
Das Jahr des Weichzeichners
Erstmalig in diesem Jahrzehnt (und letztmalig überhaupt) kam das in den sechziger Jahren so vom Eurovisionserfolg verwöhnte Frankreich wieder zu Gastgeberehren. Was das aus einer aufgedonnerten Schabracke und einem schätzungsweise weit über hundertjährigen Sportreporter bestehende Moderatorenpaar 1 zum Anlass nahm, die Zuschauer zu belehren, dass selbstverständlich ihr Land bislang am häufigsten gewonnen habe. Tja: Hochmut kommt vor dem Fall! Die Bildregie des französischen Fernsehens überzog die Sendung mit einem Weichzeichnerschleier nach Art der Zärtlichen Cousinen, der sämtliche Darbietungen optisch zu einem einzigen pastellfarbenen Matsch zusammenschmolz. Was perfekt mit dem bombastischen, unsauberen Klangbrei harmonierte, den das schon ostentativ desinteressierte Orchester produzierte und der alle Beiträge auf seifige Fahrstuhlmusik reduzierte. Da musste man sich schon sehr viel Mühe geben, um aufzufallen.
Einer, der das schaffte, war der Norweger Jahn Teigen. Der hatte sich in seinem Lied vorgenommen, ‘Mil etter Mil’ zurückzulegen, was er dann auch hüpfend und joggend auf der Bühne vollführte. Seine Aufmachung war die eines Dorftrottels in einem schlechten Klamaukstreifen. Mittelscheitel, Greta-Garbo-Sonnenbrille, aufgestellter Vatermörderkragen, extrem dehnbare Hosenträger und eine angeklipste goldene Stoffrose bildeten ein optisches Ensemble des Grauens, welches sich mit der musikalischen Nichtigkeit seines Songs, unmotivierten Luftsprüngen und seinem Vokalvortrag, einer Mischung aus Flüstern, Sprechgesang und dissonantem Gekreische, zu einer homogenen Einheit verband. Teigen erntete für seine Mühen aus Europa exakt null Punkte. Eine völlig gerechte Bewertung, die ihn als ersten Nilpointer in der Geschichte des neuen, bis heute gültigen Wertungssystems unsterblich machte. Aus purer Dankbarkeit kehrte Jahn, seither in seinem Heimatland ein Kultstar, noch zwei Mal zum Contest zurück.
Norwegens berühmtester Punkrocker: der große Jahn Teigen!
Italiens Superstars Ricchi e Poveri konnten zwar mit einer aufregend schönen Sängerin mit einer fabelhaften Löwenmähne punkten, doch das französische Orchester zermanschte ihr eigentlich hübsches ‘Questo Amore’ genauso wie den bereits zwei Jahre (gefühlt: zweihundert Jahre) alten Beitrag des Gastgeberlandes, der ganz klar gesetzt war, um das ungeliebte Festival mit dieser komischen Musik nicht noch mal in Paris veranstalten zu müssen. Was an den vergreisten, stur frankophonen Jurys beinahe gescheitert wäre! Joel Prévost jedenfalls wirkte wie die Tunte aus ‘Ein Käfig voller Narren’, die sich zu diesem Anlass ausnahmsweise mal als Mann verkleidete. Portugal, das in der Vergangenheit mit traurig verpackter Lyrik stets baden ging, probierte es diesmal mit der so beliebten Grand-Prix-Mischung aus Synchrontanz und international verständlicher Lautmalerei. ‘Dai-li-dou’ erhielt trotzdem nur fünf Punkte. Spanien schickte unter dem Tarnnamen José Velez den großartigen Stand-up-Comedian und Moderator der Grand-Prix-Fanclubtreffen des ECG, Sascha Korf, dem es irgendwie gelang, in seinem Song ‘Bailemos un Vals’ sowohl die Melodie der Strauß-Operette ‘Wiener Blut’ als auch die französische Leadzeile ‘Voulez-vous danser avec moi’ unterzubringen. Chapeau!
Ein Küsschen von Jahn Teigen für die italienische Bo Derek
Die in einer Kakophonie schreiender Farben grell kostümierte britische Band Coco (auch nicht mehr gerade die A-Liste des Pop) erzielte mit den ‘Bad old Days’ für ihr Land erstmals ein Ergebnis außerhalb der Top Ten. Zumindest Cheryl Baker konnte diese Scharte drei Jahre später als Teil von Bucks Fizz auswetzen. Selbst wenn man unterstellt, dass die Jurys aus lauter Hundertjährigen bestanden, so bleibt es dennoch unverständlich, weswegen ausgerechnet der Belgier Jean Vallée mit seinem bereits 1956 als verstaubt hätte gelten müssenden ‘L’Amour, ca fait chanter la Vie’ den zweiten Platz belegte, während das allerliebste holländische Trio Harmony, bestehend aus einem sexy Schwarzen (der auch den deutschen Kommentatoren Werner Veigel in rassistischer Prosa entflammen ließ), der schwulen Version von Wolle Petry und einem Mädel mit zeittypischer Krisseldauerwelle, mit dem optimistischen, niedlich getanzten Durchhalteschlager ‘T is ok’ im Mittelfeld verendete. Das türkische Quartett Nazar brachte das Kunststück fertig, ihre beiden Sängerinnen auch ohne Kopftuch und Burka korangerecht zu verhüllen: sie steckten sie einfach in nicht taillierte, zehn Nummern zu große Folklorefummel von solcher Hässlichkeit, dass jeder Zuschauer automatisch den Blick abwenden musste, um nicht spontan zu erblinden.
“Die Farbigen haben wirklich den Rhythmus im Blut!” (W. Veigel) (NL)
Das monegassische Duo Caline und Olivier Toussaint tischte uns zu peitschenden Disco-Beats (na ja, so peitschend, wie es das gelangweilte Orchester eben hinbekam) und einer hübschen Melodie die faustdicke Werbelüge auf, in den ‘Jardins du Monaco’ träfen sich allabendlich die Filmstars der Welt auf ein romantisches Stelldichein. Nur weil Fürst Rainier dort vielleicht mal mit seiner Grace Kelly “Wo ein Wille, da auch ein Gebüsch” spielte? Griechenland, das heuer erstmals bei derselben Veranstaltung wie die Türkei auftrat, ohne dass der Himmel einstürzte oder kriegerische Handlungen ausbrachen, versuchte sich an einer Ode an seinen bekanntermaßen größten nationalen Star ‘Charlie Chaplin’ 2, von Tania Tsaziki Tsanaklidou aus dem Dörfchen Drama (!) in stilechter Kostümierung vorgetragen. Während die nach langer Abstinenz wieder startenden Dänen vier offensichtlich geklonte, lobotomierte Jungs namens Mabel schickten, deren Einstiegsfrage “Was stimmt mit mir nicht” bereits ein simpler Blick in den Spiegel beantwortet hätte. Ihre sinnlos-fröhliche Nichtigkeit ‘Boom Boom’ erfuhr mit dem sechzehnten Rang eine genauso gerechte Bewertung wie die einen Platz besser abschneidende österreichische Schlagerkappelle Springtime mit der grauenhaft sinnfreien Liebeserklärung an die “Nobelhexe” (sprich: Edelhure) ‘Mrs. Caroline Robertson’. Gruslig.
Tschäplin spricht sich der Mann, über den Du da singst, Hase. Mit “ä”! (GR)
Die deutsche Vertreterin Ireen Sheer, die im Vorfeld nur wenig Unterstützung für ihren zündenden Discoschlager ‘Feuer’ erhielt, machte ihre Sache gut in Paris: im langen weißen Kleid kam sie auf die Bühne, den dazugehörigen weißen Kragen warf sie pünktlich zu Beginn des Refrains mit Schwung weg: somit ist nicht, wie in Eurovisionsfanclubkreisen gerne behauptet, Kroatien der Erfinder des Grand-Prix-Strips (der Teilentkleidung beim Singen), sondern Deutschland! Dazu legte sie das Köpfchen schief und schüttelte in äußerst possierlicher Weise ihre äußerst possierliche Fönfrisur. Schade nur, dass das Orchester dazu ein unfasslich schleppendes Arrangement spielte, das mit dem Original des Songs ungefähr so viel zu tun hat wie Tosca mit einem Parfüm. Meuchelmord ist noch das Mildeste, was man über die Leistungen der französischen Instrumentenquäler sagen kann. Platz sechs war der Lohn für Ireens Mühen: im Lichte der schwachen Konkurrenz ein doch arg enttäuschendes Ergebnis, zumal es diesmal ein Discosong bis an die Spitze schaffen sollte.
Wer hat mein Lied so zerstört? (DE)
Wenn auch skandalöserweise nicht der des luxemburgischen Eurovisionsprojektes. Für den wohlhabenden Winzstaat gingen die in Deutschland produzierten und mit ‘Yes Sir, I can boogie’ bereits zu europaweitem Hitruhm gekommenen spanischen Discoköniginnen Baccara an den Start. Ihr – musikalisch eng an ihren größten Hit angelehnter – Song hieß ‘Parlez-vous français?’. Was besonders amüsierte, da es die Spanierinnen offenhörbar nicht taten. Mit sehr hartem Akzent pflügten sie durch den Text, der auch erst in der englischen Fassung seinen Witz richtig entfaltet. Französischen Muttersprachlern dürfte sich während dieser drei Minuten wohl mehrfach der Magen umgedreht haben. Mayte und María tanzten dazu in adorierenswerter Weise auf wolkenkratzerhohen Pfennigabsätzen eine fantastische, raumgreifende Choreografie, bei der die Röcke ihrer 14.000 € teuren Dior-Kleider (selbstverständlich in ihren Stammfarben schwarz und weiß gehalten) nur so flogen. Alleine dafür, dass sie bei der letzten Drehung nicht über die Mikrofonkabel stolperten, hätte ihnen ohne Weiteres der Sieg gebührt.
Pahle wu Franzäh? Baccara schänden die Sprache der Liebe (LU)
Dass sie selbst aus Deutschland keine Punkte erhielten, belegt einmal mehr, dass man die Jurymitglieder in diesen Tagen aus den Pflegestationen der nationalen Altenheime zwangsrekrutierte. Und zwar ausschließlich unter jenen Patienten, die sowohl Seh- wie Hörkraft bereits völlig eingebüßt und bei denen der Alzheimer jede Erinnerung an die Zeiten nach 1950 definitiv ausgelöscht hatte. Zumal ‘Parlez-vous Français’ kommerziell ein Hit wurde (DE #21, AT #18, SE #8). Diese groteske Fehlentscheidung beschleunigte natürlich den bereits begonnenen Prozess, dass etablierte Künstler dem Wettbewerb zunehmend fernblieben, bei dem Zeitgemäßes ja scheinbar nicht mehr gefragt war und man stattdessen die immergleichen Klischees – angestaubtes frankophiles Chanson oder sinnlos flotte linguistische Narretei – bepunktete. Leider folgte die überfällige (und mittlerweile wieder zur Hälfte zurückgedrehte) Reform des Wertungswesens erst zwei Jahrzehnte später, nachdem der Grand Prix jedweden Kredit endgültig verspielt hatte.
Kaum steht eine Frau 3 am Dirigentenpult, können die Franzosen spielen! (IL)
Der Israeli Izhar Cohen und sein Begleitchor Alpha-Beta sangen ‘A Ba Ni Bi’ in einer Art Kindersprache und begründeten so das Genre der Kibbuz-Disco: ein juvenil-fröhliches Liedchen, das die Liebe unter den Menschen und den Weltfrieden thematisiert, zu dem man sich gleichzeitig aber auch den Arsch abzappeln kann. Und das in dieser Art und Weise eben nur und ausschließlich die Israelis hinbekommen. Um die Tanzbarkeit ihres Titels zu demonstrieren, führten der mit einem beeindruckenden Afro ausgestattete Izhar und seine Backgroundsänger eine sehr synchrone, auf engstem Raum am jeweiligen Standplatz hinter den Mikrofonen zelebrierte Kompakt-Choreografie vor, ab diesem Jahr das optische Markenzeichen aller israelischen Beiträge. Ihr Sieg, den sie vor allem der Komponistin Nurit Hirsch verdankten, der es in ihrer Doppelrolle als Dirigentin als Einziger gelang, dem französischen Orchester klar strukturierte Töne im richtigen Tempo zu entlocken, löste im Heimatland einen tagelang andauernden nationalen Freudentaumel aus. Und zahlte sich auch in klingender Münze aus: # 22 in Deutschland, # 21 in Österreich und gar # 4 in den schweizerischen Charts.
Eurovision Song Contest 1978
Concours Eurovision de la Chanson. Samstag, 22. April 1978, aus dem Palais des Congrès in Paris, Frankreich. 20 Teilnehmerländer. Moderation: Dénise Fabre und Leon Citron.# | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | IE | Colm Wilkinson | Born to sing | 086 | 05 |
| 02 | NO | Jahn Teigen | Mil etter Mil | 000 | 20 |
| 03 | IT | Ricchi e Poveri | Questo Amore | 053 | 12 |
| 04 | FI | Seija Simola | Anna Rakkaudelle tilaisuus | 002 | 18 |
| 05 | PT | Gemini | Dai-li-dou | 005 | 17 |
| 06 | FR | Joel Prévost | Il y aura toujours les Violons | 119 | 03 |
| 07 | ES | José Velez | Bailemos un Vals | 065 | 09 |
| 08 | UK | Coco | Bad old Days | 061 | 11 |
| 09 | CH | Carole Vinci | Vivre | 065 | 10 |
| 10 | BE | Jean Vallée | L'Amour ça fait chanter la Vie | 125 | 02 |
| 11 | NL | Harmony | 'T is okay | 037 | 13 |
| 12 | TR | Nazar | Sevince | 002 | 19 |
| 13 | DE | Ireen Sheer | Feuer | 084 | 06 |
| 14 | MC | Caline & Olivier Toussaint | Les Jardins du Monaco | 107 | 04 |
| 15 | GR | Tania Tsanaklidou | Charlie Chaplin | 066 | 08 |
| 16 | DK | Mabel | Boom Boom | 013 | 16 |
| 17 | LU | Baccara | Parlez-vous Français? | 073 | 07 |
| 18 | IL | Izhar Cohen + Alpha Beta | A Ba Ni Bi | 157 | 01 |
| 19 | CH | Springtime | Mrs. Caroline Robertson | 014 | 15 |
| 20 | SE | Björn Skifs | Det blir alltid värre framåt Natten | 026 | 14 |
Notes:
- Ein Novum: bis 1977 gab es stets nur einen Gastgeber. ↩
- Das schweizerische Trio Peter, Sue & Marc wollte eigentlich mit einem gleichnamigen Loblied zum Grand Prix, scheiterte aber in der deutschen Radiovorentscheidung an Ireen Sheer. ↩
- Auch wenn der deutsche Kommentator Werner Veigel hartnäckig von “einem der führenden Komponisten Israels” sprach: Nurit Hirsch ist eine Frau! ↩
