ESC Finale 2010: Do I have to sing again?

Logo des Eurovision Song Contest 2010 (Finale)
Das Jahr des Akkordeons

Ein Meilensteincontest und das Ende eines heimischen Traumas: 28 Jahre, nachdem eine blockflötenhafte junge Saarländerin im Kommunionskleid Europa überzeugen konnte, dass Deutschland nicht mehr den totalen Krieg will, sondern nur noch „ein bißchen Frieden“ (DE 1982), und zwölf Jahre, nachdem ein zottelhaariger Derwisch dem ungläubig staunenden Ausland demonstrierte, dass Deutsche doch Humor haben (‚Guildo hat Euch lieb‘, DE 1998), verdrehte eine charmante Hannoveranerin einem ganzen Kontinent den Kopf, in dem sie bewies, dass wir auch lässig sein können. Im Gegensatz zu den diesjährigen Fluten von hörbar auf den vermuteten Jurygeschmack hin produzierten, saft- und kraftlosen Seichtballaden oder den mit viel Geld und Aufwand zu Tode choreografierten Bühnenspektakeln vermittelte Lena Meyer-Landrut glaubwürdig den Eindruck, einen Sieg nicht um jeden Preis erzwingen zu wollen.

Das deutsche Fräuleinwunder sang stattdessen ganz unspektakulär ihren fröhlichen, eingängigen Popsong ‚Satellite‘ – neben dem türkischen Beitrag ‚We could be the same‘, der auch prompt Zweiter wurde, der einzige des Abends, der musikalisch aus diesem Jahrtausend stammte. Und sie hatte erkennbar richtig Spaß auf der Bühne, womit sie sich positiv hervorhob. In den Wettbüros lieferte sie sich im Vorfeld mit der Aserbaidschanerin Safura Əlizadə ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Und obschon ich sowohl Lena als auch ihren Song sehr mochte, glaubte ich als typisch pessimistischer Deutscher einfach nicht an die Möglichkeit eines Siegs. Selbst noch, als dieser nach zwei Dritteln der Punkteauszählung längst feststand. Da ging es mir wie dem deutschen Kommentator Peter Urban, der auch erst dreimal nachrechnen musste, und den Menschen auf dem Hamburger Spielbudenplatz, die sich im Kameraschwenk eher fassungslos als begeistert zeigten. Dass ausgerechnet wir die Mär vom ostdominierten „Schummel-Grand-Prix“ widerlegen und beweisen sollten, dass auch ein Big-Four-Land gewinnen kann, wenn es sich denn nur Mühe gibt: wer hätte es gedacht? Selbst Lena schien erschüttert und fragte die sichtlich amüsierten Moderatoren: „Do I have to sing again?“. Aber hallo!


Drei Minuten unangestrengter Pop-Zauber: danke, Lena! (DE)

Lenas Hauptkonkurrentin Safura eröffnete den Abend. Wie bereits seit ihrer allerersten Teilnahme 2008 wollte die Türkei II (alias Aserbaidschan) den Wettbewerb auf Biegen und Brechen gewinnen. Man sah und hörte ihrem dämlich betitelten Popschlager-RnB-Balladendrama-Amalgam ‚Drip Drop‘, wie immer aus schwedischer Feder, die Massen an Petrodollars an, die in ihm stecken. Nichts blieb dem Zufall überlassen, jede Millisekunde des Auftritts bis zum Anschlag durchchoreografiert. Die angesichts der auf ihren Schultern lastenden Erwartungen ein wenig nervös wirkende Interpretin absolvierte ein sportliches Höchstleistungspensum zwischen händisch unterstütztem Die-Gangway-Hinunterschweben (es fehlte nur noch die Boing 747 auf der Bühne!), Kniebeugen und Stöckelschuhsprint. Außerdem etablierte sie ein neues Markenzeichen: die scheinbar siegesgewiss geschwungene Safura-Faust™. Half nichts: es reichte nur für Platz 5. Hoffen wir mal für sie, dass der despotisch regierende Aliyew-Clan das arme Ding mittlerweile wieder aus dem Folterkeller entließ, nachdem Elnette & Nigar im Folgejahr (mit einer vielfach schlechteren Nummer aus gleicher Feder) endlich die Trophäe in die Diktatur am Kaspischen Meer zu holen vermochten.


„Diese Trä-hä-hänen / machen tropf-tropf-tropf-tropf / oho!“ Super Hookline! (AZ)

Das gab es auch noch nicht beim Grand Prix: einen Flitzer! Mitten im Song stürmte der einschlägig bekannte Störenfried Jimmy Jump, übrigens ein Landsmann des Interpreten Daniel Diges, die wie stets ungesicherte Bühne und reihte sich in die Zirkus-Choreografie rund um den spanischen Art Garfunkel ein. Es dauerte bange 20 Sekunden, bevor Sicherheitskräfte auftauchten und Jump Richtung Zuschauerraum floh, wo er sich widerstandslos festnehmen ließ. Der verständlicherweise sichtlich verstörte, dennoch bravourös die Contenance wahrende Diges durfte zum Ausgleich sein walzerseliges ‚Algo pequeñito‘ am Ende noch mal singen. Genutzt hat es ihm nicht viel: seine rundweg charmante, wenngleich etwas angestaubte Neuauflage von ‚Primaballerina‘ (DE 1969) landete so überraschend wie ungerecht dennoch nur im Mittelfeld. Auch das Gastgeberland entschied sich für das Recycling eines alten Hits, in diesem Falle des Keltensound-Karaokeklassikers ‚You raise me up‘, präsentiert als ‚My Heart is yours‘. Der Schwiegermutterliebling Didrik Solli-Tangen wirkte noch nervöser als der Spanier, knödelte mehr als zu singen und litt bei der Auszählung wohl auch unter der Konkurrenz des stark verwandten irischen Beitrags.


Bei 1:20 Min. schleicht er sich in den spanischen Auftritt: Jimmy Jump

Ein bisschen fies der Hinweis von Peter Urban, dass Moldawien das ärmste Land der EU sei – allerdings erklärte das die Garderobe des SunStroke Projects. In hohem Maße irritierend auch die Art und Weise, wie der Saxophonist auf offener Bühne, wie soll man es umschreiben: seine Liebe zu seinem Instrument demonstrierte. Dennoch blieb ‚Run away‘ ein hübsches (und von den Juroren grotesk unterbewertetes) Stück Eurodance. Im Anschluss öffnete sich ein Zeitfenster für eine wirklich ausgedehnte Toilettenpause, denn es folgten am Stück drei der ödesten Eurovisions-Rockballaden aller Zeiten. Los ging es mit dem (warum auch immer) für Zypern antretenden walisischen Kneipensänger Jon Lilygreen, der hier natürlich überhaupt nichts verloren hatte. Der Bosnier Vukašin Brajić sorgte zumindest optisch für einen ‚Teriazoume‘-Moment (CY 1992): die geile Sau der gutaussehende Casting-Star schickte dermaßen tiefe Blicke in die Kameras, dass man sich hinterher eine Zigarette anzünden wollte. Leider konnte das seinen drögen Rocksong ‚Thunder and Lightning‘ auch nicht retten. Der triefäugige James-Blunt-Imitator Tom Dice aus Belgien beschloss das Singer-Songwriter-Triple. Sein schlichter Auftritt bestand tatsächlich aus nichts anderem als ‚Me and my Guitar‘ – und das in einem schlimmen C&A-Anzug, in dem er aussah wie der junge Heintje.


Welche frauenhassende Homolette hat nur Vukis Chorsängerinnen frisiert? (BA)

Ob der Belgier den männlichen Juroren aller 39 abstimmenden Ländern vor dem freitäglichen Juryfinale persönlich einen blies, kann ich nur vermuten – Fakt ist, dass die Geschmacksgeronten sein pseudorebellisches Weicheigewinsel in der Tradition der ‚Rock’n’Roll Kids‘ (IE 1994) mit nur zwei (!) Pünktchen Abstand hinter Lena auf ihren Rang zwei (!!) wählten. Während die Anrufe europäischer Schwieger- und Großmütter lediglich für einen – deutlich angemesseneren – vierzehnten Platz im Televoting reichten (#6 im Gesamttableau). Tja, wer Jurys sät, wird Langweilerballaden ernten™. Und gerade, als ich nach zehn Minuten der quälendsten Ödnis bereit war, meine Seele für ein lustig choreografiertes Uptempostück zu verkaufen, beamte ein gnädiges Schicksal die serbische Transenversion von Lt. Spock auf die Bühne, wo er / sie / es, begleitet vom offiziellen aufrechtgehn.de-Preisträger „sexiester Tänzer 2010“ (der Bärtige) und zwei Ischen in Lakas (BA 2008) Brautkleidern, zum fröhlichen Bukovinasound über die Bühne hüpfte und irgendwas davon trötete, dass der Balkan regiere. Darf er gerne, so lange seine Herrscher dabei so fabulöse Mireille-Mathieu-in-Blond-Perücken tragen wie Milan Stanković. Großes Entertainment und nicht einen, nicht zwei, nein: drei Küsse für Serbien!


Per Teleportation direkt vom Traumschiff Surprise nach Oslo: Milena (RS)

In den Folterverliesen Lukaschenkos dürften mittlerweile die fünf Weißrussen von 3 +2 darben. Zwar hörten sie noch auf den hier geäußerten Rat, ihren Aufenthalt in einem freien westlichen Land zu nutzen, anhand des bei ihnen fraglos verbotenen John-Lennon-Klassikers ‚Imagine‘ die korrekte Aussprache des von ihnen im Semi noch als „Imaygine“ zersungenen Wortes zu üben. Dafür aber zersägte Leadsänger Artyom Mihalenko heute seine Zeilen. Außerdem ist das Finalpublikum stets ein anderes als das in dem Minderheitenprogramm der Qualifikationsrunden: kam dort ihre stockschwule Disney-Kitsch-Show mit den paillettenverzierten Schmetterlingsflügeln noch bestens an, so fiel sie heute um so gnadenloser durch. Wie übrigens auch Herr von Boedefeld alias Niamh Kavanagh. Im Semi noch von der Jury gerettet, stürzte die bombastische irische Panflöten-Patentballade ‚It’s for you‘ hier ins Bodenlose. Kein Wunder, denn die anbetungswürdige Irin vergeigte leider sowohl die lange als auch die hohe Schlussnote.


@Keith Mills (AKOE): Ha ha. Ha! (IE)


It’s for me: in der Discoversion (hier mit Sheila Fits Patrick) find ich die Nummer geil!

Macho, Macho Man: der grummelige Sugardaddy Schorsch Al Kaida Giorgos Alkaios und seine vier sexy gestiefelten, jugendlichen Stricher Tänzer erweckten den Geist der schwulen Siebzigerjahre-Discokultband Village People wieder zum Leben. Butch und camp zugleich wirkte ihr Gestampfe und Gegrunze zum treibenden Elektrobeat. Visueller Höhepunkt von ‚Opa‘ (‚Hossa!‘) war natürlich der Break, als die Griechen ihre Trommeln mittels Pyrotechnik zum, man kann es nicht anders nennen, ejakulieren brachten. Für mindestens zwei Minuten, bis weit hinein in den nächsten Beitrag, ebbte das hysterische Lachen auf der Grand-Prix-Party im Hause Poursanidis, wo ich den Contest in fröhlicher Runde schauen durfte (danke, ihr Lieben!), nicht mehr ab. Die wohl homoerotischste Darbietung des Abends. Kein Wunder: wer hat’s erfunden…?


1-2-3-4-Fire: bei 3:05 Min. kommt’s den Griechen

Ohne mich loben zu wollen (denn schwer war das nicht), aber ich sah es voraus: mit dem von Pete Waterman (von Stock / Aitken / Waterman), einst erfolgreichster Seriensongschreiber und Produzent der späten Achtzigerjahre, im Bemühen um die Aufpolierung des Glanzes längst vergangener Tage verfassten ‚That sounds good to me‘ präsentierten die Briten einen heißen Anwärter auf die Nachfolge der berüchtigten Jemini (UK 2003). Gut, es wurden mehr als null Punkte. Doch auf dem letzten Platz landete Josh Dubovie trotzdem, übrigens übereinstimmend bei Jurys und Televotern. Die Nummer klang aber auch, als hätten S/A/W die B-Seite einer steinalten Rick-Astley-Single für den Tanztee im Seniorenstift entschärft. Im Bemühen um eine eurovisionskonforme Show baute man eine Showtreppe-Boxen-Kombination, die aber wirkte wie die billige IKEA-Imitation von Ani Loraks beleuchteten Kleiderschränken von 2008. Also wie gewollt und nicht gekonnt. Augen- und ohrenscheinlich (Die Flatterlappen! Die Katzengesänge!) besorgten außerdem drei der vier No Angels (DE 2008) den Backgroundchor, an dem der verängstigte Josh im Verlaufe der Show so zügig und schamhaft nach unten blickend vorbeihuschte, als fürchtete er, von den Damen vom Podest geschubst zu werden, wenn er sich nicht beeile. Ein Trauerspiel!


That sounds schief to me: Joshs Katzenchor (UK)

Ich glaube, niemand hatte Spaß bei der georgischen Performance. Weder die unentwegt durch die Gegend gehobene und geschleuderte, garantiert blaue Flecken davontragende Sophia Nizaharade, noch die körperliche Schwerstarbeit leistenden Tänzer, die mit ihrer überhektischen Choreografie bei dieser sehr klassischen, sehr langweiligen Eurovisionsballade (‚Shine‘) völlig fehl am Platze waren. So, wie auch der weibliche Robocop bei den Türken. Sollte die sich mit dem Dosenöffner aus ihrem Panzer schälende Frau weitere Flitzer von der Bühne fernhalten oder welchen Zweck verfolgte sie? Immerhin lieferten die über die Grenzen ihres Heimatlandes bekannten Rocker von maNga mit ‚We could be the Same‘ einen kontemporären Beitrag und erfuhren mit Platz 2 die angemessene Entlohnung – trotz massiven Downvotings durch die Jury. Bleibt noch die Frage, wer diese ominöse „Wan“ war, von dem die Albanerin Juliana Pasha in ihrem Discoschlager ‚It’s all about you‘ immerzu sang („You are the Wan“). Der potthässliche Geiger? Nein, das war ja kein Asiate. Der Schneider ihres Seitenspoiler-Outfits? Ihr Heliumlieferant? Mer waases net, mer vermut’s nur. Wie schon erwähnt: in den Semis, wo die fabelhafte Schwulenmutti Hera Björk Zweite wurde, schaut eine andere Zielgruppe zu als im Finale, wo der in einem etwas unvorteilhaften Zeltkleid antretende isländische Vulkan mit dem campen Grand-Prix-Disco-Schlager ‚Je ne sais quoi‘ ins Mittelfeld abschmierte. Allerdings hätte dieser auch nach einer etwas ausgefeilteren Choreografie verlangt als einem fünfsekündigen synchronen Von-links-nach-rechts-Schreiten mit ihren Chormädels. Sei’s drum.


Eyjafjallajökull dampft schon: Hera bei der isländischen Vorentscheidung

Was allerdings die Ukrainerin Alyosha im Finale verloren hatte, verstehe ich beim besten Willen nicht. Und ihr gutes Abschneiden hier noch viel weniger. Ein Lied, das keins ist; ohne Refrain; ohne erkennbare Struktur; bestehend aus so abgegriffenen und ausgelutschten Weltuntergangsklischees, dass noch nicht einmal Michael Jackson (‚Heal the World‘) sie angefasst hätte; mit sauertöpfischer Miene in schlechtem Englisch gejammert von einer Frau im fleischfarbenen Nachthemd. Sind das die Spätfolgen von Tschernobyl? Kollektive Gehirnerweichung? So wie im Falle der „roughen“ Litauer hoffe ich, dass auch der taffe Jessy Matador ein Hühnchen mit den geisteskranken Juroren rupfte, die seinen kraftvollen Dancehall-Kracher ‚Allez ola olé‘ vom verdienten achten auf den zwölften Platz heruntermanipulierten! Und verrät mir bitte jemand Namen und Anschrift des verantwortlichen Bildregisseurs, damit ich ihn persönlich verprügeln kann? Da hat Frankreich mit Nedjim Mahtallah den sexiesten Chorsänger mit der muskulösesten behaarten Brust, die jemals auf einer Eurovisionsbühne zu sehen war. Und dann verpasst die Kamera das Meiste seiner zirka fünfzehnsekündigen Tanzeinlage mit freiem Oberkörper? Arrrgh!


Ab 2:45 zieht er den Streifenpulli aus: Jessy butcher Backing (FR)

Und bevor sich jemand wundert: ja, es ist mir bewusst, dass es sich bei ‚Allez ola olé‘ um ein Fußballlied handelt: die französische TV-Titelmelodie zur südafrikanischen WM. Und ja, das ist beim Grand Prix ein Sakrileg. Aber wer so wie Jessy mit dem Arsch wackelt und so viel ansteckende Lebensfreude verbreitet, dem kann ich darob nicht böse sein! Zwei klassische Pärchennummern tummelten sich im Finale, beide am Ende viel zu hoch bewertet auf den Plätzen 3 und 4. Dabei war das rumänische ‚Playing with Fire‘ (mit dem erwartbaren „Fire / Desire“-Reim) insofern noch erträglicher, als die stimmgewaltige Lederdomina Paula Seling und ihr glubschäugiger Freier Ovi sich tatsächlich zu mögen schienen und die Pyroeffekte aus dem netten Popsong, der keinem weh tat, beinahe eine zündende Nummer machten. Schlimmer lag der Fall bei den Musikzombies Schantall & Neverbeen Chanée & N’Evergreen, die ihre tiefsitzende gegenseitige Abneigung zwar diesmal besser verstecken konnten als noch im Semi (oder in der dänischen Vorentscheidung), bei denen die Chemie aber dennoch so sehr stimmte wie bei Merkel & Westerwelle. Für ein paar schreckliche Minuten während der Stimmauszählung sah es sogar so aus, als könnten die Zwei mit den toten Augen und der Ausstrahlung einer abgelaufenen Tüte H-Milch mit ihrer Gesang gewordenen Lobotomie ‚In a Moment like this‘ den Sieg davon tragen. Und dann hätte ich mich wohl erhängt.


Bei 3:26 Min.: fliegt das „Foto“ im Windmaschinensturm Peter gleich ins Auge, und wenn ja, in welches? (RU)

‚Lost & forgotten‘, der russische Beitrag, war das diesjährige ‚Pokusaj‘ und spaltete die Zuschauer in Liebende und Hassende. Wie schon bei dem ähnlich genial-schrägen bosnischen Song von 2008 brauchte ich auch hier einige Anläufe (und den Hinweis auf Peter Nalitchs bisheriges Musikschaffen), um die wunderbare Ironie des herzzerreißend übertriebenen Klagegesangs des Petersburger Bettelstudentenchors über das Leiden an einer unerfüllten Liebe (und der allgemeinen Schlechtigkeit der Welt) zu begreifen. Der von mir verehrte Roy Delaney fasste es auf OnEurope schön zusammen: „Ja, es ist morbide und in schlechtem Englisch. Genau das ist der Punkt. Es ist eine dunkle, sich selbst veralbernde, intellektuelle Ballade mit einem verschrobenen Sinn für Humor, der weit über allem anderen in diesem Contest steht“. So sieht’s mal aus! Und für die Nicht-Nalitch-Fans, die im Ergebnis außerhalb der Top 10 für Russland den Beleg für das Funktionieren der Jurys sehen: auch bei reinem Televoting wäre nicht mehr als Rang 11 herausgekommen! Drei Plätze weniger gab’s dagegen für Eva Rivas und ihre tanzbare Ode auf das armenische Nationalobst, die Aprikose. Lag es an den subtilen politischen Untertönen? Oder doch eher an Evas etwas herbem Aussehen?


Die Haarextensions sind aber wirklich… extensiv! (AM)

Blieben noch zwei im Mittelfeld versackende Jammerlappenbeiträge: zum einen das unendlich dröge ‚Há Dias assim‘ aus, natürlich, Portugal, vorgetragen von einem völlig verloren wirkenden Mädel: profitierte Filipa Azevedo im Semi noch vom Welpenschutz, so ging sie im Finale im direkten Anschluss an die fröhlich-freche Lena komplett baden. Und zu Recht. Sowie der Israeli, das männliche Pendant zu Alyosha, auch wenn sich in Harel Skaats großer, dramatischer Ballade ‚Milim‘ so etwas wie eine Melodie immerhin erahnen ließ. Was nun der Grund für seine Klage war – eine Preiserhöhung für Kaba, die Verschlüsselung von Nickelodeon in Israel oder die Pensionierung seiner Lieblingskindergärtnerin – das blieb dank der Sprachgrenze im Dunkel.


Meine Lieblingsstelle: die Nordsseeinsel bei 6:49 Min.

Nicht zu vergessen: der fabelhafteste Pausenact aller Zeiten, Madcons ‚Glow‘ und der europaweit zelebrierte Tanz-Flashmob. Ein interaktiveres (und dem Grundgedanken des Song Contests von europäischer Einigung und Spaß näher stehendes) Stimmenauszähl-Überbrückungsevent gab es in der Grand-Prix-Geschichte noch nicht. Hut ab für den NRK! Ach so, und dann war da noch das eingangs bereits erwähnte und kaum für möglich gehaltene Ergebnis nämlicher Stimmauszählung, das Deutschland sein Sommermärchen 2010 bescherte, das Land in eine kollektive Hochstimmung versetzte und Lena zur Königin unserer Herzen machte. Samt triumphalem Staatsempfang auf dem Hannoveraner Flughafen und Live-Sondersendungen am nächsten Tag. Das gab’s bei Nicole weiland nicht: endlich war die Wachablösung vollzogen, die Ära Siegel ein für alle mal beendet!

Eurovision Song Contest 2010

Eurovision Song Contest 2010 - Finale. Samstag, 29. Mai 2010, aus der Fornebu-Arena in Oslo, Norwegen. 25 Teilnehmer, Moderation: Haddy N'jie, Erik Solbakken & Nadia Hasnaoui.
#LandInterpretSongtitelPunkte
gesamt
PlatzPunkte
Televoting
Platz
01AZSafura AlizadəDrip Drop1450516105
02ESDaniel DigesAlgo pequeñito0681510612
03NODidrik Solli-TangenMy Heart is yours0352001821
04MDSunstroke Project + Olia TiraRun away0272202818
05CYJon Lilygreen & IslandersLife looks better in Spring0272101623
06BAVukašin BrajićThunder and Lightning0511703516
07BETom DiceMe and my Guitar1430607614
08RSMilan StankovićOvo je Balkan0721311010
09BY3+2Butterflies0182401822
10IENiamh KavanaghIt's for you0252301524
11GRGiorgos Alkaios & FriendsOpa1400815207
12UKJosh DubovieThat sounds good to me0102500725
13GESofia NizharadzeShine1360912709
14TRMaNgaWe could be the same1700217702
15ABJuliana PashaIt's all about you0621603517
16ISHera BjörkJe ne sais quoi0411904015
17UAAlyosha KucherSweet People1081009413
18FRJessy MatadorAllez! Ola! Olé!0821215108
19ROPaula Seling + Ovi CernăuţeanuPlaying with Fire1620315506
20RUPeter Nalitch & FriendsLost and forgotten0901110711
21AMEva RivasApricot Stone1410716604
22DELena Meyer-LandrutSatellite2460124301
23PTFilipa AzevedoHá Dias assim0431802420
24ILHarel SkaatMilim0711402719
25DKChanée & N'EvergreenIn a Moment like this1490417403

7 Gedanken zu “ESC Finale 2010: Do I have to sing again?

  1. Das war mein zweitliebster ESC (erstliebster: 1998), mit sehr vielen guten Songs. Naguuut ein paar Ausfälle gab es, aber was ich schlecht finde finden andere wieder gut – und umgekehrt 😉

    Ich hatte „Satellite“ schon einigermassen satt, wie ich zugeben muss – dauernd dudelte man das überall, als Webradio-Moderatorin musste ich es auch oft spielen, auf Wunsch^^  Und dann: Lenas Performance an diesem Abend war sooo süss, unverkrampft, cuuute! 😀 Ich war seltsamerweise restlos begeistert und glaubte erstmals an Siegchancen (so ganz vorsichtig, natürlich).  Ein wirklich denkwürdiger Auftritt.
    Tom Dice fand ich auch super (jahaa ich weiss, der wird hier im Blog nicht sehr geschätzt! :D), aber er kam einfach so ehrlich, ungekünstelt und sympathisch rüber *schmelz* Hör den Song immer noch gern. maNga gefielen mir u.a. auch und die Griechen (die Durmstrangs des ESC…wer Harry Potter und der Feuerkelch gesehen hat, weiss was ich mein :D), nur war ich enttäuscht daß Malcolm Lincoln nicht im Finale dabeiwar. Sein Song hatte i-wie was…

    Ärgere mich bis heute darüber daß ich diesen ESC nicht aufgenommen habe, wie sonst immer (hab keine Ahnung, wieso). Bei der Kauf-CD fehlen sicher Peter Urbans Kommentare 🙁

  2. Die beleuchteten Kleiderschränke aus 2008 gehörten übrigens nicht Sirusho, sondern Ani Lorak.

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