Der Schnellüberblick: die Big Five 2011

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Das schwedische Jahr

Keiner hatte es mehr für möglich gehalten. Doch das deutsche Fräuleinwunder Lena Meyer-Landrut bewies es letztes Jahr in Oslo: jawohl, auch ein Big-Four-Land kann gewinnen, wenn es nur will. Man braucht einfach nur einen überzeugenden Song und einen Interpreten mit Ausstrahlung! Der Überraschungssieg von ‚Satellite‘ lockte sogar die Eurovisionssnobisten aus Italien zurück, so das es in diesem Jahr sogar fünf automatische Finalisten gibt, die ohne Qualifikationsrunde fix für den Samstag (14. Mai, ab 21:00 Uhr im Ersten) gesetzt sind. Wie stehen deren Chancen? Hier der Überblick.

11. Frankreich: Amaury VassilySognu

Aufrechtgehn.de-Wertung: 0/12 Punkten. Chancen auf Sieg: 15%, auf Top Five: 25%, auf Top Ten: 95%, auf die Rote Laterne: 0%.

httpv://www.youtube.com/watch?v=uEb7hRo-Qyk

Die Grande Natione ist nach den kriminell schändlichen Ergebnissen für das singende Nationalheiligtum Patricia Kaas und die kontemporäre Fußball-WM-Hymne ‚Allez ola olé‘ wieder zurück im Neunzigerjahre-Pffft-mir-doch-egal-Modus und nimmt uns erneut mit auf die Reise durch die französischen Kolonien. Wohl zur Strafe für unsere Ignoranz knödelt uns „der jüngste Tenor der Welt“ auf Korsisch etwas vor, während im Hintergrund Ravels Bolero dudelt. Die Ironie des Ganzen: da es genügend geschmacksgestörte Hausfrauen und Schwuppen gibt, die bei so was (und dem Anblick des quakenden Prinzenrolle-Prinzleins) feuchte Höschen kriegen, könnte das sogar besser abschneiden als Mademoiselle Kaas. Ich könnte jetzt schon kotzen.

12. Italien: Raphael GualazziMadness of Love

Aufrechtgehn.de-Wertung: 0/12 Punkten. Chancen auf Sieg: 0%, auf Top Five: 0%, auf Top Ten: 20%, auf die Rote Laterne: 5%.

httpv://www.youtube.com/watch?v=tO0Ih3q4PSE

Weswegen sich das Land des Dolce Vita bequatschen ließ, wieder mitzumachen, ist mir schleierhaft. Denn, wie ihr Rückkehrbeitrag beweist, könnte ihnen offensichtlich nichts egaler sein als der Eurovision Song Contest. Oder empfanden sie gar eine perverse Freude daran, sich erst dreizehn Jahre lang von Resteuropa die Füsse küssen zu lassen, damit sie endlich zurückkehren – um den lästigen Bittstellern dann mit einem mopsigen Nobody und einem Bar-Jazz-Stück (!) aber so richtig den Stinkefinger zu zeigen? Vermutlich wird es von den düpierten Jurys dennoch Punkte regnen, um sie keine Blöße zu geben. Ich höre die Italiener schon jetzt schallend lachen…

14. Großbritannien: BlueI can

Aufrechtgehn.de-Wertung: 12/12 Punkten. Chancen auf Sieg: 35%, auf Top Five: 75%, auf Top Ten: 100%, auf die Rote Laterne: 0%.

httpv://www.youtube.com/watch?v=hPuDbaOBDsc

Um den schlechten Geschmack seiner Zuschauer wissend, strich die BBC diesmal die Vorentscheidung ganz, einen echten Trumpf im Ärmel habend: die in den Neunzigern auch in Kontinentaleuropa sehr erfolgreiche Boyband Blue feiert beim Grand Prix ihre Wiederauferstehung. Programmatisch ihr Titel: ‚I can‘. Und das behaupten sie zu Recht, denn die vier Schnuckel können sowohl singen als auch tanzen und sehen dabei anbetungswürdig aus. Und sie machen das, wofür der Eurovision Song Contest erfunden wurde: klassischen, kontemporären, unterhaltsamen Pop! Nach der Desaster Area der letzten Dekade scheint es das Mutterland des Pop also endlich mal wieder ernst zu meinen!

16. Deutschland: Lena Meyer-LandrutTaken by a Stranger

Aufrechtgehn.de-Wertung: 10/12 Punkten. Chancen auf Sieg: 5%; auf Top Five: 55%, auf Top Ten: 95%, auf die Rote Laterne: 0%.

httpv://www.youtube.com/watch?v=44ydDZlsruk

Größenwahn oder Geniestreich? Die Vorjahressiegerin gleich noch mal zu schicken, kann nach normalen Maßstäben eigentlich nur schief gehen. Lena kann sich nicht mehr verbessern, nur noch verschlechtern. Glücklicherweise suchte ihr das deutsche TV-Publikum jedoch einen eher ungewöhnlichen Song heraus, der sich vom poppig-fröhlichen ‚Satellite‘ deutlich unterscheidet. Ein wenig düster, leicht bedrohlich wirkt ‚Taken by a Stranger‘, hat aber dennoch Appeal. Und besser als die Hookline „Danger is a risky Business“ könnte die mit der Nummer verbundene Attitüde nicht zum Ausdruck gebracht werden. Ein Ergebnis in der vorderen Hälfte des Scoreboards ist damit garantiert, und selbst ein Doppelsieg nicht völlig ausgeschlossen (wenn auch extrem unwahrscheinlich). Auf jeden Fall können wir uns damit sehen lassen!

22. Spanien: Lucía PérezQue me quiten lo balaio

Aufrechtgehn.de-Wertung: 2/12 Punkten. Chancen auf Sieg: 0%, auf Top Five: 0%, auf Top Ten: 5%, auf die Rote Laterne: 20%.

httpv://www.youtube.com/watch?v=IYzomDkiORw

Man kann den Spaniern ja beim besten Willen nicht vorwerfen, dass sie es nicht versuchen würden. Ständig probieren sie andere Vorentscheidungsverfahren aus, von der Castingshow über Direktnominierugen, eine offene Internetbewerbungsplattform und klassichen Vorentscheidugnen bis hin zur Kopie des letztjährigen (offensichtlich von Erfolg gekrönten) deutschen Verfahrens. Auch musikalisch haben sie von Latin-Dance über walzerseligen Retropop oder Disco bis hin zu Schwedenschlager schon alles versucht. Doch es ist wie verhext: immer liegen sie irgendwie nebendran. Und der Big-Four-Malus scheint sie besonders hart zu treffen: selbst bei fabelhaften Beiträgen wie ‚Algo Pequeñito‘ liegen sie immer mindestens zehn Plätze niedriger im Gesamtranking, als sie sollten. Das lässt für dieses Jahr, wo sie mit einem schwachen La-la-la-Liedchen ins Rennen müssen, nichts Gutes erwarten…

15 Gedanken zu “Der Schnellüberblick: die Big Five 2011

  1. Du lässt den Qualifikanten aus den Semifinals insgesamt nur 45 Prozentpunkte Siegchance übrig? Kommt mir ein bißchen wenig vor, wenn man bedenkt, was da noch aus Ungarn und Norwegen (ja, von mir aus, und Schweden 😉 ) dazukommt…

  2. Ich finde Ihren Blog sehr interessant und lese ihn jedes Jahr , ich bin aber … Franzose und bin natürlich nicht einverstanden mit Ihrer Art und Weise , von unserem Vertreter zu sprechen . Ich meine, man darf ein Lied mögen oder nicht . Darf man aber sich über eine Person so lustig machen ? Und zum ersten Mal seit 34 Jahren haben Sie ja groBe Chancen, sich schlecht zu fühlen am 14. Mai . Wünsche aber , dass es Ihnen nicht nach Kotzen wird … Dazu – als Info – wollte ich auch sagen, dass Korsika keine französische Kolonie ist … Doch ,keine Angst , ich werde Ihren Blog weiter lesen … mit groBem SpaB ! 🙂

  3. désolé Ist nicht böse gemeint. Ich habe auch nichts persönlich gegen Amaury Vassily, ich mag nur diese Art von Musik überhaupt nicht. Weswegen ich es auch nicht verstünde, wenn er tatsächlich gewinnen sollte. Falls aber doch, sei es ihm (und den Franzosen) natürlich von Herzen gegönnt. Und ja, ich finde, man darf sich über öffentliche Personen lustig machen. Ich habe anderswo schon viel schlimmere Sachen über Lena gelesen, und das ist okay, auch wenn ich sie mag. Also, ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich ein bisschen gemein zu Amaury bin. Und vielen Dank für den Eintrag, hat mich gefreut! 🙂

  4. Ich schreib dann hier auch mal meinen ersten Beitrag. Ich steh normalerweie auch nicht auf Knödel-Tenöre – aber ‚Sognu‘ hats mir angetan. Ich mag die Nummer sehr und würde ihr den Sieg sehr gönnen, auch wenn ich nicht recht dran glaube, dass ds was wird. Und, ja, natürlich ist das um Welten mieser als Patricia Kaas – denn ihr Auftritt war ja wohl mit Abstand der beste, den es je beim ESC gab? Ansonsten: volle Zustimmung bei den anderen vier. Weitermachen. Macht Spaß hier. 🙂

  5. Und wenn Sie oder Amaury Vassily nicht Franzose wäre(n), wäre es Ihnen egal, weil dann wäre es ja nicht ‚Ihr‘ Vertreter? Passt zu dem (zugegebenermaßen viel zu allgemeinen) Bild, das ich von Frenchies habe…

  6. Merci beaucoup! Und ja, Patricia Kaas war hinreißend! Ich mag ihre Lieder normalerweise nicht so, die sind mir zu düster. Aber bei ‚Et s’il fallait le faire‘ hatte ich Pippi in den Augen und kaum gewagt zu atmen, vor so viel Größe und Schönheit! Das waren die besten drei Minuten, die der ESC jemals hatte.

  7. De rien La Kaas hat mal allen Hupfdohlen aus dem Osten, allen Casting-Sternchen und allen Partymachern gezigt, wie ESC geht: Hinstellen, toll singen, abgehen. Das war großes Tennis. Ich möchte aber hier auch mal anmerken, dass Frankreich generell ein ziemlich töftes ESC-Land ist, ja. Ich mein, man kann denen ja viel vorwerfen, aber nicht, dass sie nicht abwechslungsreich wären. Les Fatals Picards oder wie die hießen find ich ja auch noch immer genial. Ja.

  8. Mein Lieber. Was das Beruhigende ist: dein Geschmack ist wie eine Kompassnadel, die nach Süden zeigt. Wenn du also über Frankreich so herziehst, kann man davon ausgehen, dass er ziemlich erfolgreich sein wird 😆

  9. Final-Einschätzung Ist etwas schwierig, da man ja noch nicht weiß, wer wirklich die Gegner sind, aber ich versuch’s mal: Alles in allem bin ich mit den ‚Big 5‘ dieses jahr recht zufrieden. Alle nicht meine persönlichen Lieblinge, aber solide. Das gilt ausdrücklich auch für Frankreich, obschon es meinem eigenen Geschmack so überhaupt nicht entspricht. D: bei mir Platz 13, real wohl so um die 15 F: würde bei mir als einziger Big-5-Beitrag nicht ins Finale kommen, wenn das ginge (Platz 32), real tippe ich tatsächlich auf rote Laterne GB: bei mir Platz 20, real womöglich Top 5 (ca. 4) I: mein Platz 15, ich fürchte real leider weiter hinten (24?) E: mein Lieblings-Big-5 mit Platz 7 (auch wenn es einfach gestrickt ist), real unteres Drittel (21?)

  10. die Kaas… Ja, das ging mir am Finalabend genauso – ich mochte diesen Beitrag vorher überhaupt nicht – ich fand ihn langweilig und fad – aber als sie dann am Samstag abend da stand, wahnsinnig gesungen hat, dann zum Schluß noch dieses kurze Tänzchen und der kleine Flirt mit den Zuschauern (auch mit mir) – ich war auch hin und weg! 🙂 Das war ganz groß. Daran reicht der heurige Beitrag nicht, obwohl ich finde, daß auch so ein Beitrag, der ja zumindest nicht einfach so gesungen wird, seine Berechtigung beim ESC haben kann… Ansonsten ist die Einschätzung der BIG5 schon recht treffend, ich hatte mir von einem Comeback Italiens auch viel, viel mehr erhofft! 🙂

  11. No Satellite…. Die Big 5 Titel liegen nach der Auslosung ziemlich dicht beisamen – ohne die Qualifikaten aus den Semis zu kennen, ist es sicher schwer zu sagen, welcher Startplatz jetzt von Vorteil ist und welcher nicht. Von den 5 Songs ist der franz. Beitrag noch am originellsten ( und ich bin weder Hausfrau noch Schwuppe 🙂 )Amaury ist für mich sicher kein Prinz, sondern einfach ein guter Sänger.

  12. taken by no stranger Ich finde Deine Einschätzung ziemlich gut. Was an dem Franzosen originell sein soll, erschließt sich wohl nur Leuten, die noch nie einen Bolero gehört haben… und mir kommt diese Pseudo-Klassik ziemlich blutleer vor. Mir fällt allerdings inzwischen schwer , einen Tipp abzugeben, da ich die Lieder alle schon so oft gehört habe… eins ist mir aber inzwischen aufgefallen. Wenn man die Lieder am Stück hört, wie ja an dem Abend auch, hört sich doch vieles gleich an und da verlieren UK, Schweden und Russland sehr…Dänemark ist ungewöhnlich und eingängig, man singt es gleich mit… und na ja, ich glaube noch immer an LENA.

  13. Ähm… …nein. Lies mal Olivers Kommentare über Hard Rock Hallelujah, Molitva oder Fairytale.

  14. allen zum Trotz… so übel ist der italienische Beitrag nicht – etwas ungewöhnlich. Auf Blue hatte ich mich gefreut, aber das Stück ist doch sehr dürftig (dürfte aus meiner Sicht nicht mehr als Platz 20) werden. Zum Bolero ist alles gesagt (Platz gaaaaaaaaaanz weit hinten). Espana: naja, zu mehr als Mittelfeld und Mitleid reichts bei mir nicht….und siehe da: Taken by a stranger gewinnt immer mehr….

  15. Schnell schnell schnell… … bevor die Proben losgehen, will ich hier auch noch ein bisschen rumsenfen, und am 15. Mai erklär ich Euch dann, warum alles ganz anders gekommen ist 🙂 Ich mach das jetzt mal von hinten nach vorne. FRA: Ei jei. Der Song ist toll, keine Frage, aber das Geknödel von dem jungen Mann halt ich im Koppe nich aus, und ich denke, damit bin ich nicht alleine in Europa. Das wird sicher viele Stimmen kosten. Top Ten kann ich mir gut vorstellen, einen Sieg beim besten Willen nicht. ITA: GRRRRRRRRRRRMPF! Auch ich bin eine heiße Verehrerin italienischer Eurovisionskost und mehr als glücklich über Italiens Rückkehr, aber doch nicht SO! Ich wollte die Arschbombe mit vorhergehendem Salto mit dreifacher Schraube, aber doch nicht Füßchen ins Wasser gestippt! UNd das fieseste: Dieser Nichthübsche GRINST die ganze Zeit dermaßen in die Kamera, als wolle er sagen: Na, Europa, da haben wir Euch aber schön reingelegt, gell? Und wahrscheinlich denkt er GENAU DAS. Platzierung: Landet irgendwo im Mittelfeld und bekommt absurd hohe Jurynoten, nicht dass Italien nochmal aussetzt. UK: Kickt, is klasse, lecker Bürschkes. Heißer Siegesanwärter. Allerdings steht bei AKOE zu lesen, dass der Auftritt in Amsterdam neulich alles andere als berühmt gewesen sein soll. Trotzdem innerhalb der Big 5 derjenige, den es zu schlagen gilt. GER: Ich bin ja bekennende Satellite-Nicht-Mögerin, und das hier ist dagegen total, total klasse. Lenchen machts auch toll, es ist auch durchaus eingängig. Trotzdem: Top5, aber kein Sieg. ESP: Seichtes Kirmesgedudel. HEißer Kandidat für die rote Laterne.

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