We all bleed and we smile (ES 2011)

Gleich vorweg: ich habe die spanische Vorentscheidung mit ihren unendlichen Vorrunden nicht mitverfolgt, lediglich die letzten Minuten des Finales. Nach dem, was so in den Fan-Foren zu lesen war, habe ich da wohl einige Sternstunden des Katastrophen-TVs verpasst. Um das Wichtigste knapp zusammenzufassen: die Iberer entschieden sich in diesem Jahr für ein am deutschen Vorjahreskonzept angelehntes Verfahren. Mit allerdings stärkerem Einfluß der Jury – und die drückte der Siegerin Lucía Pérez am Ende das falsche Lied rein.

httpv://www.youtube.com/watch?v=S2P7uMW_t6c
Das spanische Satellite – allerdings dürfte dieser Song es schwerlich in den Orbit schaffen

Zunächst traten in diversen Vorrunden zahlreiche (mir bislang) unbekannte Acts in Duellen gegeneinander an, wobei sie alte Eurovisionstitel ermordeten interpretieren mussten. Eine fünfköpfige Jury siebte die aus ihrer Sicht Schlechtesten aus, das Publikum wählte ihre Lieblinge wieder rein… das Ganze ging so lange, bis für das heutige Finale drei Acts übrig blieben. Nämlich zwei einzelne Frauen und eine, dem optischen Eindruck nach aus Vierzehnjährigen bestehende, stimmlich komplett unbegabte Boyband. Aus den parallel hierzu beim Sender TVE aus aller Welt (nun, vornehmlich aus Schweden) eingereichten Songvorschlägen bekam jeder dieser Drei heute jeweils drei grob nach Geschlecht und Stimmlage vorsortierte Titel zugeteilt und musste diese vortragen.

httpv://www.youtube.com/watch?v=xDYeZPfz_Zc
Lucía und der Topfschwamm-Song

Danach wählten die fünf Juroren pro Interpret ihren jeweiligen Lieblingstitel aus, der ins Superfinale kam. Wobei es bei Lucía zu einem Punktegleichstand zwischen der hochdramatischen Ballade ‚Abrazame‘ (‚Scheuer meinen Topf‘?) und dem belanglos-seichten Uptempostück ‚Que me quiten lo bailao‘ (‚Gib mir Quitten mit Baileys‘) kam. Nach den vorher festgelegten Regeln hatte damit der letztere Titel gewonnen, weil er die höheren Einzelwertungen auf sich vereinen konnte. Sehr zum Unglück der Interpretin, deren Herz an ‚Abrazame‘ hing, was sie auch deutlich zum Ausdruck brachte. Weswegen an dieser Stelle eine viertelstündige, erhitzte Diskussion zwischen den Juroren losbrach, welche versuchten, den ein oder anderen Kollegen dazu zu bewegen, sein Voting zugunsten Lucías Lieblingstitel nachträglich zu korrigieren. Die Moderatorin, welche ebenfalls die Ballade bevorzugte, ließ es geschehen. Alleine: es kam keine Einigung zustande, und so musste sich Lucía mit dem ungliebten Uptempostück der Abstimmung der Zuschauer stellen, die nun per Televoting zwischen den drei Acts entscheiden durften.

httpv://www.youtube.com/watch?v=IYzomDkiORw
Nur einmal in jedem Jahr ist Karneval (Gott sei Dank!)

Und sie votierten, ob aus sadistischer Schadenfreude oder weil die beiden Anderen so schlecht waren, mit Zweidrittelmehrheit für Lucía. Die dann tränenüberströmt das verhasste Siegerlied vortragen musste und sich damit ebenfalls am 14. Mai in Düsseldorf auf einen Platz unterhalb des Ranges 20 singen darf kann muss. Oh, weises Spanien!

Und auch vom spanischen Beitrag gibt es zwischenzeitlich eine aufgepimpte Fassung. Wie man im offiziellen Videoclip unschwer erkennen kann, vor wenigen Tagen beim auch in Spanien begangenen Fasching gedreht. Was sehr gut passt, denn dieser Song wie auch Fasching sind beides Dinge, die man nur alkoholisiert ertragen kann.

10 Gedanken zu “We all bleed and we smile (ES 2011)

  1. Das sind ja fast Zustände wie in den Niederlanden (der unwillige Pierre Kartner). Grausam. Das Lied ist belanglos. Es erinnert mich an Portugal 2009, nur mit viel weniger Seele. Und das nach dem grandiosen Daniel Diges letztes Jahr. Armes, armes Spanien. 👿

  2. WÜRG unglaublich!!! 68 % wählen so einen Schrott? Vielleicht sollte Spanien doch wieder Stierkämpfe erlauben und die Gute in die Arne von Barcelona stecken!!! 😡

  3. Ich tippe mal darauf, dass die besagten 5 Juroren allesamt Beschäftigte des spanischen Finanzministeriums sind und die Vorlage lautete, eine Ausrichtung des ESC im nächsten Jahr zu verhindern. Ist ihnen gelungen. Obwohl das angesichts der Auswahl eigentlich fast viel unnötiger Aufwand war. Aber lieber tritt man zur Sicherheit das einzige zarte Pflänzchen tot, bevor es unerwartet wachsen könnte.

  4. … Sorry aber das ist, egal wie schlimm das Lied ist, echt asi. Ich finde das Lied ok.. ist aber nichts besonderes… aber bisher ist eh nichts besonderes dabeim außer Lena. Und Georgien geht mal gar nicht -.- bisher nur enttäuschungen… Bis auf evtl. Irland und der Schweiz.

  5. Dude:son Ich sehe das etwas anders: Abrazame war ein schrecklicher Song, geschrieben von einem der untalentiertesten Komponisten Europas Thomas G:son! Besagter Herr beglückt inzwischen halb Europa mit seiner Massenwahre: Quantität kommt bei ihm immer vor Qualität. Der armen Sängerin wird er wohl eingeredet haben, dass sie mit seinem Song den ESC gewinnen wird, vielleicht hat er ihr sogar einen hohen Betrag angeboten, wenn sie sich für seinen Beitrag entscheidet. Besagter G.son ist nicht nur untalentiert, sondern auch extrem skrupellos. Mal klaut er Melodien von fremden Komponisten und schmückt sich mit fremden Federn, mal hilft er mit finanziellen Versprechungen nach. Wie weit gerade Spanien mit seinen Ergüssen gekommen ist, hat man übrigens 2008 sehen kommen/müssen.

  6. jetzt lasst aber mal die Kirche im Dorf Soooo schlimm ist der Song doch nun wahrlich nicht, da gibt es echt Schlimmeres. Und mir gefällt er sogar. Aber mal von Anfang an: ich HABE dieses spanische Castingshow-Drame tatsächlich von Anfang an verfolgt, und bin von einem Entsetzen ins andere gefallen. Bereits in den Castingbox-Darbietungen wurde klar, dass der Müllfaktor weit über 90% lag. Die meisten können einfach überhaupt nicht singen. (Mit wenigen Ausnahmen, so z.B. die letztliche Siegerin mit ihrer bezaubernden Interpretation von Non ho l’eta). Und die Shows waren noch schlimmer: das Format fand ich eigentlich gut, sehr an USFO angelehnt, und die Idee, ESC-Lieder zu singen, finde ich auch nett. Nur dummerweise wurden letztere meist grausam verstümmelt, und Jury und Televoter überboten sich darin, die wirklich guten Sänger rauszukicken und unmögliche Typen wie diesen ‚Satellite‘-Imitator weiterzuwählen. Aber dann kam in der letzten Sendung die große Wende: Ganz im Gegensatz zu USFO, wo auf 7 Sendungen mit größtenteils gelungenen Interpretationen im Finale eine enttäuschende Auswahl von belanglosen Songs folgte, gab es hier in Spanien durch die Bank gute Songvorschläge. Und die verbleibenden Interpreten (erstaunlicherweise hatten tatsächlich 3 nicht allzu schlechte überlebt!) sind ziemlich über sich hinausgewachsen (sogar diese Boyband war besser als jemals zuvor, wenn auch nicht gut). Und ich kann die Uneinigkeit der Jury völlig nachvollziehen: Nach den Vorab-Clips im Internet war auch mein Favorit ‚Abrazame‘ (EOS mit Melissa wäre noch eine Alternative gewesen). Aber live war es dann eben KEINE Powerballade, sondern einfach müde. Und der letztliche Siegersong passte wunderbar zur Interpretin. Natürlich ist Abrazame das bessre Lied, aber das Gesamtpaket stimmt einfach nicht. Natürlich ist der Siegertitel ein belangloses Lied, aber mir gefällt es wunderbar. Und es sollen ja auch schon belanglose Lieder gewonnen haben (wie war das mit Satellite?). NB: Lucia hat nicht gesagt, dass sie das Lied hasst. *Nach einiger Überlegung* hat sie gemeint, dass sie sich mit Abrazame *etwas* wohler fühlen würde.

  7. Tja. Die Dame wird sehr viel Glück beim Startplatz brauchen, um damit was zu reißen. Zwischen Balladensülze könnte das genug auffallen, um ein paar Punkte zu ziehen. Und bitte, liebe Spanier: ihr seid die letzten Jahre ohne eure musikalische Lieblingsdroge, die Pseudo-Flamenco-Gitarre ausgekommen. Warum müsst ihr wieder dahin zurückfallen?

  8. … nicht alle hier tragen Pappnasen So ist es, zutreffender kann man diesen Song kaum einordnen: KARNEVAL. Dummerweise (aus meiner Sicht ‚glücklicherweise‘) tragen hier bei weitem nicht viele Pappnasen im Gesicht, auch nicht zum Karneval. Auch daher kommt dieser Song hier nicht gut an. Darüber hiaaus bietet der Text viel Interpretations-Spielraum, aber das ist ja eh zu vernachlässigen, da sich die Iberer wieder einmal zu ihrer Sprache bekannt haben. Das finde ich sehr gut. Ich frage mich nur, weshalb es ihnen nicht gelingt, ihre zweifellos vorhandenen kreativen Musiker zu animieren, mal was zum ESC beizusteuern … Wunschdenken, wahrscheinlich. Aber ich bin mir trotzdem nicht ganz sicher, ob sie mit der Wahl des inoffiziellen Karneval-Knallers nicht auch beim ESC eine gute Figur machen. Dort sind ja schon die seltsamsten Sachen passiert, nicht wahr!?!

  9. Kannse pimpen wie de wills – flutscht weiterhin durch wie mit KY (wie war das noch letztes Jahr? 😉 ) Das hat einfach nix und null. Zitat: ‚Und es sollen ja auch schon belanglose Lieder gewonnen haben (wie war das mit Satellite?).‘ Wie das mit Satellite war? Ein paar hunderttausend verkaufte CDs und ein offizielles Video, mehr als 25 Millionen mal im Internet angeklickt (plus andere Clips nach ihrem Sieg, zusammengenommen ebenfalls in Millionenhöhe) vielleicht? Hm…irgendwas muss Satellite gehabt haben….was Que me quiten lo bailao womöglich, vielleicht, unter Umständen, eventuell nicht hat… Mann, da werden wir uns aber noch den Kopf drüber zerbrechen, das herauszufinden.

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