Frankreich 2010: Generation d’Amour

Es ist ein Tabubruch, den Frankreich da betreibt. Wohl immer noch (zu Recht) brüskiert über das indiskutabel miserable Abschneiden ihres singenden Nationalheiligtums Patricia Kaas in Moskau, beschloss die einstmals so stolze Grand-Prix-Nation, den Wettbewerb in diesem Jahr erst gar nicht mehr ernst zu nehmen, sondern als Cross-Promotion-Bühne zu missbrauchen. „France Télévision will den Contest nicht gewinnen, sondern einen Sommerhit erzielen“, mit diesen Worten kommentierte ein französischer Journalist die im Februar bekannt gewordene Entscheidung des Senders, die Erkennungsmelodie der in Südafrika stattfindenden Fußball-WM (!) zum Song Contest einzureichen. Und damit eine der stillschweigenden Übereinkünfte des Grand Prix Eurovision de la Chanson aufzukündigen, der ja einstmals extra aus der Taufe gehoben wurde, damit Menschen mit Feingefühl und Sinn für Ästhetik ihre eigene, jährliche Europameisterschaft bekommen, die nichts mit sinnlosem Gebolze, Blutgrätschen und Bier saufenden, grölenden Massen zu tun hat.


Auf der Bacardi-Insel: der Jessy

Als aufrechter schwuler, die dumme Hetensportart Fußball hassender Eurovisionsfan müsste ich also eigentlich den brennenden Wunsch verspüren, den Franzosen ins Gesicht zu spucken für diesen offenen Angriff, dieses üble Foul, diese grobe Missachtung der Regeln! Doch die Gallier agieren geschickt. Interpret ihres Beitrags ist der im Kongo geborene Tänzer und Hip-Hopper Jessy Matador. Er gehört zu einer jungen Generation von Einwanderern, die in den Pariser Vorstädten leben, sich dort durchschlagen und eine eigene Abart des Hip-Hops geschaffen haben, der sich im Gegensatz zu seinem stärker gewaltbetonten amerikanischen Ghetto-Cousin mehr auf das Kreieren neuer Tanzstile und die Promotion eines hedonistischen Lebensstils konzentriert. Und der musikalisch stärker karibischen Einflüssen ausgesetzt ist. Jessys Eurovisionsbeitrag ‚Allez ola olé‘ ist denn auch ein fröhlich stimmender, groovender, unwiderstehlicher, zum Arschwackeln animierender Dancehall-Song. Für den ich im diesjährigen Ozean der auf die blöden Jurys zugeschnittenen, deprimierenden Langweilerballaden so unendlich dankbar bin, dass ich vor Jessy auf die Knie fallen und ihm die Füße küssen möchte für wenigstens drei Minuten Kurzweil und Frohsinn.

Merci, Jessy!

16 Gedanken zu “Frankreich 2010: Generation d’Amour

  1. Wenn wir Deutschen einen Star mit Nachhaltigkeit suchen (wir wollen ja auch nur in die Top Ten und nicht gewinnen), dann können die Franzosen doch auch gerne einen Sommerhit kreieren. Wird sich dann hoffentlich wohltuend von den vielen, klassisch nach Grandprix klingenden Beiträgen dieses Jahr abheben. Fragt sich nur, ob es so gut kommt, wenn die Hälfte der Big Four mit dunkelhäutigen Sängern anrückt. Zumal das jetzt im ohnehin schon männerdominierten Feld nochmal männliche Verstärkung ist (fehlt nur noch ein Asiate und dann wäre echt für jeden was dabei dieses Jahr). Also vielleicht doch lieber Lena für Deutschland?

  2. Leon raus:p Natürlich Lena! Weil Lena fällt in Oslo auf! Leon wäre nur einer von vielen… an ihm ist nichts wirklich besonders… so eine Stimme wie er haben viele! Aber eine wie Lena die noch dazu durchgeknallt ist wie sonst was… gibt es beim esc nicht oft…. eig gab es das noch nie… ausser vllt die Verka^^ Aber man sieht ja das durchgeknallte durch aus Erfolg haben! Siehe Katy Perry und Lady GaGa.

  3. Ich freu mich drauf Jawoll, hört sich sehr gut an! Das die Franzosen jeglichen Siegeswillen begraben haben ist traurig, aber ich finde ein bisschen olmypischer Sportstgeist (‚Dabeisein ist alles!‘) täte dem Wettbewerb, der in letzter Zeit immer mehr die alte ESC-Philosophie der 80er wiederverinnerlicht hat (sprich: möglichst risikoloser Instant-Pop, der für eine gute Plazierung sorgen sol), sehr gut. Und ich find ihn sexy *kicher* – mag die etwas ‚rougheren‘ Typen eh lieber wie die braven Bubis (Didrik, Harel etc.). Und ‚Sommerhit‘ hört sich nach Uptempo an, dazu noch ein seit ‚White and Black Blues‘ nicht mehr dagewesener Stil (afrikanische Elemente) – zumindest eine Innovation im Mai. Daumen hoch! 😉

  4. Ich freu mich so, so hart! Hundertprozentige Zustimmung zu allem! Der einzige Wermutstropfen ist für mich diese Verkettung mit dem Fußball, da bin ich ja allergisch gegen. Und halt mal gucken, wie der Song wird. Aber vergleichsweise innovativ denke ich auch, und das kann nur gut sein.

  5. Auf die Gefahr das ich hier jetzt rausgeschmissen werde, ich liebe Fussball. Der Song ist geil, geht voll ab das Teil. Glaub mir der gewinnt, wenn er den Liveauftritt nur halbwegs hinkriegt.

  6. tja, ist halt so ´ne sommernummer für die gröhlefraktion. aber wirklich sexy finde ich diesen französischen beitrag nicht (und das sage ich als bekennender schwuler fußballfreund 😀 ). ich glaube nicht, dass der eine siegchance beim grand prix hat. aber man hat ja schon pferde kotz… – äh, ich meine: lordi gewinnen sehen 😥 . warten wir´s ab!

  7. … Erstmal muss er das Live hin bekommen! Und das sage ich euch… das wird nix;) Auserdem sind wir hier beim SONG CONTEST und nicht bei der WM. Weshalb ich denke das die Jury nicht so gut den Song bewertet.

  8. Also viele Aufrufe seit November 09 hat Chiara-Hera ja noch nicht gerade bekommen….aber irgendwie scheinen wir grad von Lenas youtube-Erfolg wohl zu anspruchsvoll 😉 Aber wir sind ja hier bei Jessy Matador: ALLEZ OLA habe ich mir heute Mittag das erste Mal angehört und werde bewusst noch etwas warten, es zu wiederholen. Mal sehen, wie dann mein zweiter Eindruck sein wird, wobei ich mir das schon ziemlich denken kann. Wenn ich was Negatives sagen möchte, dann, dass das Lied ein bisschen kürzer noch knackiger hätte sein können. Und man muss erst noch sehen, wie es live rüberkommen wird (kann mir aber vorstellen, die Franzosen machen ’ne gute Show). Im Vordergrund meines Eindrucks steht jedoch, dass das Stück ein absoluter Knaller ist, voll reinhaut. Super, und warum nicht? – ein ‚Fußballsong‘ beim ESC….zumal ich schwul bin UND Fußball(er)fan 😀

  9. Genialer Schachzug Ich muss schon sagen, Respekt Frankreich! Das Ding könnte tatsächlich was reißen, und das tolle an der Sache ist ja, dass es vollkommen egal ist, ob es gewinnt oder nicht, die Stellung als Sommerhit und Fußball-WM-Begleitsong ist ihm auf jeden Fall sicher. Und wenn das tatsächlich mit dem Sieg klappen sollte, bin ich auf den Trittbrettfahrer-Trend im nächsten Jahr gespannt. (ach übrigens: hetero)

  10. Ich glaube zwar nicht, dass es gewinnt, aber wenn doch, dann wäre das doch auch in die andere Richtung eine schöne Cross-Promotion. Ist jetzt nicht ganz mein Hörstil, aber gefällt mir durchaus und bringt wohltuende Abwechslung ins Starterfeld. (auch schwul 😉 )

  11. 😯 Das ist ja der Wahnsinn! Nachdem ich dieses Jahr alle Titel so langweilig fand, dass es mir nicht mal mehr Spaß machte, sie zu kommentieren- endlich das! Neben der irren Überraschung, dass ich die französischen Beiträge zum 2. Mal in Folge nicht total kacke finde, habe ich neben dem türkischen, norwegischen und deutschen Beitrag endlich mal einen Titel 2 Mal in Folge gehört. Endlich weiß ich, wofür ich im Mai anrufen werde. Und wenn der Mist auf der Bühne knallt, dann kann der junge Mann aus Frankreich auch gewinnen. Oder Lena. Oder Norwegen, oder die Türkei.

  12. fussball…. strategisch ganz toll…. mit diesem song zuerst an den ESC und spätestens bei der WM wird er überall bekannt sein. ich mag kein fussball und folglich sträubte ich mich anfänglich gegen diesen song… aber er ist verdammt catchy und er geht in die knochen… da nützte das ganze kämpfen nichts.. mittlerweilen gehört er zu meinen favoriten.

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