Frankreich: weg mit den Jurys

Wie das Eurofire-Blog berichtet, spricht sich der französische Unterhaltungschef Nicolas Pernikoff für eine Rückkehr zum reinen Televoting aus. Die Beteiligung der Jurys nannte er einen „Skandal“, den er „beim nächsten Delegationentreffen der Eurovision ansprechen“ wolle. Im Zeitungsbericht sei die Rede von Absprachen auf den Hotelkorridoren in Oslo. „Zudem würde die Twitter-Gemeinde Einfluss auf die Juroren ausüben“, wird er weiter zitiert. Der französische Vertreter Jessy Matador erreichte mit seinem Fußball-WM-Song ‚Allez! Ola! Olé!‘ einen enttäuschenden zwölften Platz, konnte sich aber nach dem Wettbewerb in etlichen europäischen Verkaufscharts platzieren.


Der Chorsänger (geringeltes T-Shirt, bei der Tanzeinlage nackter Oberkörper): woof!

Ob der flotte Dancehall-Song des gebürtigen Kongolesen Jessy Matador bei reinem Televoting besser abgeschnitten hätte, steht noch nicht fest, da bislang die wenigsten Länder nach Jury und Publikum aufgeschlüsselte Voten veröffentlichten. Der kommerzielle Erfolg des auf ein jüngeres, Tonträger (bzw. Files) kaufenden Publikums zielenden Titels spricht aber dafür. Auch Lena schnitt höchstwahrscheinlich bei den Anrufern besser ab als bei den Jurys, wie erste Veröffentlichungen aus Rumänien vermuten lassen.

Ob tatsächlich Geldkoffer über Osloer Hotelflure geschoben wurden, wie die französische Einlassung impliziert, bleibt indes Spekulation – auch wenn frühere Erfahrungen des ehemaligen deutschen Delegationsleiters Jürgen Meier-Beer mit Menschen aus Valetta, wie auch die verzweifelt-entschlossene Werbemaschinerie Aserbaidschans dieses Jahr, diese Spekulationen zumindest nähren. Ob die „Twitter-Gemeinde“ nun wirklich Juroren, die wie die große Mary Roos oder Hape Kerkeling zu meiner Altersgruppe gehören, so massiv erreicht, bezweifle ich hingegen. Da ist der Einfluss der klassischen Medien Fernsehen und Print doch noch um ein Vielfaches größer, wie die hohe Aufmerksamkeit (und das gute Abschneiden) Lenas, gerade in den skandinavischen Ländern, belegt. Dagegen ist aber aus meiner Sicht nichts einzuwenden.

Dennoch rennt Herr Pernikoff bei mir natürlich offene Türen ein mit seinem Vorstoß. Einfach deswegen, weil die Jurys ein undemokratisches Bevormundungsinstrument sind. Und, weil sie ihr Hauptziel, die Eindämmung des Blockvotings, wenn überhaupt, dann nur in sehr in geringem Maße erreicht haben. Ja, aus Deutschland gingen nicht die früher üblichen 12 Punkte an die Türkei, sondern „nur“ 10. Na, dafür lohnt sich die Entmündigung der Zuschauer aber!

10 Gedanken zu “Frankreich: weg mit den Jurys

  1. Nun, zu den letzten Sätzen: Das ist dieses Jahr schlecht zu beurteilen; die Türkei kam quer durch die Länder recht gut an, anders wird man nicht Zweiter. Um festzustellen, welchen Einfluss die Jurys auf die Diaspora haben, bräuchten wir ein Jahr, in dem eines der starken Diasporaländer die letzte Grütze zum ESC schickt, was aber eher unwahrscheinlich ist – Griechenland und die Türkei haben einen Ruf zu verlieren, und Armenien und Aserbaidschan wollen die Chose ja auch mal gewinnen (‚Hallo, hier ist Radio Eriwan, im Prinzip mit dem ESC 2012’…sorry 😉 ). Und über das ’sehr geringe Maß‘ unterhalten wir uns noch mal. Die Zwölfer für Lena kamen großenteils aus Skandinavien und dem Baltikum – eigentlich ein klassischer Stimmblock, im Falle des Baltikums sogar Teil von zweien (Skandinavien und ehemalige Sowjetunion). Dänemark ist im Finale und hat einen letztlich sehr gut platzierten Song, und trotzdem fliegen die Zwölfer aus Skandinavien nach Deutschland. Das hat mich ehrlich gesagt überrascht, und da bin ich auch auf die Juryvote gespannt – Punkte für Deutschland? Wer war das?! Die einzige Ecke Europas, wo das Geschiebe läuft wie eh und je, ist der Kaukasus. Georgien an Armenien und Aserbaidschan, Armenien an Georgien, Aserbaidschan und Türkei aneinander, und Armenien und Aserbaidschan ignorieren einander konsequent (komischerweise gehörten da dieses Jahr auch Litauen und Weißrussland mit zum Block, weiß der Henker warum). Oh, und die obligatorische Geschiebelage in Ex-Jugoslawien, aber da könnte man auch 100 % Jurys nehmen, und es würde immer noch so laufen (wobei Kroatien dieses Jahr immerhin seinen Zwölfer an die Türkei gegeben hat, selbst da besteht Hoffnung). Und natürlich Griechenland und Zypern, aber das muss wohl nicht betont werden. Das sind Nachbarvotes, die mit kaum einem halbwegs fairen Stimmsystem aufzulösen sind, vor allem, weil man ‚Nachbarvote‘ nicht sauber von ‚das gefällt uns eben‘ trennen kann. Es ging wohl eher darum, die Diaspora ein wenig zu beheben, und das hat meines Erachtens einigermaßen geklappt – wenn Armenien von Frankreich nur sechs Punkte bekommt, und Portugal nur acht, dann ist das ein Schritt in die richtige Richtung (nicht, dass das immer so laufen müsste, sondern dass es überhaupt möglich ist). Wie du selber mal gesagt hast, waren das Problem nicht die einzelnen Zwölfer, die da getauscht wurden, sondern die systematische Verhinderung von Westeuropäern in den hohen und mittleren Regionen der Tabelle, wenn die nicht gerade so auffällig waren, dass sie zum Sieger taugten (Island 2008 war das konkrete Beispiel, wenn ich mich richtig erinnere), sowie das unglaublich langweilige und berechenbare Voting, bei dem IMMER klar war, wohin die 8, 10 und 12 Punkte gehen. Das scheint für den Moment behoben – Rumänien auf der 3, Belgien (!) auf der 6, Ukraine auf Platz 10 – oh, Moment, falsches Beispiel. 🙂 Aber ich werde erstmal die Resultate abwarten, die die anderen 38 Länder abliefern sollen (macht mal hinne, Jungs!). Dieses System mag hanebüchen erscheinen, aber im Moment wird sich darüber sicher niemand so richtig böse beschweren, am allerwenigsten die anderen Big Four – Spanien hat dieses Jahr die Störung und den Todesslot als Ausrede, Großbritannien zerfleischt sich eher selbst (jeder für sich, und alle auf die BBC), und Deutschland wird kaum über das aktuelle System jammern. Abgesehen davon, dass man mit einer Rückkehr zu 100 % Televoting diverse dieses Jahr Unbeteiligte wohl endgültig verscheuchen würde – Andorra, Tschechien, Ungarn, eventuell auch andere teilnahmewillige Westeuropäer, die sich noch mit Grausen an das Scoreboard von 2007 erinnern. (Nein, ich erwähne Österreich nicht. Denen ist es doch eh lieber, wenn sie schön nölen können, anstatt teilzunehmen, auch wenn ihre Ausrede nicht mehr zieht, wie man dieses Jahr gesehen hat.) Ach, und noch was: http://www.lepoint.fr (mal runterscrollen, bis das Titelbild der aktuellen Ausgabe sichtbar wird). So weit hat Lena es also schon gebracht…

  2. Also ich muss sagen, dass ich ganz zufrieden damit bin, dass das Diasporavoting zumindest ein BISSCHEN eingedämmt worden ist. Nachbarschaftsvoting wird man natürlich auch mit Juries nicht verhindern können, da es ja kaum von ähnlichem Geschmack unterscheidbar ist. Trotzdem bin ich wie immer gespannt darauf, wenn hoffentlich die detaillierten Ergebnisse herauskommen. Es würde mich beispielsweise interessieren, ob die 12 Punkte für Belgien aus Deutschland vielleicht auch daher rühren, dass die Aufmerksamkeit in D so stark gesteigert war, dass außer Migranten überhaupt eine nennenswerte Anzahl von Anrufern zusammenkamen. Aber dass gerade die Franzosen nach reinem Televoting rufen, verwundert schon sehr. Letztes Jahr wäre es für Patricia Kaas ohne Juries ein DESASTER geworden (leider).

  3. Das ist ja das Schwierige an der Beurteilung des Block- oder Diasporavotings. Meine These ist ja, dass es die ’neuen Big Four‘ gibt, nämlich die Türkei, Griechenland, Armenien und Aserbaidschan, die jedes Jahr alleine aufgrund Diasporastimmen fix im Finale sind, und wenn sie einen Besen auf die Bühne stellen würden – Jurys hin oder her. Das Blöde ist nur: sie tun das ja nicht, sie schicken ja jedes Jahr mehr oder weniger gute, auf jeden Fall finalwürdige Songs… Bei GR/CY und TR/AZ (wie auch bei RO/MD) haben wir das Phänomen ‚ein Volk, zwei Länder‘, da sind die kulturellen Unterschiede zwischen Bayern und Niedersachsen größer als zwischen diesen Ländern. Und die systematische Verhinderung von Westeuropäern auf hohen Rängen findet ja immer noch statt – Spanien und Frankreich hätten deutlich höher abschneiden müssen! Aber die konnten im Osten offenbar nicht reüssieren, und Westeuropa hat zu wenig Länder, um das auszugleichen. Deutschland als Sieger (ich hätte nie gedacht, das noch mal mitzuerleben!) belegt ja nur, dass wirklich Jeder gewinnen kann, wenn er etwas wirklich Originelles einreicht – aber das ist nicht den Jurys zu verdanken, meine Vermutung ist weiterhin, dass dieser Sieg eher gegen die Jurys stattfand. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber die Eindämmung des Diasporavotings geht auch über die Technik (nur ein Anruf pro Land pro Telefonanschluß) – ich fühle mich durch eine Jury schlichtweg bevormundet und habe überhaupt kene Lust mehr, noch anzurufen. Das ist für mich, als ob es bei der Bundestagswahl eine fünf Mann starke Jury gäbe, deren Präferenzen 50% zählten (und dafür gäbe es sicher auch genug gute Gründe, schließlich ist das Wahlvolk ja auch zu 85% unmündig – sonst kämen solche Gestalten wie Roland Koch ja nicht in Regierungsämter…). 😆

  4. [quote=def]Letztes Jahr wäre es für Patricia Kaas ohne Juries ein DESASTER geworden (leider).[/quote] Richtig, aber ich glaube dass es dieses Jahr komplett umgekehrt gelaufen ist – die überraschend hohe Platzierung von ‚Allez! Olé! Ola!‘ in den Download-Charts quer durch Europa lässt nämlich darauf schleißen, dass die Franzosen dieses Mal mit reinem Televoting locker in den Top-10 gelandet wären (zurecht, der Auftritt war großartig) und nur eine äußerst schlechte Jury-Wertung sie bis auf Platz 12 zurückkatapultiert hat.

  5. Das halte ich auch für ziemlich wahrscheinlich. Man muss sich halt damit abfinden, dass der moderne ESC ein Mainstreamwettbewerb ist. Das muss aber nichts Schlechtes sein, denn nur so überlebt er ja als das Event, das er ist.

  6. Sehe ich auch so… Andernfalls wäre es schwer, Nachwuchs für die ESC-Fangemeinde zu ‚rekrutieren‘, und wir würden zu einer vom Aussterben bedrohten Spezies 😉

  7. Tja, Westeuropa hätte ja schon genügend Länder, wenn diese denn nicht alle in den Pratt-Ecken sitzen würden, wie Österreich, Ungarn (Mitteleuropa), Luxemburg, Italien oder einfach nicht daran dächten, daß der Spaß auch Geld kostet, wie Andorra, Monaco, San Marino – vielleicht ist ja 2011 wieder der ein oder andere mit am Start – und Liechtenstein könnte das neue Zypern der Schweiz werden ^^. Das mit dem Bevormunden ist ja schon irgendwie auch für mich einsichtig, aber schön, daß Du den Koch-Vergleich mit dem unmündigen Wahlvolk gebracht hast 😉 Ja, ich hab ja von Technik null Ahnung, wenn das denn tatsächlich ginge mit der Anruf-Regulierung: das wäre doch schon ein ordentlicher Schritt. Wie wäre es denn mit der Abstimmung per Postkarte, und dann 1 Woche später das Ergebnis (Vorteil: Spannungsbogen bleibt erhalten… und noch weitere Vorteile) Vorsicht, Ironie !

  8. Gebe Dir völlig recht. Ich möchte zwar manche osteuropäischen Staaten nicht als Sieger sehen, da sie sich vor lauter Stolz nicht mehr einkriegen würden, aber von dort kommen eben jedes Jahr tolle Songs! Rußland scheint mir auch jedes Jahr ins Finale zu kommen, egal womit. Die Beschränkung auf max. drei Anrufe pro Anschluß wäre ideal. Leider befürchte ich, daß in Zukunft die Grenze eher nach oben gehen oder ganz aufgehoben wird. Schließlich kann damit wunderbar Geld eingenommen werden.

  9. Twitter Da fällt mir noch ein, wie soll die Twitter-Gemeinde denn Einfluss auf die Juroren ausüben? Wird da mit Klingeltönen bestochen oder wie? Und wie kommt man an die Nummern der Juroren?

  10. ich fand dass das nachbarschaftsvoting dieses jahr weniger ausgepraegt war als in den letzten jahren. wenn das an den juries gelegen hat sollte man sie auch in zukunft beibehalten.

Oder was denkst Du?