Kuunkuiskajaatgate beim ESC 2010

Jurys sind Wichser!™ Heute veröffentlichte die EBU die nach Jury- und Televoting aufgesplitteten Abstimmungsergebnisse des diesjährigen Grand Prixs. Und wie nicht anders zu erwarten, sind sie ein Grund, alle Jurymitglieder und alle Befürworter dieser Institiution direkt in die geschlossene Abteilung zwangseinweisen zu lassen. Zwar gewann Lena beide Votings übereinstimmend (wenn auch das Zuschauervoting deutlich überzeugender), dafür aber kanteten die geschmacksgestörten Vollhorste aus den Korruptionsgremien in den Semis die fantastischen Finninnen, die lustigen Litauer und die schlimme Schwedin raus. Und alleine für das unverdiente Ausscheiden von ‚Työlki ellää‘, das im Televoting auf den sechsten Rang (!) kam und das ich nur als Kuunkuiskaajatgate“ bezeichnen kann, müsste man allen Beteiligten eigentlich stande pede die Bürgerrechte aberkennen – definitiv aber ihren angeblichen Status als „Musikexperten“.


Kuunkuiskajatgate: ich erwarte den Rücktritt von Svante Stockselius und eine offizielle Entschuldigung von der EBU!

Ehrlich, es stimmt mich traurig, wenn sich meine schlimmsten Vorurteile bestätigen. Wie im Fall der Jurys meine Vorurteile über den vermuteten angestaubten Musikgeschmack der offensichtlich nicht nur in Deutschland überwiegend vergreisten Gremien: unisono voteten sie die langweiligsten, ödesten Balladen des Wettbewerbs aus Belgien, Portugal (und ich hatte schon mit den Augen abstimmende Heteromänner unter den Zuschauern im Verdacht!), Georgien und der Ukraine nach oben und originelle Songs wie den aus Frankreich nach unten. Einigkeit bestand lediglich beim Siegertitel – und bei der Roten Laterne, die sowohl bei den Zuschauern als auch den Juroren gleichermaßen nach England ging. Verdient – wie unsagbar peinlich ist es denn für das einstige Mutterland des Pop, wenn selbst die Bühnendeko billiger aussieht als die des osteuropäischen Newcomerlandes Aserbaidschan? Vom Song selbst jetzt mal ganz zu schweigen. ‚That sounds good to me‘ entsprach in seiner präsentatorischen Gesamtheit irgendwie der aufgeregten Achtjährigen, die sich bei der Schulaufführung vor versammelter Mannschaft auf offener Bühne einnässt…


Hier waren sich alle einig: that sounds shite to me!

Krasse Unterschiede gab es vor allem in den Semis. Hier hätte es bei einem reinen Zuschauervoting – wie es ja noch bis 2009 Usus war – jeweils einen anderen Gruppensieger gegeben. Nämlich in der ersten Qualifikationsrunde – wie von mir ursprünglich getippt – Griechenland anstelle von Juryfavorit Belgien. Und im zweiten Semi Aserbaidschan anstelle der Türkei. Viel entscheidender aber: all die schockierenden Ergebnisse, welche Länder zur völligen Überraschung der Fans rausflogen und welche völlig unverdient weiterkamen, sind ausschließlich und eindeutig den idiotischen Fehlentscheidungen der verkalkten Juroren zuzuschreiben. So hätten nach dem klaren Willen der Zuschauer im zweiten Semi eigentlich die lustigen Litauer in den Glitzerpants (Platz 8) ebenso ins Finale einziehen müssen wie die quäkige Blondine aus Schweden (Platz 9) – gerade die große Grand-Prix-Nation Schweden dürfte hierüber besonders brüskiert sein. Stattdessen würgten uns die Geronten von den Jurys die katastrophal performten, sterbensöden Balladen aus Israel und Irland (Platz 12 und 13 im Zuschauervoting) rein.


Victims of Circumstance: die großartigen Litauer

Was mich aber vor Wut in die Auslegeware beißen lässt, ist das Rauskegeln des eindeutigen Zuschauerlieblings, der zwei abgedreht lustigen Blondinen aus Finnland mit ihrem Akkordeon und ihrer fröhlichen turbofolkloristischen Weise. Es ist nämlich eben nicht so, wie noch vergangenen Freitag beim Posteurovisionsdepressions-Nachsorgetreff im Frankfurter Switchboard von namentlich ungenannt bleiben sollenden Mitleidenden vermutet, dass ‚Työlki ellää‘ ein reiner Fan-Favorit gewesen sei und ein Akkordeon beim Publikum den sicheren Punktetod bedeute. Mais au contraîre! Platz 6 im Televoting, ich kann es nicht oft genug betonen! Und Platz 15, mit halb so viel Punkten, bei den Juroren – macht Rang 11 in der Gesamtwertung. Aber auch das skandalös schlechte Abschneiden des französischen WM-Knallers ist ausschließlich den Juroren zu verdanken: ein verdienter achter Platz für Jessy Matador im Televoting – und ein empörender zweiundzwanzigster (!!!) bei den Juroren. Ich hoffe, der große, butche Jessy kommt und versohlt ihnen den Hintern (am besten gemeinsam mit den Jungs von InCulto, denn die „like it rough“)! Einen überzeugenderen Beweis für die unumstößliche Wahrheit, dass das Publikum die besseren Urteile fällt und dass Jurys allesamt Wichser sind, kann es nicht mehr geben. Wer jetzt noch ernsthaft weiterhin für die Beibehaltung dieser Institution spricht, gehört eindeutig in die Klapse…

43 Gedanken zu “Kuunkuiskajaatgate beim ESC 2010

  1. Wohl keine Letten Die lustigen Letten waren dann doch wohl eher Litauer, oder? Denn an der jaulenden Lettin haben weder Jurys noch Televoter gefallen gefunden, das war eine der wenigen (und verdienten) Übereinstimmungen. Aber am meisten gräme ich mich natürlich wegen der Finnen.

  2. Ups! Danke, korrigiert! Da ist mir im heiligen Zorn über Kuunkuiskajatgate doch beim Baltikum ein bisschen was durcheinander geraten…

  3. Nein. Nein. Nein. Nein. Ich werde hier nicht wieder die Patricia-Kaas-Keule auspacken. Muss ich aber auch gar nicht. Dänemark kam beim reinen Televoting auf Platz 3. Nicht, dass ich den Zorn im Namen von Finnland nicht nachvollziehen könnte – ganz im Gegenteil. Aber bevor hier der Eindruck entsteht, dass die Jurys nur Schwachsinn fabrizieren (man darf doch nicht von 90 Prozent dessen, was sie tun, auf den Rest schließen! 😉 )… Und fürs Protokoll: Litauen hat sich seine Finalchancen dank eines grandios grausamen Intros für sein Lied verbaut. Nach den ersten zehn Sekunden konnte auch die restliche Performance nichts mehr rausreißen. Und wenn die Juroren bei Schweden mehr Geschmack an den Tag legen als das Publikum, wer wollte es ihnen verübeln? Irland war eine etablierte Teilnehmerin, die kommen bei den Jurys an (siehe auch Chiara letztes Jahr), und Israel? Weiß ich auch nicht, aber mir gefiels. Jurys nur noch im zweiten Semi? 🙂

  4. muss und will mich hier anschließen. Natürlich sind einige der Juryentscheidungen absolut nicht in meinem Sinn (so fand auch ich die Finninnen super), aber in mindestens genausovielen anderen Entscheidungen bin ich voll auf ihrer Seite: die Balladen aus Georgien und Portugal fand ich alles andere als sterbensöde (im Gegensatz zu Israel und Irland), Jessy Matador mag zwar manche mitreißen, ist aber in meinen Augen echt Seichtkram. Um die Litauer tat es mir auch leid, aber ich kann die Entscheidung gut verstehen.

  5. … ach, und ich vergaß: ohne die blöden Televoter hätten wir nicht Russland und Weißrussland im Finale gehabt (dabei ist gerade der Finaleinzug der Weißrussen ständig den Juries in die Schuhe geschoben worden)! Dass hingegen selbst die Juries den furchtbaren griechischenn Titel so hoch platziert haben, entsetzt mich dagegen.

  6. Die Patricia-Kaas-Keule… …beweist überhaupt nichts. Wenn die Juroren Patricia Kaas auf dem ersten Platz gehabt hätten, würde mich Deine Keule vielleicht noch ein bisschen beeindrucken. Hatten Sie aber nicht, und damit ist dieses Argument ungültig. Ja, Dänemark wäre noch weiter oben gelandet bei reinem Juryvoting. Auch das beweist rein gar nichts. Denn die Jurys haben die Dänen ja nicht auf den letzten Platz runtergewertet, wie es ihre Aufgabe gewesen wäre, wenn sie dann als Geschmackspolizei rechtfertigt werden sollen. Und damit ist auch dieses Beispiel wertlos. Und mit Schweden ist das so eine Sache: ich mochte die Nummer ja überhaupt kein bisschen, aber ich war über ihr Ausscheiden trotzdem schockiert, als hätte ich instinktiv gewusst, dass das eben nicht okay ist, eben nicht dem Publikumswillen entspricht, eben wieder manipuliert und getrickst – mit anderen Worten: falsch – ist. Und mit Chiara und Niahmh und ihrem Ankommen bei den Jurys lieferst Du ja gerade selbst die besten Gegenargumente. Ich bleibe dabei: wer nach Kuunkuiskaajatgate noch für Jurys votiert, gehört in die Klapse. Punkt.

  7. (Weiß-) Russland Auch hier wiederhole ich mich gerne: Russland war mein persönlicher Lieblingsbeitrag 2010! Auch da erkannten anscheinend mehr Televoter als Juroren die ironische Genialität dieser zu gleichen Teilen lustigen wie melancholischen Nummer. Ein weiteres Argument pro Televoting. Und wegen solcher Shows wie der weißrussischen (und natürlich auch der griechischen) schalte ich den Grand Prix überhaupt erst ein. Also auch hier: gut gemacht, Televoter! Natürlich fällen auch die Televoter schlimme Fehlurteile, wie die vielen Punkte für Dänemark und die Ukraine beweisen, aber insgesamt haben sie dieses Jahr einen erheblich besseren Geschmack bewiesen als die Jurys (wie immer, insofern ja kein Wunder).

  8. Danke, ich will nicht in die düsteren Zeiten von 2007 zurück (erinnert sich noch jemand an das ‚Where’s Andorra?‘-Banner?). Und da die EBU nun mal nicht bereit zu sein scheint, irgendwas am System so zu ändern, dass die Telefoneinnahmen runtergehen (oh Gott, nur noch 20 Anrufe pro Anschluss), ist die Lösung, wie wir sie im Moment haben, zwar nicht die beste, aber die optimale. Und nebenbei, mal so als Gedankenspiel: Reines Televoting (Semis und Finale), Finnland geht durch ins Finale und stürzt dort erwartbar ab (Sechster im Semi ist keine Ausgangslage für einen brauchbaren Platz). Was dann? Es dürfen nur noch Leute für Titel anrufen, die mir gefallen? Sorry, aber die ganze Geschichte hier passt einfach nicht zum ansonsten ironisch überspitzten Ton auf der Seite, und pauschal alle Befürworter des aktuellen Systems in die Irrenanstalt einweisen zu wollen, ist nicht sarkastisch, sondern polemisch, eine in Deutschland gerne gemachte Verwechslung. Ich fühle mich ohne Habmichliebjäckchen noch ganz wohl. Naja. Wir werden sehen, wie es weitergeht. Wenn Schweden und Frankreich nur laut genug jammern, kommen wir vielleicht 2013 oder so zum reinen Televoting zurück, und dann 2016 zum Juryvoting, weil das blöde Volk in Europa nicht für gute Lieder stimmen kann. Dieses Jahr wurde jedenfalls unter Beweis gestellt, dass jedes Land im aktuellen System gute Plätze einfahren kann – und dass die Jurys manchmal auch Gutes produzieren (Belgien auf Platz 14?! Ernsthaft? Guten Morgen, Televoter Europas, was soll der Blödsinn?).

  9. Auf wessen Betreiben hin wurden die Juries eigentlich wieder eingeführt? Wenn es vor allem die Big 4 waren, dann könnte man nach diesem Ergebnis die Juries ja wieder abschaffen. Spanien und Frankreich hätten mit reinem Televoting besser abgeschnitten und wären meiner Meinung nach auf verdienteren Plätzen gelandet, Deutschland hat ohnehin gewonnen und Großbritannien war so oder so letzter. Und Finnland (grandios) und Schweden (auch wenn ich Annas Stimme nicht so sehr mag, aber das Lied war okay) von den Juroren rausgekegelt. Klar, da freuen sich die, die es stattdessen reingeschafft haben, aber auch die landeten ja später irgendwo abgeschlagen. Ne, ich stimme dem Webmaster zu: Weg mit den Juries! @ Patricia Kaas: Sie war natürlich grandios, aber hatte keinen guten Startplatz und ein Lied, das nicht gerade Mainstream war. Fanhoffnungen hin oder her. @ Andorra 2007: Die waren zwar gut, aber auch nicht der Oberhammer. Hätte es damals schon zwei Semifinals gegeben, dann hätten sie es ins Finale geschafft. Von daher ist dieser Faux-pas schon längst durch eine andere Regel behoben als die der Juries.

  10. Wäre Finnland ins Finale gekommen und dort abgestürzt, hätte mich das zwar betrübt, aber nicht erbost, so wie jetzt. Genau so ist es ja Island ergangen – und da war ich nach dem Euroband-Debakel 2008 schon drauf eingestellt und hab mich nicht mehr drüber aufgeregt, auch wenn Hera natürlich einen höheren Platz verdient hätte. Das mit den 20 Anrufen pro Anschluss ließe sich ja auch regeln: es könnten m.E. sogar 24 Anrufe pro Anschluss erlaubt werden – nämlich maximal einer pro teilnehmendem Land (minus dem eigenen)! Dann wären die auf Telefoneinnahmen angewiesenen Sender glücklich und das Diasporavoting entzerrt. Und wir könnten auf die Jurys verzichten. Belgien auf Platz 14 ist wirklich Blödsinn – es hätte auf Platz 24 gehört, dieses schlimme James-Blunt-Geflenne… Ich kann nur hoffen, dass Frankreich und Schweden jetzt gehörig Druck machen!

  11. Das Gestreite wird doch so oder so ewig weitergehen. Ich habe da schon diverse Vorschläge mit geringerer Gewichtung für die Jurys gesehen (ein Drittel oder ein Viertel), aber ich bin nicht bereit, das Ganze wegen eines übermäßig ethnischen Beitrags in der erfolglosesten Sprache der ESC-Geschichte schon wieder zum letzten Murks zu erklären. Nicht, solange im reinen Televoting dieser Stumpfsinn aus Armenien Platz 4 gemacht hätte. Frische Aprikosen, indeed. Eher unterschwefeltes Trockenobst. Und nur um mal die umgekehrte Perspektive zu ermöglichen: Malta, Mazedonien und Estland. Zugegeben, ich glaube auch nicht, dass die so viel Lobby bei der EBU haben wie Schweden oder Frankreich, aber die werden natürlich GEGEN das Televoting wettern wie sie können. Bei Belgien hast du von Anfang an überdeutlich klar gemacht, was du davon hältst, und ich Vollhorst hätte mich beinahe noch anstecken lassen, bevor mir klar wurde, was für ein schönes Lied Me and My Guitar doch ist. Jedem sein eigener Peter Nalitsch.

  12. Ich möchte auch gerne anmerken, dass Russland selbst ohne die 36 garantierten Diaspora-Punkte aus Estland, Lettland und Weißrussland immer noch 56 Punkte von anderen Nicht-Diaspora-Ländern bekommen hat und somit immer auch ohne Nachbarschaftshilfe qualifiziert gewesen wäre. So viel nur mal zum Thema ‚ins Finale geschummelt‘.

  13. Da schließ ich mich an: sofort weg mit den Juries! Dabei ärgert es mich nicht mal so stark, dass meine Lieblinge nicht weitergekommen sind, sondern dass das Ergebnis zeigt, dass die Juries seit 1995 immer noch genau so spießig sind und sich selber immer noch für genau so elitär und dem Volk überlegen halten wie damals. Anders lässt es sich nicht erklären, dass alle Songs, die auch nur einen Hauch witzig, ironisch und subversiv wirkten (Frankreich, Litauen, Serbien, Finnland) gnadelos ignoriert wurden und nur die bierernsten, risikolosesten, biedersten Lahmarschnummern mit Punkte bedacht haben (Georgien, Israel, Portugal, Belgien – wobei ich froh bin, dass doch nicht so viele Zuschauer auf den ätzenden, pseudo-anspruchsvollen Belgier reingefallen sind) Anscheinend darf der ESC für die Juries, wie weiland schon 1958, keine unterhaltsame Sache sein sondern eine Staatsangelegenheit – und wer mit einem Fußball-Shanty die Arena grandios zum Kochen bringt und für die drei unterhaltsamten Minuten im ganzen Contest sorgt, hat keine Chance – es entspricht ja nicht den Qualitätstandarts der feinen, beschlipsten Herren (und Damen). Das Diaspora-Voting haben die Juries übrigens auch nicht eingedämmt, im Gegenteil: Balkan-Voting-Spezialist Bosnien wurde von den Juries vor einen rechtmäßigem Ausscheiden gerettet und Mazedonien hat mit 62 Punkten einfach mal doppelt so viele Punkte bekommen wie von den Zuschauern (30). Um es kurz zu machen: die Juries braucht kein Mensch. Sofort aufhören damit.

  14. ‚Jessy Matador mag zwar manche mitreißen, ist aber in meinen Augen echt Seichtkram.‘ Und genau hier liegt das Problem der ganzen Jury/Televoting-Diskussion: es prallen einfach momentan zwei verschiedene ESC-Entwürfe aufeinander! Das gibt es einmal die ‚Grünefeldter‘ (Neuschöpfung von mir *lol*) – also die Gruppe der Fans, die gerne den alten Entwurf vom ‚anspruchsvollen Komponistenwettbewerb‘ wiederhaben möchte und diesen nur mit striktem Jury-Voting verwirklicht sieht – denn das gemeine Volk hat ja bekanntlich keinen Geschmack und wählt Blödsinn wie Verka und Lordi an die Spitze. Die zweite Gruppe, zu der ich gehöre, ist die, die den modernen ESC weit gefasst als ‚Unterhaltungsshow‘ sieht, zu der neben dem Song auch akrobatische Tanzeinlagen, aufregende Bühnenoutfits und vor allem mitreißende Choreographien gehören. Und, und jetzt zurück zu meiner eigenen Meinung, Jessy war Unterhaltung pur. Lustiges, feinstes Entertainment dass eigentlich jeden, der nicht verkrampft mit auf der Lehne eingekrallter Hand im Fernsehsessel sitzt begeistern sollte. Dass die Jury das alles ignoriert und Jessy aus Gründen der ‚Seichkramheit‘ nach hinten gevotet hat macht mich rasend. Rasend.

  15. Die Jurys – der Soli beim ESC? Was mir bei der Diskussion gerade auffällt: wenn ich die Argumente der Jury-Verfechter so durchlese, geht es immer um Geschmacksfragen. Eingeführt wurden die Jurys ja aber doch wegen des Blockvotings! Das war jedenfalls seinerzeit das Argument: ein westeuropäisches Land könne ja gar nicht mehr gewinnen, die Ex-Sowjet- und Balkanstaaten schummeln sich gegenseitig die Punkte zu und lassen den Westen in den Semis verhungern und so weiter. Das hat dieser Jahrgang ja aber nun eindrucksvoll widerlegt – und das gilt erst recht, wenn man nur die Televotingergebnisse nimmt! Und ich habe von den Juryverfechtern hier auch kein auf Blockvoting hin zielendes Argument gelesen (oder hab ich was übersehen?). Es ging vielmehr schwerpunktmäßig um die Glaubensfrage Ballade (Jury) vs. Uptempo (Televoting). Das kann man ja natürlich sehen, wie man will – aber das Argument, das ursprünglich für die Einführung der Jurys sorgte, ist mittlerweile obsolet. Das kann nun wirklich keiner mehr ernsthaft bestreiten, oder? Aber so ist das ja mit einmal eingeführtem Unsinn: auch wenn der Grund dafür entfallen ist, behält man ihn mit neuen Argumenten bei, weil man sich mittlerweile dran gewöhnt hat. Siehe Solidaritätszuschlag. Die Jury – der Soli des ESC!

  16. Dein eigener Peter Nalitsch Dass ich Dir Me and my Guitar beinahe hätte ausreden können, macht mich beinahe ein kleines bisschen stolz. 😀 Und gibt mir Hoffung und den Ansporn, weiterzumachen. Danke! 🙂

  17. Äh…könnte das schlicht daran liegen, dass wir die reinen Televotingergebnisse aus den einzelnen Ländern noch gar nicht kennen? Wie soll man da bitteschön mit argumentieren (oder auch dagegen), wenn man sie nicht kennt?

  18. Was bitte? Sorry, aber wenn man sich die Top 10 des Televotings ansieht und dabei Deutschland und Frankreich ignoriert, wer bleibt übrig? Die Big Four der Diaspora – Türkei, Griechenland, Armenien und Aserbaidschan. Zwei Balkangrößen, beide ebenfalls mit nicht unbeträchtlicher Diaspora – Serbien und Rumänien. Der dritte Kaukasusstaat, nur um den Block komplett nach oben zu hieven – Georgien. Und die einzige Hoffnung Skandinaviens nach dem Ausscheiden von Schweden (nein, Island rechne ich da nicht dazu, dafür gibt es schlicht zu wenige von denen 🙂 ) – Dänemark. Das soll die Diaspora- und Nachbarschaftshilfe widerlegen? Die Länder, die keine Diaspora und keine Nachbarschaft haben, wären im Televoting bis auf Deutschland gnadenlos abgestürzt – besonders Belgien und Israel. Ach, und noch was: Mir ist klar, dass ich mit dem, was jetzt kommt, gegen den hiesigen Chor predige, aber das muss einfach mal gesagt werden: Nur weil etwas Uptempo ist, ist es deshalb noch nicht gut, und nur weil eine Ballade keine Dramatik des Todes oder was auch immer entwickelt, ist sie schlecht. Geschmäcker sind Gott sei Dank verschieden, und von Leuten, die allen Ernstes Senhora do Mar, Lane Moje oder Lost and Forgotten gut fanden, lasse ich mir Milim oder Me and My Guitar nicht schlecht reden (eigentlich noch nicht mal Shine oder Sweet People)! Wer hat hier eigentlich die schlimmeren Langweilerballaden unter seinen Favoriten? Ernsthaft, diese Art von Liedern hat immer schon dazu gehört und wird auch immer präsent bleiben, und die Art, wie hier Freunde solcher Lieder kollektiv niedergemacht werden, empfinde ich als ausgesprochen unnötig. Geht gegen die Lieder an, wenn ihr wollt, aber Ad-hominem-Attacken gegen die Fans stellen eher euch in ein schlechtes Licht!

  19. Die ganze Episode hat mich vor allem eins gelehrt: deinem Geschmack bei Liedern nie wieder auch nur ansatzweise zu trauen – wobei mir da Senhora do Mar oder Lane Moje schon als Warnbaken hätten dienen müssen. Und danke, dass mir hier Worte, die nicht als Kompliment gedacht waren, im Munde herumgedreht werden. Hast du das wirklich nötig?

  20. Dem kann ich mich nur zu 100% anschliessen. Ich lasse mir von niemandem weißmachen, dass das Juryurteil einer Mary Roos oder eines Hape Kerkeling weniger wiegen soll, als die 29 Anrufe des Herrn Yilmaz aus Gelsenkirchen für den türkischen Beitrag, nur weil das das einzige Lied war, dessen Text er verstanden hat. Nur mal so als Beispiel :confused:

  21. @ Soli: Das ist ja das Schöne an Steuern, sie sind eben nicht zweckbestimmt. Und wer gibt schon gerne zusätzliche Einnahmen auf? Juries allerdings verursachen ja eigentlich nur zusätzliche Kosten. Und das ohne dabei großartig etwas gebracht zu haben. Lusting wird es ja erst, wenn die Sieger in Televoting und Jury andere sind. Die Ränge danach sind ja sowieso nur eine Sache des persönlichen Geschmacks.

  22. Wie bitte? Muss ich mich jetzt ernsthaft in die Gruppe der Früher-war-alles-besser-und-sowieso-Nostalgiker stecken lassen, nur wenn ich Jessy Matador als eine nett anzuschauende Bühnenshow mit störenden Hintergrundgeräuschen betrachte? Diese Einerseits-Andererseits-Dichotomie funktioniert nicht. Es war unterhaltsam, ja. Aber vielleicht, nur vielleicht, sollte das Lied, mit dem man antritt, auch noch in die Wertung mit eingehen, sonst können wir das Ganze auch direkt in Eurovision Talent Contest umbenennen. Ich gehöre nicht zu den Spaßverderbern, die glauben, es ginge NUR um den Song (das war noch nie der Fall), aber er gehört untrennbar dazu.

  23. Alle aufgeführten ‚Schnarchballaden‘ wären auch im reinen Televoting ins Finale gekommen, bis auf Israel (zu sperrig für die Massen?), und der ‚ätzende, pseudo-anspruchsvolle‘ Belgier hatte in seinem Semi auch bei den Televotern Platz 3. Was an Frankreich, Finnland oder Serbien ironisch und/oder subversiv gewesen sein soll, muss mir bitte auch mal jemand erklären, vorzugsweise samt einer Neudefinition der Begriffe (und mit dem Argument hätte letztes Jahr Tschechien definitiv ins Finale gehört). Und Vergleiche mit der Ära vor 1997 haben herzlich wenig Sinn, weil wir keine Televoting-Ergebnisse zum Vergleichen haben. Wäre es wirklich ein Glanzlicht des ESC gewesen, wenn Gina G-Punkt 1996 gewonnen hätte (was ich keinesfalls für ausgemacht halte)? Und für die, die hier glauben, die Siegertitel von Mitte der 90er wären nicht gut angekommen – wie war das noch mit Belgien 2003? Kurzum: Ich habe Verständnis für den heiligen Zorn der ESC-Anoraks (zu denen ich mich selbst zähle, keine Frage), aber bitte übertreibt es nicht. Die EBU interessiert sich offenkundig sowieso einen Dreck dafür, was das Publikum will, und so langsam ist meiner Meinung nach mal gut mit Dampf ablassen. Spart euch das für nächstes Jahr. 🙂

  24. wettbewerbsverzerrung hat in einem contest des 21. jahrhunderts nichts mehr zu suchen! früher waren jurys notwendig, aus dem grunde, dass es technisch keine möglichkeit gab, die einschätzungen der breiten masse zu messen. zumindest unter den letzten jahrzehnten der prä-televoting-ära und des fortschreitenden etablissement des esc wurden die jurys bemüht repräsentativ und zahlreich besetzt, entsprachen somit genaugenommen dem prinzip der heutigen telefonabstimmung. das abstimmverhalten zeigt vor allem, dass die ‚juroren‘ in erster linie darauf bedacht sind, die amerikanisierung und angleichung an einfältigen mtv-chartmainstream voranzutreiben. authentisch ehrlichen, kulturell bereichernden beiträgen werden per se schlechte platzierungen zugewiesen, nichts soll dem (meist ja mehr gewollten denn gekonnten) englischen einheitsbrei gefährlich werden. kein wunder, so wies doch der ‚executive supervisor‘ ausdrücklich an, alle beiträge nach internationalem chart- und hitappeal zu bewerten. auf lange sicht werden manipulationen wie diese den wettbewerb dahinzurückführen, wovor er sich bereits fast befand: vor dem aus. bleibt zu hoffen, dass der merklich greisende ’stockfisch‘ schnell alsmöglichst abgesetzt und der seinetwegen resultierende imageschaden aufs nötige begrenzt wird.

  25. Das… …ist der wohl absurdeste Angriff gegen die Jurys, den ich jemals gehört habe. Wenn es um die ‚Angleichung an einfältigen MTV-Chartmainstream‘ (was für eine präzise Ausdrucksweise! Was soll damit gemeint sein?) geht, warum stand maNga, die einen verdammten MTV-Award im Schrank stehen haben, bei den Jurys nicht auf Platz 1, dicht gefolgt von den wohl mainstreamigsten Popnummern des Abends, Aserbaidschan und Dänemark? So funktioniert das nicht. Wenn das Publikum sich von visuellen Tricks eher blenden lässt als die Jurys (wie Finnland, Frankreich und auch die Türkei bewiesen haben), ist das allein noch kein Argument gegen die Jurys, sondern eher eine traurige Tatsache: Menschen sind Augentiere, und in der Masse setzt sich das eher durch als bei einer Handvoll Juroren. Die Jurys haben dieses Jahr auch mehrere extrem sperrige Songs hochgewählt, die mit dem aktuellen Chart-Mainstream so gar nichts zu tun haben – Milim, Me and My Guitar, Shine oder Sweet People sind also amerikanisiert (was für ein dämliches Wort! Wird auch schon seit 60 Jahren herbeigeredet. Warum gilt Deutschland in Amerika eigentlich als einer der härtesten und unfreundlichsten Märkte weltweit, wenn alles so amerikanisiert?!) und Chartmainstream? Ich muss mal gucken – die ganzen hebräischen Balladen an der Spitze der US-Charts muss ich verpasst haben. :confused: Ich verstehe die Juryfeinde sehr gut. Aber mit solchen Argumenten schadet ihr euch. Denkt bitte nach, bevor ihr schreibt. Ich will mich nicht auf geistige Duelle gegen Unbewaffnete einlassen.

  26. der erfolg mangas beim publikum dürfte in erster linie auf ihrer weiten popularität basieren, eben derer sie auch besagten mtv-award gewannen. förderlich war zweifelsohne ebenso die professionell inszenierte bühnenshow, die im zeitalter des 21. jahrhundert ein längst etabliertes element der unterhaltungskunst mit sich sich zieht. wie die siegertitel von 2007 und 2010 und diverse runner-ups unter beweis stellen, muss die qualität effizienter performances nicht mit hascheffekten, sportlichkeit oder prunk herbeigeführt werden, darf es aber. wenn du wahrhaftig der meinung bist, me and my guitar, sweet people oder shine bedienten nicht zumindest die maschen global handelsüblicher mainstreammusik, dann frage ich dich, warum der georgische beitrag von einer norwegerin für celine dion geschrieben wurde? und weswegen der erstversuch aljoschas wegen plagiatsbeschuldigungen an den us-diven linda perry und grace slick scheiterte? seit wann indie-balladen typisch für dieukraine sind? oder woher das singer-songwriter-genre wurzelt? etwa aus belgien? wer damit heute erfolgreich ist? selbstredend alles anglophon. milim erinnert in seiner machweise eher an französische und klassische chansons, einzig die sprache stellt den bezug zu israel her. und das, was als ’sperrig‘ empfunden wird, hängt von den individuellen hörgewohnheiten jedes einzelnen ab und lässt sich nicht per defenition bestimmen. bzgl. milim und sweet people neige ich mich dir anzuschließen, wohingegen me and my guitar und shine beim ersten hören butterweich ins meinige ohr flosen. ich las gar forumsbeiträge, in denen der finnische beitrag, womit wir beim titel dieses bloqs wären, als an sich gut, aber zu ‚gewöhnungsbedürftig‘ bewertet wurde. in der gesamtsicht lässt sich nicht abstreiten, dass authentische beiträge mit landesbezug um ein vielfaches schlechter wegkommen im juryergebnis als in der publikumsabstimmung. eben diese unterschieden allerdings den eurovision song contest von herkömmlichen mtv-spektakeln. anspruchsvolle

  27. sry, etwas lief bei der formatierung meines obrigen beitrages falsch und der letzte absatz fehlt.

  28. es lag am trademark-zeichen… 🙄 der schluß sollte lauten: …'(TM) oder versucht anspruchsvolle balladen auf englisch finden sich dort auch. finnische volksmusik, holländischen schlager, russische klagelieder, folklore vom balkan oder ethno des kaukasus sucht man vergebens.‘

  29. ospero, wo finden sich eigentlich die massen diaspora des big4-der-diaspora-landes aserbaidschan? oder bezieht sich der ausdruck einfach generell auf erfolgreiche nicht-westeuropäische staaten?

  30. Ah, jetzt verstehe ich. Die Jurys wollen also dieses anglophone Pop-Gesülze, aber das Publikum nicht. Sorry, I call Bullshit. So sehr man sich anderes wünschen mag, die Publikumsverankerung der oben genannten Leute ist eher vage. Wenn ich da von Plagiatsvorwürfen an Grace Slick lese, darf ich doch mal lachen? Die Frau hatte ihren letzten Hit, der inzwischen regelmäßig auf Listen der schlechtesten Hits der 80er landet, Anno 1984! Von Linda Perry, die als Songschreiberin für Pink geschätzt zehnmal soviele Hits hatte wie mit ihrer Band (das war genau einer) gar nicht zu reden. Wenn hier plagiiert wird, dann folgt das der guten alten Eurovisions-Tradition, immer resolut acht bis zehn Jahre hinter der Zeit zurückzuhängen. Die mit Abstand modernsten Beiträge des Abends kamen bei den Jurys eben NICHT gut an – Aserbaidschan ist das perfekte Beispiel. Da steckten wirklich Leute hinter, die aktuelle Bezüge haben, und prompt landet das beim Publikum höher (okay, die Diaspora ist da natürlich einzurechnen). Dass so wenige Ethno-Beiträge zum Contest kommen, hat schlicht den Grund, dass sie im Zeitalter des Televotings nicht ankommen. Wann hat zum letzten Mal finnische Volksmusik, holländischer Schlager, russische Klagelieder, Folklore vom Balkan oder Ethno des Kaukasus irgendwas gerissen? Und nein, die glatt produzierten serbischen Klagegesänge von 2004 und 2007 zählen nicht. Mit solchen Songs fliegt man beim ESC erbarmungslos auf die Nase – erinnert sich noch jemand an den Light-Flamenco von Remedios Amaya 1983, oder Dulce Pontes aus Portugal? Oder den grausigen Irish Folk von Dervish 2007? Warum war Finnland denn über Jahrzehnte eines der erfolglosesten Länder beim Contest? Oder Portugal? Holländischen Schlager hatten wir erst dieses Jahr – und obwohl der beim Publikum etwas besser ankam als bei den Jurys, wäre der Song auch bei reinem Televoting (knapp) nicht im Finale gelandet. Sorry, aber wer sowas will, ist beim Liet-Contest besser dran, glaube ich. Die Theorie von den die armen Ethno-Beiträge niederstimmenden Jurys ist jedenfalls kompletter Unfug. Die Länder trauen sich nicht mehr, sowas zu schicken, es sei denn, sie haben (wie die Niederlande dieses Jahr) so oder so nichts mehr zu verlieren. Und dieser Trend hat lange vor der Rückkehr der Jurys angefangen. Ich will keinen ESC, der musikalische Entwicklungen konsequent aussperrt – das ist ein Ticket zurück in die Neunziger oder gar die frühen Sechziger, beides nicht eben Glanzzeiten des Wettbewerbs. Es heißt nicht Ethnovision Song Contest

  31. Die Türkei und Aserbaidschan sind Bruderstaaten, die beinahe die gleiche Sprache sprechen und in einer ähnlichen Beziehung stehen wie Griechenland und (Süd)zypern. Die Aseri-Diaspora mag nicht besonders groß sein, aber die Türken lassen ihre kleinen Brüder schon nicht verhungern. 😉

  32. Zahlen und Fakten sieh doch einfach, wie viele publikumspunkte die zweitplatzierten aysel & arash von entsprechenden ländern mit großer türkischer diaspora erhielten. zur erinnerung, der gesamtpunkteschnitt aller länder betrug 6,2 und die der platzierung entsprechende wertung wäre eigentlich eine 10 gewesen. belgien: 6 punkte dänemark: 5 punkte deutschland: 4 punkte frankreich: 3 punkte holland: 6 punkte schweiz: 0 punkte vereinigtes königreich: 4 punkte alle zähler liegen unterm wert. dann sieht es wohl doch nicht so sehr rosig mit ‚diaspora-hilfe‘ aus, oder?

  33. dass die mazedonischen länder, erst recht die ejr mazedonien, gegen die jurys wettern, möchte ich sehen. 8)

  34. Hm. Okay, aber ich möchte hier einwerfen, dass nicht ich die Begrifflichkeit der Diaspora-Big-Four geprägt habe – das war der werte Herr Seitenbetreiber. Und sorry, aber irgendjemand stimmt nun mal jedes Jahr für die Aseris. Kein anderer Debütant der letzten zwanzig Jahre war auch nur ansatzweise so erfolgreich. Intra(ex)sowjetische Diaspora, Unterstützung durch den großen Bruder im Westen – woran auch immer das liegen mag (interessanterweise leben von den ~22 Millionen Aseris auf der Welt deutlich mehr im Iran als in Aserbaidschan, aber der macht ja nun nicht mit). Und natürlich gut gemachte Lieder. Und wo bitte kommen diese Zahlen her? Aysel & Arash Anno 2009 waren nicht Zweiter, sondern Dritter, damit fängt es schon mal an. Nehmen wir mal 2008 als besser geeignetes Beispiel (reines Televoting im Finale, AZ auf Platz 8 mit 132 Punkten). Zieht man hier die Punkte von der Türkei und den Ex-Sowjetrepubliken ab, bleiben 70 übrig – kein Erdbeben, aber doch ganz ordentlich. Semi 2 2009, reines Televoting (plus Jury-Wildcard): hier wurde Aserbaidschan hinter dem späteren Sieger Norwegen Zweiter. Von den oben genannten Ländern hatten hier Stimmrecht: Dänemark, Frankreich, Niederlande. Von den dreien kamen insgesamt 26 Punkte – zehn aus Frankreich, jeweils acht aus den anderen beiden. Wohlgemerkt, das beweist gar nichts. Die Aseris machen noch nicht lange genug mit, um sich da ein Bild zu machen. Aber es gibt eben auch die Zahlen, die zumindest andeuten, dass da Diaspora (und Nachbarschaft) mit reinspielen (wie auch bei den Wertungen dieses Jahr).

  35. Huch Habe ich doch glatt vergessen, meinen Namen beim obigen Beitrag anzugeben. Tststs…ich werde alt. 😉

  36. Aysel & Arash wurden im Televoting natürlich Zweite und nicht Dritte. Die Zahlen kommen von der EBU. Damit geht die ‚Turkish-Diaspora-CO-Support-Theorie‘ nicht auf bzw. ist statistisch widerlegt. Und alleine mit zwölf Zählern aus der Türkei erreicht man keine 256 Punkte und Silber. Sorry, aber fast jedes Land, egal aus welcher Himmelsrichtung, hat mehr Sympathisanten als Azerbaycan. Wenn dann jedes Jahr ziemlich viele Irgendjemande von überall her trotzdem für einen ’nicht-westlichen‘ Beitrag stimmen, liegt das wohl einfach daran, dass die Musik überzeugen konnte. Das will aber leider in viele Köpfe nicht rein, die Ressentiments sitzen zu tief. Schade!

  37. Bullshit würde ich zwar nicht callen, da es durchaus den Kern trifft, aber die Aussage ließe sich dahingehend präzisieren: ‚Die Jurys wollen nur dieses anglophone Pop-Gesülze, aber das Publikum ist für verschiedene Stile offen.‘ Ethno ist das dominierende Element des gehenden ESC-Jahrzehnts, so dass selbst am internationalen Markt orientierte Titel darauf zurückgriffen, und die Gewinnersongs der Türkei, der Ukraine oder Serbiens oder Runner-Ups wie die von Serbien&Montenegro oder Bosnien&Herzegowina lassen sich nicht aus den Geschichtsbüchern löschen, auch wenn es immer Leute (wie dich) geben wird, die versuchen, sie zu relativieren. Dass authentische und musikalisch wertvolle Beiträge unter den Jurys weiland mitunter keine Chancen hatten, brauchst du mir nicht erzählen. Das ist beim Publikum aber anders, wie du offenkundig erkennen kannst. Ich möchte auch keinen ESC, der sich musikalischen Entwicklungen versperrt. Deswegen soll der Trend doch bitte bei den Mehrheiten gemessen werden. Kompromisslos nach Amerika geht er aber schon lange nicht mehr. Er heißt ja deshalb noch Eurovision Song Contest.

  38. But not too ethno Die Überschrift, die ich hier gegeben habe, trifft es ganz gut. Kein ‚wirklich‘ unter Ethno fallendes Lied (lies: World Music im klassischen Sinne) hat beim ESC jemals was gerissen (ich habe nicht die Tatsache relativiert, dass Serbien mit oder ohne Montenegro zwei grandiose Plätze erzielt hat, sondern in Frage gestellt, wie ‚ethno‘ diese Songs waren). Die Lieder, die du nennst, sind ohne Ausnahme glatt produzierte Popsongs mit einer Prise heimischer Folklore (und Bosnien hatte nie einen Runner-up; vielmehr wurden sie 2006 von einem Rocksong und einer generischen Ballade auf Platz 3 verwiesen). Wenn du meinst, sowas hätte bei den Jurys keine Chance gehabt, bitte ich um Beachtung des ESC 1996, bei dem gerade nicht die absolut austauschbare Tanznummer aus Großbritannien, sondern die Ethno-Light-Geschichte aus Irland gewonnen hat, vor sehr ähnlichen Nummern aus Norwegen und Schweden. Ähnliches gilt auch für 1979, 1991 (absolut klassischer Schwedenschlager, von der Zweiten aus Frankreich nicht anzufangen – Ethnoelemente von außerhalb Europas?!) und 1995 (oder glaubt ernstlich jemand, Fra Mols til Skagen wäre beim Publikum auf Platz 5 gekommen?). Es ist schlicht Unsinn, zu behaupten, Jurys hätten generell einen amerikanischeren Geschmack als das allgemeine Publikum. Das mag vielleicht noch in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gelten, wobei ich mir da nur Armenien und Aserbaidschan in den letzten Jahren ansehen muss, um festzustellen, wie schnell die Verantwortlichen lernen. Und in den allermeisten Fällen wird der Trend ja an der Mehrheit gemessen – in den meisten Fällen entscheidet schließlich das Publikum, wer überhaupt zum ESC fahren darf. Wenn sich dann herausstellt, dass Ländergeschmäcker verschieden sind und man mit manchen Sachen im Rest Europas nicht landen kann, passiert halt. Norwegen hat sowohl zu Juryzeiten als auch zu Televotingzeiten reihenweise erbärmliche Ergebnisse eingefahren, ebenso wie Finnland oder Portugal. Offenbar gibt es Länder, deren Bevölkerung näher am Durchschnittsgeschmack Musik hört, als die in anderen Ländern. Aber das hat ja offenbar keinen Zweck. Keiner von uns wird den anderen von seiner Meinung überzeugen können, und ich diskutiere nur sehr ungern mit Verschwörungstheoretikern (diese durch nichts beweisbaren Behauptungen über die Jurys gehen definitiv in diese Richtung – man hat die Jurys nach 1996 abgeschafft, weil ihr Geschmack sich vom Publikum zu weit entfernt hatte. Hat sich die Welt in nicht mal fünfzehn Jahren derart verändert?!). Tschüss zusammen, war schön.

  39. Aha. Fast jedes Land hat mehr Sympathisanten als Aserbaidschan. Erzähl das doch bitte mal Tschechien, Ungarn, Polen, Bulgarien, Andorra, Zypern, der Schweiz, Spanien, Portugal, Großbritannien, Irland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden…muss ich weitermachen? Allein mit der Liederqualität lässt sich das bisher nicht begründen. Aber die AZ-Probe ist auch noch zu klein, um da sinnvolle Urteile fällen zu können. Warten wir mal bis in vier oder fünf Jahren. Und nein, ich habe keine ‚Ressentiments‘ gegen Aserbaidschan, was soll diese Unterstellung bitte? Ich habe hier schon mal was über ad-hominem-Attacken gesagt. Tschüss.

  40. Gerne. Azerbaycan hat die Türkei, ist eines der acht am ESC teilnehmenden russischen Nachbarn und wird von Armenien boykottiert. 2010 kam noch halbherzig Georgien hinzu. Das ist unterm Strich nicht viel mehr oder sogar weniger als bei den von dir aufgeführten Teilnehmern; ganz zu schweigen von Norlichtern wie Island. Ich habe dir nicht unterstellt, Ressentiments gegen Azerbaycan zu hegen. Du redest dich aber gerade um Kopf und Kragen, die Erfolge des Kleinasien-Staates nur irgendwie ins dunkle Licht rücken zu können, obwohl alle deine Thesen mathematisch widerlegt sind. 😉

  41. Es sprach auch niemand von ‚World Music im klassischen Sinne‘. ‚Ethno‘ bezeichnet den musikalischen Einfluss traditioneller Elemente und diese wurden natürlich in verschiedenen Schattierungen variabel dosiert verwendet. Und das kam bei den Zuschauern einfach gut an. Lane Moje oder Työlki Ellää gehören wohl aber noch zu den eigenständigsten folkloristischen Produktionen, anders als bspw. Shake It oder Quele, Quele. Daneben gibt es aber auch Beiträge, die gar keinen musikalischen Bezug zum Heimatland aufweisen, wie u.a. Me & My Guitar, Sweet People, Miss Kiss Kiss Bang oder kompositorisch auch Milim, jene waren (im Vergleich zum Mehrheits-Votum) aber nunmal die großen Jury-Lieblinge. Ähnlich verhält es sich umgekehrt. Wie ich ganz oben bereits erwähnte, sollten die Jurys weiland ein repräsentatives Meinungsbild, da eine Massenbefragung technisch noch nicht möglich war, wiederspiegeln und wurden entsprechend besetzt. Ob das in der Praxis (oder auch de jure) perfekt ausgereift war, bezweifele ich nicht, das System stand aber schon seit Jahrzehnten in der Idee des heutigen Televotings. Niemand wurde angehalten, ‚hitverdächtige Beiträge‘ zu fördern, was den Ausschluss authentischer Interpretationen natürlich weitgehend nach sich zieht.

  42. ‚Ob das in der Praxis (oder auch de jure) perfekt ausgereift war, bezweifele ich wohl, […]‘ meinte ich natürlich. 😉

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