
Das Jahr der betrogenen Sieger
Ralph Siegel hält sich gerne zugute, dass er den europäischen Musikgeschmack kenne, oder vielmehr den der Jurys. Und so ganz kann man ihm da nicht widersprechen: MeKaDo, deren ‘Party’-Versuch sich als eines der wenigen schnelleren Stücke des Abends erwies und noch heute als garantierter Tanzflächenfüller bei jeder Eurovisionsdisco funktioniert, erreichten in Dublin den dritten Platz. Der deutsche Grand-Prix-Großvater dürfte sich wohl als Einziger richtig darüber gefreut haben. Denn zu Hause rief das gute Abschneiden Deutschlands nach langer Durststrecke nur noch Ratlosigkeit, Ablehnung und Desinteresse hervor. Ein peinliches Popstück, das niemand kaufen wollte und für das auch keiner abgestimmt hatte, bescherte uns einen vorderen Platz bei einem Musikereignis, das keinerlei relevante Popmusik mehr bot und bei dem fast niemand mehr zuschauen mochte. Ähm: hurra?
Für noch größere Ratlosigkeit sorgte der Siegertitel ‘Rock’n'Roll Kids’ des Ältere-Herren-Duos Paul Harrington und Charlie McGettigan, besonders im Gastgeberland. Denn eigentlich hatten die Iren die beiden senilen alten Knacker mit ihrem völlig vergreisten Liedchen doch extra deswegen geschickt, damit die grüne Insel nicht schon wieder den Contest austragen müsse. Dass entgegen allen Kalküls ausgerechnet dieser Beitrag, eine sentimentale, die gute alte Zeit verklärende und das eigene, verschwendete Leben beweinende Spießerhymne in der Tradition von Marianne Rosenbergs ‘Blue-Jeans-Kindern’ gewann, erklärte sich der Irlandkorrespondent der taz, Ralf Sotschek, in einem Beitrag für ein Eurovisionsbuch mit der von den europäischen Juroren so gerne genossenen Gastfreundschaft des katholischen Inselvölkchens, mit ihrer Trinkfestigkeit und Sangeslust. Nach Dublin zur großen After-Show-Party wollten halt alle gerne wieder, nächstes Jahr. Also ließen sie die Iren zum dritten Mal in Folge gewinnen: ein bis heute ungeschlagener Rekord.
Und wem sollten die Korrupten der Bewertungsfront den Sieg auch sonst zuschanzen? Polens Edyta Górniak vielleicht? Ihre strahlende Ballade ‘To nie ja’ (Platz 2) hätte ihn ganz gewiss verdient, alleine schon wegen der von Edyta bis zur völligen Verausgabung durchgezogenen, aber durchgängig sauberen, wirklich atemberaubenden Stimmakrobatik. Mariah Carey bisse sicher vor Neid ins Sofapolster, hätte sie diese Performance gesehen. Ohne jeden Scheiß: eine bessere Sängerin als die Polin ist mir bis heute nicht mehr zu Ohren gekommen! Auch das melodiöse ‘Kinek mondjam el Vétkeimet’ (Platz 4), die stille Abtreibungsbeichte der Ungarin Friderika Bayer, hätte einen würdigen Siegersong abgegeben. Aber eines der osteuropäischen Newcomerländer gewinnen lassen und damit zugeben, dass deren engagierte Beiträge dem lustlosen Geschrammel der Eurovisions-Gründerväter haushoch überlegen waren? So weit wollten die Jurys dann doch nicht gehen. Kommerziellen Erfolg (über den Heimatmarkt hinaus, falls überhaupt) erzielte übrigens keines der Teilnehmerlieder. Dafür aber umso mehr der Pausenact: die Tanzformation Riverdance.
Stoff zum Lästern gab dieser Jahrgang allerdings her, und zwar nicht zu knapp. Das begann bei der merkwürdigen Phantasieuniform des glatzköpfigen Schweden Roger Pontare (sein Beitrag ‘Stjärnorna’ war ansonsten nicht der Rede wert) und ging mit den finnischen Schwestern Virpi und Katja Kätkä alias CatCat weiter. Die kamen an zweiter Stelle und waren wegen aufwändiger Schminkaktionen noch nicht fertig angezogen, als sie auf die Bühne mussten. So schickten sie schon mal ihre Tänzer vor, warfen sie sich schnell noch schwarze Wintermäntel über ihre Unterwäsche und traten auf. Ihr sehr flottes, sehr eingängiges und sehr typisches Eurovisionsliedchen bestätigte die alte Popmusikregel, dass auf ein ‘Bye Bye Baby’ zwingend immer ein “Baby Bye Bye” folgen muss (vgl. auch Jemini, UK 2003). Vermutlich stürzte das Universum ein, wenn man das einmal wegließe. Ihre überaus leckeren und völlig überenthusiastischen schwarzen Tänzer konnten die Schwestern übrigens mit ihrer Aufmachung nicht becircen. Aber die besprangen sich ja auch lieber gegenseitig…
Evridiki sang nach 1992 zum zweiten Mal für ihre Heimat Zypern. Ihre dramatische Drohung, ihren heimlichen Lover heute Nacht zu outen, unterstützte sie mit einer nicht minder dramatischen Performance. Musikalisch wartete ‘Ime anthropos ki ego’ mit einem der schönsten Intros der Eurovisionsgeschichte und wunderbaren Bouzouki- und Akkordeonmelodien auf. Um so bedauerlicher, dass die von Evridiki mehr gerappten als gesungenen Worte nicht ins Versmaß passten und den Fluß des Liedes zerstörten. Die naturblonde Isländerin Sigga ballte nach erfolgreicher Absolvierung ihrer drei Minuten noch auf der Bühne die Faust: freute sie sich, dass es endlich hinter ihr lag oder glaubte sie tatsächlich, mit ihrer drögen Nummer eine Chance zu haben? Frances Ruffelle aus Großbritannien flocht sich in sicherer Erwartung des üblichen zweiten Platzes vorsorglich schon mal etwas Lorbeer in die Lockenpracht. Zu früh gefreut: ihre blutleere ‘Lonely Symphony’ fand keine Freunde und blieb weiter allein. Der Schweizer Duilio wirkte mit Goatee und saurer Dauerwelle optisch wie der prototypische Drogendealer – was seinem auf italienisch gesungenen ‘Gebet’ gegen all das Böse in der Welt erst den richtigen ironischen Biß verlieh. Was nicht verhinderte, dass man während seiner Fürsprache vor Langeweile einschlief.
Wird heute Nacht schreien: die schöne Evridiki (CY)
Für die Niederlande trat Willeke Alberti an. Sie thematisierte in ihrem sehr klassischen Eurovisionsschlager ihre vermutlich eigenen Erfahrungen mit den menschenunwürdigen Zuständen in holländischen Pflegeheimen, wo man renitente Alte wie sie wochenlang in die dunkle Abstellkammer sperrt: ‘Waar is de Zon?’. Die Juroren bleiben hartherzig: vier Punkte. Immerhin vier mehr, als der Litauer Ovidijus Vyšniauskas kassierte. Lag es an seinem unaussprechlichen Namen? An der musikalischen Superdrögheit seines Liedes? Daran, dass er in seiner sexy Lederhose und schweren Stiefeln aussah, als ob er gerade vom schwulen Bärentreffen käme? Oder doch eher daran, dass er das an einem Nachmittag geschriebene ‘Lopšine Mylimai’ eben auf litauisch sang, man also nichts verstand? Denn der Text der tödlich einschläfernden Ballade beschrieb lyrisch schön und auf rührend keusche Weise das sanfte Begehren, jemanden entjungfern zu wollen. Vielleicht hätte das der Ovid mal mit einem der anwesenden Punktrichter machen sollen – wie wir dank der Bemühungen von Tim Moore wissen, vertritt der verheiratete Sänger immerhin die Auffassung, Frauen verstünden “nichts von der wahren Liebe”. Richtig, Ovid! Möchtest Du meine Telefonnummer?
Die ebenfalls erstmals startenden Länder Estland, Slowakei und Rumänien, vom Jugo-Block bei der Ost-Vorrunde letztes Jahr noch schnöde rausgeboxt, rächten sich für die unfreiwillige Wartezeit beim Publikum mit unerträglich schlechten Liedern. Die slowakische Kapelle Tublatanka drohte gar ein ‘Nekonecná Pieseñ’ an: ihr unendlich langweiliges ‘Unendliches Lied’ dauerte Gott sei Dank aber auch nur drei Minuten, wenn auch gefühlt drei Millionen Lichtjahre. Pärchenalarm: für Norwegen sang Bettan, die Siegerin von 1985 (Bobbysocks), mit dem zwei Köpfe größeren und deutlich jüngeren, inzwischen aber deutlich toteren Jan Werner Daniels ein zum Sterben ödes ‘Duett’. Dann lieber die bosnischen Alma & Dejan – ihre Beziehungshymne ‘Ostani kraj mene’ lässt sich auch nicht zwingend als toller Wurf bezeichnen, bot jedoch wenigstens klassischen Kitsch und große Gefühle. Für angenehmere Abwechslung sorgte Griechenland und sein Versuch der Lautmalerei: ‘Diri diri’, so der Songtitel von Kostas Bigalis & the Sea Lovers (was für ein großartiger Bandname!), ein niedliches Lied über ein Fischerboot, dürfte ebenfalls schwerlich Aufnahme in die Ruhmeshalle des Rock’n'Roll finden, schwamm aber in seiner putzigen Fröhlichkeit leichtfüßig und angenehm obenauf auf dem diesjährigen Meer der Langeweile.
Mit genug Ouzo intus sogar erträglich: Kostas & the Sea Lovers (GR)
Österreichs Petra Frey sang ‘Für den Frieden dieser Welt’, ein derart schamlos bei Nicole abgekupferter und dermaßen peinlich verschwurbelter Beitrag, dass er durchaus 1991 hätte für Deutschland starten können. Und richtig: Alfons Weindorf, Mastermind von (schauder) Atlantis 2000, verbrach das Teil. Dass Petra auch noch aussah wie ein knödelnder Goldhamster, dafür konnte er allerdings nichts. Es folgte große (Schneider-)Kunst: Russlands allererste Vertreterin Youddiph hatte sich aus zwei alten, mit dem Blut der Konterrevolutionäre gefärbten Spannbettlaken einen Bühnenfummel zusammengenäht, der die Bedeutung des Wortes “Trickkleid” neu definierte. Ihre fantastische Show, in der sie sich abwechselnd als die Heilige Jungfrau Maria, als Engel und als Fesselballon präsentierte, lenkte sogar so erfolgreich von ihrem furchtbaren Lied ‘Vječnij Stranjik’ ab, dass es für einen neunten Platz reichte. Den hat dieses Kleid aber auch mindestens verdient! Mit Nina Morato schließlich trat für Frankreich die erste präoperative Transsexuelle in der Eurovisionsgeschichte an. Jedenfalls behauptete sie steif und fest: ‘Je suis un vrai Garçon’. Trotz grauenhaft krächzenden Gesangs landete dieses Bekenntnis auf dem siebten Rang.
Mittlerweile lag die Einschaltquote in Deutschland bei unter 10%. Noch nicht mal mehr in den Programmzeitschriften wurde die Sendung noch als sehenswertes Ereignis besonders angekündigt. Kein Wunder, wenn selbst mit wirklich viel gutem Willen weniger als ein Drittel der dargebotenen Songs als gerade noch so eben anhörbar durchgeht. Vom Qualitätssiegel “zeitgemäß” oder gar “kommerziell” erst gar nicht zu sprechen. Ohne die zahlreichen ehemaligen Ostblockländer, die nun allesamt voller Begeisterung zur Eurovision strebten, um ihren musikalischen Beitrittsantrag für die EU abzugeben, hätte die maßlos teure Show damit ganz sicher sehr bald zur Disposition gestanden. Vielleicht sollten wir das kurz bedenken, bevor wir das nächste Mal über das verfluchte Blockvoting der Balkan- und GUS-Staaten lamentieren…
Eurovision Song Contest 1994
Eurovision Song Contest. Samstag, 30. April 1994, aus dem Point Theatre in Dublin, Irland. 25 Teilnehmerländer, Moderation: Cynthia Ní Mhurchú und Gerry Ryan.# | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | SE | Marie Bergman + Roger Pontare | Stjärnorna | 048 | 13 |
| 02 | FI | CatCat | Bye bye, Baby | 011 | 22 |
| 03 | IE | Paul Harrington + Charlie McGettigan | Rock'n'Roll Kids | 226 | 01 |
| 04 | CY | Evridiki | Ime anthropos ki ego | 051 | 11 |
| 05 | IS | Sigga | Nætur | 049 | 12 |
| 06 | UK | Frances Ruffelle | Lonely Symphony | 063 | 10 |
| 07 | HR | Tony Cetinski | Nek' ti bude Ljubav sva | 027 | 16 |
| 08 | PT | Sara Tavares | Chamar a Música | 073 | 08 |
| 09 | CH | Duilio | Sto pregando | 015 | 20 |
| 10 | EE | Silvi Vrait | Nagu Merelaine | 002 | 24 |
| 11 | RO | Dan Bittman | Dincolo de Nori | 014 | 21 |
| 12 | MT | Chris & Moira | More than Love | 097 | 05 |
| 13 | NL | Willeke Alberti | Waar is de Zon? | 004 | 23 |
| 14 | DE | MeKaDo | Wir geben 'ne Party | 128 | 03 |
| 15 | SK | Tublatanka | Nekonečná Pieseň | 015 | 19 |
| 16 | LT | Ovidijus Vyšniauskas | Lopšinė Mylimai | 000 | 25 |
| 17 | NO | Elisabeth Andreassen + Jan Werner Danielsen | Duett | 076 | 06 |
| 18 | BA | Alma & Dejan | Ostani kraj mene | 039 | 15 |
| 19 | GR | Costas Bigalis & The Sea Lovers | To Trehandiri | 044 | 14 |
| 20 | AT | Petra Frey | Für den Frieden dieser Welt | 019 | 17 |
| 21 | ES | Alejandro Abad | Ella no es ella | 017 | 18 |
| 22 | HU | Friderika Bayer | Kinek mondjam el Vétkeimet | 122 | 04 |
| 23 | RU | Youddiph | Vječnij Stranjik | 070 | 09 |
| 24 | PT | Edyta Górniak | To nie ja | 166 | 02 |
| 25 | FR | Nina Morato | Je suis un vrai Garçon | 074 | 07 |