand übels­te Schnul­ze des Abends. Das der hier Unter­stüt­zung fin­det, wun­dert mich schon sehr! Was nicht hei­ßen soll, das er nicht sin­gen kann. Aber das Lied trifft zwar sicher­lich die kroa­ti­sche See­le (sonst wäre er nicht auch bei der Jury ziem­lich weit oben gewe­sen), aber schlä­fert ansons­ten eher ein. Zuge­ge­ben, der nun aus­ge­wähl­te Bei­trag ent­spricht in kei­ner Wei­se mei­nem per­sön­li­chen Geschmack, und er ist auch sicher­lich kein Sie­ger­ti­tel. Aber das kann man so ziem­lich von allen dies­jäh­ri­gen Dora-Bei­trä­gen sagen. Da stach er in gewis­ser Wei­se sogar posi­tiv her­aus, immer­hin hat das Stück eine gewis­se Dra­ma­tik, und – obwohl der Sän­ger in den Höhen etwas schwä­chel­te – der Gesang und auch die Stim­me sind eigent­lich ganz in Ord­nung. Im Duett mit der weib­li­chen Beglei­tung war es sogar rich­tig gut. Das ist zwar noch ver­bes­se­rungs­wür­dig, aber nicht hoff­nungs­los. Wenn man sieht, was das Publi­kum ansons­ten so favo­ri­siert hat, könn­te einem das ganz gro­ße Grau­en kom­men: die Hupf­doh­le Ana Bebic gehör­te zu den weni­gen, die wirk­lich über­haupt nicht sin­gen kön­nen, und der Bei­trag der eben­falls favo­ri­sier­ten Fran­ka war zwar mit den lus­ti­gen pur­zel­baum-schla­gen­den Männ­chen in ihren bun­ten Jog­ging­an­zü­gen wahr­schein­lich ESC-taug­lich, aber der Gesang abso­lut schwach und die Per­for­mance eben­falls mies (es sah aus, als wenn Fran­ka jeden Moment aus ihren Pan­ti­nen kip­pen wür­de). Da ist der Jury-Favo­rit Femin­nem tat­säch­lich der ein­zi­ge Licht­blick gewe­sen. Von denen hat man zwar auch schon Bes­se­res gese­hen, aber das war wenigs­tens pro­fes­sio­nell dar­ge­bo­ten. Und die Leu­te mit den rich­tig guten Stim­men (etwa Kvar­tet Bra­vo oder Mijo Lesi­na) hat­ten abso­lut lang­wei­li­ge Songs. Von daher: mit dem Sie­ger kann man tat­säch­lich leben. Er muss noch etwas an sich arbei­ten, aber der Bei­trag hat Poten­ti­al. Ein Dank an die Scha­dens­be­gren­zung durch die Jury!

  7. re: Jury als Ret­ter? Dies­mal wohl tat­säch­lich

    (oder glaubt ernst­haft jemand, dass sehr vie­le Wäh­ler in D eine gro­ße Koali­ti­on hät­ten haben wol­len?)

    Ja, das glau­be ich. Ernst­haft. Sonst wäre nicht die­ses Wahl­er­geb­nis her­aus­ge­kom­men. Ich woll­te sie nicht, um das klar zu stel­len, ich fin­de gro­ße Koali­tio­nen sind das schlimms­te, was einem Land pas­sie­ren kann, weil dann eben vier Jah­re lang gar nichts pas­siert. Aber genau das war es, was die meis­ten Wäh­ler woll­ten, eben­falls im Sin­ne einer Scha­dens­be­gren­zung (nach dem Mot­to: Poli­tik rich­tet eh nur Scha­den an, am bes­ten machen sie gar nichts). Ich per­sön­lich bin aber gegen Kom­pro­mis­se all­er­gisch, mir ist es lie­ber, der Fal­sche gewinnt, als ein Kom­pro­miß­kan­di­dat. Gilt für die Poli­tik wie für den Grand Prix.

  8. re: re: Jury als Ret­ter? Dies­mal wohl tat­säch­lich [quote]mir ist es lie­ber, der Fal­sche gewinnt, als ein Kompromißkandidat[/quote] Ein Stand­punkt, der zwar nicht mei­ner ist, der mir aber – kon­se­quent gelebt – durch­aus einen gewis­sen Respekt abnö­tigt. Auf die­sem Hin­ter­grund ist das Ein­tre­ten für Tomis­lav Bra­lic ver­ständ­lich. [quote]große Koali­tio­nen sind das schlimms­te, was einem Land pas­sie­ren kann, weil dann eben vier Jah­re lang gar nichts passiert.[/quote] Da muss ich zustim­men. Aller­dings glau­be ich, dass der Grund dafür ist, dass sie eigent­lich kaum jemand haben woll­te. Wenn näm­lich Kom­pro­miss­be­reit­schaft der Grund für eine Wahl­ent­schei­dung ist, wäre wenigs­tens die Chan­ce für trag­fä­hi­ge Kom­pro­mis­se gege­ben. Da aber die Mehr­heit (ich sage nicht: alle) der Wäh­ler aber eine der bei­den Par­tei­en hät­te wäh­len wol­len (und nur rech­ne­risch ein Patt her­aus­kam), kommt es viel schlim­mer: es pas­siert näm­lich tat­säch­lich [b]nichts[/b], weil nie­mand sei­ne Wäh­ler­schaft ver­grät­zen will. Aber jetzt sind wir natür­lich doch recht weit vom Grand Prix abge­kom­men … … oder doch nicht? PS: auch wenn ich geschmack­lich in vie­len Punk­ten ganz ande­rer Mei­nung bin, schät­ze ich die­se Web­site sehr und lese sogar Ver­ris­se mei­ner Favo­ri­ten mit einem gewis­sen Genuss.

  9. Ach, das war schief gesun­gen? Und ich hab geglaubt, auf dem Bal­kan muss das so sein, damit man Lied und Sän­ger abnimmt, wie dra­ma­tisch trau­rig das alles doch ist.… Nä, nä, nä, ich kann die­sem in die­ser Gegend garan­tiert mega­be­lieb­ten und -erfolg­rei­chen Musik­stil ein­fach sel­ten mal was abge­win­nen. Kann auch nicht beur­tei­len, ob das nun beson­ders alt­ba­cken ist, es ist halt.…Hardcore-Balkan-Herzschmerz

  10. Wo du gera­de Kom­pro­miss­kan­di­dat erwähnst und um dei­ne eige­nen Wor­te zu zitie­ren. [quote]Mit ande­ren Wor­ten: Kroa­ti­en schickt sein zweit­bes­tes Lied nach Mos­kau. Na bravo![/quote] Das ist doch eigent­lich genau das wovor man bei dem dies­jäh­ri­gen ESC eben­falls Angst haben muss. Es gewinnt nur das zweit­bes­te Lied weil kei­ne Einig­keit herrscht. Emp­fin­de ich auch als Saue­rei. 😡 Na gut, es sei denn mein Favo­rit wür­de davon pro­fi­tie­ren. 😉

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