Moskau: Slavic Pride gewaltsam aufgelöst

Wie verängstigt müssen Staatschef Vladimir Putin und sein Moskauer Handlanger Juri Luschko sein, allen Ernstes die Anti-Terror-Einheit OMON gegen eine Handvoll schwullesbischer Demonstranten einzusetzen, die weitab des Moskauer Stadtzentrums friedlich ihre Menschenrechte einfordern? Auch das geschickte Ausweichen vom ursprünglich angemeldeten Demo-Ort (an dem mal wieder russische Rechtsradikale gegen die Homos pöbelten) und die Vorverlegung der Schwulen-Demo nutzte nichts: kaum hatten die Homo-Aktivisten ihre Plakate entrollt, griff die Spezialeinheit zu und führte sie ab, vor den laufenden Kameras der anwesenden Medienvertreter. Unter den Verhafteten befanden sich Slavic-Pride-Organisator Nikolai Aleksejew ebenso wie ein amerikanischer Schwulenaktivist, den man mitten im Interview abführte. Damit hat Gastgeberland Russland einmal mehr sein wahres Gesicht gezeigt: es ist die hässliche Fratze der Rückständigkeit und der Unterdrückung!


Euronews-Bericht über die Auflösung der Demo

40 bis 50 Demonstranten sollen sich den Medienberichte zufolge heute Nachmittag auf dem Gelände der Lomonossow-Universität eingefunden haben, darunter zwei lesbische Bräute, denen erst unlängst das Eingehen einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft verweigert worden war. „Mit gezückten Schlagstöcken“, so die Frankfurter Rundschau, gingen die Sondereinsatzkräfte gegen die friedliche Menge vor und nahm zwischen 20 und 40 Personen fest, die „teils im Würgegriff“ abgeführt wurden. Das einzige Tröstliche: bedingt durch das frühe Ausweichen der Organisatoren und das frühe Eingreifen der Polizei kam es – jedenfalls bislang – nicht zu Straßenschlachten und, wie sonst üblich, gewalttätigen Übergriffen Rechtsradikaler und religiös Verhetzter (gerade die russisch-orthodoxe Kirche ist eine der treibenden Kräfte der Homophobie, und im Gegensatz zur ähnlich schwulenfeindlichen katholischen Kirche hat ihr Wort in der russischen Gesellschaft leider noch Gewicht) gegen schwullesbische Demonstranten.


Auch Right said Fred und Volker Beck kassierten schon Schläge in Moskau

Volker Beck von den Grünen, der 2006 in Moskau selbst schon Prügel bezog, sagte gegenüber der ARD: „Alle Eurovisionsteilnehmer und die übertragenden Fernsehanstalten sind aufgerufen, jetzt ihren Protest zum Ausdruck zu bringen. Man kann nicht einfach weggucken und nun zur Tagesordnung übergehen.“ Die EBU hatte sich jedoch bereits im Vorfeld offensiv von jeder Verbindung mit dem Slavic Pride distanziert, mit der üblichen feigen Begründung, der Grand Prix sei unpolitisch. Der offen schwule deutsche Eurovisionsvertreter Oscar Loya äußerte bereits gestern in einem Tagesthemen-Bericht sein Unverständnis: „Es ist lächerlich zu sagen, wir wollen keine schwule Veranstaltung. Ohne die Schwulen gibt’s keine Eurovision!“ Und auch Guildo Horn (DE 1998) bezeichnete das Demoverbot als „hirnrissig“. Der niederländische Sänger Gordon hatte schon angekündigt, im Falle eines gewaltsamen Vorgehens gegen die Schwestern nicht im heutigen Finale aufzutreten – allerdings scheiterten De Toppers bereits im zweiten Semi. Und während der britische Komponist Andrew Lloyd Webber in seiner Pressekonferenz, angesprochen auf das Thema, so tat, als wüsste er von nichts, solidarisierte sich die schwedische Operndiva Malena Ernman auf ihrer Website mit den Demonstranten, wie die Schlagerboys berichten: „Ich bin nicht homosexuell, aber heute nenne ich mich mit Stolz und Freude ‚gay‘ – um meine Freunde und Fans zu unterstützen.“


Solidarität zeigt auch die schwedische Punkteansagerin Sarah Dawn Finer: sie trägt die Regenbogenflagge um den Hals!

Ich muss bei dieser Meldung an meine alte Geschichtslehrerin denken, eine Frau von stramm konservativer Gesinnung, die den zweiten Weltkrieg noch miterlebt hatte und uns damals, noch zu Zeiten der innerdeutschen Grenze, aber immer deutlicher werdenden öst-westlicher Annäherung, eindringlich warnte: „Der Russe ist böse!“. Ich glaubte es damals nicht und glaube es heute nicht, denn „den Russen“ gibt es genau so wenig wie „den Deutschen“. Ich bin aber doch über das Maß der angstbesetzten, bornierten Rückständigkeit der russischen Führung (und ihrer offenbar breiten Verankerung im Volk) ehrlich entsetzt – genau so wie über die nicht minder bornierte Kopf-in-den-Sand-Politik der EBU. Mir ist der Spaß am heutigen Finale vergangen – und natürlich ist es für einen Boykott der Spiele jetzt zu spät, aber ich pflichte Volker Beck bei: das kann und darf nicht ohne Folgen für den Eurovision Song Contest bleiben!

(Update 19.05.2009):Immerhin: der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) schickte, wie Pride1 heute berichtet, zwischenzeitlich seinem Moskauer Amtskollegen einen offiziellen Protestbrief. Darin schreibt Wowereit: „Das Demonstrationsverbot für Homosexuelle und auch das unverhältnismäßige Vorgehen der Polizei sind mit liberalen und demokratischen Rechten nicht zu vereinbaren. Vielmehr sollte die Polizei in Moskau friedlich demonstrierende Schwule und Lesben schützen, die sich für ihre Rechte einsetzen.“ Danke dafür!

11 Gedanken zu “Moskau: Slavic Pride gewaltsam aufgelöst

  1. Okay, die Herren Politiker in Russland: so ja nun mal überhaupt nicht! Da fragt man sich allen Ernstes, was die Herrschaften eigentlich fürchten und warum sie meinen, Homosexuelle auf so überzogene Art unterdrücken zu müssen. Typisch heterosexuelle männliche Potenzangst, oder was? Tja. Wir können uns jedenfalls freuen, dass 2010 in Norwegen stattfindet, einem toleranteren Land (okay, dazu gehört nicht viel), das noch dazu die ganze Chose hoffentlich ein bisschen entspannter angeht als die arg verkrampft wirkenden russischen Gastgeber dieses Jahr (das gilt nicht nur für die Repressalien, sondern für die Show allgemein). Und um das Ganze mit einer etwas weniger ernsten Note zu beenden – ich wäre nicht der Faktenhuber, der ich bin, wenn ich die Lominossow-Universität so stehenließe. Der Herr hieß Lomonossow. 😉

  2. Der Putin nähert sich Stalin immer mehr an. Stimmt es eigentlich das Oscar aufgrund der Vorfälle nicht mehr auftreten wollte? Ich bin froh das der nächste ESC in einem toleranten Land wie Norwegen und in keinem rückständigen slawischen Land stattfindet. Denn fast alle slawischen Länder sind Homofeindlich. Besondes Polen.

  3. Diktaturen wie Rußland machen eben keinen Unterschied zwischen friedlichen Demonstranten und Terroristen. Wer sich dort in die Politik einmischt, egal ob als Multimilliadär oder als Bettler, wird gnadenlos abgestraft. Es lebe der Zar! Leider gefällt den meisten Russen dieser Mist, sonst würden sie Putin nicht wählen. Mein größter Horror ist jedes Jahr, daß Weißrußland gewinnt. Hat ja gestern fast geklappt, aber zum Glück trat Alexander für Norwegen an. Dort können die Gays dann wieder ohne Angst feiern.

  4. Was ich angesichts des Verhaltens der russischen Unterdrückungsbehörde ein bisschen traurig finde, ist die Tatsache, dass bloß ein paar Dutzende Leute zu dieser Demo zusammen gekommen sind, wo doch hunderte oder gar tausende vor Ort waren. Ist natürlich aus der Distanz eines Nicht-Teilnehmers leicht zu sagen, das gebe ich zu, keine Ahnung, wie publik das ganze vorher war, dennnoch bei >der< Homo-Veranstaltung schlechthin hätte ich mich gefreut, wenn mehr Schwule die Chance ergriffen hätten, Ihre Fahne hochzuhalten. Oder auch der ein oder andere auf der Bühne etwas gesagt hätte....aber da geht mein Idealismus wahrscheinlich wirklich zu weit.

  5. P.S.: Ob sich die OMON-Prügler schon einmal mit einem Spiegel auf den Rücken gesehen haben?

  6. Na als Bürger kannst du dir in Moskau immerhin sicher sein, dass dir keiner den Geldbeutel aus der Hosentasche klaut – wenn in einem Ort weit vom Zentrum entfernt, zu einer anderen Zeit als angekündigt, die ‚Sicherheits’kräfte bei einem sehr übersichtlichen Grüppchen parat stehen, kann ja eigentlich nix passieren 🙄 Die alten Sowjetstrukturen funktionieren dank Putin offensichtlich perfekt. Gegen Rückständigkeit habe ich übrigens nichts, genauso wenig wie gegen konservative Menschen. Es ist Herzlosigkeit verbunden mit Borniertheit, Unwissenheit und Gewaltbereitschaft, die das Problem ausmachen. Und sie haben Angst, dass ihre kleine, heile, engstirnige Welt zerbrechen könnte.

  7. Ich haette mich ehrlich gesagt auch gefreut wenn Oskar ‚Flagge gezeigt‘ haette, so wie viele solidarische ESC Teilnehmer nach der orangenen Revolution. Ein kleiner Regenbogenflaggenanstecker, geschickt plaziert, haette schon genuegt. Peinlich, dass er es nicht getan hat. Eine grosse Flagge haette aber auch gebreitet werden duerfen ueber: Die wenig sehenswerte Visage Christensens, Die Glitzerhosen Oskars oder das haessliche schwarze Kussmundsofading. Unser Beitrag haette nur gewonnen 😆

  8. Pingback: Just get out of the Way (ESC Semi 1 2009)
  9. Mein Exmann ist Russe, aus Omsk, 2001 hierher ausgewandert. Die Russen haben Putin gewählt sagt ihr, ich weiß auch aus Erzählungen von den dortigen Wahlfälschungen. So extrem, dass mein Exmann einerseits keinen Migrantenvertreter hier bei den Kommunalwahlen wählen wolte, und auf der anderen Seite mich zwar zähneknirschend beim Urnengang begleitet hat, aber danach noch den ironischen Spruch losgelassen hat: „Jetzt bist Du Deiner Bürgerpflicht nachgekommen.“
    Von meinem Trauzeugen, der noch in Omsk lebt, weiß ich, dass dortige Aktivisten, die anlässlich der Krim-Besetzung /eine große Panzerkolonne ist dafür von Novosibirsk durch Omsk gen Westen gerollt) auf die Straße gegangen sind (mit Friedensplakaten und „Putin = Terrorrist“-Pamphleten), weggeknüppelt wurden. Sie wurden dann natürlich ins Gefängnis gesperrt.
    Wie sollen sich dort die Verhältnisse ändern?

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