Melodifestivalen jetzt mit Fremdwertungen

Als Reaktion auf das erstmalige Ausscheiden des eurovisionsverrückten Landes im Semifinale 2010 ändert das schwedische Fernsehen beim diesjährigen Melodifestivalen das Wertungsverfahren und stellt dem heimischen TV-Publikum elf gleichberechtigte ausländische Jurys gegenüber. Was sich ja nur so interpretieren lässt, dass das einsichtige SVT den Schweden keinerlei musikalischen Geschmack zubilligt und eine Korrektur durch Resteuropa für erforderlich hält. Zu Recht!

httpv://www.youtube.com/watch?v=X8Cz_sKmGb8
Nur im Kaveh-Azizi-Remix erträglich: Nölziege Anna Bergendahl

Jahr für Jahr das gleiche Drama bei Europas beliebtester und meist gesehener Eurovisionsvorentscheidung Melodifestivalen: aus einem schlaraffenlandartigen Angebot sensationell choreografierter Uptempo-Knüller und fabelhafter Schwedenschlager wählen die stimmberechtigen schwedischen Zuschauer mit traumwandlerischer Sicherheit den langweiligsten, fadesten Seichtquark an die Spitze. So unfassbar schlecht steht es um das Urteilsvermögen des IKEA-Volkes, dass ich mir das MF, wenn überhaupt, nur in homöopathischen Dosen antun kann, um nicht aufgrund der Aufregung am Herzinfarkt dahinzuscheiden. Lange Zeit versuchte man beim Sender SVT, mit regionalen Jurys dagegen zu halten, verschlimmerte so aber alles nur noch: denn eben jene schwedischen Jurys verantworteten, dass 2005 anstelle der beim Publikum erfolgreichen Nanne Grönvall und ihrem sensationellen Rockschlager ‚Håll om mig‘ der Superlangweiler Martin Stenmarck mit dem indiskutablen ‚Las Vegas‘ zum Grand Prix fuhr und dort abstank.

httpv://www.youtube.com/watch?v=SpyRZayFGug
Die fabelhafte Nanne

Ein besseres Urteil fällten die 2010 eingesetzten sechs ausländischen Jurys, die sich überwiegend für Eric Saades camptastischen ‚Manboy‘, der mit weitem Abstand besten Eurovisionsperformance aller Zeiten, entschieden. Leider wurden sie von den fünf schwedischen Regionaljurys und den Zuschauern überstimmt, die lieber die farblose Nölziege Anna Bergendahl und ihren plastikhaften Bekenntnisschlager ‚This is my Life‘ sehen wollten. Dessen verdientes Schicksal ist ja nun bekannt und stürzte das eurovisionsbegeisterte Land in eine Sinnkrise. Als Ergebnis wurden die schwedischen Jurys suspendiert; 2011 verteilen elf ausländische Jurys 50% der Punkte im Melodifestivalen. Leider ein nur halbherziger Schritt, denn gleichzeitig sollen die vom Publikum zu vergebenden Punkte künftig nicht mehr anhand einer Wertungstabelle ermittelt werden (also 11 mal 12 Punkte für die Bestplatzierte, 11 mal 10 Punkte für die Zweitbeste usw.), sondern anhand des prozentualen Anteils am Televoting. Was im Ergebnis bedeutet, dass ein absoluter Publikumsliebling mit hohem Prozentanteil, wie er für Castingstars wie die Bergendahl üblich ist, nunmehr die Juroren noch leichter überflügeln kann. Das nächste Desaster scheint damit vorprogrammiert.

httpv://youtu.be/klEuRNG6EQ0
Fanboy, Fanboy, you could call me Fanboy: Eric Saade

Nun bin ich ja üblicherweise ein kompromißloser Verfechter des Televotings und halte Jurys für das Werk des Teufels. Allerdings fordere ich auch schon seit Jahren die vollständige Entmündigung der Schweden, wenn es um die Wahl des Eurovisionsbeitrags des Abba-Landes geht. Es ist daher als Schritt in die richtige Richtung zu begrüßen, wenn SVT das als Korrektiv gedachte Jury-Voting ausschließlich in nichtschwedische Hände legen will. Als perfekte Variante schwebt mir indes dennoch ein Televoting vor – an dem sich allerdings nur Menschen außerhalb Volvonias beteiligen dürften. Ganz ehrlich: die Chance, ein weiteres Bergendahl- oder Fame-Desaster zu verhindern und Alcazar, Eric Saade oder die aktuelle Empfehlung der Schlagerboys für Schweden zum Grand Prix fahren zu lassen, würde ich mir sogar die teuersten Roaming-Gebühren kosten lassen! Oder man verlagert die Abstimmung ins Internet und sperrt dabei alle schwedischen IP-Adressen. Vorteil für die Wasas: ihr Beitrag wäre ein garantierter Finalist! Eigentlich könnte man so ein Verfahren auch in Deutschland einführen (sobald der Lena-Hype verfolgen ist): auch hier gilt es ja, germanentypische Geschmacksdesaster vom Schlage Roger Cicero oder Ralph Siegel zu unterbinden. Und freiwillig lernen es die Deutschen nicht mehr, dass weder deutscher Swing noch angestaubter Weltfriedensschlager jemals mehr angesagt sein werden…

8 Gedanken zu “Melodifestivalen jetzt mit Fremdwertungen

  1. Jedes Land sollte selbst entscheiden, welchen Beitrag es zum Contest schicken möchte, soll der Beitrag (zumindest de iure) doch das Land repräsentieren. In Deutschland zum Beispiel wurden der ‚Schlager Cicero‘ wie auch die Siegel-Titel schon vom NDR vorbestimmt, da konnten weder ‚die Deutschen‘ noch ‚internationale Gastjurys‘ dagegen etwas ausrichten.

  2. Ähm… …soll das mit Cicero ein Scherz oder eine Verschwörungstheorie sein? Der Mann hat einen öffentlichen Vorentscheid mit Televoting gewonnen – zugegeben, da waren insgesamt nur drei Künstler dabei, aber dennoch, von einer internen Auswahl kann da nicht die Rede sein. Alex Swings Oscar Sings wäre ein besseres Beispiel. Allerdings auch im Sinne, dass eine interne Wahl nicht zwingend besser klappt.

  3. Manboy? Dass die Schweden keinen Geschmack haben, wenn es um Musik geht, zeigen ja ihre letzten ESC-Beiträge: kleine Kinder sollen beim Anblick der Botox-Carola, Alien-Charlotte, der gealternden ‚bitchy‘ Lena PH, der Rocky Horror Picture Show von The Ark oder der ‚Jadis-Kopie‘ Malena Alpträume bekommen haben. Ältere Semester kommen meist glimpflich mit einer Magenverstimmung davon. Auch der letzjärliche Beitrag traf weniger das Herz, als andere – hier nicht näher aufgeführte – Körperteile. Aber ‚Manboy‘ als Erlösung und Besserung zu verkaufen, halte ich persönlich für gewagt. Der Komponist F. Kempe ist doch für die schlimmsten musikalischen Verbrechen beim MF mitverantwortlich! Er und Kollege G:son sind doch Teil des Problems! Das MF leidet unter verbrauchten, ausgebranten Komponisten die es wieder und wieder in die Semis, das Finale oder gar zum ESC schaffen.Kempe gleich 2x in Folge trotz Überflop. Wenn das NF eines Landes, dass sich musikalisch auf einer Stufe mit den USA,Japan,Deutschland oder dem UK sieht, Jahr für Jahr von den gleichen Komponisten und Sänger/Innen dominiert wird, kann etwas nicht stimmen. Das Publikum zu entmündigen ist keine Lösung, frischer Wind beim MF schon eher. Aber dafür braucht es Mut zur Veränderung – Mut den Björkman nicht hat, weil es selbt eben altmodische Schlager liebt und den Kontakt zur aktuellen Musikszene verloren hat. Er ist das zweite Problem des MFs, das mit dem ersten Problem eng zusammenhängt. Das dritte Problem ist die schwedische Ignoranz und die fehlende Kritik-und Refektionsfähigkeit. Man ist natürlich immer gut, der/die Beste und leidet so furchtbar unter dem ‚Neid‘ der bösen Nachbarn…diese Einstellung zu überwinden, muss der erste Schritt sein!

  4. roger cicero wurde mittels televoting gewählt. und der wurde nicht vom ndr bestimmt? wo hat der ndr denn die musikalischen glanzleistungen bereitgestellt, dass man UNS ‚geschmacksdesaster‘ vorwerfen könnte? am ehesten fiele mir jetzt spontan die knappe entscheidung 2003 an, aber mehr als zwei, drei plätze hätte sich deutschland damit auch nicht besser geschlagen.

  5. für schweden trifft dieses phänomen nebenbei eher zu, als dass in melodifestivalen sicher nicht immer die international chancenreichsten kandidaten die publikumswertung gewinnen. das ist nicht schlimm, die sendung hat sowieso einen höheren stellenwert im land als bloß die einer nationalen vorauswahl für den esc und zu schwarz malen würde ich auch nicht, lassen sich fast alle ’niederlagen‘ der letzten jahren auf jury-entscheidungen, entweder nationaler oder internationaler art, zurückführen. es wäre vieles einfacher, würden nicht ständig selbsternannte ‚experten‘, die von sich denken, sie wüssten mehr als andere, mit der brechzange und ausgetüffelt komplexen regelwerken manipulieren und zurechtbiegen, was das zeug hält. unterm strich kommt da nur viel größerer schaden bei raus als bei normalen volksentscheiden. 😉 lasst die schweden entscheiden, wen sie sie schicken, sie haben ja wenigstens noch einen kontakten ve, und europa letztlich darüber richten.

  6. Mensch! Jetzt verdirb mir hier doch nicht den Spaß mit einer fundierten, sachlichen Analyse! 😀 Auch wenn Du natürlich Recht hast. Allerdings gehts mir da ja wie Björkman: ich liebe halt diese Kempe-und-G:son-Schlager, auch wenn ich weiß, das deren Zeit abgelaufen ist. Trotzdem ist beispielsweise ‚Hero‘ einer meiner absoluten Lieblings-Grand-Prix-Songs – trotz oder gerade wegen des Botoxmonsters. Ich steh halt auf so was. Und da ist es mir natürlich Recht, wenn das MF mich mit Nachschub versorgt – auch wenn die Schweden natürlich keinen Blumentopf mehr gewinnen werden beim Grand Prix damit! 😀

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