
Der Retter
Mit dem Isländer Paul Oscar, den die ARD als Stargast zur deutschen Vorentscheidung einfliegen ließ, und der schelmisch “alle Swüle” im Bremer Publikum grüßte, worüber sich Moderator Axel “Alexis” Bulthaupt besonders strahlend freute, hatte der Grand Prix Eurovision, schon seit jeher die jährliche Fußballweltmeisterschaft der Schwulen, im Vorjahr endlich sein offizielles Coming Out geschafft. So erscheint die Teilnahme von Rosenstolz an der diesjährigen Vorentscheidung nur folgerichtig.
Das Berliner Duo, bestehend aus dem offen schwulen Keyboarder Peter Plate und der Sopranistin Anna Err, galt mit Chansons wie ‘Schlampenfieber’ schon lange als Geheimtipp in der Szene. Mit der sehr grandprixesken, melancholischen und bewegenden Ballade ‘Herzensschöner’ schafften die Beiden hier den Sprung in den Mainstream. Obwohl sie nur Zweite wurden, verkaufte sich ihre Single sehr gut – und öffnete die Schleusen für einen bis zur Zwangspause 2009 (bedingt durch ein Burnout von Peter Plate) nicht mehr versiegenden Strom deutschsprachiger Hits.
Profitierten von der Revolution: Rosenstolz
Im Grunde fanden in diesem Jahr jedoch Guildo-Horn-Festspiele statt. “Der Meister”, wie ihn seine zahlreichen Fans (zu denen selbstverständlich auch ich zähle) huldigend nannten, konnte sich an die Spitze einer ebenfalls im schwulen Untergrund entstandenen Kulturrevolution setzen: der lustvoll-ironischen Wiederentdeckung des deutschen Schlagers. Das bis dato hierzulande vor allem in intellektuellen Kreisen am meisten verachtete Musikgenre bot nämlich ungezählte campe Kultschätze, und Horn hob sie. Durch ironische Brechung, in dem er schweißdampfende Rocksongs aus Schlagern wie ‘Fremde oder Freunde’ oder Schlager aus Rocksongs wie ‘Rebel Yell’ (in seiner Version: ‘Tanz den Horn’) machte, verlieh er der sich auf ihrem Höhepunkt befindlichen Schlagerspaßwelle die entscheidenden Impulse und kämpfte erfolgreich den “Kreuzzug der Zärtlichkeit”.
Ich find Schlager toll: dem ist nichts mehr hinzuzufügen!
Für den Wettbewerb ließ sich Horn vom inoffiziellen Anwärter auf die Thronfolge Ralph Siegels, Stefan Raab, das rundweg brillante ‘Guildo hat Euch lieb’ schreiben. Wie alle großen Meisterwerke ein Elaborat mit Spaltpotenzial: denn viele Menschen hörten nur “Piep, piep, piep” und fühlten sich verarscht. Dabei meinte es der Meister mit Textzeilen wie “Da wurde Knuddeln und Knutschen und Lieben / immer groß geschrieben” durchaus ernst: seine ehrliche Faszination am Schlager, die ihn bei allem Augenzwinkern so authentisch machte, rührte von den “kleinen Fluchten”, welche die gefühlsbetonten Schlagertexte aus einer Welt bieten, in welcher üblicherweise “der Kopf sehr dominant” ist, wie er in vielen Interviews erklärte. Eben “die Befreiung von der Vernunft”, so der Titel der Diplomarbeit des gelernten Pädagogen.
Wunder gibt es immer wieder: der Meister
Mit Guildo Horn brach auf einmal jemand mit Bundesligaformat in die während der letzten zehn Jahre doch eher in der Freizeitliga spielenden Veranstaltung ein. Entsprechend groß fiel die allgemeine Aufregung und mediale Aufmerksamkeit aus. Zumal die Bild treffsicher das Skandalpotential des wegen seines nicht mainstreamkompatiblen Äußeren umstrittenen Meisters erkannte und die Spaltung der Nation in Horn-Jünger und Horn-Hasser mit Schlagzeilen wie “Darf dieser Mann für Deutschland singen?” zusätzlich anheizte. Er durfte: 61% der Anrufer stimmten für ihn und seine lustige, von Horn enthusiastisch wie immer vorgeturnte Kuschelnummer. Ein Ergebnis, von dem selbst die CSU nur noch träumen kann. A propos: ältere und konservative Menschen, die den Witz nicht verstanden, waren entsetzt. Die jüngeren Zuschauer jedoch, die zuletzt dem Eurovision Song Contest in Scharen fernblieben, schalteten jetzt wieder in Massen zu oder verfolgten die Show gemeinsam fröhlich feiernd auf riesigen Open-Air-Partys. Der Meister verwandelte den verpönten Wettbewerb in Deutschland wieder in ein anschaubares, relevantes Popereignis.
Neben Rosenstolz und Horn verblasste das restliche Feld zur bloßen Staffage. Abermals waren die Plattenfirmen aufgefordert, ihre besten Umsatzträger einzureichen. Und abermals schickten sie eher hoffnungslose Fälle, zumal die für Deutschland nachteilige Sprachregel immer noch bestand. Ralph Siegel, sich zu Recht bedroht fühlend, schoß gleich mit drei Beiträgen zurück, einer gräßlicher und nichtiger als der andere. Tiefpunkt des Grauens: eine zum aggressiven Computerbeat hysterisch dauergrinsende und ‘Can-Can’-tanzende Lurextrine – keine Betriebskrankenkasse ließe sich noch so einen Müll für ihre Belegschaftsfeier andrehen. Siegels verzweifelt wirkende Nummern verendeten geschlossen auf den Rängen sechs bis acht. Knapp hinter Rosenstolz landeten, wohl die Großmütterstimmen auf sich vereinend, Die drei jungen Tumore. Entschuldigung, Tenöre. Popera: wann stellt man dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit endlich unter Strafe? Wind, die Unermüdlichen, versuchten es mit einem selbst geschriebenen Stück von erbarmungswürdiger Schlichtheit. Aber auch ihre Zeit war vorüber.
Eine echte Vorentscheidungsperle: das Rezessionslied von Maria Perzil
Nett hingegen der von Annette Humpe (Ich & Ich) produzierte ‘Gel-Song’ von Fokker, eine hübsche kleine NDW-Reminiszenz, sowie das geradezu seherische ‘Freut Euch!’ von Maria Perzil, das allerdings zwei Jahre zu früh dran war: “Jetzt kommen die schlechten Zeiten” hätte der Song zur Internetblase sein können, die aber erst 2000 platzte. Beide Lieder erzählten augenzwinkernd lakonische Verlierergeschichten und passten somit wunderbar in den aktuellen, ironiegesättigten Zeitgeist. Schön, dass sie dabei waren! Anlass zur Heiterkeit bot die ehemalige NDW-Ikone Nena, die auf sehr charmante Weise kolumbianisch aufgedreht durch die Show führte. Sie wurde zum ersten Opfer der sich bei der Siegerreprise freie Bahn brechenden Meister-Euphorie: “Menno, die haben mich einfach umgehauen, diese Schwachköpfe!”, konnten die Zuschauer ihre empörten Hilferufe übers noch offene Handmikro vernehmen, nach dem Journalisten und enthemmte Horn-Jünger einfach sämtliche Absperrungen überrannten und der Abend im Chaos versank. Erst nach langen Minuten der blanken, ungefilterten Anarchie konnte Horn, eingekesselt von zwei NDR-Kameras, die ihn notdürftig gegen die Fan-Horden abschirmten, seinen Song noch mal zu Gehör bringen, während die Massen einfach auf der Bühne fröhlich weiterfeierten. War das ein Festtag!
“Ich geh da nicht mehr hin!” Nena ist erbost, dass der Tumult nicht ihr gilt.
Deutsche Vorentscheidung 1998
Countdown Grand Prix. Samstag, 26. Februar 1998, aus der Stadthalle in Bremen. Zehn Teilnehmer. Moderation: Axel Bulthaupt und Nena.# | Interpret | Titel | % | Platz | Charts |
|---|---|---|---|---|---|
| * Der NDR veröffentlchte nur die Ergebnisse der drei Erstplatzierten. Die restlichen Ränge sind Hörensagen. | |||||
| 01 | Shana | Es regnet nie in Texas | * | 09 | - |
| 02 | Ballhouse | Can-Can | * | 06 | - |
| 03 | Maria Perzil | Freut Euch! | * | 10 | - |
| 04 | Diana + Wind | Laß die Herzen sich berühren | * | 05 | - |
| 05 | Sharon | Kids | * | 08 | - |
| 06 | Guildo Horn | Guildo hat Euch lieb | 61,0 | 01 | 04 |
| 07 | Rosenstolz | Herzensschöner | 10,6 | 02 | 34 |
| 08 | Köpenick | Karneval | * | 07 | - |
| 09 | Fokker | Gel-Song (Kleine Melodie) | * | 04 | - |
| 10 | Die 3 jungen Tenöre | Du bist ein Teil von mir | 10,2 | 03 | - |
