Why do they always get it wrong? (CH 2012)

‚Unbreakable‘ heißt das erste feststehende Lied für Baku. Erwartungsgemäß versiebte das Schweizer Publikum bei der heutigen Großen Entscheidungsshow die auf dem Silbertablett dargebotene Chance, mit der Nominierung der mittlerweile 87jährigen ersten Eurovisionssiegerin Lys Assia Grand-Prix-Geschichte zu schreiben. Und zwar brutal eindeutig: Lys kam noch nicht einmal ins Superfinale der ersten Drei, sondern landete mit mageren fünfeinhalb Prozent auf einem abgeschlagenen achten Platz! Stattdessen entschieden sich die Helvetier, wie vorhergesagt, für einen egalen Seichtrockpopsong der Tessiner Geschwisterband Sinplus. Die Schweizer sind halt so berechenbar wie eine Rechenaufgabe für Erstklässler. Und gehörten eigentlich kollektiv entmündigt – aber das geschieht ja derzeit nur mit Pleitestaaten. Also keine Chance.

httpv://youtu.be/1OJW0V0xx8I
Wird in Baku leider eine Minute länger sein: Unbreakable

Ob Ralph Siegel diesmal die Botschaft versteht? Wenn noch nicht einmal mehr das Aufbieten einer derartig historischen Figur wie Lys Assia mehr etwas nutzt, sollte er doch nun langsam begreifen, dass nach mehrheitlicher Meinung seine musikalischen Schmonzetten ihr Haltbarkeitsdatum schon lange, lange überschritten haben… Dennoch bedaure ich natürlich das heutige Ergebnis. Die allererste Eurovisionssiegerin von 1956, sechsundfünzig Jahre später als älteste Teilnehmerin aller Zeiten auf der Bühne stehend und mit brüchiger Stimme ihr Final-Curtain-Lied ‚C’était ma Vie‘ hauchend, das hätte etwas Großes, Erhabenes gehabt. Ein Eurovisionsmärchen, dass nun nicht mehr zur Aufführung kommt. Schade.

httpv://youtu.be/O_XMBMrbMCE
Leider nicht, wie versprochen, im Kleid von 1956: die Lys

Wie man es von der Schweiz kennt, gab es am Ende der Großen Entscheidungsshow, deren vierzehn Beiträge aus humanitären Gründen jeweils in einer auf zwei Minuten gekürzten Fassung zur Aufführung kamen, keine Siegerreprise. ‚Unbreakable‘, das bereits während der Show den größten Applaus erhielt, allerdings nur mit knappen 2% Punktevorsprung gewann, ist klassisch durchschnittliche Mainstreammucke und verfügte unter dem angebotenen Driss wenigstens noch über den eingängigsten Refrain. Bei schwacher Konkurrenz im Semi könnte das Gedudel sogar wieder fürs Finale reichen, um dort selbstverständlich erneut unter den letzten Fünf zu landen. Denn der Auftritt der beiden Brüder hat, anders als die Grand-Prix-Greisin, so gar nichts, an das sich der Zuschauer später bei der Abstimmung noch erinnern könnte. Aber in Sachen Lernresistenz können die Eidgenossen Ralph Siegel nun einmal die Hände reichen…

10 Gedanken zu “Why do they always get it wrong? (CH 2012)

  1. Also ich bin mit dem Ergebnis voll zufrieden. Nicht der große Wurf, aber auch nicht der totale Reinfall. Und dass es Frau A. nicht geschafft hat, war nach dem Auftritt auch klar. Auch der allergrößte Nostalgiker müsste landsam mal kapieren, dass das 21. Jh. schon elf Jahre alt ist.

  2. Ich kann weder mit dem schweizer Siegerlied was anfangen, noch mit dem Song von Miss Assia. Wie gut, dass es viele andere Länder gibt, und so bleibt die Hoffnung, dass es noch richtig geile Songs geben wird. Der Siegersong hört sich völlig beliebig an – schade – mal wieder ne Chance vertan.

  3. Wir schreiben das Jahr 2011

    Ich kann die Kritik am Zuschauervotum so gar nicht nachvollziehen! „Unbreakable“ ist Mainstream sicher, aber gerade das soll ja hoffentlich kein Argument gegen den Song sein. Bleibt die etwas fade Performance, einverstanden; an jener zu arbeiten, dafür schenkt die Zeit Sinplus jedoch noch eine ganze Reihe an Monaten. In meinen Augen ist „Unbreakable“ (vorerst) nicht der große Wurf, aber zum einen das Beste was die Schweizer VE zu bieten hatte und zum anderen immerhin Chart-kompatibel (was zugegebenermaßen umgekehrt natürlich kein Garant für Qualität ist). Und sollten die beiden Brüder vorzeitig ausscheiden, böte das wenigstens wenig Anlass zu Häme.

    Bei Lys Assia hingegen assoziere ich durchaus ein wenig das Wort „Fremdschämen“. An „C’était ma vie“ kann ich nichts Zeitgemäßes entdecken und leider auch nichts wirklich Anspruchsvolles. Durchkalkulierter Pathos (eben so wie man es von Herrn Siegel seit Mitte der 80er beinahe ununterbrochen gewohnt ist), der allein wegen Lys Assias umsichtiger Interpretation wesentlich abgemilderter daherkommt, als der Text allein vorsieht.

    Auch wenn ich vor Frau Assia, die eigentlich per se über jeden Zweifel erhaben ist, Hochachtung habe, ob der Tatsache, dass sie sich diesem Votum noch einmal gestellt hat: Wer Lys Assias nach Baku hätte entsenden wollen, sorry, der schaut den falschen Wettbewerb!

  4. Ja, hier hat man die Chance vertan, ESC-Geschichte zu schreiben und sich aus der Masse hervorzutun.
    „Unbreakable“ hat so ziemlich nichts, das die Zuschauerin oder den Zuschauer – auch bei schwacher Konkurrenz – zum Anrufen bewegen könnte. Der ausgeprägte Westakzent hilft dabei auch nicht.

  5. Westakzent? Dieses „Swiiiem ägenst se strimm, following juhr waildest drimm“ könnte auch kein Balkan-Sänger falscher singen, 😉

  6. Doch, ich denke es gibt schon Ansatzpunkte, warum Zuschauer bei der Abstimmung für Sinplus anrufen könnten: Ein extrem eingängiger Refrain, der zusammen mit der Stimme des Sängers einen starken Erinnerungseffekt hat. Zumindest bei mir bleibt das nach nur zweimaligem Hören festkleben. Ob das reicht fürs Finale und dort für eine ordentliche Platzierung, lässt sich jetzt noch nicht sagen, weil ungewiss ist, was die anderen Länder einschicken. Ausgeschlossen finde ich das allerdings keineswegs.
    Voraussetzung ist, dass am Song noch ein bisschen gefeilt wird, vor allem dar Sänger ein paar Hausaufgaben macht (Aussprache, das, was er imstande ist in den lauteren Passagen rüberzubringen auch in den etwas ruhigeren)

    Lys Assia wäre für mich allenfalls als gewisser Trashfaktor interessant gewesen. Wenn ich davon absehe, kann die gute Frau Assia gerade mal in die Waagschale legen, dass sie die erste Grand Prix-Siegerin ist, das 56 Jahre her ist, im Jahre 1956 war und sie dementsprechend fast schon ein Museumsstück ist.
    Das Lied selbst ist wenig überzeugend, weil ein nicht der französischen Sprache Mächtiger nie in Verbindung damit bringen würde, dass eine 87-Jährige da auf ihr Leben zurückblickt. So seicht, wie das Chanson daherkommt, müsste das Leben ohne größere Höhen und Tiefen gewesen sein. Kaum vorstellbar. Da hätte einfach mehr kommen müssen, um Interesse zu wecken. Die Grand Prix-Biographie von Lys Assia allein kann’s ja wohl nicht sein, auf die man sich stützen möchte (und gestützt hat!).

  7. Pingback: Eurovision Song Contest 1956aufrechtgehn.de
  8. Ist jetzt nicht der große Wurf, aber doch recht eingängig.

    Das mit dem schlechten Englisch könnte ein Trick sein, um sich beim Balkan-Publikum anzubiedern. *g*

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