Georgien 2009: Kein bisschen Frieden

Es ist ein Trauerspiel: anstatt die für die Demokratie unabdingbare Meinungs- und Kunstfreiheit gegenüber dem ehemaligen Klassenfeind zu verteidigen, wie es als Verbund öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten ihr ureigenster Auftrag wäre, kriechen die rückgratlosen Feiglinge von der EBU dem russischen Despoten und diesjährigen Grand-Prix-Gastgeber Vladimir Putin bis zur Halskrause in den Allerwertesten und zensieren den (zugegebenermaßen provokanten) georgischen Eurovisionsbeitrag. Damit wird die Kaukasusrepublik in diesem Jahr definitiv nicht dabei sein.


The negative move is killin‘ the groove

Vermutlich bluteten Svante „Der Songcontest ist unpolitisch“ Stockselius bereits die Ohren: nur zwei Jahre, nach dem eine ukrainische Discotranse mit einem subtilen „Lasha tumbai / Russia goodbye“ beinahe den Sieg davon trug, gingen die vom großen Bruder in der Auseinandersetzung um Südossetien erst vor wenigen Monaten militärisch angegriffenen Georgier, die den in Moskau stattfindenden Grand Prix zunächst boykottieren wollten, es sich dann aber nochmal anders überlegten, zum offenen Konterangriff über und beleidigten den gastgebenden russischen Premier Wladmir Putin ganz direkt: ‚We don’t wanna put in‘ lautete ihre musikalisch discotastische Kampfansage. Aus zehn Vorentscheidungsbeiträgen wählten die Zuschauer (!) die kontroverse Nummer mit großem Abstand zum Sieger. Denn sie überzeugte nicht nur durch einen satten Siebziger-Retrosound, kompetent vorgetragen von drei Hupfdohlen (3G) und einem karnevalesk verkleideten Pseudorapper (Stephane). Sondern auch, viel entscheidender, durch provozierend doppeldeutige Lyrics, die den besonderen Reiz des Stückes ausmachten. Zumal sie funktionierten: Putin ließ den Song über seinen Pressesprecher umgehend als „Rowdytum“ bezeichnen. Getroffene Hunde bellen, kann man da nur sagen.


Jetzt mal ehrlich: es hieß doch „Russia goodbye“, oder?

Es folgten Demos der putintreuen Schlägertrupp-Organisation „Junges Russland“ vor der georgischen Botschaft in Moskau wegen „Beleidigung des Präsidenten“ und die ersten Mutmaßungen in diversen Internet-Fanforen, dass es 3G in Moskau womöglich nicht bis ins samstägliche Finale schaffen könnten, und zwar völlig unabhängig vom Ausgang des Votings in ihrer Qualifikationsrunde. Nun hätte man es von russischer Seite aus natürlich auch einfach nach dem Motto „Viel Feind, viel Ehr“ sportlich betrachten können: immerhin intendiert die auffällige Häufung subtil russlandfeindlicher Texte beim Grand Prix, dass man es in der Hitliste der am meisten gehassten Länder der Erde nach Israel und den USA mittlerweile auf den dritten Rang geschafft hat – und wenn das nicht beweist, dass man endlich wieder als Großmacht wahrgenommen wird, was dann? Aber nichts da: man schickte das Zensurorgan EBU vor, die den Georgiern auftrugen, den „missverständlichen“ Text doch bitte zu ändern – oder einen anderen Beitrag einzureichen. Was diese nun wiederum nicht ohne Gesichtsverlust machen konnten. Und nun also doch zu Hause bleiben.


Und das kommt heraus, wenn die Demokratie vor Despoten einknickt: Kritik wird mit Gefängnis geahndet

Und so endet ein Trauerspiel, in dem alle Beteiligten eine schlechte Figur machten: die Georgier aufgrund ihrer unsubtilen – und damit gescheiterten – Provokation; Putin aufgrund seiner völlig unsouveränen Reaktion, die ihn nun erst Recht als humorlosen und kritikunfähigen Despoten dastehen lässt; vor allem aber die den Wettbewerb veranstaltende EBU, die sich hinter dem bequemen Deckmantel der angeblichen Politiklosigkeit der Show feige verkriecht, anstatt zentrale europäische Grundwerte wie die Meinungs- und Kunstfreiheit zu verteidigen. Ein jämmerliches Bild.

15 Gedanken zu “Georgien 2009: Kein bisschen Frieden

  1. Je oh je. Subtil wie die Dampfwalzen. Und der Geschmack der Standardzielgruppe des ESC ist ja so was von berechenbar (wie war das noch mit Thomas Hermanns Buch über Disco?). 😉 Ernsthaft, das Lied ist gar nicht so falsch. Bleibt abzuwarten, wie die EBU darauf reagiert. ‚Unpolitisch‘? Das sieht zumindest Osteuropa heutzutage anders – es gab Zeiten, da war der Wettbewerb auch in Westeuropa ein Politikum. Portugal 1974, die Unterbrechung 1964, der zumindest zum Teil dem Proporz geschuldete jugoslawische Sieg 1989…aber heute? Auch in dieser Hinsicht haben die Osteuropäer mehr zu bieten. Oder sie haben einfach noch nicht begriffen, welch niedrigen Stellenwert die Show in Westeuropa so hat…

  2. Okay, das hat sich wohl erledigt. Laut esctoday wurde der Beitrag in seiner jetzigen Form abgeschmettert. Bleibt abzuwarten, was die Georgier machen…

  3. Echt empörend, was sich die Speichellecker der EBU da geleistet haben. Anstatt für Meinungsfreiheit einzutreten, kriecht man dem Putin in den Arsch. Die Regelung das keine politischen Texte beim ESC vorgetragen werden dürfen, halte ich zudem für rechtlich sehr problematisch. Weil sie gegen jegliche demokratische Regeln verstoßen. Es wundert mich, denn die meisten Länder der EBU sind ja Demokratien, das man sowas zulässt. Israel durfte damals seinen Titel Push the Button auch ohne Veränderungen vortragen. Aber anstatt auf Meinungsfreiheit zu pochen, kuscht die EBU vor Putin. Absolut erbärmlich

  4. They don’t wanna put in Mir tut’s vor allem um den schönen Song leid. Text hin oder her – ‚We don’t wanna put in‘ war ein toller Retro-Disco-Kracher, der zu meinen absoluten Favoriten dieses Jahrgangs gehörte; schade, dass wir ihn jetzt nicht in Moskau hören werden… 😥 Ansonsten meinen vollsten Respekt an die unbeugsamen Georgier, die sich zumindest mit Würde und Stolz aus dieser grotesken Lachnummer, die die EBU hier zugunsten Putins hier veranstaltet, verabschiedet haben.

  5. Dann will ich das doch hier auch mal kommentieren…die Regeln der EBU für den Contest mögen ärgerlich vage formuliert sein, aber sie sind vorhanden. Und offenbar wurde da aus Moskau ein bisschen Druck gemacht, den Schwachsinn (mehr ist es nicht) zu zensieren. Props to Georgia dafür, dass sie sich nicht kompromittieren lassen, aber wer so offen gegen die Regularien verstößt, muss zumindest ahnen, was dann kommt. Ohne hier Verschwörungstheoretiker zu werden, aber was, wenn Georgien das Ganze (nach dem schon sehr seltsamen Rückzug/doch nicht Rückzug) so inszeniert hat? Wenn sich hier schon über Putins Demokratur echauffiert wird – Saakaschwilis Diktakratie ist meines Wissens nicht viel besser. Letzten Endes ist der ESC hier in ein politisches Kreuzfeuer geraten – was so absurd ist, dass man fast drüber lachen muss. Der ESC. Im politischen Kreuzfeuer. Ja, aber sicher doch. Ich merke hier mal wieder die Tendenz, die Bedeutung des Wettbewerbs zu überschätzen – sowohl bei den Osteuropäern selbst als auch bei den hiesigen Kommentatoren. Die Georgier haben es drauf angelegt, die Russen haben wunschgemäß reagiert, und die EBU erwartungsgemäß gekniffen. Währenddessen fielen in China etwa 20 Säcke Reis um. Und die Sprache auf die Energiereserven zu bringen, ist so albern, dass es mir den Atem verschlägt. Es ist verdammt noch mal eine Unterhaltungssendung – wir reden hier nicht von hochpolitischen Gesprächen oder sowas! Ebenso seltsam finde ich die von escfan05 vorgenommene Verknüpfung der Regeln des Wettbewerbs mit dem Thema Meinungsfreiheit. Wenn die EBU meint, morgen nur noch Männer zum Wettbewerb zuzulassen, ist das unfair, aber niemand kann ihr deswegen was – Regeln für ‚vereinsinterne‘ Veranstaltungen sind ‚Vereins‘-Sache. Das Gekusche von Herrn Feddersen ist allerdings schon etwas ärgerlicher. Was bitte soll das? Hat der NDR dem Herrn plötzlich Schweigepflicht verdonnert? Linientreuer Journalismus in Deutschland? Sudel-Ede lässt schön grüßen. Sorry, aber da musste mal Dampf raus. Die ganze Sache wird mir doch etwas zu einseitig betrachtet. Hier haben alle Seiten ganz massiv Fehler gemacht, und nur auf zwei der drei Beteiligten einzuprügeln und das arme, unschuldige Georgien freizusprechen, ist ziemlich lachhaft.

  6. Die Regeln sind ja das Problem! Danke für Deine Erwiderung, Ospero! Du hast Recht, Georgien hat gegen die Regeln verstoßen. Aber genau diese – bewusst schwammig formulierten – Regeln sind ja das Ärgernis! Denn sie sind zutiefst undemokratisch. Es mag sein, dass ich die Bedeutung des ESC überschätze. Als Hardcorefan kriegt man irgendwann den Tunnelblick. Doch ich glaube ganz ernsthaft, dass die Bedeutung des ESC für (oder gegen) die europäische Integration eher unter- als überschätzt wird. Als skandalös empfundene Jury- oder Televotingurteile haben schon Referenden über den Beitritt zur Währungsunion mit entschieden oder die gegenseitige Geringschätzung direkter Nachbarn zementiert. Für die meisten TV-Zuschauer ist der ESC das einzige direkt erfahrbare Stück Europa, das sie erleben. Der Stimmungsumschwung in Sachen EU-Osterweiterung geht Hand in Hand mit den Klagen über den ‚Schummel-Grand-Prix’… Mag sein, dass ich dem Contest zu viel Bedeutung beimesse. Dennoch glaube ich, dass öffentlich-rechtliche TV-Sender, die eine paneuropäische Show mit Abstimmung aufziehen, eine moralische Verpflichtung eingehen, dabei gewisse europäische Grundwerte hoch zu halten (so wie sie es im gesamten Programm tun sollten). Und dazu zählt für mich an oberster Stelle und mit höchster Priorität die Meinungsfreiheit als unabdingbare, essentielle Voraussetzung für Freiheit – den wichtigsten und unverzichtbarsten unserer Grundwerte. Da fallen bei 2 Millionen Säcke Reis um.

  7. @ Ospero Sicher gibt es Regeln…. doch wo kein Kläger, da kein Richter. Die EBU hätte ja auch souverän über diese Lappalie hinweggehen können. Aber Souveränität ist offensichtlich nicht ihre Stärke. Ein Regelverstoß liegt sowieso nicht vor: Denn dafür müsste es in korrektem Englisch heißen: ‚We don’t want Putin‘. ‚wanna‘ = ‚want to‘ kann nur mit einem Verb (Infinitiv) stehen. Also etwa ‚We don’t wanna sing in Moscow‘. Schade ums Lied… mir hatte der 70s-Disco-Song auch gut gefallen. Ganz im Gegensatz zu dem russischen Lied.

  8. Politik…Freiheit der Kunst…Zensur… Alles passende Begriffe zum Thema. Klarer Gewinner ist die Nummer 3 – Zensur. Kein Wunder in einem Land wie Russland mit dem lupenreinen Demokraten Putin an der Spitze. Wer so unsouverän ist und sich nicht durch den Kakao ziehen lassen kann, bläst natürlich die Backen auf, wenn man ihm nur sachte am Lack kratzt. Gut, Georgien hat wohl gegen die – sehr fragwürdigen – Regularien verstoßen, doch man kann locker Wetten abschließen, dass man einzig und allein vor Putin eingeknickt ist. Man kann ja über Angela sagen was man will, aber würde der ESC in Deutschland stattfinden und im russischen Beitrag hieße es ‚Merkelt ihr nicht, dass ihr beschissen werdet?‘ ginge das problemlos durch, weil unsere oberste Bundesadlerin das nicht ernst nähme. Wirklich schade, denn allein schon der Mut der Mädels damit in die Höhle des Löwen zu gehen war beachtlich. Bleibt zu hoffen, dass uns Putins miese Fresse im Publikum erspart bleibt.

  9. Putins Fresse Da bin ich mir ziemlich sicher, dass der wie weiland Franzjosefstrauß in der ersten Reihe sitzen und mindenstens eine Kamera-Nahaufnahme stündlich kriegen wird…

  10. einfach nur schade wieder einmal mehr ein Beispiel dafür, dass Mister Putin ein lupenreiner Demokrat ist. Wer auch immer die Strippen gezogen hat, warum und weshalb, warum wird alles immer ernster und konservativer betrieben. Der Contest wird immer verbohrter für meine Begriffe und verliert dadurch an Charme und bekommt einen Charakter, dass sich die Zwiebeltürme in Moskau biegen vor lauter Scham 😳

  11. @ Ospero Ospero hat völlig recht und ich kann ihm nur zustimmen. Georgien hat bekommne was sie wollten, die Russen ebenso und die EBU hat sich von den beiden für ihre kindischen Streitereien mißbrauchen lassen. Der Song ist kein Verlust für den ESC, aber Georgien hat viele Symphatiepunkte, die es durch die zwei letzten Beiträge erlangte, wieder verspielt.

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