Ab 2012: Verbot des internen Vorentscheids?

Das Regelwerk der EBU ist bekanntlich umfangreich und kompliziert. Doch aus den nationalen Vorentscheidungen hielt sich der Senderverbund bislang heraus – aus gutem Grund. Damit soll nun Schluss sein: „es gibt einen Beschluss, dass im nächsten Jahr alle Teilnehmer durch das Publikum ausgewählt werden müssen“, so der deutsche Unterhaltungschef Thomas Schreiber im FAZ-Interview mit Deutschlands A-Listen-Blogger Stefan Niggemeier (unbedingt lesen: das Duslog). Ausgerechnet am Beispiel der britischen Boyband Blue, meines Erachtens einer der stärksten Anwärter auf den Siegerthron 2011, kritisiert er, dass „ein einzelner BBC-Redakteur entscheidet, welche Band mit welchem Lied da antritt“. Ziel der Neuregelung sei es, „aus der Ironisierung und dem rein folkloristischen Element herauszukommen“, wozu auch die Wiedereinführung der Jurys beitragen habe. Guter Gott, das ist auf so vielen Ebenen falsch, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll!


Folkloristisch? Nur ironisch zu rezipieren? Blue (UK)

Da ich die von Thomas Schreiber skizzierte Neuregelung für einen ganz schönen Hammer halte – und mal unterstelle, dass sie tatsächlich der Beschlusslage entspricht, wenn er schon in die Welt hinausposaunt – will ich auf die Kernsätze des Niggemeier-Interviews näher eingehen. Nach längerem Vorgeplänkel, warum der Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf natürlich der größte, schönste, beste wird, wirft Niggemeier die provokante Feststellung ein: „Dieser phantastische Aufwand – und dann kommt diese läppische Musik.“ Was nun gerade in diesem Jahr tatsächlich in weiten Teilen zutrifft. Schreiber: „Für die Lieder ist jedes einzelne Land verantwortlich. Und wir können nur versuchen, denen die beste Plattform zu bieten. Ob jeder Song zeitgenössisch für das Jahr 2011 steht, ist eine andere Frage.“ Eigentlich nicht: außer dem deutschen, dem britischen und dem russischen Beitrag stammt nichts wirklich aus diesem Jahrzehnt (oder gar Jahrtausend). Andererseits: wenn ich einen Blick auf die aktuellen Popcharts werfe (was ich zugegebenermaßen immer seltener tue), sehe ich dort auch kaum bahnbrechend Neues. Eher Retro allerorten. Lady Gaga imitiert die kalkuliert rebellische Madonna der frühen Neunziger, Duck Sauce landen mit einem steinalten Boney-M-Riff einen Megaknaller und J-Lo covert ausgerechnet die Achtzigerjahre-Sommerhitpest ‚Lambada‘ und generiert damit einen Nummer-Eins-Hit…. Und da soll nun gerade der Grand Prix innovativ vorangehen? Im Ernst?


Fabelhaft: Sherry Vine parodiert die Madonna-Parodistin Lady Gaga

Niggemeier: „Diese Diskrepanz ist in den vergangenen Jahren immer größer geworden. Technik, Inszenierung, das alles ist inzwischen State of the Art. Aber die Musik kann fast nur ironisch konsumiert werden.“ Nun stimmt zwar der erste Teil dieser Aussage: der inszenatorische Aufwand und die Perfektion der Darbietungen beim ESC erstaunt selbst Nicht-Fans. Dass die beim Grand Prix dargebotene Musik indes fast nur ironisch konsumiert werden kann – nun, das war schon immer so. Seit 1956. Es gab bessere Zeiten (in den Siebzigern und um die Jahrtausendwende), wo man näher am Chartsgeschehen war und schlimmere (im tiefen Tal der Tränen der Neunziger). Aber grundsätzlich ist es die köstliche, ja herrliche Diskrepanz zwischen dem irrsinnigen Aufwand des Wettbewerbsspektakels, seiner formalen Strenge und fast staatstragenden Scheinrelevanz und der, wollen wir es mal vorsichtig formulieren, inhaltlichen Unbeschwertheit der dargebotenen Lieder, die uns beim Eurovision Song Contest so viel Spaß beschert. Ja, es geht um Trash! Ja, es geht um „typische“ Grand-Prix-Musik! Ja, es geht um Ironie! Das macht den Grand Prix aus! Natürlich nicht ausschließlich: selbstverständlich sollte das Grundbestreben dahin gehen, aktuelle, chartstaugliche Popmusik zu bieten. Aber erst das Scheitern am eigenen inhaltlichen Anspruch macht diese Show am Ende ja so liebenswert.


Ohne solches Trash-Spektakel wäre der ESC doch langweilig! (BG 2009)

Schreiber indes sieht das anders: „Ich hoffe, dass das immer weniger wird. Nur wenn der ESC musikalisch ernst genommen wird, hat er auch aus meiner Sicht eine ernstzunehmende Zukunft. Das kann die größte Show der Welt werden. Aber nur dann, wenn die einzelnen Länder, und auch die, die für die Popmusik wichtig sind, das ernst nehmen. Dazu gehört auch, dass nicht ein einzelner BBC-Redakteur entscheidet, welche Band mit welchem Lied da antritt.“ Nun ist gerade Großbritannien ein Paradebeispiel dafür, warum es eine gute Entscheidung sein kann, auf einen Publikumsentscheid zu verzichten. Bei den britischen Zuschauern nämlich gilt der Wettbewerb in einem noch viel stärkeren Maße als hierzulande als Trash-Event. Dort ist es Usus, die Show alkoholisiert anzuschauen und bei jeder Rückung oder immer, wenn Zypern Griechenland 12 Punkte gibt, noch einen Schnaps hinterher zu gießen. Der britische Buchautor Tim Moore beschrieb die Einstellung der Briten zum Grand Prix mal sinngemäß so: wir haben der Welt die Popmusik geschenkt und betrachten nun jedes Jahr mit Schaudern, was Europa damit anstellt. Läßt man seinen Landsleuten die freie Wahl, entscheiden die sich beim Vorentscheid absichtlich für Spaß-Acts wie Jemini oder Scootch (die ich beide toll fand!). Gerade weil die BBC endlich von dem Trash-Image weg will, direktnominierte sie dieses Jahr einen ernst zu nehmenden Popact, den ersten britischen Eurovisionsact seit Katrina & the Waves (1997), der bereits vor seiner Teilnahme europaweit Platten verkaufte. Einer Vorauswahl hätten sich Blue auch erst gar nicht gestellt. Und selbst Schreiber gibt zu, dass „viele der Band Blue gute Chancen voraussagen“.


Flying the Fag: Scooch (UK, Platz 22)

Schreiber weiter: „Wir haben schon das Ziel, aus der Ironisierung und dem rein folkloristischen Element herauszukommen.“ Und so sehr ich dem NDR-Mann zustimme, dass es für das Überleben des Mega-Events entscheidend ist, als relevanter Pop-Event wahrgenommen zu werden und ausreichend zeitgenössische Musik zu bieten, so liegt doch gerade in der Festlegung auf eine Publikumsauswahl hierin kein unbedingt taugliches Mittel. Seit es den Eurovision Song Contest gibt, experimentieren die teilnehmenden nationalen TV-Anstalten Jahr für Jahr mit ihren Vorentscheidungsformaten. Manche, wie Schweden, haben ihren Weg gefunden – dort ist das Melodifestivalen populärer als der Grand Prix selbst. Was auch mit dem in den letzten Jahren meist unterdurchschnittlichen Abschneiden der vom schwedischen Publikum verbrochenen Fehlentscheidungen (natürlich gibt es da Ausnahmen, wie in diesem Jahr) beim Wettbewerb zusammenhängt. Auch die ARD hat doch schon ihre Erfahrungen mit einem stoisch auf Siegel abonnierten TV-Publikum gemacht! Und gerade wir haben doch nun in den zurückliegenden 55 Jahren so gut wie jedes nur irgend erdenkliche Format durchprobiert, einschließlich einiger Direktnominierungen. Und, wo wir gerade beim Thema sind: hatten denn die Deutschen in diesem Jahr tatsächlich die Wahl? Was die Interpretin anging, sicher nicht – und auch die Songauswahl war ja so gestaltet, dass eigentlich nur ein Titel gewinnen konnte…


Eine deutsche Direktnominierung und 1977 aber so was von zeitgemäß: Silver Convention

Nun will ich sicher nicht der Direktnominierung das Wort reden. Auch ich finde es schöner, wenn das Publikum seinen Vertreter für den Grand Prix frei wählen kann. Und für die Identifikation im Lande ist es sicher auch vorteilhafter. Aber ich habe ein Problem damit, wenn die EBU jetzt auch noch bei den Vorentscheiden den Teilnehmerländern ein einheitliches Konzept überstülpen möchte. Ich empfinde die augenblickliche Vielfalt der Vorentscheidungskonzepte als ungeheure kulturelle Bereicherung! Und das gilt auch und gerade für die gescheiterten, für die korrupten, für die katastrophalen Konzepte. Kann man aus ihnen doch zumindest lernen, wie man es besser nicht macht! Ich gebe ganz offen zu: gerade seit die technischen Segnungen des Internets dies so bequem ermöglichen, schaue ich die nationalen Vorentscheidungen auch der anderen Länder beinahe schon lieber an als das Contest-Finale selbst. Gerade auch wegen der dort vertretenen Vielfalt, von den Konzepten über die Teilnehmer und die unterschiedlichen Produktionsstandards. Und natürlich auch, weil die besten (sprich: die am ehesten ironisch zu rezipierenden) Beiträge in aller Regel in den Vorentscheidungen hängen bleiben.


Anstelle dieser extrem zeitgemäßen Atzenmucke entschieden sich die Ösis für einen grauenvollen Céline-1989-Aufguss. Na bravo!

Aber wie daneben in seinen Einschätzungen Schreiber liegt, illustriert er abschließend mit diesem Satz: „Wichtig war auch die Wiedereinführung der Jurys. Das kann man daran sehen, dass Norwegen und Deutschland gewonnen haben.“ Nun hätten Rybak und Lena, wie die unverschämterweise erst Monate später veröffentlichten getrennten Zahlen bewiesen, ja gerade bei einem reinen Televoting ebenso eindeutig und haushoch gewonnen! Den einzigen meßbaren Effekt, den die Jurys 2010 hatten, war das skandalöse Scheitern von Kuunkuiskajaat im Semi. Weder verhinderten sie (übrigens durchgängig gerechtfertigte) hohe Platzierungen für die Diasporavoting-Weltmeister Türkei, Griechenland, Armenien und Aserbaidschan, noch erkämpften sie einen akzeptablen Rang für den zeitgemäßen französischen Beitrag ‚Allez! Ola! Olé!‘. Ihren argumentativen Zweck einer effektiven Verhinderung des Blockvotings, gerade aber auch die von Schreiber behauptete Stärkung aktueller, chartfähiger Musik haben die Jurys somit nun nachweislich gerade nicht erfüllt! Und ich bin mal auf die öffentlichen Reaktionen gespannt, wenn es erstmals abweichende Jury- und Publikumssieger gibt. Gerade 2011, wo kein eindeutiger Favorit im Vorfeld schon feststeht, könnte das spannend werden, wenn – um mal ein Beispiel zu konstruieren – die TV-Zuschauer sich mehrheitlich für Blue entscheiden, die Jury aber Amaury Vassily den Vorzug gibt. Dann würde nämlich genau diese Rolle rückwärts dazu führen, den Wettbewerb lächerlich zu machen und weg vom ernst zu nehmenden Popevent zu führen!

20 Gedanken zu “Ab 2012: Verbot des internen Vorentscheids?

  1. Ich versteh dich nicht Ich kann dich leider nicht verstehen, warum du kritisierst, das es ab 2012 keine interne Auswahlen mehr geben soll? Du bist doch derjenige die Einführung der Juries am meisten kritisiert hat. Ich finde auch, das die Zuschauer eines Land bei der Auswahl des Künstlers oder Songs, oder beidem beteiligt werden sollen. Es ist doch festzustellen, das bei einer internen Vorauswahl das Interesse am ESC in dem betreffenden Land total sinkt. Auch wenn man mit der Entscheidung bei einer VE nicht immer zufrieden sein muß. So kann ich sie eher akzeptieren, als wenn mir im stillen kämmerlein von alten Säcken ein Künstler und ein Song vor die Nase gesetzt wird. Siehe 2009 in Deutschland. Kein Mensch hatte sich damals für den deutschen Beitrag interessiert. Ich sehe das als sinnvolle Neuerung.

  2. Da stimmt was nicht… Der ESC 2011 soll ‚der grösste, schönste, beste‘ werden? Mit Judith Rakers bestimmt nicht, wie wir bei der Auslosung der Startplätze amüsiert gesehen haben…

  3. Ich will sicher nicht der Direktnominierung das Wort reden. Auch ich finde es schöner, wenn das Publikum seinen Vertreter für den Grand Prix frei wählen kann. Und für die Identifikation im Lande ist es sicher auch vorteilhafter. Aber ich habe ein Problem damit, wenn die EBU jetzt auch noch bei den Vorentscheiden den Teilnehmerländern ein einheitliches Konzept überstülpen möchte. Und ich möchte nicht auf Acts wie Blue oder Dino Merlin verzichten, nur weil die EBU jetzt den Ländern die Direktnominierung verbietet! Das sollte einfach, wie bisher, jedes Land für sich selbst entscheiden können, was es in diesem Jahr machen will. Die ARD kann ja per Publikumsvoting suchen, find ich ja auch gut. Aber wenn z.B. die BBC sagt, wir brauchen dieses Jahr einen großen Namen und den kriegen wir nur über Direktnominierung, dann sollten sie das auch machen dürfen.

  4. Doch, stimmt schon. was??? Judith Rakers ist neben Nadia Hasnaoui die einzige Moderatorin seit 1998, die mit annehmbarem und flüssigem Engliscjh punkten kann. Und zum Thema Interne Auswahl: Dino – Alexspatz – Lena – Blue – Kati – Amaury – Raphael Gualazzi … was will man mehr??? und auf solche (durch Televoting siegreiche) Acts wie Homens da Luta oder Siggis Bande hätte ich 2011 gut und gern verzichten können.

  5. Ich kann’s nicht mehr hören Vorab: in der Sache sind wir uns ja durchaus einig. Ich finde es zwar eine gute Idee, durch öffentliche Auswahl eine stärkere Bindung zwischen ‚Wahlvolk‘ und Titel/Interpret zu schaffen und auch die Veranstaltung selbst bekannter zu machen (in unserer jüngeren Geschichte eindeutig dokumentiert im Unterschied zwischen etwa ASOS und Lena), aber ob man das so macht, das soll doch bitteschön jedes Land gern selbst entscheiden. ABER: die hier im Begleittext angeführten Aussagen regen mich wahnsinnig auf. Was soll denn diese stereotype Forderung von ‚zeitgenössischen‘ Titeln??? Mir ist doch sch…-egal, aus welchem Jahrhundert ein Musikstück kommt, wenn es nur gut (was immer das sei), originell oder irgendwie besonders ist. Und insgesamt die Vielseitigkeit (große Bandbreite) gewährleistet ist. Wenn ich mir die Charts so anhöre, ist das das krasse Gegenteil. Nicht, dass da alles schlecht wäre, aber das ist doch größtenteils Einheitssauce und eben nicht besonders originell. Daher empfinde ich das dauernde Geschrei nach Titeln, die ‚chartstauglich‘, ‚in unserer Zeit angekommem‘ o.ä. sind, als absolut kontraproduktiv. Soll doch ruhig jemand mit Gregorianik oder 12-Ton-Musik anrücken. Der Erfolg misst sich hinterher in der Wählerwertung. Was die ‚Chartstauglichkeit‘ betrifft, finde ich allerdings das Verhalten fast all unserer Radiosender katastrophal, sich ESC-Titeln anscheinend konsequent zu verweigern. Genau das ist auf dem Balkan und in Osteuropa eben anders. Da laufen die Titel zur Hauptsendezeit, und die Playlist von Balkanika TV enthält dutzendweise alte und neue Titel von aus dem ESC bekannten Stars (!). Da braucht sich niemand wundern, wieso die oftmals so erfolgreich sind. Da steht das ‚Wahlvolk‘ einfach dahinter. Da braucht es keinerlei Verschwörungstheorien.

  6. @Def: Volle Zustimmung von Anfang bis Ende. Dafür hätte ich am liebsten zwei oder drei Daumen-rauf gegeben.

  7. No Jury, no Lena, Blue ect… Ich bin konsequent gegen die Jurys – also auch bei den VEs. Gerade ein Vertreter des NDR sollte allerdings mit Kritik vorsichtig sein, hat doch eine deutsche Jury den Horror von 2009 zu verantworten und auch dieses Jahr – ob nun auf ‚Wunsch‘ (=Druck) von Raab oder nicht – wurden wir von der Interpretenwahl ausgeschlossen! Auch wenn mir bewusst ist, dass eine Jury ab und zu auch mal eine gute Entscheidung treffen kann – besonders oft z.B. in Frankreich – sollten die Zuschauer selbst entschieden, wen sie beim ESC sehen wollen. Ich bin mir sicher, dass Amaury auch eine franz. VE gewonnen hätte. Wer keinen Trash in seiner VE haben will, muss solche Beitrage ja nicht ins Finale lassen und nur ‚qualitativ hochwertige‘ Songs zur Auswahl stellen. Dann wird das Publikum schon die richtige Wahl treffen. PS: In der Tat sprich die Wahl von ‚Blue‘ – bzw. der Hype, den allein der Namen, nicht der Song! – auslöst gegen die interne Wahl. Wer sich zu fein ist, sich einer Auswahl und der Konkurrenz zu stellen, hat beim ESC nichts zu suchen. Eine abgehalfterte, schon aufgelöste, Altherren-‚Boyband‘ hat absolut keinen Grund, sich für etwas besseres zu halten. Eine unbekannte Gruppe wäre mit diesem Titel mit Sicherheit kein Kandidat auf die Top 10, vom Sieg ganz zu schweigen. Ich vermute eher eine Absprache zwischen BBC und EBU, sollte das UK wirklich gewinnen – 2012 ist schließlich das Jahr der Olympiade in London, da passt doch die Ausrichtung des ESCs ganz gut ins Konzept. Ich glaube niemals dass Blue das Zuschauervoting gewinnen werden, niemand erinnert sich an sie oder kann gar mehr als 3 ‚Hits‘ aufzählen.

  8. Vielen Dank für diesen Einwurf, Def! Ich glaube, wir liegen auch da gar nicht wirklich (weit) auseinander. Ich muss ja zugeben, dass mich die akutellen Popcharts ob ihrer Einheitssauce eher langweilen. Und beim Grand Prix sind meine persönlichen Lieblingstitel ja meist gerade nicht zeitgemäße Ware, sondern dramatische Balkanballaden oder trashiger Neunziger-Eurodance. Trotzdem glaube ich, dass der ESC sich nicht all zu sehr vom aktuellen Popgeschehen entfernen darf und dass er ausreichend Beiträge enthalten sollte, die als zeitgenössisch wahrgenommen werden. Wenn der ESC nicht mehr als poprelevante Veranstaltung wahrgenommen wird (wie es in den Neunzigern schon mal war, den Jurys sei Dank), kommt angesichts seiner Kosten ganz schnell die Frage nach seiner Berechtigung wieder. Im Moment ist das kein drängendes Problem – die Einschaltquoten sind gut, die Medien nehmen Notiz, die Siegertitel charten auch außerhalb des Heimatlandes. So soll das sein! Aber das ist kein Selbstläufer, das ganz auch wieder kippen, wenn man nicht aufpasst. Und deswegen finde ich die Forderung nach charttauglichen Titeln wichtig und richtig. Natürlich nicht nur, nicht alle 43 Stück – es soll ja was für jeden Geschmack dabei sein, auch meinen. 🙂 Aber eben auch. Schöner Hinweis mit Balkanika TV. Das ist unser Nachteil, dass wir in einem so großen Land mit so großem Musikmarkt leben, wo es die vermaledeiten Formatradios gibt. Da haben es die kleinen osteuropäischen Länder besser, wo es weniger Sender gibt und dafür dort alles läuft. Bei mir läuft fast kein Radio mehr, ich höre entweder Internetradio (escradio.com) oder Radio Festplatte (iPod).

  9. entfernt vom aktuellen Popgeschehen Natürlich ist es in meinen Augen ein bedauerlicher Tatbestand, dass über eine große Zeitspanne der ESC vom aktuellen ‚Geschehen‘ (muss meiner Meinung nach noch nicht mal unbedingt Pop sein. Ich bin da recht offen und präferiere persönlich sowieso eher Rock) — oder vielleicht besser: von der breiten allgemeinen Wahrnehmung — abgekoppelt verlief und daher ein Nischendasein führt(e) (im Moment ist die Situation ja etwas gemäßigter) und so (zeitweise berechtigt) den Ruf des ewig Gestrigen hat(te). Allerdings lässt sich das wohl kaum lösen durch krampfhafte Anbiederungsversuche (und auch nicht, und das ist wohl das einzige, das ich in diesem Zusammenhang an Deinen Äußerungen kritisiere, durch reflexhaftes Abschmettern von aus diesem Rahmen fallenden Titeln). Idealerweise liefe es genau andrers herum: Künstler (bzw. Länder) sollten mutig das Außergewöhnliche wagen und dadurch im Mainstream neue Trends setzen! Ich gebe zu, das ist vielleicht etwas gewagt, könnte aber funktionieren. Ein Beispiel: die grandiose Kombination aus Techno- und Folklore-Elementen in Stoyan’s und Elitsa’s Getrommel für Bulgarien 2007 (einer meiner persönlichen Allzeit-Favoriten) hat zu einer großartigen Karriere auch außerhalb Bulgariens (zumindest auf dem Balkan) geführt. So wünschte ich mir das.

  10. Vermessener Mist Die Forderung von Schreiber ist so absurd wie vermessen. Nur weil Deutschland mal wieder obenauf ist beim ESC und einen trendigen Song im Rennen hat, wollen wir den anderen gleich wieder vorschreiben, wie sie’s zu machen haben. Das nervt! Es gibt zig Beispiele für Flops trotz Publikumsvoting und für Tops trotz Direktnominierung – und umgekehrt. Flops trotz zig Vorrunden und Tops bei VEs mit drei Songs. Will sagen: letztendlich ist es müßig, anderen irgendein VE-Konzept überzustülpen; wenn der passende Song nicht dabei ist, nützt es gar nix.

  11. Moment! Wenn das Berichtete stimmt, ist das ein EBU-Beschluss. Nur weil das von Schreiber berichtet wird, muss Deutschland damit nicht unbedingt etwas zu tun haben (auch wenn in der Vergangenheit manche unglücklichen Entscheidungen (etwa das Live-Musik-Verbot (!) ) tatsächlich auf deutschen Einfluss zurückgingen).

  12. Nachtrag ‚chart***tauglich***‘ sollten Beiträge tatsächlich sein, aber das definiert sich eben gerade nicht am Inhalt der heutigen Charts, sondern könnte die von morgen ausmachen. Btw., ich habe noch die Kommentare etlicher Radioleute im Ohr, die TBAS als ‚radiokompatibel‘ o.ä. bezeichnet haben. Und, wer spielt es jetzt?

  13. Stimmt Def… Def, Du hast ja Recht. Da hab ich mich zu vorschnell einzig auf Schreiber gestürzt. Wie früher, als der Überbringer der bösen Nachricht geköpft wurde 😉 Wie dem auch sei, ich hoffe, der Vorschlag bleibt eine EBU-Luftnummer.

  14. Na, na, mal langsam… Zugegeben, aus dem Stegreif und ohne jegliche Unterstützung fallen mir auch nur drei Songs von Blue ein – All Rise, Sorry Seems To Be the Hardest Word und U Make Me Wanna. Aber laut Wikipedia hatten die Jungs elf Top-10-Hits in Großbritannien, und einige davon (neben den drei erwähnten) kenne ich vom Namen her tatsächlich. Außerdem bezweifle ich, dass Blue auf die BBC zugegangen sind und meinten ‚wir fahren dahin, aber nur, wenn wir direkt nominiert werden‘. Welcher Musiker kommt denn auf so eine Idee? Allenfalls ESC-Veteranen, was Blue nun nicht sind. Und ich habe ernste Zweifel, ob Großbritannien respektive die BBC ein dezidiertes Interesse daran haben, zwei solche Großveranstaltungen wie ESC und Olympische Spiele in einem Jahr zu wuppen. Verschwörungstheorien sollten wenigstens im ersten Moment sinnig klingen.

  15. Zustimmung von mir für alle Beiträge von dir, Def. Der ESC hat in Deutschland (und anderswo in Westeuropa) das Image leider nicht abschütteln können, das ihm schon seit Mitte der 80er anhängt – eine verstaubte, irrelevante Deppenparade zu sein, die niemanden interessiert. Eigentlich sollte man meinen, einmal in die Setliste eines beliebigen Wettbewerbs der letzten 10 Jahre reingehört und die Einschaltquoten angeschaut, und diese Meinung zerschlägt sich. Was das aktuelle Geschehen angeht: Wir haben in den letzten Jahren vieles dabeigehabt, was zumindest in die Richtung ging. Running Scared dieses Jahr erinnert mich frappierend an diverse One-Republic-Stücke, die Ukulelen bei Anna Rossinelli waren ähnlich auch bei Trains ‚Hey Soul Sister‘ zu hören, und Balladen sind sowieso zeitlos (was man von ihnen hält, sei dabei mal dahingestellt; ich schlafe bei Nadine Beiler ein). Aber bei modernem Chartgeschehen merke ich dann doch immer wieder, dass ich die 30 auch schon hinter mir gelassen habe. Ich habe kürzlich online irgendwo gelesen, dass in den englischen Jahrescharts 2010 ganze drei Rocksongs platziert waren – wohlgemerkt in den Top 100. Im Moment stagniert die Chartmusik-Szene in ganz massivem Ausmaß – wenn die durchaus begabte, aber keinesfalls originelle Lady Gaga solche Furore machen kann, dann doch nur, weil sie sich heraushebt – sie löst auch noch andere Gefühle aus als Gleichgültigkeit. Und ich finde, genau dadurch zeichnet sich auch der ESC aus – Vielseitigkeit. Alles dabei, für jeden etwas, aber nie alles für jeden.

  16. auf die BBC zugegangen ‚Außerdem bezweifle ich, dass Blue auf die BBC zugegangen sind‘ Nö, natürlich nicht. Wenn man dem glauben kann, was berichtet wird, lief es genau anders herum. Die Jungs planten eine Revival-CD und plötzlich standen die Vertreter der BBC auf der Matte und meinten ‚ey, das wäre doch eine Idee, wenn ihr damit den ESC bestreitet‘

  17. Ich stimme dem Blog wieder einmal weitestgehend zu. Zuschauervotings sind förderlich für das nationale Interesse, letztlich bestimmt aber immer der Sender über die Nominierungen und in einem Format wie dem türkischen, bei dem aktuell beliebte Stars unter Einbeziehung von Polls intern angefragt werden, wird das öffentliche Interesse trotz ‚Direktnominierung‘ eher miteinbezogen als in den deutschen Vorentscheidungen von 2005 bis 2008, wo No Names mit Hathbeens und verstaubten ‚Liedchen‘, die weder etwas mit deutscher Musikkultur noch der zeitgenössischen Musikszene irgendwas zu tun hatten, miteinander konkurrierten. Ironisch ist vor allem, dass Schreiber einerseits flächendeckende Publikumsentscheidungen fordert, gleichzeitig genau diese Ergebnisse beim ESC aber feige versteckt hält. Es stimmt insoweit, als dass sich seine ‚Jury‘ die Bekämpfung folkloristischer und europäisch geprägter Beiträge zu eigen gemacht hat oder besser: zu eigen gemacht wurde!, leider verpeilt sie es [dank Ahnungslosigkeit] gleichzeitig ebenso, potentielle Charthits zu fördern und bevorzugt stattdessen altmodische Disney-Balladen und leicht melodiöse Pop-Songs in Englisch. Bei der Bewertung nach Chartkompatiblität reicht es eben NICHT aus, nur danach zu gehen, wie amerikanisiert oder simpel ein Song gestrickt ist. Der ESC ist in den letzten Jahren zu einem immer bunter und innovativer, teilweise auch anspruchsvoller werdenen unterhaltsamen und kulturellen (=europäischen!) Musikspektakel herangewachsen. Damit ist dank seiner und der ‚Jury‘ erstmal Schluss und der ESC verkommt zu einer austauschbaren American-Idol-Kopie, einer MTV-Möchtegern-Sendung fünfter Klasse. Schade!

  18. PS: Jedoch bin ich der Meinung, dass Blue’s Comeback scheitern wird und sie ein besseres Jury-, Frankreich hingegen ein besseres Televotingergebnis einfahren werden.

Oder was denkst Du?