Das Play­back­di­lem­ma

Seit jeher wird beim Euro­vi­si­on Song Con­test live gesun­gen, was den Wett­be­werb so ein­zig­ar­tig macht – aller­dings die Teil­neh­mer in den Zei­ten der Höchst­leis­tungs­cho­reo­gra­fi­en auch vor immer schwie­ri­ge­re Her­aus­for­de­run­gen stellt, ver­stärkt durch die seit 1971 bestehen­de, längst nicht mehr zeit­ge­mä­ße Beschrän­kung auf maxi­mal sechs Per­so­nen auf der Büh­ne. Kon­se­quenz: in den natio­na­len Vor­ent­schei­dun­gen hält sich kaum noch jemand an die­se Vor­ga­ben, Teil- oder Voll­play­back­auf­trit­te sind mas­siv auf dem Vor­marsch. Das dürf­te in Mos­kau noch für eini­ge unan­ge­neh­me Über­ra­schun­gen sor­gen: unver­ges­sen der geschei­ter­te, pein­li­che Ver­such von DJ Bobo vor zwei Jah­ren in Hel­sin­ki, durch das Auf­stel­len von Schau­fens­ter­pup­pen auf der Büh­ne zu sei­ner übli­chen Beset­zungs­stär­ke zu fin­den. Mit beson­de­rer Span­nung dürf­te dies­mal zu beob­ach­ten sein, wie Schwe­den und Deutsch­land den Spa­gat zwi­schen Show und Stim­me lösen wol­len.


Lead­vo­cals live, Backings vom Band: Male­na beim Melo­di­fes­ti­va­len

Immer­hin sang Male­na Ern­man beim schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len selbst noch live. Die Chor­stim­men – unver­zicht­ba­res Ele­ment jeder moder­nen Form von Pop­mu­sik – jedoch kamen voll­stän­dig vom Band. Das ist beim Euro­vi­si­on Song Con­test unter­sagt. Ein ent­spre­chen­der Ver­stoß Kroa­ti­ens führ­te 1999 zu einem emp­find­li­chen Punkt­ab­zug. Zudem hat­te Male­na sie­ben Tänzer/innen mit auf der Büh­ne, also zwei zuviel für Mos­kau. Auch Deutsch­land bot für die Prä­sen­ta­ti­on sei­nes Bei­trags ‘Miss Fist Gang Bang’ im Rah­men der Echo-Ver­lei­hung deut­lich mehr als die zuge­las­se­nen sechs Per­so­nen auf. Oscar Loya mim­te aber über­dies noch zum Voll­play­back. Eine spä­te­re Live-Dar­bie­tung in der NDR-Talk­show offen­bar­te den Grund: das gleich­zei­ti­ge Kon­zen­trie­ren auf sei­ne extro­ver­tier­ten Tanz­schritt­chen und aufs feh­ler­freie Sin­gen über­for­dert den Guten offen­bar doch ein wenig.


Voll­play­back: Hadi­ses Song­prä­sen­ta­ti­on

Auch ande­re Län­der schum­mel­ten die­ses Jahr: Hadi­ses ers­te Prä­sen­ta­ti­on von ‘Düm Tek Tek’ in der Sil­ves­ter­show des tür­ki­schen Fern­se­hens arbei­te­te (aus ähn­li­chem Grund wie bei Oscar) eben­so mit Voll­play­back wie der Grie­chen­gott Sakis Rou­vas beim schweiß­trei­ben­den Vor­tur­nen zu ‘This is our Night’. Auch in der andor­ra­ni­schen Vor­ent­schei­dung gab es kei­nen Live­ge­sang zu hören. Ob der Sie­gel-Song aus Mon­te­ne­gro, Tsche­chi­en, Frank­reich, die Schweiz, Isra­el, Ungarn, Aser­bai­dschan oder das nie­der­län­di­sche Schwup­pen­trio De Top­pers, das zu allen sechs Aus­wahl­ti­teln im Natio­naal Song­fes­ti­val nur die Lip­pen syn­chron zum Band beweg­te: die Anzahl der Play­back­län­der ist in die­sem Jahr mas­siv. In eini­gen Fäl­len mag das allei­ne am inter­nen Aus­wahl­ver­fah­ren lie­gen – das Patri­cia Kaas live sin­gen kann, stellt wohl nie­mand auf die­sem Pla­ne­ten ernst­haft in Fra­ge. Meist illus­triert der Rück­griff aufs (Teil-)Playback aber ein Grund­di­lem­ma: Live­ge­sang und Show­an­for­de­run­gen sind kaum noch unter einen Hut zu brin­gen.


Voll­play­back: die Flop­pers beim Natio­naal Song­fes­ti­val

Selbst bei Solo­künst­lern ste­hen fast immer ein paar Back­ground­sän­ger am Büh­nen­rand, die für die not­wen­di­gen Chor­stim­men sor­gen. Und auch wenn Nost­al­gi­ker das ger­ne ver­ges­sen: das war bereits in den Sech­zi­ger­jah­ren so. Und schon seit jeher baut man die Chor­sän­ger ger­ne in die Tanz­cho­reo­gra­fi­en ein, die dem Zuschau­er (schließ­lich ist der Grand Prix kei­ne kon­zer­tan­te Auf­füh­rung, son­dern ein unter­halt­sa­mes Fern­seh­spek­ta­kel) etwas opti­sche Ablen­kung von den meist eher simp­len Lie­dern bie­ten sol­len. Das war auch kein Pro­blem, als die­se Show­ein­la­gen noch haupt­säch­lich aus ein paar hüb­schen Arm­be­we­gun­gen (unver­ges­sen die Sil­ver-Con­ven­ti­on-Saloon­tür oder die Bucks-Fizz-Tee­kan­ne) oder weni­gen ein­fa­chen Vor-Zurück-Schritt­chen bestan­den.


Auf – zu – auf – zu: Sil­ver Con­ven­ti­on (DE 1977)

Seit­dem sich jedoch vor­nehm­lich die ost­eu­ro­päi­schen Län­dern jedes Jahr mit neu­en, artis­ti­schen Höchst­leis­tun­gen zu über­bie­ten suchen und Rad­schla­gen, Hebe­fi­gu­ren, Fli­c­flacs und Sprün­ge von mit­ge­brach­ten, beleucht­ba­ren Klei­der­schrän­ken zum erwar­te­ten Stan­dard­re­per­toire gehö­ren, wird es für die kör­per­lich voll aus­ge­las­te­ten Tän­zer zuneh­mend zum Pro­blem, sich noch ein paar har­mo­nisch klin­gen­de Töne aus der Lun­ge zu quet­schen. Was natür­lich die Ten­denz zu noch simp­ler gestrick­ten, eher gebrüll­ten als gesun­ge­nen Bei­trä­gen (“Hey! Hey! Hey! Wild Dan­ces!”) ver­stärkt. Nun höre ich bereits die Grand-Prix-Nost­al­gi­ker ein­wen­den, das man dann doch ein­fach die Tanz­ein­la­gen weg­las­sen sol­le, schließ­lich gin­ge es ja um die Lie­der und frü­her sei doch alles viel schö­ner und bes­ser gewe­sen und bla bla bla.


Trotz hun­dert­fa­chem Hall hör­bar außer Pus­te: Rus­la­na (UA 2004)

Alles Quatsch. Der Grand Prix ist eine TV-Show. Wem es nur um die Musik geht, der soll sich die CD kau­fen und Zuhau­se im stil­len Käm­mer­lein mit Kopf­hö­rern genie­ßen. Wenn ich den Fern­se­her ein­schal­te, möch­te ich (auch) was für das Auge gebo­ten bekom­men. So sehr ich den Grand Prix einer­seits wegen stimm­star­ken, dra­ma­ti­schen Bal­la­den ein­schal­te (die übri­gens auch alle mit Cho­reo­gra­fi­en arbei­ten, sie­he ‘Molit­va’ und sei­ne sub­til les­bi­sche Frau­en­so­li­da­ri­täts­show), so sehr erfreue ich mich auch an kna­cki­gen Tän­zern, atem­be­rau­ben­den Show­ein­la­gen und lus­ti­gen Trick­klei­dern. Gut klin­gen soll­te das Gan­ze trotz­dem. Daher ist es so lang­sam an der Zeit, die Beschrän­kung auf sechs Per­so­nen auf­zu­he­ben (die mitt­ler­wei­le genau so anti­quiert ist wie das Ver­bot von Grup­pen noch 1970). Damit die Show­ein­la­gen nicht aus­ufern, kann es ja bei einer Begren­zung auf maxi­mal sechs Tänzer/innen blei­ben – bei einer gleich­zei­ti­gen Erhö­hung der Gesamt­per­so­nen­zahl pro Auf­tritt auf zehn, von denen dann vier eben nur sin­gen dür­fen. Dann wäre es für Auge und Ohr schön!

Oder?

6 Gedanken zu “Das Play­back­di­lem­ma

  1. Zustim­mung! Ehr­lich gesagt ver­ste­he ich die Begren­zung sowie­so nicht so ganz – wenn man nicht will, dass mehr Leu­te auf der Büh­ne ste­hen, kann man die doch ent­spre­chend ent­wer­fen (natür­lich soll­ten die Teil­neh­mer vor­her dar­über Bescheid wis­sen). Oder war­um braucht man für sechs Mann auf der Büh­ne so viel Platz? Der ESC wür­de mir jeden­falls kei­nen Spaß mehr machen, wenn es aus­schließ­lich um die Lie­der gin­ge oder gehen soll­te. Mal alte (ich mei­ne RICH­TIG alte) Con­tests gese­hen? Ein­schlaf­hil­fen für Fort­ge­schrit­te­ne, sag ich dazu nur. Show gehört dazu, sonst könn­te man den gan­zen Spaß direkt im Radio sen­den. Bei guten Lie­dern erhöht eine Per­for­mance den Spaß; bei schlech­ten trägt sie nicht unwe­sent­lich dazu bei (ja, es gibt auch schlech­te Lie­der mit lang­wei­li­gen Per­for­man­ces, aber dann läs­tert man am Fern­se­her eben über die Kla­mot­ten oder die komi­schen Tänzer/Backgroundleute. Irgend­was geht immer).

  2. Bei den heu­ti­gen gro­ßen Büh­nen, die jeder Ver­an­stal­ter auf­bie­tet, ist die 6-Per­so­nen-Regel wirk­lich über­holt. Ganz frü­her hät­te man nur, wenn man den Ellen­bo­gen aus­fährt, ein Grup­pen­mit­glied in den Orches­ter­gra­ben beför­dert, doch heu­te kann man sich auf dem Podi­um fast ver­ir­ren. Prin­zi­pi­ell wäre ich sogar für gar kei­ne Beschrän­kung, was die Anzahl der Leu­te angeht, was Mas­sen­auf­mär­sche wie beim Bun­des­vi­si­on Con­test zur Fol­ge haben könn­te, doch damit über­for­der­te man den Ver­an­stal­ter bei so vie­len Teil­neh­mer­län­dern. Aber 10 Leu­te wür­de eine Büh­ne locker ver­kraf­ten. Ich wür­de eben­falls ungern auf die gan­zen Show­ein­la­gen ver­zich­ten, auch weil es manch­mal lus­tig ist, mit wel­chem sinn­lo­sen Ein­satz man­che Inter­pre­ten die Dürf­tig­keit ihrer Lied­chen zu kaschiern ver­su­chen. Fin­de ich sehr unter­halt­sam.

  3. eigent­lich habe ich mehr als den ers­ten satz geschrie­ben – hat der PC den rest gefres­sen?

  4. kein musi­cal 2 zwei­ter ver­such: ohne beschrän­kung wäre zu befürch­ten, dass gro­ße tanz­for­ma­tio­nen mit cho­reo­gra­fi­en wie bei musi­cal-schluss­num­mern auf der büh­ne ste­hen. und einen esc mit lau­ter musi­cal-schluss­num­mern will ich auch nicht!

  5. Mas­sen­schlacht 6 Leu­te sind völ­lig aus­rei­chend. Wol­len wir wirk­lich 42 mal River­dance beim ESC sehen? Mal davon abge­se­hen ist es eine Finanz­fra­ge. Klei­ne Län­der wie Mol­da­wi­en haben jetzt schon kaum Koh­le, die Rus­sen wür­den dage­gen prot­zen ohne Ende. Und nur die rus­si­schen Mil­lio­nä­re wären dann noch in der Lage, den ESC aus­zu­rich­ten! Die meis­ten Län­der könn­ten sich einen Sieg gar nicht leis­ten. Natür­lich wäre es mög­lich, die Zahl auf 10 erhö­hen. Aber dann kommt die For­de­rung nach 12, nach 20 u.s.w.

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