Aserbaidschan: Ich weiß, was Du letzten Mai gewählt hast

Amoklauf der Vorratsdatensammler: eine offizielle, „investigativ“ geführte Untersuchung habe die EBU nach eigener Äußerung gegen Aserbaidschan eingeleitet, nachdem durchsickerte, dass in dem Kaukasusstaat nicht nur während der Übertragung des armenischen Beitrags beim ESC 2009 wie zufällig ein Schneesturm über die Bildschirme wanderte, sondern dass die Innenbehörde auch alle 43 Aserbaidschaner polizeilich vernahm, die dennoch die Stirn besaßen, für das offiziell verfeindete Nachbarland anzurufen. Über mögliche Konsequenzen wolle man erst nach Abschluss der Ermittlungen entscheiden. Jedenfalls beweist der nachgerade unglaubliche Fall auf das Schönste, wohin die Datensammelwut der Behörden in letzter Konsequenz führen kann – und das ist gar nicht mehr zum Lachen.


Mitunterzeichnen!

Wie unter anderem die FTD vergangenen Donnerstag unter Berufung auf die britische BBC berichtete, wurden beim Televoting in Aserbaidschan zwar nur sehr wenige Stimmen für den Beitrag Armeniens registriert. Dennoch hielt man in Baku die Stabilität des Landes für bedroht. Alle 43 Anrufer erhielten Vorladungen der Polizei und mussten sich für ihr Abstimmungsverhalten vor den Behörden rechtfertigen. Offensichtlich hatte die aserbaidschanische Telefongesellschaft die gespeicherten Verbindungsdaten der Abweichler unter dem Eindruck des schwerwiegenden Vorwurfs des „Landesverrats“ an die Innenbehörden weitergegeben – eine Prozedur, die bei vielen europäischen Innenministern für feuchte Träume sorgen dürfte, die technisch und juristisch bei uns aber genau so machbar ist. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, bei einem Anruf für die Niederlande oder Österreich eine Vorladung zu erhalten, momentan noch äußerst gering erscheint – zumal letzteres Land ja derzeit auch gar nicht mitmacht.


Was klingt aserbaidschanischer? Der Schwedenschlager von AySel & Arash?

Der reiche, aber durchweg undemokratische Ölförderstaat am kaspischen Meer befindet sich in einem zur Zeit eingefrorenen, langandauernden Konflikt mit Armenien um die autonome Region Bergkarabach, die zum Staatsgebiet Aserbaidschans gehört, die jedoch nach bewaffneten Auseinandersetzungen und Vertreibungen mittlerweile fast nur noch von armenischstämmigen Karabachern bewohnt wird. Auch die Armenier nutzten den Grand Prix für kleinere Sticheleien: so hielt Vorjahresteilnehmerin Sirusho beim Verlesen der armenischen Wertung 2009 immer wieder in auffälliger Weise ihr Punkte-Klemmbrett in die Kamera, auf dem ein Foto eines karabachischen Nationalsymbols klebte. Bereits kurz nach dem Contest beschuldigte Armenien das aserbaidschanische Fernsehen der Manipulation, da es während der Übertragung von ‚Jan Jan‘ Störsignale gesendet und während der Votingphase die armenische Televotingnummer teilweise ausgeblendet habe. Auch diese Vorwürfe sind Gegenstand der EBU-Untersuchung.


…oder das armenische ‚Jan Jan‘?

Baku räumte bereits ein, die 43 Abweichler, die dennoch für das verfeindete Nachbarland anriefen, „befragt“ zu haben. Ironischerweise scheint dabei nicht mangelnder Patriotismus eine Rolle zu spielen, wie es die hysterischen Behörden unterstellten. Eher im Gegenteil: „so gab einer der Verhörten gegenüber Radio Free Europe an, dass er nur deshalb für das armenische Lied gestimmt habe, weil dieses ‚dem aserbaidschanischen Stil näher‘ gewesen sei als der Beitrag des eigenen Landes. Zudem habe ihn als Patrioten geärgert, dass seine Heimat beim Song Contest von einem Iraner repräsentiert wurde, der überdies in Schweden lebt“, so die FTD. Und in der Tat klang Aysel & Arashs ‚Always‘ wesentlich glatter und austauschbarer als das doch eher folkloristische ‚Jan Jan‘ der Arkshannyar-Schwestern. Weswegen es am Ende auch weiter vorne landete: Rang 3, während Armenien sich mit dem zehnten Platz zufrieden geben musste (woran übrigens selbst zwölf Punkte aus Baku nichts geändert hätten).

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