
Die Beste. Auf ewig.
Nach dem Katastrophenergebnis der hausinternen Auswahl im Abbajahr 1974 versuchte sich der Hessische Rundfunk wieder an einer öffentlichen Vorentscheidung, und bei dieser jagte nun eine Sensation die andere! Zuerst mal verzichtete man (die EBU tat das erst 1999) auf das Orchester und griff aufs bewährte Halbplayback zurück. Das eingesparte Geld investierte der hr in eine annehmbare Studiodekoration. Außerdem holte der Sender die Plattenfirmen mit ins Boot. So dass es gelang, neben etlichen No-Names hoffnungsvollen Nachwuchstalenten auch einige A-Listen-Schlagersänger anzulocken. 15 Künstler traten auf, darunter Verzichtbares, aber auch etliche Highlights.
Gleich bei der ersten von Karin Tietze-Ludwig grauenhaft anmoderierten (seit Berlin 1972 hatte sie nicht nur ihre Haare zu einem schrecklichen Mopp auftoupiert, sie hatte auch jeden Funken von Charme eingebüßt und langweilte mit einer derartigen Stocksteifheit, als handele es sich bei der deutschen Vorentscheidung um ein juristisches Seminar. Aber ich schweife ab…) Also: bereits bei der ersten Künstlerin wollte man als Zuschauer vor Verzückung tot umfallen! Die kommende Schwulenikone Marianne Rosenberg sang tatsächlich hier erstmals im deutschen Fernsehen ihr mittlerweile legendäres ‘Er gehört zu mir’. Nicht nur der erste deutsche Discoschlager, nicht nur eine unsterbliche schwule Hymne, sondern auch einer der Partytracks, die selbst volltrunken heute noch jeder, aber auch wirklich ausnahmslos jeder einzelne Bundesbürger mitgrölen kann. Also ein Lied, das zweifelsfrei zum deutschen Kulturerbe gehört.
Bei Mariannes Auftritt stimmte einfach alles: sie schwebte im schwarzroten Maxikleid die Studiotreppe hinunter, schüttelte keck die charakteristische Fönfrisur, die Lippen glänzten kirschrot, sie wies neckisch mit dezentesten Hüftschwüngen auf die Tanzbarkeit des Titels hin (was das völlig apathische Publikum jedoch nicht im Geringsten zu interessieren schien) und ihre Stimme war der reinste Schmelz. Dass sie nicht aus dem Stand gewann, wenigstens Zweite wurde, erscheint aus heutiger Sicht völlig unbegreiflich.
Abb. ähnlich (Auftritt in der ZDF-Disco)
So um das Jahr 2003 nahmen die Medien und die breite Öffentlichkeit Notiz vom Musikphänomen Bastard-Pop, dem Zusammenmixen zweier stilistisch völlig gegensätzlicher Musikstücke, dessen Wurzeln Wikipedia in der Mitte der Neunzigerjahre vermutet. Dabei erfand Ralph Siegel diese Technik bereits 1975! ‘Alles geht vorüber’ täuschte in der Strophe mittels Discogeigen und flotter Beats zunächst eine Seelenverwandtschaft zu Mariannes Phillysound vor. Nur, um im Refrain in eine Dixieland-artige (eher: Dixi-Klo-artige) Mitklatschnummer mit Furztrompeten umzukippen. So, als habe er das Stück aus zwei einzelnen Restposten, die noch in der Klangwerkstatt des Komponisten herumlagen, zusammengedengelt. Angehörs des von ihr zu singenden Refrains “Tandara ti, tandara tei” kräuselten sich selbst der sturmerprobten Peggy March (‘Hey!’, DVE 1969) die Haare. Was sie jedoch nicht daran hinderte, mit vollem Körpereinsatz und behelfs eines weißen Cowboyfransenkleides die Jurys zu hypnotisieren, um von dieser musikalischen Gräueltat abzulenken. Dazu flirtete sie völlig schamlos mit der Kamera, was dem Auftritt jedoch ein sehr stimmiges Flair verlieh: es war halt von vorne bis hinten billig.
Alles geht vorüber, auch dieses schreckliche Lied!
Peter “Kaufhof” Horton nahm auch schon wieder teil, mit der selben Atze-Schröder-Brille und -frisur wie schon drei Jahre zuvor, immer noch so unsympathisch in der Ausstrahlung, aber dazu noch mit einem ätzenden, langweiligen Lied. ‘Am Fuß der Leiter’: genau da hätte Horton bleiben sollen. Vorausgesetzt, die Leiter steht tief unten in den abgelegensten Winkeln der Kanalisation und führt nicht hinauf ins helle Scheinwerferlicht des hr-Sendestudios. Die nächsten beiden Beiträge: nicht weiter der Rede wert, ein weiterer verdächtig nach Siegel klingender Baukastensong, vorgetragen von ein paar Schiffsschaukelbremsern namens Jokers (wohl ein R zuviel im Namen!) und Séverines (‘Un Banc, un Arbre, une Rue’, MC 1971) so überflüssiger wie vergeblicher Comebackversuch als singender Kullerpfirsisch.
Die sensationelle Joy beim Kampf mit dem Mikrofonkabel
Dann sie: Joy, die Unvergleichliche. In einem figurschmeichelnden schwarzen Kleid mit lustiger bunter Zauberdrachenschleppe (hätte sie das mal anstelle der kotzgrünen Wurstpelle in Stockholm getragen!) wippte sie sich ekstatisch durch ihren sensationellen Soulknaller, jenes berühmte ‘Ein Lied kann eine Brücke sein’. Dass es die Zuschauer bei dieser mitreißenden Nummer und dieser fantastischen Stimme nicht auf die Stühle trieb vor Begeisterung, vermag ich mir nur mit äußerst großzügigen Gaben von Valium durch den hr vor Beginn der Liveübertragung erklären – oder mit Superklebstoff auf den Plastiksesseln. Ich kann das Lied hören, so oft ich will: es ist und bleibt der beste Eurovisionsbeitrag aller Zeiten!
Ein Kleid kann auch ein Fehlgriff sein: Mary Roos (Abb. ähnlich)
Die bedauernswerte Meggie Mae mühte sich anschließend, durch unkoordinierte Hyperaktivität von ihrer markerschütternden Kieksstimme und ihrem unterirdischen, “total verrückten” Stimmungsschlager abzulenken, gegen den selbst Tina Yorks Spießerhymne ‘Wir lassen uns das Stinken Singen nicht verbieten’ noch intellektuell wirkt. Natürlich war sie im Direktvergleich zu Joy hoffnungslos verloren, ebenso wie der völlige Nobody Werner Becker mit seinem selbst getexteten Simpelschlager über seine geistige Einfalt (‘Heut bin ich arm’). “Eine Liebe ist wie ein Lied, (…) manchmal vergessen, wenn es verklungen ist” sang im Anschluß die rundgebürstete Mary Roos. Sie erwies sich damit in eigener Sache als prophetisch, denn so sehr ich Mary schätze: diese lahme Nummer aus der Feder von Hans Blum vergaß man bereits wieder, während sie noch sang. Im Gegensatz zu ihrem Kleid, dessen Dessin sich nicht so recht zwischen Geschenkpapier von Woolworth und einem Sofabezug für die Generation 80plus entscheiden konnte und das ob seiner Scheußlichkeit bis heute seines Gleichen sucht.
Der Strom- und Stimmausfall. Achtung: nix für empfindliche Ohren! (Video derzeit leider nicht verfügbar)
Für Heiterkeit beim Publikum sorgte ein kurzer Stromausfall im Studio (Karin Tietze-Ludwig: “Bitte, meine Damen und Herren, haben Sie etwas Verständnis für unsere Situation!”) sowie ein völliger Stimmausfall bei der zehnten Künstlerin, Ricci Hohlt, die sang, als ob gerade ein Schwein abgestochen würde (dieses schöne Sprachbild verdanke ich meiner Mutter, die das früher immer über mich sagte, wenn ich Madonnas ‘Material Girl’ inbrünstig mitträllerte. Danke, Mama!). Von Ricci zu Ricky sind es nur zwei Buchstaben und zwei Zentimeter, und auch dieser Rummelplatztravolta konnte folgerichtig überhaupt nicht singen, zum Amüsement des Publikums aber auch überhaupt nicht tanzen. Dafür trug er wenigstens einen halben Meter überstehende rasiermesserspitze Hemdkragen. Was meine Valiumthese erhärtet, sonst hätten die Zuschauer ringsum nämlich reihenweise panisch in Deckung gehen müssen…
Abb. ähnlich (und diese Bluse! Fantastisch, lieber Jürgen!)
Singen konnte dagegen Jürgen Marcus, sehr gut sogar. ‘Mein Glied Ein Lied zieht hinaus in die Welt’, nämlich gen Stockholm und von dort aus durch ganz Europa. So der Plan. Und das wäre auch nur recht und billig gewesen und hätte wohl auch geklappt – in jedem anderen Jahr, in dem nicht Joy Fleming jegliche, auch gute, Konkurrenz gegen die Wand sang. Kosmischen Ausgleich erfuhr der sehr zur großen Geste und zum verräterischen gebrochenen Handgelenk neigende ehemalige Musicalstar auf kommerzieller Ebene: dort zog sein dick auftragendes Lied nämlich tatsächlich hinaus in die Welt (naja, ein bisschen) und verkaufte sich in den Niederlanden (# 17), der Schweiz (# 4) und Österreich (# 15). Zu Hause belegte es gar Rang 3 der Charts, während Mariannes Single immerhin noch # 7 schaffte. Joy Fleming hingegen kam nicht über Platz 32 hinaus – eigentlich unglaublich!
Golden Oldies, Rolling Stones, we don’t want them back / I’d rather jack, than Fleetwood Mac! (The Reynolds Girls, 1988)
‘Hör wieder Radio’: mit diesem äußerst eingängig vorgetragenen Imperativ versuchte es die Love Generation, ein Me-too-Produkt im Fahrwasser der überaus erfolgreichen Les Humphries Singers. Mit dabei: der später mit dem Kirmesschlager ‘It’s a real good Feeling’ solo sehr erfolgreiche Peter Kent (mit der charakteristischen, gefärbten Locke) sowie die uns 1981 nochmals als die Hornettes (‘Mannequin’) begegnenden Christina Harrison (die anorexische Schwarzhaarige mit dem peinlichen Harlekinkragen) und Gitta Walter (die Fülligere mit der Stimme). Die stümperhaften Kostüme und Choreografien verrieten sie als Contest-untaugliche B-Ware, dafür lief ihr Werbesong für Oldiewellen natürlich öfters im Radio. Für Katja Ebsteins Breitwandschmachtfetzen ‘Ich liebe Dich’ sei es nach späterer Aussage der Künstlerin nur vier Jahre nach ihrer Doppelteilnahme für Deutschland am Grand Prix “noch zu früh” gewesen. Angesichts des Niveauverlustes im Vergleich zu ihren damaligen Songs bin ich eher geneigt, zu sagen: zu spät. Das mit ‘Wunder gibt es immer wieder’ und ‘Diese Welt’ von der als sozialkritisch positionierten Schlagertante vorgegebene sehr hohe Niveau konnte die Gute trotz weiterer Politschlagerperlen wie dem ‘Indiojungen aus Peru’ natürlich nicht all zu lange halten. Mit dem doch sehr volkstümlich anmutenden ‘Es war einmal ein Jäger’ landete sie bereits im Vorjahr unsanft in den Niederungen des deutschen Musikmarktes. Ihr diesjähriger Grand-Prix-Versuch ‘Ich liebe Dich’, musikalisch eine Art geronnener Sülze, bot daraus keine Befreiung.
Im Gegensatz zu Mary Roos bewies Katja Ebstein wenigstens beim Outfit Geschmack (Video derzeit leider nicht verfügbar)
Als echtes Eurovisionsschmankerl für Trashgourmets erwies sich die letzte Nummer in diesem Concours: Shuki & Aviva, ein singendes israelisches Duo, bestehend aus der US-amerikanischen Schauspielerin Lili Tomlin (Zwei mal Zwei) und… tja… für ihn fallen mir keine Vergleiche ein, das muss man mit eigenen Augen gesehen haben! Yetifrisur, Vollbart, hautenger (!) schwarzer Catsuit mit einem fast bis zum Bauchnabel reichenden Rundausschnitt (sein Dekolleté reichte deutlich tiefer als ihres), so dass das üppige Brusthaar voll zur Geltung kam. Dazu ein Anhänger, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er einen Säbelzahntigersäbelzahn oder eine konservierte Chilischote darstellte. Beide natürlich in meterhohen Plateauschuhen, ihre am Bein als Dominastiefel endend. Eine Tanzchoreografie wie in einem Amsterdamer Animierschuppen (meinen allerhöchsten Respekt, dass sie bei diesen Klumpschuhen überhaupt die Hufe hochbekamen!): schlichtweg eine Sen-sa-tion! Shuki Levi komponierte übrigens später für die Zeichentrickserie Power Rangers die Musik, führte Regie und managte den Medienkonzern von Haim Saban (dem zeitweilig die ProSieben SAT.1 Media AG gehörte). Er dürfte wohl ausgesorgt haben…
Ein audiovisuelles Gesamtspektakel, das seines Gleichen sucht (Abb. ähnlich)
Als weniger sensationell erwies sich das Auszählungsverfahren: es gab eine Jury mit je vier Mitgliedern pro Landesrundfunkanstalt, darunter – in einer Art doppelter Minderheitenquote – auch je eine “junge Dame”. Das Erste zeigte jedoch die Stimmaddition nicht live, sondern es unterbrach die Show für eine Stunde und ließ anschließend nur das Gesamtergebnis verlesen. Und auch wenn Frau Tietze-Ludwig nicht müde wurde, zu betonen, das Ganze habe unter notarieller Begleitung stattgefunden (man wartete förmlich darauf, dass sie sagt: “Der Aufsichtsbeamte hat sich vor dieser Sendung von dem ordnungsgemäßen Zustand der Jurymitglieder und der 15 Lieder überzeugt”): als vertrauensbildende Maßnahme erwies sich das nicht.
Joy Fleming hatte gut lachen – andere freuten sich weniger… (Video derzeit nicht verfügbar)
Lustiges Detail: da es insgesamt 36 Abstimmungsberechtigte gab, die für jedes Lied wenigstens einen Punkt (maximal fünf) vergeben mussten, summierte sich die zu erreichende absolute Mindestpunktzahl (Sie rechnen mit? Richtig): auf 36. Ricky Gordon erhielt gerade mal 37 Punkte, was ja nichts anderes heißt, als dass lediglich ein einziger Juror die Ansicht vertrat, sein Beitrag sei nicht völlig indiskutabel, sondern einfach nur grottenschlecht. Dass Herr Gordon zumindest beim Kopfrechnen über eine gewisse Begabung verfügte, wenn schon nicht beim Singen, konnte man in seinem Gesicht ablesen. Natürlich durfte Joy ihren Titel abschließend noch mal singen, beim Schlussvers umrahmt von ihren Konkurrent/innen, die sich erkennbar Mühe gaben, ihre Mordgedanken zu unterdrücken und den fairen Verlierer zu spielen. Joy focht das nicht an: sie schwenkte den etwas welken Siegerinnenblumenstrauß und freute sich einen Ast. Noch…
Deutsche Vorentscheidung 1975
Ein Lied für Stockholm. Samstag, 3. Februar 1975, aus dem Sendestudio des Hessischen Rundfunks in Frankfurt. 15 Teilnehmer. Moderation: Karin Tietze-Ludwig.# | Interpret | Titel | Punkte | Platz | Charts |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | Marianne Rosenberg | Er gehört zu mir | 086 | 10 | 07 |
| 02 | Peggy March | Alles geht vorüber | 128 | 02 | - |
| 03 | Peter Horton | Am Fuß der Leiter | 079 | 11 | - |
| 04 | Jokers | San Francisco Symphony | 057 | 12 | - |
| 05 | Séverine | Dreh Dich im Kreisel der Zeit | 094 | 07 | - |
| 06 | Joy Fleming | Ein Lied kann eine Brücke sein | 134 | 01 | 32 |
| 07 | Meggie Mae | Die total verrückte Zeit | 094 | 07 | - |
| 08 | Werner Becker | Heut bin ich arm, heut bin ich reich | 054 | 13 | - |
| 09 | Mary Roos | Eine Liebe ist wie ein Lied | 115 | 03 | 50 |
| 10 | Ricci Hohlt | Du | 038 | 14 | - |
| 11 | Ricky Gordon | Sonja | 037 | 15 | - |
| 12 | Jürgen Marcus | Ein Lied zieht hinaus in die Welt | 090 | 09 | 03 |
| 13 | Love Generation | Hör wieder Radio | 115 | 03 | - |
| 14 | Katja Ebstein | Ich liebe Dich | 110 | 05 | - |
| 15 | Shuki & Aviva | Du und ich und zwei Träume | 108 | 06 | - |
