Wo bleibt eigentlich die Revolution? (PT 2011)

Eine portugiesische Folkrocktruppe, kostümiert als sozialistische Version der Village People™, wird das Land in Düsseldorf mit dem fröhlichen Arbeiterkampflied ‚A Luta é Alegria‘ (‚Der Kampf macht Freude‘) vertreten. Sie gewannen beim gerade zu Ende gegangenen Festival da Canção mit den Stimmen des Televotings und zeigten damit den 20 (!) regionalen Jurys den Stinkefinger, die sie in einer anderthalbstündigen Auszählung ins Mittelfeld gesetzt hatten. Zum deutlichen Mißfallen des anwesenden Saalpublikums, das lauter buhte als weiland bei Atlantis 2000 und aus Protest noch während der Siegerreprise in Scharen den Saal verließ.

httpv://www.youtube.com/watch?v=bEPCC3_COLs
Völker, hört die Signale: Homens da Luta

Zwölf Beiträge fanden sich im heutigen Finale des Festival da Canção, einer schrecklicher, dröger und altmodischer als der andere. Die einzige hörbare Ausnahme blieb der kompetent vorgetragene Uptemposong ‚Sobrevivo‘ von Carla Moreno. Zumindestens optisch unterhielt die Transe Wanda Stuart (das war doch eine Transe, oder?), die eine Performance abzog wie eine in die Jahre gekommene und nun als Puffmutter arbeitende Domina. Immerhin, ihre Titten hatte sie sich noch mal machen lassen. Interessant auch der Auftritt der Homens da Luta: sechs Menschen in lustigen Kostümen, als Bauarbeiter, Soldat, Cowboy, Bäuerin und Revolutionsführer mit Megafon und Pornoschnauzer, die auf der Bühne eine Spontandemo abhielten, eigene Transparente mitgebracht hatten und ständig etwas von „Camaradas!“ skandierten. Auch musikalisch wirkte ihr sanftes Kampflied wie eine in heißen Diskussionsnächten im Kollektiv gemeinsam verfasste Arbeit aus den Siebzigerjahren. Wobei nicht so ganz klar wurde, ob die das nun ernst meinen oder nicht.

httpv://www.youtube.com/watch?v=F6uPP4-y7Cg
Zu flott für die drögen Portugiesen: Carla Moreno

Wie in Portugal üblich, stimmten zwanzig (!) regionale Jurys einzeln über die Songs ab – verbunden mit dem endlosen Höflichkeitsgeschnatter mit der Moderatorin zog sich die Auswertung so über anderthalb Stunden hin. Auch wenn die Regionalvotings zum Teil sehr unterschiedlich ausfielen, zeichnete sich ein Zweikampf zwischen zwei der besonders einschläfernden Beiträge ab, nämlich ‚São os Barcos de Lisboa‘ von Nuno Norte und dem besonders schrecklichen ‚Deixa o meu Lugar‘ der optisch ein wenig an die jüngere Schwester von Eimear Quinn erinnernden Inês Bernardo, die am schmerzhaftesten falsch von allen Mitwirkenden des Abends sang. Norte und Bernardo landeten im Juryvoting auf den beiden ersten Rängen. Was ihnen aber nicht viel nützte, da sie von den Televotern mit fünf (Norte) beziehungsweise null Punkten (Bernardo, ha ha!) abgestraft wurden. Mal schauen, ob der beim portugiesischen Publikum so erfolgreiche Protestsong gegen Jugendarbeitslosigkeit und die dem Volk aufgebürdeten Folgen der Bankenkrise die EBU-Zensur passiert…

httpv://www.youtube.com/watch?v=xzThNin-Kbc
‚A Luta é Alegria‘ schlägt politische Wellen in Portugal (Euronews-Bericht)

Ein skurriler Abend, ein skurriles Ergebnis, ein skurriler Beitrag für Düsseldorf. Und für Portugal mal wieder das Ausscheiden im Semifinale. Aber das will das Land ja auch offensichtlich gar nicht anders.

Umseitig noch drei hübsche Finalbeiträge!

12 Gedanken zu “Wo bleibt eigentlich die Revolution? (PT 2011)

  1. ‚Mal wieder das Ausscheiden im Semifinale‘? Das letzte Mal ist das 2007 passiert, und auch da nur knapp (Elfter, als bestplatziertes westeuropäisches Land). Die Portugiesen hatten die letzten Jahre, was das Durchkommen ins Finale angeht, einen regelrechten Lauf. Aber ich habe das ganz dumme Gefühl, dieser Lauf findet dieses Jahr ein abruptes Ende. Wenn das in Düsseldorf nicht absolut fantastisch dargeboten wird – keine Chance. Eventuell sogar ein Nul-points-Kandidat.

  2. Kein Finale Ja, auch wenn die beiden Alternativen der Jurys nicht toll gewesen sein mögen (Nuno war so schlecht nun nicht) sollte dieser Müll wirklich beim ESC abgestraft werden. Ich spare mir viele Worte: das ist einfach unterirdisch. Ein Ausscheiden im Finale wirkt vielleicht wie ein heilsamer Schock.

  3. Wirkt auf mich wie eine Karnevalsveranstaltung. Ich hasse Karneval. Portugal, no points.

  4. nicht schlecht, aber zu abwechslungslos, repetitiv, schnell nervig. 2011 ist aber alles landestypische schon irgendwie eine wohltat. wenn es für die semi-top10 reichen sollte (wo ich mir nicht sicher bin, könnte auch ganz floppen), wird es wahrscheinlich die jury zu verhindern wissen. und zu filipa: das war doch hoffentlich kein frustfressen?! :confused:

  5. oh Schande Dass es diese Gurkentruppe wird, habe ich ja nicht im Entferntesten gedacht. Was hat denn die portugiesischen Televoter zu so etwas geritten? Die Jurylieblinge wären natürlich auch nicht so unbedingt meins gewesen. Nuno Norte hat zwar überzeugend gesungen und es war auch landestypisch, aber eben nicht mein Geschmack. Und Ines Bernardo war zwar nach den Vorabveröffentlichungen bei mir ziemlich weit oben auf dem Zettel, der Song ist gut und ihre Stimme auch – aber live hat sie halt erbärmlich danebengelegen. Meine Favoritin wäre ja Tania Tavares gewesen (ja, das war eine Ballade, aber eine gute!), aber auch Filipa Ruas oder 7 Saias hätten mich noch zufriedengestellt. Nun, die Spontandemo jedenfalls ist es wirklich nicht. Und wenn die da nicht noch wesentlich was dran ändern, kommt das zum Glück auch definitiv nicht ins Finale.

  6. Nelkenrevolution!! hmm, auch wenn ich CC recht gebe, dass es relativ schnell an Reiz verliert, gefaellt mir doch die Selbstreferentialitaet. Sagt nicht die Legende, dass es 1974 die Uebertragung des (damals wirklich unterirdisch schlechten) portugiesischen Beitrages gewesen sein soll, die das startsignal fuer die Nelkenrevolution gegen das Regime Salazar&Nachfolger ausgeloest hat? Insofern machen auch hier die roten nelken mehr als Sinn… nur wird das natuerlich in Duesseldorf nicht rueberkommen. Aber mir gefaellt’s…

  7. Das mit der Nelkenrevolution 1974 und dem ESC-Beitrag (E depois do adeus) ist keine Legende, das ist tatsächlich nachgewiesen. Aber das wird wohl kaum jemand außerhalb von Portugal noch in Erinnerung haben.

  8. Ro ro ro.. rot rot sind die Nelken Da wäre ich mir nicht so sicher… Ich habe direkt daran denken müssen, als ich die roten Nelken sah. Aber bedauerlicherweise ist der Beitrag heuer ebenso so schlecht wie 1974. 🙁

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